Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1914)
- Date
- 1914-03-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 122 J U EDI SC H E RUNDSCHAU Nr. 12 andererseits den religiösen Liberalismus verurteilen. Das ist kein Zufall. Wir verbünden uns mit den Orthodoxen nicht bloß, weil auch sie Opposition sind, und wir bekämpfen den rcligiösen Liberalismus nicht nur, weil er mit dem politischen Liberalismus in Personalunion steht. Denn auch diese Oppositionsstellung der Orthodoxen und diese Personalunion der Liberalismen ist kein Zufall. Warum wir den religiösen Liberalismus ab• lehnen, ist wohl nach dem vorhergehenden klar. Er beruht auf der rationalistischen, uuliistori* sehen Weltanschauung, die wir überwunden haben. Aber unsere Stellung zu den Orthodoxen scheint räselhaft. Wir bekämpfen die Orthodoxie niemals; aber die Orthodoxie bekämpft uns. Sic wirft uns, mit einem Schein von Recht, vor, daß wir ja die religiöse Tradition nicht pflegen — wenigstens die Mehrzahl der Zionisten — und daß w ir an die Stelle des letzten Lebensideals der Thora 11 das höchste Ideal der Nation setzen wollen. Der westliche Zionismus oder moderne jiidisehe Nationalismus ist aus dem ״Liberalismus“ entstanden. Durch die Emanzipation, oder sagen wir lieber: zur Zeit der Emanzipation hat die Aufklärung, hat der Rationalismus im westlichen Judentum die Herrschaft bekommen. Er ent• fremdete die Juden dem Judentum und in dem Augenblick, als die Entscheidung da war, ob der öroßteil der westlichen Juden endgültig dem Judentum verloren gehen oder ihm erhalten bleiben sollte, daß heißt, mit andern Worten, ob das Judentum ״erhalten“ oder ob es ״erneuert“ werden sollte, da entstand der Natjonalism u s als ein jüdisches Ideal für die vom Bande der religiösen Tradition bereits losgelösten West• juden. Es ist nun ganz klar, daß man eine religiöse Tradition, die einmal abgerissen ist, nicht wieder anknüpfen kann wie eine Zuckerschnur oder wie das berühmte Häckselseil Münchhau• sens. Jeder Orthodoxe kann Reformer werden, wie die ersten Reformer doch vorher auch ortho• dox gewesen waren; aber nur höchst selten wird ein Reformer zum Orthodoxen. Von der Tradition zur Traditionslosigkcit ist nur ein Schritt; von der Traditionslosigkcit zur Tradition ein weiter Weg. Wer in der rationalistischen Luft des 19. Jahrhunderts aufgewachsen ist, wird dies entweder bedauern oder sich dessen freuen; aber er wird es niemals verleugnen können. Und so haben wir nicht den unerwünschten und aussichtslosen Versuch gemacht, über die Kluft zurückzuspringen, die sich, seit wir leicht herüberhüpfen, so außerordentlich verbreitert und vertieft hat, sondern haben uns mutig und entschlossen auf den Weg zu einer neuen Tradition begeben. Dabei haben wir sehr schnell erkannt, daß dieser Weg über die Geschichte und über Erez-Israel gehen muß. Dort, wo einst eine jüdische Tradition entstanden Ist, wird die neue wieder entstellen müssen; dort, wo sinnlos Gewordenes sinnvoll ist, wird der Streit um Ucberlicfcrtes zum Bauen an lebendigen Formen. Und wenn wir die jüdischen Verhältnisse nur klar mischen, so müssen wir finden, daß die Orthodoxen allen Anlaß hätten, uns zu helfen statt uns zu bekämpfen. Denn dieses Jahrhundert ist der Todfeind aller Tradition. Bei allen Völkern und auf allen Gebieten lockert sich das Band, das die Söhne an die Väter bindet. Und vor allem die religiösen Traditionen geraten ins Schwanken. Ein einsichtiger Orthodoxer möge sich aber selbst sagen, ob er seinen Sohn lieber als traditionslosen Zionisten oder als. Liberalen Ziegler-Makowerscher Observanz sehen möchte. Manche Orthodoxen aber halten uns für noch gefährlicher als die Liberalen. Weil wir die Thora 11 entthronen und an ihre Stelle die Nation setzen. Diese Alternative ist verfehlt. Die meisten von uns westlichen Zionisten haben zur Thorah ein sehr dürftiges Verhältnis. Der Zionismus hat auch nicht den Beruf, uns zu Or* thodoxen zu machen. (Dieser Vorwurf wäre ebenso unberechtigt wie der des antizionistischen Komitees, daß wir den Nationalfonds, der doch ausdrücklich für Bodenerwerb bestimmt wird, nicht zur Linderung der Not im russischen Ansicdlungsrayon benützen.) Aber unser Ideal ist ebensowenig die Nation, wie das der echten Or• thodoxie die