Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1914)
- Date
- 1914-03-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite It4 Nr. 1t Das Inserat als Schlachtfeld l;im> anti/ionistische Sekte hat den Kanipl gegen die natinnaljüdisclu׳ Bewegung mittels eines Inserats ausgdochlen. Auf diesem niclit .mehr imgcwolmliehen We!!e hat sie den Zionismus zeilenweise umgebracht, mul der Sieg war vollständig auf ihrer halben Seite. Die Sekte hat sich dadurch zugleich ein grobes Verdienst um die Menschheit erworben, da sie ihr eine neue, unblutige und nerveusehonende Methode des Kampfes ums Dasein zeigte. Künftig werden sieh Konservative, Klerikale und Sozialisten nicht mehr in der Presse und in der Wahlschlacht anpöbclu, sondern einfach inserieren: Das Junkertum will die Revolution von oben oder: die Sozialdemokratie will die Revolution von unten oder: das Zentrum will die Revolution von der Mitte, Revolution aber ist gefährlich, infolgedessen ist die Partei ungültig. Ebenso werden natürlich auch Gottgläubige und Hackclinner ihren Streit beenden, indem sie einander weginserieren. Es ist sehr bedauerlich, dab das von den Antizionisten entdeckte Verfahren nicht schon vor •H Jahren bekannt war. Da hätte Bismarck nicht nach Sedan, sondern nur zu Uaasciistein* Vogler oder Rudolf Masse zu gelten brauchen und die Gründüng des I )eutschen Reiches durch eine Annonce bekannt machen lassen. Was da au (ield, Muhe und Menschenleben gespart worden wäre, ist leicht emzusehen. Hatte es zur Zeit der französischen Revolution schon so kluge Köpfe gegeben wie die unserer antizionistischen Sektierer, so würde Robespierre durch! ein Inserat im Moniteur das Königtum abgeschafft haben, und Ludwig XVI. lebte heute noch. Auf die weitere Entwicklung des antizionistischen Kampfprinzips sind wir sehr gespannt. Zur Lichtrcklame wollen die Herren jedenfalls nicht übergehen, da sie glauben, dab die deutschen Juden durch ein einfaches Zeitungsinserat genügend geblendet werden. Emjot, Pegasus im Joche Das folgende Produkt ist zwar kurz vor Purim, aber keineswegs in scherzhafter Absicht erschienen. Es scheint uns ein beachtenswerter Versuch; da Broschüren und Inserate nicht verfangen haben, werden vielleicht Flugblätter in Versen die gewünschte Wirkung üben. Es wird dem Zionismus Mühe machen, mit seinen Gegnern in der Erfindung neuer Agitationsmittel Sehritt zu halten. Wie wir hören, soll auf der Leipziger ״Bugra" in der Ahteilimg ״Eintagsliteratiir“ ein Pavillon im Format der Petcrskirche zur Aufnahme antizionistiselier Er- Zeugnisse bestimmt sein, An meine Mitbürger! Die öffentliche Abwehr hat begonnen. (Vgl. u. a. die Anzeige im ״Herl. Tagcbl." Nr. (11 vom 5, I ehruar lül I.) Noch ist diese Bewegung, die viele Anhänger lud, nicht organisiert. — lii/wischeii aber drängt es jeden Deutschen jüdischer Konfession, Stellung zu nehmen. Aus diesem Verlangen heraus wird das beiliegende ,,Flugblatt wider den Zionismus“ veröffentlicht. Möge es zn der Erkenntnis beitragen, dall der Zionismus keineswegs berufen ist, der umfassende Träger unserer deutsch-jüdischen idealen Güter und Forderungen zu sein. Elberfeld, Datum des Poststempels. Der Verfasser. Flugblatt wider den Zionismus VORWÄRTS! NICHT ZURÜCK1 Ich hlättre manchmal in den alten Büchern, Die sich vererbt vom Vater auf den Sohn; Ich krame manchen Tag in meinen Truhen Nach jenen schwarzmnrundeiicn vergilbten Tüchern, Die dort seit vielen Jahren schon Im Schatten ruhen. Das sind die Worte, die dem frommen Beter 111's dunkle Ghetto Licht und Wärme trugen, Die Tücher sind es, die einst meine Viitcr Um ihre leidgekrümmten Schultern schlugen, — üh konntet ihr mich sehen, Mich, den Befreiten, Und Euch erfreut! an meinem Vorwärtsschreitcnl Ja schaut, ich kann nun wieder aufrecht geh’». Noch ist der alte Gott nicht tot, Der Euer Vater war. Mit neuem Morgenrot Ist er verjüngt zu uns hcrahgestiegen Aus liehtgetrünkteii, ungemeHs'ncn Räumen, Die Gottheit ist es, die der Welt das Fliegen