Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1914)
- Date
- 1914-03-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 י JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 123 Als uns von zuverlässigster Seite berichtet wurde einzelne der Unterzeichner hätten sich geäußert, da» sic ihre Unterschriften ohne ausreichende Kenntnis der ״Erklärung“ gegeben hätten, glaubten wir dies gern. Denn wir sind noch immer geneigt, anz.unehmen, da», wer sich der Tragweite jener ״Erklärung״ bewußt war und jüdisches Gefühl hatte, seine Unterschritt lieber verweigert haben würde. Wir haben den Inhalt unserer Informationen veröffentlicht, obzwar wir selbst es nicht für ausgeschlossen hielten, da« die betreffenden Herren Aculkruitgen dementieren könnten, die sie getan, ohne daran zu denken, daß sie vielleicht veröffentlicht werden würden. Wirklich haben wir von dreien der fünf angeführten Unter- Zeichner derartige Berichtigungen erhalten. Die Herren Professor Lassar-Cohn und Professor Falkcnheini bestreiten unsere Angaben. Herr Dr, Katzenstein bestätigt sie geradezu, indem er sie zu dementieren vermeint. Herr R.-A. Saul, gibt er an, sei im Sitzungssaal des Amtsgerichtes an den gerade verhandelnden Dr. Katzenstein herangetreten mit der Frage, ob er einen gegen die Zionisten gerichteten zur Veröffentlichung in der Tagespresse bestimmten Aufruf unterschreiben würde. Nachd« in Dr. Katzenstein unterzeichnet hatte, ging er mit R.-A. Saul hinaus, las den Aufruf und billigte ihn. Wir hatten gewiß nicht bestreiten wollen, daß Dr. Katzenstein Antizionist ist; aber daß die Sammlung der Unterschriften in einer überaus einfachen Weise geschah, wollten wir feststellen; und das steht ja wohl jetzt fest. Von einem Manne, der dem zionistischen ״Fanatismus“ gewiß sehr fernsteht, ist jene ״Erklärung“ als Verrat am Judentume bezeichnet worden. Wer darauf Wert legt, daß er die ״Erklärung“ nach genaucr Kenntnisnahme, im Bewußtsein ihrer Tragweite und mit voller Absicht unterschrieb, dem lassen wir diesen Ruhm. Philosophie und Politik Hermann Cohen und der Zionismus. Herr Gcheimrat Hermann Cohen hat auf den offenen Brief, den Herr Justizrat Dr. Frankel an ihn gerichtet hat, geantwortet. Er sagt, daß er ein Buch schreiben müßte, wenn er seine Ansicht über den Zionismus hinlänglich begründen wollte. Wenn mir jemand vor vier Wochen berichtet hätte, Herr Geheimrat Cohen beabsichtige, ein Buch gegen den Zionismus zu schreiben, so würde ich das mit Freuden begrüßt haben. Der Zionismus leidet vielleicht daran, daß ihm keine großen, objektiven Gegner im suchliehen Kampfe gegenübertreten. In den jetzigen Zeitläuften, in denen anonyme, zusammcngcklaubtc, antizionistische Schriften in Hunderttausenden von Exem« plarcn in das jüdische Haus geworfen werden, sieht der Zionist mit unangenehmen Empfindungen sich gezwungen, auf so minderwertige Angriffe zu rcagiercn. Das Kämpfen mit Gegnern von der Qualität der Autoren der antizionistischen Broschüren macht mutlos. Man selmt sich danach, einem Gegner gegenüberzustehen, der offen zu kämpfen weiß und mit großen Gesichtspunkten in den Kampf geht. Nachdem Hermann Cohen die bekannte ״Erkiärung“ in der Tagespressc unterzeichnet hatte, mußte mau freilich ins Zweifeln kommen, ob er der IX*r zweite Teil des Werkes schildert die Landes- Verhältnisse Palästinas nach allen Richtungen. Besonders die Zusammenstellung der türkischen Bodenrechts- und Stcucrvcrhältnissc, die mit großer Genauigkeit wiedergegeben sind, wird allen, die sich mit Palästina beschäftigen, sehr willkommen