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Jüdische Rundschau · 1914-03-06 · Heft 10 (6.3.1914) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 10 (6.3.1914)
Date
1914-03-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 104 JUED1SCH E RUNDSCHAU Nr. 10 11 n d der S p r a c h e 11 f r n g e sieht, und daß I>r. Nathan die ״Erklärung“, mit Rücksicht auf das Vorgellen chauvinistischer Zionisten in Deutschland in Würdigung ihrer Iniicrpolit Ischen Notwendigkeit und im Hinblick auf den Stand der Dinge, aber natürlich als Privatmann unterzeichnet, jedoch keineswegs den Anstoß dazu gegeben hat." Wir glauben natürlich den Worten von Herrn Dr. Kahn. Die ״Erklärung;" beginnt: ״Die groben Vereinigungen der deutschen Juden sind in der letzten Zeit . . . durch zionistische Agitationen schwer gestört worden.“ Nichtsdestoweniger stellt die ״Erklärung“ in keinerlei Zusammenhang mit dem I lilfsverein und Sprachenfrage. Herr Dr, Nathan ist andererseits eine so wenig exponierte Persönlichkeit, dab es einem Norntaldenkcndcn von selbst miffallen 11111b, dab er diese ״Erklärung" in diesem Zeitpimkt natürlich 11 u r a I s Privatmann unterzeichnet hat. Eamilicnblatt" zur ״Notabeluhat den telein dem Anzeigen als Anzeichen Aus dem ״Berliner Tageblatt": Gebildeter Kaufmann 30 Jahre, freidenkender J»rl., von angenehmem Aeußeren u. Wesen, repräsentabel u. gesund, Nichttänzer, einjährig gedient, jetzt militärfrei( z. Zt. in leitender Position in einem Spezialhaus einer Qroßstadt, Eink. 10 Mille, Vermögen 35 Mille, möchte zwecks Heirat hübsche fesche Dame, 20—30 Jahre, Relig. gleichgültig, freidenkend, gebildet, häuslich und naturliebcnd, Vermögen mindestens 100 Mille, kennen lernen. Suchender würde Einheirat in grösseres Unternehmen, am liebsten Berlin, vorziehen, wo tüchtige Arbeitskraft und Kenntnisse verwerten könnte. Vermittler verbeten. Strengste Diskretion selbstverständlich. Offerten mit Bild — dasselbe geht sofort zurück — (jüd. Typ zwecklos) mit offensten Angaben in jeder Hinsicht, erbitte vertrauensvoll an die Expedition des Berl. Tageblattes, Berün W. 35, Potsdamerstr. 33, unter R. D. 4055. Hermann Cohen und der Zionismus (ielieimrat Co he 11 hat auf den offenen Brief von Herrn Jimlizrat Frankel, München, geantwortet; im ״I lambtirger Israelitischen Fumillciiblatt“, dem Zcntralorgau der nnti/ioiiisiischeii Organisation. Sein Brief ist sehr interessant; er zeigt, in wie merkwürdige Widersprüche und Unklarheiten seihst ein bedeutender Philosoph geraten kann, wenn er in den Kampf der politischen Parteien cingreifcn will, ohne sich objcktiv zu informieren, Wir werden in unserer nächsten Nummer auf Cohens Ausführungen eine Erwiderung aus der berufensten Feder bringen. Das ״Hamburger Israelitische schreibt in seiner letzten Nummer crklarmig": ״Man schreibt uns: Das zionistische Zentralurgan ״Die Welt" bespricht in seiner Nunufier 7 vom 13. Februar die unter dem 5. Februar veröffentliebte bekannte Erklärung einer Anzahl hervorragender deutscher Juden. Sie schreibt u, a. in fettem Druck: ״Unter der Erklärung stehen die Namen von Männern, die den Text der Erklärung nicht gekannt haben, andere haben gegen den Mißbrauch ihres Namens ausdrücklich protestiert." Diese Behauptungen sind unrichtig. Allen Unterzeichnern 11 a t e i n Abdruckdcr Erklärung vor Leistung der U n t e r s c h r i f t v o r g e I c g c 11. Nur ein einziger hat nachträglich gebeten, seinen Namen bei etwaigen weiteren Bekanntmachungen nicht mitziiveröffentlichen, weil er die Erklärung vor Abgabe seiner Unterschrift nicht genau durcltgclescu habe. Niemand hat gegen den ״Mißbrauch seines Namens“ protestiert". Wir wissen aus absolut sicherer Quelle unter anderem: Herr A., Unterzeichner der ״Erklärung“, Text nicht gekannt. Er wurde graphisch um Zusage ersucht und war Glauben, cs handle siel# tun eine Erklärung in der Sprachenkampfsachc. Als er den Text sab, war er sehr betroffen. Herr B. wurde telephonisch um seine Zusage ersucht; er beanstandete den Text, den er natürlich nur flüchtig zur Kenntnis nehmen konnte, erhielt aber die Antwort, jetzt lasse sich nichts mehr machen. Den Herren C. und I). hat der Text vor der Ver* öffentlicliung in keiner Eorm Vorgelegen. DiP Herren haben auch nie prinzipiell eine derartige Veröffentlichung gebilligt und würden, unbeschadet ihrer Zugehörigkeit zum antizionistischen Komitee, nie ihre E i 11 w i 11 i g u ng dazu g e g c b e n haben. Herr C. hat dies bereits in unzweideutiger Weise an Herrn R. A. Gallincr geschrieben. Herrn E. hat Herr F., einer der antizionistischen Führer, gesagt :״SchrcibcnSicschnell Ihren Namen auf! Esist gegen die Zionisten!