Thorah ist; denn Nation und Thorah sind Abstraeta. Unser beider lebendiges, kraft• volles Ideal ist vielmehr das Judentum , dem wir auf verschiedenen Wegen zustreben. Denn noch einmal: man kann nicht national, sozial oder kulturell jüdisch sein, religiös aber unjüdisch, ebensowenig wie umgekehrt. Viele jüdische religiöse Momente stecken schon in unserem Zionismus, der doch nur der erste Schritt auf dem Wege zu unserem Ideal ist. Unsere Religion werden wir uns erarbeiten und erkämpfen, auf dem Boden von Ercz-Israel, so Gott will. Wie unsere Religion aussehen wird, wissen wir nicht; welche Rolle bei ihrer Bildtmg die heutige Orthodoxie spielen wird, das wird deren eigene Sache sein. Es wird davon abhängen, mit welcher Hingabe sie an dem Werk der Erneuerung des Judentums mitarbeiten wird, und davon, wie tief durchdrungen sic von ihrem Ideal ist, wie fest sie an ihren Weg zum Ideal, an die Thorah, glaubt. Es ist unfair, dem Gegner unterzustellen, er glaube nicht daran, was er sagt, er sei nicht ehrlich; fair ist, ihm zu glauben und —an sich zu glauben. Hugo Herrmann. Zur Richtigstellung Von den Herren Professor Lassar-Gohn, Königs׳■ berg, Professor Dr. Falkcnhcim, Königsberg, R.-A, Saul und ür. Katzenstein, Duisburg, sind (uns Schreiben zugegangen, worin sie die in dem Artikel ״Nochmals die Unterschriften der ,Erklärung' “ unserer letzten Nummer über sic gemachten Angaben für unrichtig erklären. Wir verweisen auf den Artikel ״Die Erklärung“, Die Erklärung Vor einigen Wochen hat eine große Anzahl von jüdischen ״Notabcln“ eine gegen den Zionismus gerichtete Erklärung veröffentlicht, die durch die Stelle, wo sie publiziert war, und durch ihren Inhalt großes Aufsehen erregte. Zum erstenmal wandten sich Juden an die nichtjüdische Ocffcntlichkcit, um andere Juden als schlechte Staatsbürger zu kennzeichnen. Es war kein Zufall, daß diese Erklärung in einem Augenblick erschien, wo eine kleine, aber führende Gruppe des liberalen Judentums in einem von ihr selbst herbeigeführten Angriffskriege gegen den Zionismus stand und wo ihre Chancen in diesem Kampfe schlecht waren. Daß die Führer dieses gegen uns gcrichteten Kampfes sich in jenem Augenblicke einer anti* zionistischen Körperschaft anschlossen, die sie bisher ihrer Mitarbeit nicht gewürdigt hatten, läßt die ״Erklärung“ als ein zur Unterstützung des Hilfsvereins unternommenes Manöver erscheinen. Der Streit des Hilfsvereins mit dem Zionismus ist inzwischen bei* gelegt worden; nicht durch den Sieg einer der beiden Parteien, sondern weil der Großteil des Kuratoriums des Technikums sich die sachlichen Forderungen der Zionisten zu eigen machte. Die ,,Erklärung“ hat somit ihren nächsten Zweck verfehlt. Aber sie hat eine Bedeutung über jenen Augenblick hinaus. Männer von Namen und Bedeutung, wie Cohen und Nathan, setzten sich in der Form der ״Erklärung“ für den Hilfsverein ein; allein sie verschrieben sich zugleich dem antizionistischen Komitee, jener Körperschaft, die ein rein negat i v e s Ziel verfolgt, die nicht aufbauen, sondern nur zerstören will, die nur ein Ideal kennt: die ideale Bewegung des Zionismus zu vernichten. Darum sind auch ihre Mittel nur zerstörende. Die ״Erklärung“ hat dem Zionismus nicht geschadet; aber dem Judenturne. Vielmehr hat sie dem Zionismus genützt; aber ,wir bedauern einen Vorteil, den wir aus einem dem üesamtjudentumc zugefügten Schaden ziehen. Wir haben geantwortet. Die zionistische Organisation hat mehr als SO Versammlungen einberufen, in denen unser Programm zur öffentlichen Diskussion gestellt wurde. Die Unterzeichner der ״Erklärung“ haben in dieser Aussprache das Wort nicht ergriffen. I I i c r hätten sie ja bloß zu Juden sprechen können, und die hätten den wahren Wert jener Beschuldigung allzu rasch durchschaut. Es mag auch sein, daß sie ihrer Tat nicht froh wurden. Demi eine ganze Reihe angesehener Männer von jüdischem Gefühl, wenn sie mich Gegner des Zionismus sind, sprachen sich in schärfster Weise, in den Versammlungen und sogar von der Kanzel herab, gegen die ״Erklärung" aus. Unsere Versammlungen waren eine machtvolle Kundgebutig: unsere Organisation in Deutschland ist stark und mächtig, sie hat ein Ideal, sie hat die Zukunft. ders interessanten Meinungen und Urteile des Autors angeführt. Das