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Jüdische Rundschau · 1914-03-13 · Heft 11 (13.3.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 11 (13.3.1914)
Date
1914-03-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 112 JU EDI SC HE RUNDSCHAU Nr. 1t noch gar mit ״jüdischen Kultusfragen". An diesem zarten Punkte trennt mich nicht nur meine deutsche, sondern auch meine jüdische Auffassung von der nationalistischen Theorie des Zionismus. Daher kann ich auch Ihre Anklage auf ״Mcsinith (Verrat)" ruhigen Gemütes zuriiekweisen. Nicht diese Erklärung der Notwehr ist eine ,,Denunziation" der zionistischen Glaubensgenossen, sondern diese haben von Anfang an uns vor der deutschen und der europaischen Kulturwelt als Heuchler gehrandmarkt: dnll wir Deutsche sein wollten, was wir aber nimmermehr sein könnten; was wir selbst innerlich gar nicht von uns glaubten; daß! wir daher auch in Wissenschaft, Kunst und Literatur mit unserem Assimilantentum keinen natürlichen, wahrhaften Stil zustände zu bringen vermöchten und daher den modernen Cieist in seinem Schrifttum nur verderbteil. Der Verrat greift auch die Aufrichtigkeit unserer Religiosität an; denn der moderne Mensch stehe ja über und außerhalb der Religion. Nur nationale!*olitik sei die moderne Religion. Sagen Sie nicht, so hätten einige dieser Herren geurteilt: in diesen Urteilen ist der Verrat ausgesprochen; aber das Urteil selbst ist die gerade Konsequenz jener jüdischen Entartung, für die der messianisehe Jude nur Verachtung und Abscheu haben kann. Da bin ich bei der Hauptsache. Sie sagen: ich kennte die Jugend nicht, ,,die ,e n t w e d e r vom naditionell-religiösen oder vom zionistischen Ideal hegeistert ist". Ich erkenne aber vielmehr diese Alternative nicht an und ich bedaure es tief, daß Sie, hochgeehrter Herr, sie mir cntgegenhalten. Ich weil! nur ein Anliegen für unsere Jugend; das ist der rvli* giös traditionelle Sinn, der Sinn, der (leist, der later, der Enthusiasmus für unsere religiöse Tradition, wie sie in der Eigenart unseres Monotheismus begründet ist. Hier gibt cs kein Entweder-Oder, Wenn Sie aber das zionistische Ideal dem religiösen entgegenstellen, so haben Sie selbst über das zionistische Ideal das Urteil der Vernichtung atisgesprachen. Und für dieses Urteil bringt jene Literatur leider erschreckende Beweise, die jeden ernst denkenden Jiulen mit Trauer erfüllen müssen. Alle Parteien unter uns müssen sieh vertragen und sieh verstehen lernen. An diesen meinen Leitgedauken erinnern Sie mich mit Recht. Aber wo die Religion, die Eigenart unserer Religion nach der philosophischen Verwirrung unseres Zeitalters, wie von einem höheren Kulturbcwulitsein aus, allenfalls mitgenommen, aber herabgesetzt, nicht in den Schwerpunkt unseres jüdischen Wesens, unseres gesamten Kulturlebens, unseres geschichtlichen Sems und Portbcstandes eingesetzt und testgelegt wird, da sei (iott vor, ilali wir mit solchen verwirrten Söluien unseres Stammes Ericden halten dürften. Wir wollen sie nicht aufgehen und nicht abstoßen. Aber es ist unsere heilige Pflicht, für sic, wie für uns, sie auf die (jefahr ihres inneren Abfalls zu verwarnen. Wir werden bleiben, was wir seit dein Beginn des modernen Judentums unter schweren Kämpfen, aber mit grollen Erfolgen angestrebt haben; Erhalter des Judentums in unserem (ilaubcnsstamme, zugleich aber auch Verkünder des Judentums, nach wie vor, unter den Völkern der Welt. Unser (Haube in seinem grollen Inhalt kann keine Furcht vor jenem Nationalismus iiufkoinnien lassen, der eine Episode bildet im Zeitalter des Antisemitismus. Unser Kampf gegen die Zionisten ist wahrlich nicht allein atifgeilrtmgenc Notwehr — kein Ernsthafter wird sic fürchten. Unsere Erklärung ist eine Mahnung an sic selbst