Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1914)
- Date
- 1914-03-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. U JUEDfSCHE RUNDSCHAU Seile!13 Zur Beachtung! Infolge der vielen von gcsinnungsgcnössischer Seite einlaufcndcn Klagen über den Ton 4er ״Jüdischen Rundschau“ sehen wir uns veranlaßt, da eine Aenderung nicht in unserer Macht liegt, die Herausgabe des genannten Organs cinzustellen und von jetzt ab an seiner Stelle den ״Schlcmiel“ erscheinen zu lassen. Die Redaktion der ,,Jüdischen R u n d s c 11 a u.“ Der Schnaps an den Reichsrat Der russische Reichsrat hat auf Antrag des Grafen Witte den Kampf gegen den Alko* hol aufgenommen. Ist das der Dank? ist das der Treue Lohn? Ich habe fester als ihr all׳ zusammen Bisher gestützt den alten Zarenthron; Nun wollt ihr mich verachten und verdammen? Als eure Knochen vor dem Wettersturm Der Freiheit schlotterten, erlauchte Grafen, Wo blieb der Muschik, der gctrct'ne Wurm? JEr lag, um seinen Schnapsrausch auszuschlafen. Und als ihr lüstern schriet nach Judenblut, Wer war der Treiber eurer wilden Meute? Der Haß? o nein, auch nicht der Uebermut,;Die Hoffnung war’s auf reiche Branntweinbeute. Und nun verdammt ihr für’s gemeine Wohl Des Adels Kneipen und des Volks Spelunken Und kündigt Fehde an dem Alkohol! JBei Gott, ich glaub׳, ihr seid total betrunken. J. Eine hebräische Schule Jerusalem, Purim 5674. Die Judcnhcit Palästinas schwelgt augenblicklich in jubelnder Begeisterung; denn die Alliance lsraclitc und der Hilfsverein der deutschen Juden haben sich brüderlich vereinigt zur Gründung einer T aubstummcnschuic mit hebräischer Unterri ch t ss p rache. Beide Organisationen wollen auf diese Weise den Verdacht entkräften, als bcgehrten sie jemals das Idiom der Bibel zugunsten ihrer Heimatsprache zu unterdrücken. Eine Zeitlang schien cs allerdings, als sollte das große Werk an einer Aeußcrlichkeit scheitern. Als nämlich die Speisenfolge zur Feier der Grundsteinlegung beraten wurde, wünschten die Vertreter der Alliance als zweiten Gang französische Poularde, die Herren vom Hilfsverein aber bestanden auf westfälischem Schinken. Den französischen Juden konnte man es nicht ver- I denken, daß sie in der Ablehnung ihres Vorschlags eine Verletzung ihrer patriotischen Gefühle erblickten, andererseits hatte der Hilfsverein selbstverständlich die Pflicht, die notleidende deutsche Landwirtschaft zu berücksichtigen. Hach langen und oft sehr erregten Verhandlungen ist man endlich übereingekommen, französische Poularde zu wählen, die jedoch mit fein gemahlenem westfälischen Schinken z.u füllen ist. Diese Lösung begrüßt die Judenlieit mit ganz, besonderer Befriedigung, da sie ja seit jeher eine große Vorliebe für gefülltes Geflügel hat. —nn. Brief aus Jerusalem (Von unserem Spezial-Korrespondenten.) Lieber Mister Sclilemiel! Es hat sich viel verändert, since ich hob׳ geschrieben zu Ihnen den letzten letter. Uganda inzwischen hatte geworden ein blühender Staat mit großem Wohlstand, und deswegen man war gegangen zu cstablishcn ein iiHmunient für Mister Zangwill, den Gründer der Community. Zur selection standen zwei symäolische Entwürfe, verherrlicliend die bedeutendsten Werke des berühmten Staatengründers mul Dichters. Das eine hieß: ״Der König der Schnorrer“ und wurde abgelehnt, weil die Hauptfigur trug die Züge von l)r. Paul Nathan. Dagegen hatte geworden acceptcd der Entwurf ״Kinder des Ghetto“, eine copy des Denkmals von Friedrich dem Großen in Berlin. Obendrauf reitet der Justizrat Fuchs auf seinem Steckenpferd, und rings herum am Sockel man sieht alle Mitglieder vom Zcntralvcrein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Diese Kinder des Ghetto wurden ausgehauen von zionistischen -Meistern. Bei der Einweihung des Denkmals waren anwesend alle Würdenträger, ich auch und Chaskel der Schreiber, mein verehrter Lehrer. Nach der Feier Chaskel schüttelte die Hände mit mir, sagend: ״Mlnvapwa dear, seit Deiner Uebcrtrctung zum jüdischeu Glauben warst Du ein Freund zu mir — ״Und Du zu mir,“ habe ich ihn untergebrochen, ״und Dir ich danke cs, daß ich bin jetzt ein guter Kenner der deutschen Sprache.