Gebracht, die uns das Wunder — träumen Zu können wieder schenkte. Denn unsere bedrängte Bespiene Seele war, gleich einem stillen Schwert, Ein wenig eingerostet. Doch unverdorben ist ihr klingend Erz, Lebendig ist das alte Dichtcrlicrz, Das zweimal dieser Welt den Gott beschert. JUEDISCHE RUNDSCHAU Wir hatten zuviel dumpfe Luft gekostet, Das Ghetto hat die Seele uns vergiftet. Das tatet ihr, die ihr es einst gestiftet! Doch schweige Schmerz, Mein Ruf erschallt nicht um zu fluchen, Der neue Gott des Lichts, der mich ernährt, Er lehrt: Das schönste in der Güte nur zu suchen Und in dem menschlich reifen Und liebenden Erkennen Und Begreifen. Und viele darf ich beut schon Brüder nennen Uns eint derselben SoimC Mutterkuß; Und wie ieh’s weiß,' so muß Der Tag bald da sein, wo sie es alle wissen: Daß wir bestimmt, einander zugehören: Dies Land und wir, Als eines Landes Kinder. Und ihr, Die noch im Inneren zerrissen, Laßt Euch ihr Brüder niclit betören Und zieht nicht mit, wenn auch ein Blinder, Verbittert euch lockt! liier sind die Schollen, Wo eures Lehens Wurzeln Nahrung fanden, liier ankert euer Elternhaus, Doch als Schiffbrüchige könnt ihr landen, Zieht ihr mit Bitteren und Blinden aus! Glaub! mir, kein Zauber rührt, Es kann kein drangvoll Menschenwolleit, Kein Priesterwort erwecken Den Schutt, den zwei Jahrtausende bedecken, Zu dem vielleicht ein Todessprung, Doch keine Lebensbrücke führt! — In diesem Land sät die Begeisterung Und erntet hier das neue Menschenglück, Ihr Brüder: Vorwärts weist der Weg und nicht zurück! Dr. I). Ein jüdischer Eiberfeldcr Mitbürger. Zur Austrittsbewegung Vom Turm hernieder rufen Glockcnklänge Das Volk zur Demut in das Gotteshaus, Doch trotzig steht die aufgewühlte Menge Und scheidet aus der Landeskirche aus. Hat sie nicht mütterlich an ihren Brüsten Die Seelen euch beruhigt und genährt? Nun trinkt der Säugling Sekt bei den Monisten, Gevatter Schneider ist jetzt aufgeklärt. Und alle Mahnungen der Kirche scheitern, Mit stolzem Schmerze trägt sic ihr Geschick; Doch plötzlich will ihr Antlitz sich erheitern: Ein frohes Bild erstellt vor ihrem Blick. Da kommt ein großer .Schwann bekehrter Sünder, Ein psnlmodicrcmi frommer Pilgerchor, Da drängen Männer, Frauen sich und Kinder, Erlösung suchend ans crhab'ne Tor, Doch wie sic bei dein Werbesang der Olocken Geschäftig in die Kathedrale ziclin, Da merkt die arme Kirche baß erschrocken: Es sind getaufte Juden aus Berlin 1 Soll das für den Verlust an eig’ncu Söhnen, Soll das ein tröstender Ersatz ihr sein? Wehmütig hört man da die Kirche stöhnen: Ein Unglück kommt ja selten ganz allein. J Ein Vorwurf für Monumentalmaler Wenn die Absicht bestehen sollte, für die Aula der hebräischen Universität in Jerusalem Kolossalbilder aus der jüdischen und zionistischen Geschichte in Auftrag zu gehen und hierfür einen kubistischncocxprcssiomstisch-futuristischcii Maler zu gewinnen, schlagen wir als!Vorwurf für ein J) c c k c n g c m ä 1 d e folgendes Motiv vor: ״Dr. Pinskcr fand vor sich einen Teil der jtidisehen Kleinbourgeoisie, die mit einem Fuße in der hebräischen Sprache stand und mit dem andern schon ein wenig von der Maskiliui-Literatur genossen hatte.“ (Sielte Protokoll des VII, Kongresse», S, 106.) Die Ruhr Das folgende Gedicht erhielten wir kurz nach Beendigimg• des Beilis-Prozesses und acht Tage später nochmals in verbesserter Auflage mit folgendem Begleitschreiben: ״Wenn auch ich gleich denselben Tag nach der Ausschickung meines Briefes erfahren habe, daß der Prozeß Bcilis schon zu Ende war, daher meine Verfassung unglltlg sei, dennoch erwartete ich eine Antwort von Ihnen, wenn auch kleinsten Inhalts. Da aber solche bis heute nicht erfolgte, mul ich doch Ihr Erkenntnis meiner Sache mit Neugierde erwarte, teile Ihnen mit, daß ich dieses Gedicht etwas umgearbeitet habe, damit solches auch nach den! Prozesse verwendbar werde, und zwar: die früher angegebenen letzten zwei Sätze ״Darum sammelt euch Brüder alle herbei, Und macht den