sein. Von Interesse ist, was Nawratzky über die Missionsschulen für die einheimische Bevölkerung sagt. Diese Schulen mit verschiedenen Unterrichtssprachen, die Heimatkunde und Muttersprache (Arabisch) zurückdrängen, müssen ״ein geistiges Zwittcrgcschlccht“ hervorbringen. Also die Araber werden durch die europäischen Schulen genau so verbildet, wie dies bei den Juden Palästinas der Fall ist! Welch enormen Wert haben deshalb die hebräischen Schulen schon aus lokalem Interesse! Sie bilden ein geistig imgebrochenes, wurzelfcstes Geschlecht heran, das für die Entwicklung Palästinas gewiß Hervorragendes leisten wird. Zum Schlüsse streift der Autor die Frage der Reformen in der Türkei und sicht das Heil in Gewährung einer beschränkten Autonomie an die Provinzen. Natürlich sei eine umfassende Agrarreform nötig. Der dritte Teil gibt eine Geschichte der jüdisehen Kolonisation. In diesem Teil ist alles zusammengefaßt und dargestelit, was bisher auf dem Gebiete der Kolonisation geleistet wurde, die Resultate werden eingehend besprochen, die Probleme erörtert und Vorschläge erstattet. Dieser Teil ist daher für unsere. Arbeit der wichtigstc und interessanteste. Nicht oft genug kann den! Autor dafür Dank gesagt werden, daß er alles einobjektive weitsichtige Gegner ist, mit dem in den Kampf zu treten uns Freude machen kann. Wir Zionisten haben genug politischen Instinkt, um aus einer lat, wie die Unterzeichnung der antizionistisehen Erklärung, die richtigen Schlüsse auf den Unter•! Zeichner zu ziehen. Die großen Leistungen Hermann Cohens auf einem großen Spezialgebiete der allgcmeinen Gcistcswisscnschaften konnten uns nicht veranlassen, in ihm eine aus der Menge der Unter* Zeichner hervorstcltcndc Persönlichkeit zu selten; denn an Männern, die in ihrem Fache Bedeutendes geleistet haben, fehlt es in dieser Liste sicherlich nicht. Die Antwort, die Gcheimrat Cohen nun auf den Brief des Herrn Dr. Frankel gegeben hat, bringl traurige Gewißheit. Cohen sagt, er antworte kurz, auch auf die Gefahr weiterer Mißverständnisse. Ich habe die Ant* wort des Herrn Geheimrates wiederholt durchgclcscn; sie spricht eine so deutliche Sprache, daß ich nidit weiß, was daran mißzuvcrstchcn ist. Hermann Cohen sieht auf der einen Seite weiß, auf der anderen schwarz. Die Antizionisten werden umkleidet mit einer leuchtenden Glorie, uns Zionisten läßt er hinabstürzen in den Abgrund furchtbarer Abscheulichkeit. Hermann Cohen erklärt: Die Männer, die die antizionistischc Erklärung unterzeichnet haben, sind die Männer unserer modernen jüdischen Religiosität, die ein Kultus von wahrhafter Frömmigkeit ist. Die Männer, die die Erklärung unterzeichnet haben, üben ihre Treue zu unserem Rdigionslcbcn mit erstaunlieber Aufopferung. Der Zionismus dagegen beschimpfe und verdächtige Tag um Tag die Männer, die in Geschäften der Gemeinde mit treuer Hingebung arbeiten. Von Anfang an habe der Zionis- 11111s die Juden vor der deutschen und europäischen Welt als Heuchler gebrandmarkt. Der Zionismus übe Verrat; die Zionisten seien verwirrte, Söhne ihres Stammes; der Zionismus sei eine jüdische Entartung, für die der messianischc Jude nur Abscheu und Verachtung haben könne. Hermann Cohen behauptet, es sei ein Bekenntnis des Zionismus, daß natio- 11 a 1 e Politik die moderne Religion sei. Die Verhimmelten haben keinen Anlaß, sich die Idealisierung nicht gefallen zu lassen, wenn auch hie und 11a ein Einsichtiger von ihnen sich durch die Darstellung Cohens beschämt fühlen wird. Wir Beschimpften haben aber auch keinen Anlaß, die Bescliimpfting