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Jüdische Rundschau · 1914-03-27 · Heft 13 (27.3.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 13 (27.3.1914)
Date
1914-03-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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PoaUcheckkonto! Berlin Nr. 17392. Nummer 13 Berlin, den 27. März 1914 — 29. Adar 5674 XIX. Jahrgang. Schekel Wieder ziehen die Schekeltagc in ״das Haus Israel“ ein und der Jahrcsruf zur Entrichtung dieser nationalen Kopfsteuer kündet allen Gliedern unserer Organisation, daß wir in lebendiger Erinnerung jener grundlegenden Einrichtung eingedenk sind, die vom ersten Zionistenkongreß geschaffen worden ist. Siebzehn Jahre sind verflössen, seitdem die erste zionistische Tagung das nationale Band neu geknüpft, den liistorischen Volkswillen kundgegeben, das Programm' festgelcgt und das altehrwürdige Institut des Schekel als Bindemittel, Symbol und Einnahmequelle zugleich für die zionistische Organisation neu ins Leben gerufen hat. IJnd .welch eine Fülle gewaltiger Bemühungen und Leistungen schloß sich an jene erste Tagung! Ein Häuflein Auserlesener hatte unser großer Führer um sich geschart, aber vom Opfermute einer flammenden Liebe zu ihrem Volke und zum Lande ihrer Sehnsucht getragen, trat dieses verhältnismäßig winzige Häuflein einer hundertfach überlegenen Opposition entgegen. Ein großer Weg tat sich vor ihren Blicken auf, ein Weg voll Hindernisse und Widerstände, ein Weg. auf dem cs zu lernen und zu schaffen, aber auch zu kämpfen und zu streiten gab. Der erste organisatorische Schritt auf diesem Wege War der Schekel. Wie ein erhabenes Vermächtnis der ersten Gründer unserer Organisation leuchtet diese Einrichtung in unsere Gegenwart hinein. Der Schekel war das granitne Fundament, auf dem der ganze Bau des organisierten Zionismus ruht, und ist auch jetzt der unverrückbare Pol, der Angelpunkt unserer Bewegung. Je vielseitiger unsere Tätigkeit wird, desto kräftiger muß sich in uns die Ueberzcugung gestalten, daß wir neben geistiger Vertiefung und Verinnerlichung auch das organisatorische Gedeihen mit unermüdlichcr Energie fördern müssen. Je mannigfaltiger die Sammlungen ,für die Erfüllung der jeweiligen Aufgaben werden, desto dringender erscheint die Notwendigkeit der Zusammenfassung der verschiedenen Einzclbcmühungen und speziellen Aktionen in einem Mittelpunkt. Wir brauchen den Schekel nicht nur um des Schekels .willen; wir brauchen ihn, weil er o r g a n i s i e rten Zionismus bedeutet. Alles andere bedeutet Zustimmung und Sympathie für die eine oder die andere Arbeit, die wir leisten. Wohl sind uns diese Beweise des Wohlwollens sehr schätzbar, aber noch sind sic nicht das Bekenntnis zum Zionismus. Der Schekel allein ist dazu bestimmt, den ganzen Zionismus zu bckünden. Deshalb bedeutet ein Zuwachs an Sehekein nicht nur eine Erhöhung der Eingänge, sondern eine Ausdehnung der Organisation. Unsere Organisation ist von einer großen Peripherie umgeben, ln diesem Umkreise sclnveben all die guten Geister der Freunde und Gönner unserer Einzelwerke, hier schlagen die nationalen Pulse, hier entwickeln sich die günstigen Stimmungen. All dies muß in organisierten Zionismus umgesetzt werden. Und das muß durch den Schekel sozusagen zum statistischen Ausdruck gelangen. Die Propaganda mag sich, je nach den Anforderungen der Zeit, dem einen oder dem anderen Teile unserer großen Aufgabe _ » ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer offentlieh-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. in erhöhtem Maße zuwenden: eins bleibt stets unverrückbar — die Propaganda für den Schekel. Wir haben im Laufe der letzten Jahre erfreuliche Fortschritte zu verzeichnen, aber auch der Antizionismus hat wieder sein Haupt erhohen. Die zionistische Idee und die nationaljüdischen Bestrebungen sind, meist von Mannein, die den wahren Geist des Zionismus überhaupt nicht kennen, derart verunglimpft worden, daß es allen wirklich jüdisch Empfindenden jetzt mehr denn je als heilige Pflicht erscheinen muß, das Ucbcl, das Unwissenheit und Mißgunst 11ervorgerufen haben, zu beseitigen. Dies wird am besten, erreicht, wenn der Zionismus Ziffernmäßig beweist, daß er seine kerngesunde Lebensfäliigkeit bewahrt hat und in immer weitere Kreise dringt. Keine Apologie ist wirksamer, kein Argument überzeugender, als das Wachsen des Schekels. Eigentlich müßten alle Juden Zionisten sein und den Schekel entrichten und doch sind wir bisher nur ein Bruchteil des jüdischen Volkes. Warum sind noch nicht alle Juden Zionisten, warum predigen wir oftmals tauben Ohren? Manchem Ungeduldigen erscheint es zuweilen als ein aussichtsloses Unternehmen, die öffentliehe Meinung umstimmen zu wollen.. Die öffentliehe Meinung ist wankelmütig, ist kopflos; muß nicht die Kunst der Ueberzcugung ihr gegenüber ewig ohnmächtig bleiben? Und doch, und doch, so träge und gedankenlos sic im Alltäglichgewordenen beharrt, manchmal wird sie doch zur höchsten, letzten Instanz, zur wahrhaft großen Richtcrin; dann hebt sic ein gewaltiger Elan