“ — ״Well,“ sagte Chaskel, ״leb wohl, ich kenn׳ nit länger bleiben in Uganda, mit’11 nächsten Steamer fohr׳ ich aweg gen Haifa.“ — ״W — vv — was,“ rief ich vor Schreck und taumelte. Chaskel hielt mich fest und fragte: ״Bistc schicker?“ •— Ich antwortete: ״Nein, Chaskel, aber ich wundere sehr, daß Du alter Ugandist — Er lachte: ״Mbwapwa, Chammcr,. wieviel frühere Ugandisten gibt’s, die sich jetzt schaffen persönliche Interessen in Palästina!“ — ״Und wie sollen sein Deine Interessen, Chaskel?“ — Er faßte mich an einem Knopf von meinem Frack, sprechend: ״Sch, Mbwapwa, cs werd itzter gegründet ein Technikum in Palästina, wo man braucht deutsche Lehrer, und überdem, Du vnrstehst? — —״. ich verstand und wurde sehr traurig, und die Tränen spritzten aus meinen ,Augen. Da sagte Chaskel: ״Gedenk,' teurer freund, an das Wort des deutschen Komponisten, wo er singt: ״Es ist in Gottes Rat bestimmt, daß man vom Liebsten Abschied nimmt.“ — Plötzlich er schlug mich mit der Hand auf die Schulter: ״Mbwapwa, wie eso sollst Du nit mitfahren?“ — ״Ich?“ — ״Ja Du. Du bist doch ein frommer Mann. Laß Dich nieder in Jerusalem und bet׳ auf Conto Chalukah!“ Was soll ich Ihnen sagen, guter Mister Schlemicl? Es ist Chaskeln gelungen, mich überzuzcugcii, ich schloß mich an zu ihm, und wir fuhren ah. Die Reise auf dem Meere ich vertrage sehr schlecht und habe auf dein Schifte müssen brechen ׳— mit Respekt zu melden. Da Chaskel hat mir geraten zu sagen das Gebet für Schiffbrüchige, und er seihst ist weggegangen zu holen die Stewardess. Als er wiederkam, er hatte beide Augen rot und so geschwollen, daß seine Wimpern directly ubergingen in den Schnurrbart. Ich fragte: ״Chaskel, was is the matter?“ — Er antwortete: ״Ich hab’ auch die Sehkrankheit, und die ganze Stewardess is nit wert, daß ihr ein anständiger Mann auch nur die Backen streichelt.“ Mit der Zeit sein Zustand wurde besser wieder, und sein Augenlicht allmählich ist ihm aufgegangen. Nach einigen Wochen wir landeten im Hafen vdn Genua, wo wir mußten aussteigen und nehmen ein anderes Schiff. Auf einmal ich seit׳ an Bord einen Mann und sage zu Chaskeln: ״Look, da kommt einer, der sieht aus wie Dr. Paul Nathan auf dem abgclchntcn monument!“ Sofort schreit Chaskel: ״Tu, was ich tu’!“ Und \v‘ir standen beide still, prasentierten unsere Stöcke und sangen: ,,Deutschland, Deutschland über alles.“ Dr. Nathan nickte, sichtlieh gerührt, und sang, soweit die deutsche Zunge klingt, als Entgegnung: ״Es braust ein Ruf wie Donnerhall.“ Als er geendet hatte, Chaskel gab einen Stupp mir, und wir brachen -- mit Respekt zu mqldcn — aus in den Schrei: Nieder mit der hebriiischcn Sprache! infolgedessen Chaskel hat geworden engaged als Lehrer am Technikum, und mich Dr. Nathan hat eingereiht unter die Frommen in Jerusalem. Er hielt einen spcccli, daß wir sollen ruhen lassen die hebräische Sprache wie alle Toten und treu halten nicht zum Judentum, sondern zum Deutschtum; denn die Treue ist keine jüdische, sondern nach Tncitus und Houston Stewart Chambcrlain eine deutsche Eigenschaft. In Palästina selbst er war sehr gnädig. Er hat uns gegeben Freibillette für ein Karussel und zu essen und zu trinken in solchen Mengen, daß wir davon haben bekommen das Sechstage-Rcnnea. Seitdem halten wir es hoch, das Banner der deutschen Sprache, und das einzige hebräische Wort, das wir dulden, heißt ״Chalukah“. Heil Mister Schlemicl! Mit deutschem Gruß ich bin Ihr Mbwapwa Jumbo, Häuptling a. D. von Uganda. Buchbesprechung In der ״Allgemeinen Zeitung des Judentums“ vom 25. April 1916 lesen wir: Chad Gadja, das Pcßachbuch. Herausgcgcbcn von Hugo Herrmann. Jüdischer Verlag 191 •V. Vor einiger Zeit ist in Berlin das oben genannte Buch erschienen. Ich muß cs schon tadeln, daß sich