Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1914)
- Date
- 1914-03-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 132 JUEDI v>bll RUNDSCHAU Nr. 13 litt Kuratorium bleibe». Man versteht ihn, wenn er sich einer politisch anders denkenden Mehrheit der Sache wegen fügt; man versteht ihn nicht mehr, wenn er das Technikum auf Bahnen unterstützt, deren Verkehrtheit und Schädlichkeit in sachlicher und pädagogischer Hinsicht er gar nicht scharf genug tadeln konnte. Da alle von Bernstein aufgenommenen Argumente Nathans ferner schon durch die vom Actions-ComittS herausgegebene Broschüre widerlegt worden sind, so bleibt das Interessanteste für uns die kurze allgemeine Auseinandersetzung mit dem Zionismus am Schlüsse seines Aufsatzes. Er sieht den Zionismus als ״Tcilcrscheimmg der großen Welle nationalistischer Reaktion an, die über die bürgerliche Welt sich ergossen hat und auch Eingang in die sozialistische Welt sucht“, beachtet aber dabei nicht, daß sic längst in die sozialistische Welt Eingang gefunden hat, daß sogar die Agitation der Sozialdemokratie unter den russischen Juden indirekt und unbeabsichtigt, aber doch tatsächlich ihre bewußte Nationalisierung durch die notwendige Verwendung des Jiddischen in Rede und Schrift sehr gefördert hat; er beachtet auch nicht, daß im Kampfe gegen den Hilfsverein in den ersten Reihen sozialistische Arbeiterorganisationen wie die Poalc Zion standen, und daß diese vom sozialdemokratischen Standpunkte aus das Wirken des liilfs- Vereins abgelehnt haben; es sind dieselben ״Eiemente“, die nach Nathans Behauptung den Unfrieden in Palästina erregen; gerade auf sie, die Eduard Bern- Steins und unsere Gesinnungsgenossen zugleich sind, hat Nathan seinen besonderen Haß geworfen und bekämpft sic mit Argumenten, die Bernstein verwerfen muß; ״sie vertreten die allerextremste» wirtsehaftlichcn Anschauungen; sic untergraben das gute Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern und schädigen damit ernstlich die wirtschaftliche Ent- Wicklung des Landes." Wie Bernstein selbst zugibt, daß der Zionismus ״auch bei uns in den Köpfen von Leuten, darunter auch Sozialisten, Eingang gefunden hat, bei denen man ihn zuletzt suchen sollte“, so wiril er hoffentlich neben der historischen Tatsache des jüdischen Nationalismus auch dessen Notwendigkeit und Besonderheit noch einmal erkennen. Spricht Eduard Bernstein von der Verzweiflung an der Ausrottung des Antisemitismus in Deutschland, die der Nährboden des Zionismus hier sei, so hat er — um sich einmal auf diesen Standpunkt zu stellen es doch beachtenswerter Weise unterlassen, eine Hoffnung auf die Vernichtung׳ der judcnfciudlichcu Bewegung auszusprechcu. Der Verfasser der Geschichte der Berliner Arheiterheweguug weiß wohl, daß das Problem tiefer sitzt, als es im Zentralvereiii angefaßt wird, und hat in seiner eigenen Jugend als ״Mühlemlammer Marxist“ die Erfahrung gemacht, daß der Antisemitismus, wenn es die geschichtlichen Verhältnisse mit sich bringen, auch in die Hütten der Arbeiter getragen werden kann. Und so dürfte auch Bernstein, der einen Teil seiner Lebensarbeit auf eine Revision der Lehren Die jüdische Kolonisation Palästinas (Von Dr. Gurt Nawratzki, Verlag Ernst Reinhardt, München.) Besprochen von Adolf Böhm, Wien. (Schluß.) Nawratzki gibt sodann eine Schilderung der Anfänge der Kolonisation, wobei /.tun erstenmal die Tätigkeit der J. C. A. in zusammenhängender Weise dargelegt wird. Ucberraschen muß, daß der Autor für diese Tätigkeit nur Lob hat. Seinem Urteil, daß die J. ('.. A. ihre Aufgabe glänzend gelüst habe, stehen die fortwährenden Klagen der Kolonisten aus der Sanierungszeit entgegen. Gewiß sind viele Beschwer• den auf Härten der Verwaltung zurückzuführen, die unvermeidlich waren, vieles ist aber auch von l-jjrh• Icutc» sehr gerügt