Unschuldigen von dessen Zähne frei“ habe jetzt ausgelassen lind deren Stelle diese, welche Sic im heigelegten Manuskripte ersehen werden, angegeben. Bitte mich daher gcfl. jedenfalls verständigen zu wollen, ob Sie überhaupt gereimte Artikel in Ihrem Wochcnblattc niclit angeben wollen, oder vielleicht ist gar meine Verfassung ganz, unverwendbar? Ihre geschätzte Antwort zwischen den Korrespondenzen in Ihrer Zeitung unter J. H. erwartend, zeichne hochachfungsvoll J. H. Antwort konnten wir dein sehr geschätzten Angeber nicht geben,• da wir Anonymes grundsätzlieh nicht beantworten; aber ganz unverwendbar ist seine Verfassung wirklich nicht. Wir haben nur die erste Gelegenheit abgewartet, bei der wir gereimte Artikel angebeii wollten. Schaudern tut es den ganzen Weltkreis, Wenn inan plagt einen elenden Greis, Wenn man auf re ißt seine vernarbte Wunden, Die er in den Kampfzeiten hat empfunden. Es kommt /.tim Beispiel so ein Ungeheuer, Und brennt den Elenden wie ein Feuer. ITie* ganze Welt geriet in Ruhr, Weil dadurch wird beschmutzt die ganze Kultur; Es hätte das Publikum nicht so gewundert, Geschähe das nicht im zwanzigsten Jahrhundert. Der kann nur vollbringen so ein Unrecht Welcher haßt das ganze Menschengeschlecht. Einen Menschen zu beschuldigen, Dessen Bruders Seele alle Völker huldigen — Auf religiösem Gebiete .... Ungeachtet auf der Mythe; Daß aus des Elenden Mutter Schoß, Aller Völker Religion entsproß. Dieses kann nur Rußlands Unwesen, Welcher wird von seinem Irrsinn niemals genesen. Jetzt aber nach seiner schaudliaften Niederlage Sei gelöst unsere diesbezügliche Frage. Und auch folgendes liehe Brüder wisset: Im mutigen Kampfe ihr siegen müsset. J. H. Wittlaerer Brief (Von unserem Korrespondenten.) Auch in diesem Winter herrscht in unserm Idyllisch tim Nicderrhein gelegenen Ort reiches jiuh- Helles Lehen. In Imntcr Schönheit grünt es und sprießt es, wie Veilchen und Himmelsschlüs>cl demnächst am Rlicinuicr. Welche wohlige Harmonie, welch liebliches Inciuandcrkliugcn! Welche Golusbcjahmig hei aller üolusverncinung! Welcher Hebraismiis bei allem Germanismus! Welcher Libcralismus bei allem Konservatismus! Welcher Zionismus hei allein Aiiti/kmismus! Wir am Rhein verstehen cs, Brücken zu bauen. Berühmt ist das sog. Wittlaerer Schulsystem. In unserer vom Hilisverein der jüdischen Deutschen errichteten Schule ist Montags, Mittwochs und Freitags Hebräisch, und Dienstags, Donnerstags mul Sonntags IX'iitsch die Unterrichts- Sprache, während in Schaltjahren die Reihenfolge umgekehrt ist. Die schulentlassene Jugend strebt in unserm wackeren Jugcmlverein unter dem Vorsitz des trefflichen Rechtsanwalts Lolin wie schäumender, rheinischer Apfelmost ihren hochgespannten Idealen zu. In unserer aller Erinnerung bleiben wird der herrliehe Abend mit dem Vortrag des Herrn Referendar L e v y über ״Das neueste Parsevalluftschiff mit nachfolgendem Tanz.“ Das Thema wurde natürlich, wie stets, in streng neutraler Weise behandelt, illustre Gäste aus Berlin konnten wir letzte Woche begrüßen. Der Zentralvcrein veranstaltete eine seiner riihmlichst bekannten brechcndvollcn Versammlungen ״Zur Abwehr und Einkehr“, in der zuerst Geh. Justizrat Wolf im allgemeinen und sodann Syndikus Dr. Engländer im besonderen die Frage nach allen Seiten hin erschöpfend beleuchtete. Es war ein erliebendes Bild, als Syndikus Dr. Engländer am Schlüsse seiner vom Herzen kommenden und zu Herzen gehenden Ausführungen mit Friedrich v. Schiller und dem nltcn Attluglmtisci! ausrief: ״O, lerne fühlen, welches Stamms du bistl“ Nlchtendeuwollendcr, sich immer wieder erneuernder Beifall folgte den Worten des geschätzten Redners. Zum Schluß־ wurde die Versammlung geschlossen. Die alljüdische Ortsgruppe entwickelt sich in unserer Gemeinde, die eine Freistatt für jede Plattform bildet, prächtig. ״Eschwciler und Bcrditschcw, Theorjes“ nennt sich der Zyklus tiefschürfender Vorträge, die uns mit der sozialen, ökonomischen, religiösen, geistigen und körperlichen