und an diejenigen, die ihnen Sympathie schenken, ohne die Tragweite ihres Verrates und ohne den Abgrund ihres Verfalls zu ermessen. Wenn ich zum Schluß von mir seihst reden darf; möchte mein Name unter jener Erklärung manchen Glaubensgenossen, der Vertrauen zu meinem Arheitsanteil an unserem Heiligtum gefaßt hat, zu der Besinnung darüber anregen, ob denn auch wirklich an diesem so natürlichen Ausbrach eines jüdischen Gefühls der Grundqucll dieses Gefühls ungetrübt und unversehrt geblieben ist. H. Co he 11. Erwiderung an Herrn Geheimrat Hermann Cohen Hochgeehrter Herr Oelieimrat! Da Sie meinen offenen Brief einer Antwort gewürdigt haben, so darf ich vielleicht meinen ahweieilenden Standpunkt gegenüber Ihren für das deutsche Judentum jedenfalls hochinteressanten .Ausführungen kundgehen. Zunächst drücke ich meine Freude darüber aus, daß Sic keineswegs die ״verwirrten Söhne unseres Stammes" ״abstoßen und aufgebeu wollen"; Das beweist ebenso Ihr ethisch religiöses Gefühl bezüglich der Einheit des K'lal Jisroel, wie die Tat- Sache, daß Sie Ihre Mitunterzcichmiiig der Erklärtm!׳■ mit der Notwendigkeit begründen, die Vorstände und Mitglieder der jüdischen Verwultungskürpcr um ,,ihrer Treue“ (Eimmoh) zum Judentum willen in dem denselben Ihrer Ansicht nach riufgcdiäiigtcn Kampf gegen den Zionismus uutcrsUitz.cn zu müssen, Schon in der Deutung der ״Emtuioh" an der betreffenden Gcbetstellc gelten wir weit auseinander, Denn ist denn diese Eimmoh, von Ihnen auch germlezu a!s Frömmigkeit übersetzt, soweit dieselbe bei einem grollen Teil der sich als Nou’ibeln fühlenden Gemeiiidegewaltigcn zu entdecken ist, etwa vergleichbar mit jener ״Emunoii‘‘ ״scheleiinoh“, die Moses Maimonides als die Kraft und Inbrunst der Gläubigkeif heischt oder mit jener anderen ״Eimmoh", welche die Festigkeit der I lande unseres größten Führers Moses charakterisiert, von der cs heißt; daß so lange diese Hände über dem Volke gewaltet, der Sieg Israels über Amalek verbürgt war? Gewiß sind Ihre Kampfgenossen Jiöchst ehrenwerte, aufopfernde mul treue Arbeiter, die nach ihrem Wissen und Könneu, und besonders nach ilirett organisatorischen Fähigkeiten, die ihnen anvertrauten jüdischen Interessen bestens zu fordern streben. Unter, den Gemeinde- Vorständen in Deutschland gibt es übrigens sehr viele von gleicher Notabilitiit, welche genau wußten, warum sie die Erklärung nicht mitimterzcidineten. Und größer war meine Freude über die Namen, die ich nicht las, als mein Befremden über die Unter- Zeichner, Aber an Sie, hochgeehrter Herr Geheimrat, der Sie die Aneignung eines bestimmten Maßes von Kenntuissen in der hebräischen Sprache und im Kultus als selbstverständliche Pflicht jedes Juden betrachten, richte ich die Frage; Ilaben die meisten an der Spitze der jüdischen Verwaltmigskörper in Deutschlands größeren Gemeinden stehenden Führer des Heiligtuiiies in Ihrem Sinne gewaltet? Haben Sie dafür gesorgt, daß die Kenntnis der jüdischen Lehre und der (iehetsprache sieh mehre in Israel? Genügt denn ein noch so bereeliligtes Ansehen eines Juden in der allgemeinen Gesellschaft auch immer zur Befähigung, die rem jüdischen Ideale zu erkennen mul entsprechend zu fördern? Dieser Zweifel will keineswegs den verdienten Männern an der Spitze der Gemeinden nalielreten, aber die Majorität der Wälder ist es oft, welche, geblendet von dem Auselten und der Stellung eines ״Notabcln“, ihn schon um dieser Eigenschaft allein willen an die Spitze der Gemeinde ruft. Nach speziell jüdischem Wisseit. Körnten mul Empfinden wird leider in den modernen Gemeinden wenig gefragt. Und nun der Zionismus. - Von meinem traditionell jüdischen Bewußtsein aus fühle ich mich nicht zu seinem Verteidiger miserseheii. Aber wer da im Morgcngcbetc Gott dafür dankt, daß