wichtig zu nehmen. Die ganze Ange- Icgenhcit könnten wir einfach übergehen, wenn hier nicht eine Gelegenheit wäre, auf einen Tatbestand hiiiziiw'cisen, der sich bei den Assimilations-Juden immer wieder zeigt. Dieses Hinweises wegen ist dieser Aufsatz geschrieben. Man kann Cohen nicht identifizieren mit irgendeinem Durchschnittsjuden; ebensowenig wird man sein völkisches und religiöses Weltbild identifizieren können mit dem völkischen und religiösen Weltbilde der allgemeinen liberalen Judenmasse. Studiert man aber die Werke Hermann Cohens, wie ich cs seit langen Jahren tue, daraufhin, wie Hermann Coheit sich verhält zu den Problemen; Judentum und Deutschtum, Volkstum und Religion, so wird man finden, daß man Hermann Cohen in gewissem Sinne als einen ״representative man“ der heute lebenden liberalen jüdischen Generation ansehen kann. Man gibt da dem Begriffe Volkstum einen neuen; den Tatbestand verschiebenden Sinn (s. Anm. 1). schlägige Material erstmalig zusammengcstcllt, geprüft und bearbeitet hat. Erst nach Lektüre dieses Teils wird dem europäischen Zionisten klar werden, wieviel oder wie wenig bisher geleistet wurde und wo bei der weiteren Arbeit die Flebel anzusetzen sind. Dieser Teil des Werkes beginnt mit einer Aufzähluiig der Organisationen, die in Palästina arbeiten. Obzwar sich der Autor von vornherein auf die rein wirtschaftliche Seite der Kolonisation beschränken will, berührt es doch eigenartig, wenn er an dieser Stelle von Hcrzl nur sagt, er habe die Kolonisationsbcstrebungen organisiert und das Interesse der westliehen Juden darauf gelenkt. Schließlich sind cs vor allem psychische Antriebe, die Herzl ausgclöst hat und diese sind noch heute die stärksten Kräfte, über welche das zionistische Kolonisationswerk verfügt. Es ist durchaus nicht richtig, psychische Antriebe aus einer ökonomischen Betrachtungsweise auszuseheiden. Es sei nicht nur auf die neuere Forschungsrichtung von Weber, Sombart u. a. hingewiesen, sondern auch darauf, daß es noch heute völlig unmöglich ist, ohne einen besonders starken psychischen Antrieb den Schwierigkeiten der Palästina- Siedlung zu begegnen. Ohne den nationalen Opfermut des jüdischen Arbeiters und Wächters z. B. ist heute noch keine solche Kolonisation in Palästina möglich, die, wie ja der Autor es für nötig hält, nicht nur Kolonisation, sondern auch eine Konzentration der Juden zur Folge hätte. Die ethischen Werte und nationalpolitischen Bestrebungen, die der Zionismus auslöst, sind die mächtigsten Hebel für Man erreicht dadurch, daß der Jude sich restlos in fremdes Volkstum einschiebcn kann. Man übernimmt weiter die Mission, für das Kosmopolitcntur» zu arbeiten (s. Anm. 2). Man lobt die Zeiten, in denen die europäischen Völker (besonders das dcutsclir Volk) aus einem Ucbcrfluß an Eigenem dazu gekommen waren, das Eigene zu mißachten und das Fremde, Wettbürgcrliclic zu überschätzen (1830—1870) (s. Anm. 3). Man predigt Weltzcrfahrenhcit in einer Zeit, in der jedem Menschen und jeder Menschengemchischaft ein Besinnen und ein Bescheiden auf sich bitter not tut. Man tadelt die Entwicklung der letzten, zwanzig Jahre, die aus der Erkenntnis stammt, daß ein Zurückkehren zum angestammten Eigenen, ein bewtißtcs Erziehen des Eigenen erst den Boden für Kulturleistungcn wieder schafft. Man tadelt die gegen- Wärtigc deutsche Geistesrichtung und glaubt sich dabei im Amte einer göttlichen Mission (s. Anm. 4). In Wirklichkeit aber erreicht man, daß man sich durch belehrende und tadelnde Verweise, die man auszuteilen beliebt, den anderen