worden. (Z. B. Soskin in ״Altneuland“ Heft 1.) Auch heute noch erscheinen manche Kolonien durchaus noch nicht saniert, was auch aus dein Jahresberichte der J. C. A. hervorgeht. Die Arbeit in den letzten Jahren ging nur sehr, sehr langsam vonstatten, cs scheint, daß tlie Beamten, die guten Willens sind, nur mit Mühe in Paris etwas durchsetzen konnten. Aber angesichts der in jüngster , 11 ,zu״T?kc getretenen größeren Pnlästinafrcudigkcit der J.C. A. und des Umstandes, daß sie in früheren Jahren unter uns fast nur heftige Kritiker fand, indes selten jemand der mühevollen und großen Arbeit, die ihre Beamten geleistet haben, lobend gedachte, ist cs mir gerecht, wenn in einer objektiven Untersuchung festgestellt wird, welch großen Anteil die J. A, daran hat, daß die Kolonien lebensfähig ge׳ worden sind. י׳ Die ausführlichen Einzeldarstellungen u,lL w? 0 "J c n ßfnppiert Nawratzki in sehr glückhauptsächlich nach ihrem Grundcharakter. f.E1nzcIheiten der Darstellung nicht eiligeu׳rd1C״ ’■ s1e ßlb! nic!lt <>ur ein geschlossenes miuluStrn niCUl liondcr״ auch tler Kolonisationsmithoden des J.C. A., sowie eine kritische Herausvon Karl Marx verwandt hat, mit uns die Hoffnung auf Beseitigung des Antkcmitismus durch tlie Sozialist!.che Gesellschaftsordnung als einen Wechsel auf lange Sicht betrachten, so nahe bevorstehend auch seine Einlösung von Bebel vor 20 Jahren verheißen wurde. Deshalb wird die Kritik von Grund aus, die nach Bernsteins Wunsch die Sozialdemokratie am Zionismiis einmal vornehmen soll, neben vielem anderen auch an den Lehren aus der Geschichte und dem Wesen des Antizionismus für das Judentum nicht vorübergehen dürfen. Auf dein in diesem Sommer statt findenden Delcgicrtentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland wird eine ganze Reihe der wichtigsten Fragen zur Diskussion gelangen. Es ist daher selbstverständlich, daß jeder Zionist an den vorhergehenden Aussprachen in der ״Jüdischcn Rundschau‘, an den Berichten und an der nachträglichen Erörterung der Ergebnisse das größte Interesse haben muß. Da mit der folgenden Nummer ein neues Quartal beginnt, erwarten wir, daß nicht nur jeder Zionist, der die ״Rundschau“ noch nicht lesen sollte, sofort sein Abonnement bestellt, sondern daß auch jeder unserer Freunde sich eifrig bemüht, uns neue Abonnenten zuzuführen. Die Förderung der ״Jüdischen Rundschau“ ist ein wichtiger Zweig der zionistischen Arbeit in Deutschland. Besonders ausführlich spricht sich W. Fred aus: ״Die ״Erklärung“ ist im Inseratenteil der großen deutschen Blätter erschienen. Das bedeutet zumin. dest eines; Die Unterzeichner, sonst gewohnt, daß einer aus ihren Kreisen kommenden Meinungsaußcning über eine öffentliche Angelegenheit Raum und Wirkungsmöglichkcit im redaktionellen Teil gegeben wird, haben in diesem Fall selbst gewußt und zum Ausdnick gebracht, daß ihre Mitteilung aut jene Seiten gehöre, wo jeder, lassen tlarf, was er will, antwortuug und mit dem schritt, seine Firma usw, ohne jene Stoßkraft, die Enquete über die ״Erklärung“ Unser Münchener Bruderblatt, das ״Jüdische E c h o“, hat einige hervorragende Männer und Frauen um den Eindruck befragt, den die berühmte ״Erkliirimg“ auf sie gemacht hat. Wir zitieren einige der bemerkenswertesten Acußcrungcn: Ricarda Hu eh schreibt: ״Ich halte den Zionismus für eine der großartigsteil Bewegungen unserer Zeit, Kaum ein geschiehtliebes Ereignis würde so überwältigend für die Macht des Blutes und des Gedankens zeugen, wie tlie Grünilimg eines Gemeinwesens von Juden aut ihren altheimiselien, ilmeu heiligen Stätten, und es ist auzuuehineu, daß alle Nationen, die sieh nur allzu gern heipicmcr Verachtung hingaheu, solange sie die Juden als Eindringlinge betrachteten, bereit sein werden, das wiedergehorene, selbständige Volk zu bewundern, dem alle europäischen Kulturen so viel verdanken. Nur aus den Reihen der besitzenden oder in politischer Sicherheit lebenden Juden war von vornherein Widerspruch zu erwarten, die, um mellt selbstsüchtig und kleinlich zu erscheinen, weil sie einen großgedaclilen Plan bekämpfen, denselben lächerlich und verhallt zu lunchen suchen.