Buch repräsentiert sicli als eine volkswirtschaftliche Untersuchung, daher stellt der Verfasser das Palästinawerk als eine Kolonisationsbewegung dar, die ihre wirtschaftlichen An״ triebe vornehmlich aus der Lage der Ostjuden erhält, die zur Emigration führt. Achnlich der Einteilung, die der Referent im Kleinen in der Broschüre ״Der Jüdische Nationalfonds“ eingehalten hat, beginnnt daher der Autor mit der Darstellung der Lage der Ostjuden. Hierbei arbeitete er den Stoff, der schon öfters behandelt worden ist und zu dem neue Gesichtspunkte kaum mehr beigebracht werden können, selbständig durch und hat da auch manche Quellen, wie z. B. das Material der lea- Enquete, besser erschließen können als frühere Autoren. Nawratzky untersucht sodann die Situation in den Einwanderungsgebieten und die Frage der Dezcntralisation oder Konzentration, wobei er sehr klar durch rein sachliche Argumentationen aus der gegebenen Lage die zionistische Lösung der Judenfrage (soweit diese eine ökonomische ist) deduziert. Kolonisation mit gleichzeitiger Konzentration heißt der einzig gangbare Weg. Für Palästina spricht nebst allen anderen Momenten auch der Umstand, daß allein dorthin nicht nur jüdische Proletarier, sondern auch Leute mit Kapital auswandern, was für die Entwicklung eines dünnbevölkerten noch nicht sehr erschlossenen Agrarlandes unerläßlich ist. Schon allein mit diesem Argumente ist aller Territorialismus widerlegt. Die jüdische Kolonisation Palästinas (Von l)r. Gurt Nawratzky, Verlag Ernst Reinhardt, München.) Besprochen von Adolf B ö h in , Wien. Wer sich in der Diaspora bisher über die jüdische Siedlung in Palästina eingehend informieren und auf dem Laufenden hatten wollte, stand vor einer unmögliehen Aufgabe. Es gab bisher keine umfassende und objektiv-wissenschaftliche Monographie darüber und so mußte man sich mühsam aus Broschüren, Zeit- Schriften und Jahresberichten das wenige zusammensuchen, was über die einschlägigen Materien publiziert worden ist. Nur wer die Zeit hatte und sich die Mühe nahin, diese Arbeit immer aufs neue zu verrichten, konnte sich einigermaßen über das jüdische Palästina und die verschiedenen Siedlungsprobleme informieren. Einige Besserung brachte die Zeitschrift ״Palästina“, die nicht nur das Material laufend sammelte und veröffentlichte, sondern auch Spezialuntersuchungen über Palästinafragen veranlaßte und publizierte. Leider ließ das geringe Interesse, das die Zeitschrift fand, sie nicht zu einer befriedigenden Entwicklung kommen und schließlich mußte sie ganz eingestellt werden. Dieser Mangel an Interesse selbst bei Zionisten erklärt sich vielleicht zum Teil dadurch, daß die Zeitschrift naturgemäß schon eine gewisse nähere Bekanntschaft mit den Palästinafragen bei dem Leser voraussetzen mußte. Diese war aber infolge der mangelnden Informationsbehelfe nur bei wenigen vorhanden. Die Kenntnis des jüdischen Palästina und seiner Probleme war bisher eine ״esoterische“ Wissenschaft. Daß dies fortan anders werden könne, daß es von jetzt ab zionistischen und auch anderen Palästinafreunden möglich gemacht sein wird, sich über die ganze Materie erschöpfend und genau zu unterrichten, ist das Verdienst eines jungen zionistischen. Doktors der Staatswissenschaften, Dr. Gurt Nawratzky, der sich wahrscheinlich die Frage vorgelegt hatte, warum eine nationalökonomischc Seminar- oder Doktorarbeit sich nicht auch einmal mit der jüdischen Kolonisation Palästinas beschäftigen solle, um so mehr, als diese ja gewiß auch von allgemeinen Volkswirtsehaftlichen Gesichtspunkten aus von großem Interesse ist. So entstand das vorliegende Buch, ein Produkt unsäglich mühevoller Quellenstudien und eines mehrmonatlichen •Aufenthaltes in Palästina. Die Leistung als solche muß um so mehr anerkannt werden, als der Verfasser sehr differente Gebiete zu behandeln hatte, ihm teilweise nur sehr dürftiges Material vorlag und er über die ganze Reihe komplizierter Fragen, die im Verlaufe der Kolonisation aufgetaucht sind und die verschiedensten Beantwortungen gefunden hatten, ein eigenes Urteil fällen mußte. Eine ausführliche Besprechung des 553 Seiten füllenden Buches müßte selbst eine ganze Broschüre werden. Hier sei nur eine Skizze des Aufbaues gegeben und einige der für den Zionismus beson¬