hoch über den Werkeltag. So bleibt denn das Beste, woran die Besten mitzuwirken vermögen, die Mitbestimmung der öffentlichen Meinung, auf deren Grundlage einmal wieder jener Aufschwung möglich wird, der sie in großer Stunde zur berufenen Richterin über die Volksangclegcnhcitcn macht. Einen solchen Moment haben wir ja in unseren Bemühungen für die Erlialtung unserer nationalen Sprache in Palästina erlebt. Diesen Moment müssen wir — nicht gegen diese oder jene Richtung, sondern f ü r unsere eigene Richtung festhnltcn. Wir müssen immer größere Kreise zionistisch organisieren und den Schekel zu dem machen, was er in Alt-Israel war: zu einer Volks- Steuer. Wie soll man dieses Ziel erreichen? Durch ״stilles“ Arbeiten ganz gewiß nicht. Damit macht man keine öffentliche Meinung. Die Redenden nur hört sic, die Rufenden. Möge man überall Schekeltage veranstalten, überall Bekenner werben. Alles mündet in die eine Lehre: wir werden allen Gegnern beikommen, alle Hindernisse siegreich überwinden, wenn wir treu, unverdrossen und opferbereit zu unserem Ideal stehen. Es gibt noch Hunderttausende, die die Schekelsteuer leisten werden, wenn wir wollen, ernstlich wollen. N. S. Eduard Bernstein über den Zionismus Von Dr. E. Hamburgcr. Das ״Berliner Tageblatt“ hat sich veranlaßt gesehen, gegen den nationallibcralcn Reichstagsabgeordneten Dr. Hugo Böttger die Klage anzustrengen, weil er von dem Einfluß gesprochen haben soll, den das ״Tageblatt“ und damit ein Haufa galizischer Juden — dies war der Sinn — auf die fortschrittliche!Volkspartei ausübt. Wir Juden, did wir uns im Verlaufe der politischen Parteifchden allmählich schon daran gewöhnt haben, als Agitation»- objekt benutzt zu werden, würden über die ebensowenig verständige wie originelle Behauptung des Herrn Böttger stillschweigend mit der gebührenden Verachtung hinweggehen, wenn nicht die Parteirichtung des jüngsten Antisemiten unser Interesse erweckte. Der Zionismus hat sich nie einer Täuschling darüber liingcgcben, daß der Antisemitismus nicht auf die rechtsstehenden Parteien beschränkt geblieben ist, sondern auch bei den ״Liberalen“ eine beachtenswerte Anhängerschaft gefunden hat. Der Zionismus hat mit dem geschärften historischen Blick, den die Verfolgung eines bestimmten Zieles verleiht, mit Recht dem Liberalismus dieselbe Entwicklung prophezeit, die die konservativen Parteien vor 35 Jahren durchgemaclit haben; auch damals ging der offiziellen Anerkennung und Pflege des Antisemrtismus eine jahrelange Wühlarbeit voraus, wie wir sie heutzutage in der Schwerindustrie und im Bankwesen gegen die Juden beobachten. Solche Reden, wie die des Abgeordneten Böttger, sind sozusagen nur die Posaunenstöße, die das fast unmerklich leise, aber unaufhörliche und sichere Vcrnichtungswcrk begleiten, das die soziale, wirtschaftliche und staatsbürgerliche Stellung des Juden untergräbt. Der jüdischc Wähler der fortschrittlichen Volkspartei aber freut sich, daß der Antisemitismus erst bei de« Rcchtsnationallibcralen angclangt ist und fühlt nicht die Anzeichen, die auch den Parteiboden, auf den! e r steht, zum Wanken bringen; er will die Flut nicht sehen, die auch über ihn hinwegzugehen droht, wie sic sich heute schon über das Land von Laskers Erben ergossen hat. Auf den stillen Antisemitismus, der viel gefährlieber und erfolgreicher operiert, als der allerdings auch noch ganz lebenskräftige Radau-Antiseinitismus, bat der Zionismus oft hingewiesen. Er darf es sich als Verdienst anreclinen, daß auch außerhalb unseres Kreises die Verstärkung der judenfeindlicheii Beweguug immer deutlicher erkannt wird, wenn man von den auf ihre Dogmen cingeschworcncn Führern der deutschen Assimilanten und der fortschrittlichen Volksparlei absiebt. So hat z. B. Eduard Bernstein in einem Aufsatze in der sozialdemokratischen Wochen- Schrift ״Die neue Zeit“ über den Schulstreit in Palästina diese Entwicklungstendenz ohne weiteres zugegeben. Wir haben hier keine Veranlassung, auf den eigentlichen Inhalt des Artikels selbst cinzugehen. Er dient im wesentlichen einer Information der Leser über den Kampf zwischen Hilfsverein und Zionismus lind ist mit der Klugheit und Vornehmheit geschrieben, die diesen Politiker auszeichnct. Auch das ist hier für uns unwichtig, daß sich Bernstein durchaus auf die Seite Dr. Nathans stellt. Denn die Gründe, die Nathan zu seiner Stellungnähme veranlaßt haben und die zum Teil von Bern!■ stein aufgenommen werden, sind durch die wettere Entwicklung der Dinge selbst widerlegt worden. Weder hatte die Mehrheit des Kuratoriums des Technikums aus pädagogischen Gründe« gegen das Hebräische gestimmt, sondern um des lieben Friedens willen, wie aus dem Schreiben der russischen Kuratoren vom 21. Dezember hervorgeht; noch hat es Herr Dr. Nathan aus pädagoglsehen Gründen getan. Denn war er wirklich der Ansicht, daß reine Fragen der Zweckmäßigkeit die Erfüllung der zionistischen Forderungen verböten, so dürfte er jetzt, wo die Zionisten mit ihren Wünschen durchgedrungen sind, keine Minute länger

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