“ aihcitmig der Gesichtspunkte, die für eine weitere ' lehmig der Ansicdlung von Wichtigkeit sind. Immer wieder weist Nawratzki darauf hin, daß infolge des relativ liolien (iemeindehudgels, das verursacht ist durch die großen kulturellen Ansprüche der Juden, die Kolouien nicht zu klein angelegt werden dürfen, ferner empfiehlt er immer wieder die gemischte Wirtschaft, die allein in Palästina rentabel sein kann. Wenn auch Pflanzungen hohe Erträge haben, so müssen dafür, wo sie einseitig betrieben werden, Produkte der Acker- und Viehwirtschaft teuer von den Arabern be* zogen werden. Die Vieliversiehcrimg ist leider noch immer wenig ausgedehnt, obzwar der Tierstand durchaus nicht klein ist, wie gewöhnlich angenommen wird, und die Seuchen oft sehr verheerend wirken. ■So sind zum Beispiel in Pcthach-Thikxvah in drei Jahren allein B)7 Ochsen hei einem Bestand von 610 den Seuchen zum Opfer gefallen. Größere Kolonien künneu leichter die Kontumaz gegen arabisches Vieh durchführen als kleine, Die Zahl tler arabischen Arbeiter wird leider mir im Ganzen, nicht bei jeder Kolonie einzeln angegeben. Es folgt ein Kapitel ״Kreditwesen", worin die Tätigkeit der A. P, C, Würdiguug findet. Daß ein so gründlicher Forscher, wie Nawratzki, in bezug auf den J, C, T. sieh damit begniigl, die stets von der Leitung gegebenen stcreotypen Entschuldigungen für die unbefriedigenden Resultate dieses Instituts einfach zu übernehmen, muß verwundern, um so mehr gerade im letzten Jahr von verschiedenen Seiten sehr eingehende Analysen der ünnknolitik veröffentlicht worden sind. Anläßlich der Besprechung der Volksdomiin e n findet sich auf Seite 241 eine nicht recht verstündliche Bemerkung, daß man die Mittel für die Oelhaumpflanzung auf vorläufig 600 000 Mark erhöhen will. Die Raumspende wird ja nie abgeschafft werden und wieviel mau in Hulda-Ben Schämen maximal investieren wird, kann man im Vorhinein nicht fcststellcn. Bei Untersuchung der Ernteergebnisse zeigt Nawratzki. wie richtig es ist. daß Kolonisten angcsicdclt werden, die schon landwirtschaftliche Vor• kcnntnissc besitzen. Im allgemeinen läßt nach Nawratzki die Technik der Feldwirtschaft fast überall noch sehr viel zu wünschen übrig, die Düngung ist wenig befriedigend, was natürlich im Zusammender dafür zahlt, drucken unter seiner eigenen Ver- Gewicht, den seine Unterbeim Publikum hat, aber ihr durch die Aufnahme :11 den redaktionellen Teil Zuwachsen würde. Nun, die Erklärung ist unterschrieben von vielen Männern, deren Wort — jedes in seinem Kreise! - sicherlich Geltung verlangt und erhält. In wessen Auftrag oder sogar Namen sie handeln, ist nicht gesagt, und das soll wohl glauben lassen: ״Wir repräsentieren auch ohne deutliches Mandat das deutsche ludentum, die in. Deutschland lebenden und schaffenden Juden! Wir auf der einen Seite. Auf der andern Ihr — die Zionisten. Und nun zerschneiden w i r das Tischtuch.“ Ich gestehe Ihnen, daß dieser Anspruch dieser Gruppe, der ja nicht zum erstenmal, aber vielleicht zum erstenmal so deutlich, erhoben wird, meine Gedanken und Gefühle im höchsten Maße erregt. Ob damit den deutschen Staatsbürgern jüdischer Konfession Liebes getan wird oder den Zionisten — mir gilt cs gleich; aber froh benütze ich die Gelegenheit, um Einspruch zu erheben gegen die Behauptung, daß, wer nicht Zionist ist, wohl aber bewußter Jude, diese sonst sicherlich höchst ehrenwerten Herren als seine berufenen Wortführer anerkennt. Ich glaube, daß es nicht wenige sind, die mit mir eine Klärung in dieser Hinsicht