er als Jude geboren ist, muß doch gegenüber jedem Verdimkeliingsvcrsiich auf die großen Lichtseiten dieser aus Begeisterung geborenen Bewegung hinweisen, welche schon jetzt für das Gesamtjudentum sich als ethischer Kulturfaktor erwiesen hat. So betrachte ich es als einen großen Gewinn, weint jetzt die Mehrheit unserer Glaubensgenossen die Bezeichnung ״Assimilant“ geradezu als eine Beschimpfung betrachtet, Um't wenn man heute sich nicht mehr geniert, in der Tramhahn eine jüdische Zeitung zu lesen, selbst auf die Gefahr hin, daß der Nachbar den Leser als Juden erkennt, so ist auch das ein Gewinn der zionistischen Erziehung, Aber das sind nur nebensächliche äußere Momente gegenüber der Erliebimg von bisher vollständig indifferenten jüdischen Familien zum selbstbewußten Bekeunertum. Und darin liegt der Hauptwerl dieser Bewegung, daß sich ihr Elemente und Kreise, und zwar besonders der idealen jüdischen Jugend beiderlei Geschlechtes, anschließen, deren Eltern längst jede jüdische Betätigung aufgegeben batten. Es muß mit Bewunderung erfüllen, wie selbst- und zielbewußt diese Jugend nicht etwa nur in gedankenloser Phrase, sondern körperlieh und geistig für die Ertüchtigung unseres Stammes arbeitend all ihr Sinnen und Trachten jüdischen Ideen unterordnet. Die Kenntnis der hebräischen Sprache und Literatur ist den in dieser Bewegung Stehenden Ehrensache geworden, ln jeder Kunstbetätigung ringt der eigenartige jüdische Styl nach Ausdruck. Freilich ist das offizielle Programm des Zionismus derzeit noch religionslos; aber es ist doch so wenig gegen das religiöse Leben gerichtet, daß tatsächlich ein »ehr beachtenswerter Kreis traditionell denkender und lebender Juden sehr wohl seine rcligiöse Stellung mit der Zugehörigkeit zum Zionismus zu vereinigen weiß. Nicht mir dieser Kreis, sondern alle traditionell und konservativ gesinnten Glaubensgenossen müssen den Kampf gegen das liberale Richlliuieiijudeiiüim als ein viel wichtigeres Ziel erachten, als den Versuch, diese große furtreißende Bewegung, welche eine neue Art jüdischen Lebens bereits in die Tat umgesetzt hat, ciiulämmcu zu wollen. Der Zionismus erstrebt, daß die jüdische Idee überall neue Wurzeln fasse; das Richtlinienjudentum mit seiner Tasso'acltvu Dogmatik: ״Eriaubt ist, was gefällt", muß die Entwurzelung der jüdischen Idee zur Folge haben. — Nicht die weitliehen Ziele des Zionismus sind cs, welche dem Außenstehenden die Sympathie zuwenden, sondern die Theorie und Praxis, welche alles Denken und Handeln nur einem jüdischen Ideal widmet. Und in der Abwendung jedes AssiiiiÜanteiitnms einerscits, in der Diirchseliütterimg und Durchzitterung י alles Denkens mul Lebens von jüdischem Geiste an* dererseits, treffen sich allerdings das traditionell rcligiöse und das zionistische Judentum. Wenn ich in meinem offenen Briefe ausführte, daß die Zukunft des Judentums mir von der Jugend verbürgt wird, die entweder vom traditionell religiösen oder voiii zionistischen Ideal begeistert ist, so lag mir nichts ferner, als ein Werturteil über die Iteiden Bestätigungen jüdischen Wesens zu füllen. Ich wollte nur den Gedanken ausdrückeri, daß keine andere Richtung bleibende Bedeutung besitzen kann und andere Formen des Fortbestandes der jüdischen Idee vom Standpunkte der Logik und Erfahrung aus auf die Dauer li cht existiertn köm1>-n Das gesetzestreue Judentum, das seine Ewigkeitsgarantien in sich trägt; hat cs durchaus nicht nötig, den Zionismus von sich atis schroff abzulchncn. Es ist Sache des einzelnen Jeliudi, ob er sich dem Zionismus anschließen will, oder ob er nicht, von der Uebcrzetigung durchdrungen, daß schon üas ״Anhangen an seinem jüdischen Gottesgedanken, seiner jüdischen Tat und Erziehung ewiges Leben verbeißt“, das rein religiöse