gegenüber mißliebig macht (hier ist besonders an das für uns bcwußte Juden traurige Kapitel — Opposition und Nörgelei deutscher Juden gegen deutsche Institutionen und Zustände in der Tagespresse — zu denken), und! man fügt dadurch der gesamten Judcnheit eine» nicht abzuschätzenden Schaden zu. Man ruft z. B. eine Erbitterung des deutschen Volkes gegen die Juden hervor; den Juden wird dann der Vorwurf gemacht, daß sic Allcrweltsideale predigen und nationalc Wertungen verneinen, weil das ihren Interessen, oder milder gesagt, ihren verblaßten Volksempfindüngen entspricht. Soll aber der ״fortschrittliche“, liberale Jude einmal in seiner eigenen Gemeinschaft zeigen, daß die Toleranz, die Liberalität, der Idealismus, die Weitzügigkeit, die er nach außen hin predigt, im eigen«» Hause da ist und wirkt, dann zeigt cs sich, daß man weit davon entfernt ist, auch nur die normale Portio» von Duldsamkeit, von aktiver Verständigkeit zu besitzen, die dazu gehört, um tätig und ersprießlich zu wirken — auch im Kampfe mit Gegnern. (Siehe das Verhalten des liberalen geistigen Führers Dr. Paul Nathan in dem palästinensischen Schulstreite und jetzt das Verhalten Hermann Cohens dem Zionismus gegenüber.) Ich kann mir nicht versagen, hier Hermann Cohen und den liberalen Juden ein Wort des deutsche» Philosophen Johann Göttlich Fichte gegenüberzusteilen, der für sein Volk Prophet und Führer zum Ideal geworden ist, weil er die Forderungen seines Ideales anzuwenden wußte, auf die nächsten Dinge des Alltags und der Tagesfragen: ״Von Humanität ist des Geredes nirgends mehr, als da, wo man nicht gerecht sein mag." Zwickau. Sachsen. S. Schocken jr. Anmerkungen Vergleiche Hermann Cohen, Einleitung zum 11. Bande der Geschichte des Materialismus voa Friedrich Albert Lange, VI. Auflage, Seite LXXll und folgende: Anm. 1. ״Der Begriff des Volkes ist der wandelbarste; er ist am unmittelbarsten von der sittlichen Entwicklung abhängig.“ ״Die Nation beruht auf der nationalen Bildung und Erziehung. Und eine Nation, die für Reich und Arm verschiedene Schulen hat und nur durch Ausnahmen die Regel bestätigen läßt, ff.-"■'" ■יי... ....■.י".. .... ״die jüdische Kolonisation Palästinas“, von der Nawratzkys Buch handelt. Seine Zurückhaltung ist aber um so verständlicher, als er selbst Zionist ist, und sonst Gefahr gelaufen wäre, daß man sein Buch als eine Parteischrift angesehen hätte, wodurch das Vertrauen in ein objektives Urteil getrübt worde» wäre. Daß er aber jene Faktoren durchaus richtig einschätzt, deutet er in einem späteren kurzen Kapitel ״Der jüdische Nationalismus“ im Zusammenhang mit dem Kulturproblem an. Er sagt dort, daß der jüdische Nationalismus ein entscheidender Faktor auch der jüdischen Wirtschaftspolitik geworden ist und ihm Erfolge der Kolonisation zu danken sind, die selbst große Staaten vermissen lassen. Bei Aufzählung der Organisationen gibt Nawratzky eine ungefähre Schätzung der jährlich nach Palästina; fließenden Summen für gemeinnützige Zwecke. Er veranschlagt sie auf zehn Millione* Francs. Allerdings, fügt er hinzu, müsse in Palästina vieles für Zwecke aufgewendet werden, für die in anderen Ländern der Staat sorgt, auch habe sich das Land bei Beginn der Kolonisation in einem unsäglich verwahrlosten Zustand befunden. Immerhin, die Aufwendung der Judenschaft für Palästinazwecke muß schon jetzt, wo wir erst am Anfang der Entwicklung stehen, als sehr groß bezeichnet werden, denn zu jener Summe kommen ja noch die Beträge, die für rein privatwirtschaftliche Zwecke nach Palästina fließen. (Schluß folgt.)