wünschen, t s ist nicht wahr, daß der Jude, der nicht Zionist ist, das Weltgefühl, das Lebensgefühl, das jüdische Gefühl dieser Männer teilen muß und teilt, mir weil er sich vom Zionismus, mehr oder weniger schart dies pointierend, fernhält. Diese Erklärung selbst erweist cs, durch ihre Existenz an sich, durch ihre Erscheinungsform, durch bestimmte Sätze, die sie enthalt. Ob Zionist oder nicht, — jeder Jude, der dies wirklich ist, nicht nur nebenbei und ächzend und assimilationslustig, muß aus seinem Rassenbewußtsein heraus, aus seinen tiefsten Trieben heraus es ablehnen, eine Frage des Judentums, einen internen Kampf zweier jüdischer Parteien — nicht der zwei jüdischen Parteien •- aiis/iifcditen vor dem cliristliehen Publikum, das die Leser jener Zeitungen bilden, in deren Inseratenteil man diese Erklärung gesetzt hat. Das ist nicht eine gleichgültige Acnßcrlichkcit. Ich scheue mich nicht aiisziispreelu״׳, daß ein Jude, der mit seinen tiefsten Trieben Jude ist, das Verlangen nach dieser Publizität als eine Schamlosigkeit empfinden muß. Die Frage, ob im Technikum in Palästina hebräisch oder deutsch unterrichtet werden soll, die kann man natürlich auch vor christlichen Lesern erörtern. Vor Christen aber sich zu beklagen über einen Kampf innerhalb des Judentums , das ist ein mir unbegreifliches, aber mich schmerzendes Vorgehen, selbst wenn die I orrncii dieses Kampfes auf der einen oder andern Seite oder auf beiden Seiten häßlich waren. Ich gehöre sonst wahrhaftig nicht hang mit der unrationell betriebenen Viehzucht stellt. * Für diese ist mangelnde Vertrautheit der Kolonisten und namentlich ihrer Frauen damit, ferner die selnvierige Fiitterbeschaffuiig verantwortlich zu machen. Der Bedeutung des Problems entsprechend, wird die L a n d a r b e i t e r f r a g e in großer Ausführlichkeif und Gründlichkeit erörtert. Nawratzki schildert, was sehr wenig bekannt ist, daß im Anfang der Kolonisationsbewegimg in Palästina zahlreiche jüdische Landarbeiter beschäftigt waren, die ״ausseftließlich ans ökonomischen Gründen“ durch die Araber verdrängt wurden. Es wird sodann die Seßhaftmachung der Jemeniten, sowie der osteuropäischen Landarbeiter besprochen. Älit besonderer Liebe schildert Nawratzki die Arbeiterkolonie Aid Ganiut (Fetische) bei Pctliach Thikwah. Nur diese allein sei das Muster einer riehtigen I läuslerkolonisation. Man siedelte keine ganzlieh unbemittelten Arbeiter an, verzichtete aber auch darauf, die Ansiedler schnell wohlhabend machen zu wollen, und wegen tler Nähe von Pctliach Thikwah sparten tlie I läusler am Gemeiudehudget und hatten immer Arbeitsgelegenheit. In Bir Jakob war es dagegen verfehlt, Leute mit gänzlich ungenügendem Kapital zu Pflanztingsbesil/crn machen zu wollen, in Kafr Sahn könne es zu einer gesunden Entwicklung erst dann kommen, wenn diese Ansicdlung zu einer richtigen Pflaiizungskolonie ausgebaut werdet! würde. Nawratzki verschließt sich aber auch in bezug auf Ain Ganim nicht der Einsicht, daß hier, wie überall, der Grundfehler begangen wurde, den Boden in Privatbesitz zu geben, wodurch früher oder später die Arbeiteransfedler einfach die Wertsteigerung des Bodens durch Verkauf zu realisieren geneigt sein werden. Ucbcr den möglichen wirtschaftlichen Aufstieg der Landarbeiter pflichtet Nawratzki den Ansichten Ruppins bei. Doch nimmt er ziemlich energisch gegen die ״Gewinnbeteiligung“ der Arbeiter Stellung, weil eine Berechnung von Reingewinn auf Ländereien, die, wie die palästinensischen, erst jahrelang melioriert werden müssen, einfach gar nicht gemacht werden kann. Aber selbst auf schon lange okkupierten Terrains müßten nach Ansicht Nawratzkis bei der S i e d I u n ״ s g c n o s s c n 8 <; h a f t zu große Anforderungen nn den Idealismus der Genossen gestellt werden, als daß ihm eine allgemeine Anwen* i