Ideal für erstrebenswert hält. Dieser letzteren Auffassung wird der größte Teil der Tltorahbekenner huldigen und mit Recht würde und wird . jeder Angriff auf unser religiöses Heiligtum von zionistiseher Seite mit den schärfsten Waffen von uns zuriickgcwiescu werden. Das konservative Judentum muß sieb aber zu dem Gedanken durchringen, daß unsere Stammesbrüder, die einmal dem religiöse 11 Judentum entfremdet sind oder werden, weit eher im zionistischen Lager, als im indifferenten zu hegrüßen sind. Mögen uns auch die letzten Ziele des Zionismus als utopisch erscheinen, vielleicht dürfen wir hoffen, daß nur eine starke religiöse Bewegung itt unserem Sinne diese Ziele erreichbar erscheinen läßt, in dem Sinne, daß getreu der messianisehe« Idee, die Einheit int Judentum erst zutage treten wird, wenn weltliche Macht und irdisches Wesen der Fahne ״heilig dem Ewigen“ folgt und ״jede Krämerseele verschwindet aus dem Hanse des Herrn." Mit ausgezeichneter Hochachtung München, März 1914. I >r. Entil Franke I. Eine hebräische Preßstimme Der Odcssaer ״II a o I a m“ bringt in seiner jüngsten Nummer einen gehaltvollen Artikel von Dr. M. Glück soll n lilni ״Hermann (lohen mul seinen Kampf gegen den Zionismus“, (iliicksohn weist auf den ״tragischen Gegensatz.“ hin, der in der /.wiespiiltigen Stellung Cohens als universalistischen Denkers zum nationaljüdischen Gedanken einerseits und zur deutschen Staats- und Volksjdee andererseits zutage tritt. Er, der strenge Ethikcr, wendet z w e i c rlei Maß an: mit der deutschen Wirklichkeit, die ihn umgibt und seine individuelle Psychologie unbewußt gestaltet, weiß er sich sehr wohl abzufinden, an die jüdische Wirklichkeit aber tritt er mierbittlirb mit dem Maßstah seiner idealistischen und miiversalististTieti Weltauffassung heran. ״Als sich im Lande Heim,mn Cohens Juden fallden, die von allem brüderlichen Empfinden verlassen, unseren schlimmsten I eimleii nächst l ebten und ihre ausländischen Brüder zu verfolgen begannen; als die Vorsteher der jüdischen Gemeinde »11 Duisburg ihre nusläiulischeii Brüder bei den Behörden anschwärzten und Anklagen gegen sie erhoben, die dein!jüdischen Namen zur Uuelirc gereichen, da fand sich Hermann Cohen nicht veranlaßt, tiir die verletzten ethischen Grundsätze, für die beleidigte jüdische Religion und deren große Ideale in die Schranken zu treten. Wir haben ihm dies gar nicht verdacht, denn wir wollten nicht, daß dieser einsamt• Geistesfürst in die Niederungen des politischen Tageskampfes hinabsteige. Allein er ist gleichwohl herabgestiegen -- als sielt das ״Bedürfnis" ergab, Zwietracht unter Brüdern zu säen und eine Verrufserklärung gegen jüdische Männer zu erlassen, . , . Aber einst wird die Geschichte an Hermann Cohen Rache üben. Diejenigen Juden, die er als Verräter und Abtrünnige hingestcllt hat, werden ihrem Volke im Lande der Väter ein neues Leben bereiten und die antike jüdische Kultur erneuern. Und im Mittelpunkt des nationaljüdisclien Schaffens, an der hebräischen Universität in Palästina, wird auch das große geistige Gut, das Cohen zum Besitztum des jüdischen und allgcmeinmcnschlichcn Denkens beigetragen hat, seine Anerkennung und seine Pflegestiittc finden, nachdem die preußische Regierung dieses Out srhnöde preisgegeben hat. Nachdem Preußcn das Heiligtum Cohens, die ״Marburgcr Schule", zerstört hat, weil es seinen Lehrstuhl den» einzigen Jünger, der sein Lebenswerk fortzusetzen vermochte, dem Juden Ernst Cassicrcr, nicht ithergeben wollte, — Wird das neue Judäa die philosophische Lehre Cohens den künftigen Oesclileclitcrii erhalten. Nach dieser Rache seltnen wir uns und wir wünschen, daß auch unser großer Feind sic noch mit eigenen Augen schaue , . ,"

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