ein Verlag, der sich doch in Berlin )befindet, ״Jüdischer Verlag“ nennt. Solche Separationsgelüste, wie sie in diesem provozierenden Namen zum Ausdruck kommen, müßten mit aller Entschicdenheit bekämpft werden. Wir sind Deutsche unserer ganzen Kultur nach und sonstnichts auf der Welt. Ich füchte sehr, daß der Jüdische Verlag in zionistischcs Fahrwasser geraten wird, wenn er sich nicht bald einen anderen Namen auswählt. Es gibt doch so viele schöne Finnen, die ihm zu ,Gebote stehen. Ich denke zum Beispiel an: ״Deutscher Verlag“, ״Verlag zur Förderung, Herausgabe und Ver- ,breitung von auf für die in Deutschland wohnenden Israeliten zu erringenden Gleichberechtigung hinziclcnden Schriften“. Bei angestrengtem Nachdenken lassen sich sicher noch deutlichere Bezeichnungen finden, die dem Charakter der Verlagsstelle, welche vielleicht Gutes zu edieren fähig ist, entsprechenden und .dein Patriotismus der deutschen Juden weniger Hohn sprechenden Ausdruck zu geben geeignet wären. An dem׳ Buche, dessen Besprechung wohl mit einigem Recht die Leser dieses Blattes von mir erwarten dürfen, habe ich wiederum den Titel zu tadeln. ״Chad Gadja" bedeutet das Osterschaf. Warum sagt das der Herausgeber nicht gleich? Wozu diese spielerische Verhüllung in frcmdgcwordcnc Fremd״ laute? Die Schäfchen, die durch die deutschen Gaue springen, sind ״Schäfchen" und nicht ״Chad Gadjas". Sehr wohl bin ich hingegen mit der deutschen Uebcr- Setzung aus dem alten Testament einverstnnden, wie mir der Wert ,des Buches überhaupt in der Verdeutschung fiebräischer Aufsätze zu bestehen scheint. Das Buch liefert den besten Beweis dafür, daß die deutsche Sprache zur Pflege des, aus Gründen der Ehrfurcht gebotenen religiösen Sinns bei der Jugend hervorragend, ja einzig und allein geeignet ist, während die im Hebräischen gcschricbenen literarischen Arbeiten erst ins Deutsche übersetzt werden müssen, um überhaupt verstanden zu werden. Ganz unverständlich bleiben mir zum Beispiel die noch vor dem Titel eingeschalteten hebräischen Sätze, die scheinbar einem jüdischen Gebetbuch entnommen sind. Endlich kann ich die Befürchtung nicht unterdrücken, daß das letzte Stück, die Beschreibung eines Festes (Chagigah eine Art Kirmes?) im südlichen Teil von Syrien, — sollte dieses Stück nicht von einem Zionisten eingc״ schmuggelt sein, wobei ja ohnedies bekannt ist, mit welch gefährlichen Mitteln diese Parteiangehörigen vorzugehen pflegen, ohne daß sie sich durch kräftige Zurückweisungen abschrccken lassen, sondern sogar ihren verderblichen Geist überallhin verpflanzen, wie sie sich, wovon ich iirt vorigen Jahre durch einen Privatbrief aus Cincinnati benachrichtigt worden bin, selbst nicht gescheut haben, ein Inserat des antizionistischen Komitees, das von diesem bezahlt worden war, als Reklame für die zionistische Utopie auszunützen — von unschuldigen Gemütern gelesen, mehr Schaden als Belehrung stifte» kann. L. G. Neue Bücher (Besprechung Vorbehalten.) Warum bekämpfen wir den Zionismus? Ein ernstes Wort in ernster Zeit. Von Gell. " Reg.-Rat Prof. Dr. Ludwig Geiger. 648 Seiten. 10 M. (gcb. 15 M.). Deutsch oder Jüdisch nationall Eine Broschüre. Von * * *, Berlin, Verlag des Antizionistischen Komitees. Gratis (gcb. gratis). Deutschland und deutscher Zionismus. Eine Abrechnung. Von Dr. N. Packan. Im Selbvcrlagc. Als Manuskript gedruckt. Reden bei verschiedenen Gelegenheit e n von Stefan Groß m a n n. Verlag des März, München. 3 Seiten. Auf holzfreiem Papier 5 Pfg. Handbuch für wirksame Zeitungsr c k I a m e. Herausgegeben unter Mitwirkung von etwa 250 hervorragenden Fachmännern von Rechtsanwalt G a 11 i n e r. Berlin, Verlag des Hilfsvcrcins der deutschen Presse. 4500 M. (schön gebunden 5000 M.). Anweisung zum seligen Leben oder Neue Methode zur gründlichen Vertilgung allqr lästigenn Ausländer, ein jüdisches Gcmeindchanubuch. Herausgegeben von P a u 1 u s auf dem Rückweg von Damaskus. Duis• bürg, 1913. Preis 5 M.