“ Herr E. wußte gar nicht, was mit der Unterschrift geschehen sollte und war nachher sehr erstaunt. Rom uni Jerusalem Ein Hirtenbrief des Kardinals Kopp. Alljährlich zur Fastnacht richten die katholischen Kircheufürstcn au ihre Gläubigen sogenannte Fastenliirtenbricfe, welche gewöhnlich zur Befolgung von Kirchengeboten usw. auffordcrii. Wenn wir heute auf einen derartigen Hirtenbrief zu sprechen kommen, so geschieht es deshalb, weil der Inhalt uns Zionisten in Berücksichtigung unserer Anschauungen lind Ziele und in Anbetracht unserer jüdischen Gegner besonders interessieren tlürfie. Kardinal Kopp beschälligt sieb in seinem diesjährigen Briefe mit dem Papsttum, dem er eine besondere Bedeutung beimißt und schließt folgendermaßen: ״Unser Jerusalem ist die Stadt der Päpste, der Ort, wo wir den Mittelpunkt der Kirche wissen. Dabin richten sieli unsere Blicke, dort weilen unsere Gedanken, dahin zieht uns unser Herz. Wir wissen, welchen Schatz wir dort besitzen: den Grundstein der Kirche, auf dem sie fest und unerschütterlich ruht, den Mittelpunkt unserer Einlteit, der dort sorgfällig gehütet wird. Nun weiß ich wohl, wie unfreundlich alles dieses in manchen Kreisen enipfunden und wie ungerecht es beurteilt wird. Mau lästert uns deshalb, man verdächtigt uns, man schilt uns vaterlandslos und macht uns zum Vorwurfe, daß wir darüber dem irdischen Reiche, dem wir mit unseren bürgerlichen Beziehungen angehörcn, uns entziehen und entfremden. Mag man uns nur nachwcisen, daß darüber die Liebe und Wärme für unser irdisches Vaterland auch nur um einen Grad sich mindere! Die aufrichtige Liebe, Treue und Anhänglichkeit an das irdische Vaterland, in denen wir hinter nicmandem zurückstelien, hindert uns aber nicht, in unserii religiösen Beziehungen den Mittelpunkt der kirchliehen Einheit im Auge zu haben und auf ihn unsere Blicke zu richten. Nein, stets wird auf unsem Lippen das Bekenntnis schweben: O Stadt der Päpste! Wie könnte ich dich vergessen! Meine Rechte soll eher ver■ dorren und meine Zunge an meinem Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht gedenke, du Gipfel meiner Freude!“ Dieser freidenkende Kaöfmann und gebildete Israelit wird vermutlich kein Glück haben. 100 Mille und nicht einmal jüdischer Typ: das ist zu viel verlangt. Wieder eine Lösung der Judenfrage Im Preußischen Abgeordnetenhause hielt der neugewählte Christlich-Soziale Heins seine Jungfernrede bei der Etatberatung des Ministeriums des Innern, in der er u. a. ausführte: ״Die Ein w a «der u 11 g aus Rußland ist in den letzten Jahrzehnten ständig gestiegen. Es sind zum großen Teil Juden. Die Zahlen werden sich nach 1010 noch ungewöhnlich verstärken. Daß aber gerade die östlich ztiwaiidernden Juden die allerminderwertigsten und unerwünschtesten sind, darin s t i in 111 c! ich sogar mit den a n s t ä 11 d i g c 11 Juden in Deutschland und Preußen überein. Meine Bitte geht nun kurz dahin, der Herr Minister des Innern wolle veranlassen, daß die zuwandernden russischen jüdischen Hausierer von uns als lästige Ausländer ferngehaltcn werden. (Heiterkeit.) Sie haben sich hei uns breit gemacht, und parasitenartig suchen sic ihre Tätigkeit bei uns in mannigfacher Weise nuszudehnen. Vor allem müssen die polnischen, russischen, gaiizischen, rumänischen Hausierer von uns ferngehaltcn werden; ich kann deren Wert, auch wenn sie ein anderes Feld ihrer Betätigung erwählt haben, nicht schätzen. Es sei mir gestattet, hierbei nur ein Weniges zur Illustration zu sagen. Nach den Preußischen Jahrbüchern stellen die 3(10 000 in Preußen lebenden Juden so viele höhere Schüler als 3*1• Millionen ־Deutsche, so viel Bankiers als 12 Millionen Deutsche, hingegen nur so viel Soldaten als 0000 Deutsche. (Heiterkeit.) Man mag hinschen, wohin man will: wo ein Sumpf sich entwickelt, sei cs Theatcrclend, Güterschlüchtcrci, Warenhaus, Mädchenhandel, überall fassen wir ihre Stammesgenossen, Wir wollen human sein auch gegen das Volk-Israel, verlangen aber Bescheidenheit. Unsere erste Pflicht ist jedoch die Humanität gegen unser deutsches Volk. Im besonderen bitte ich daher den Herrn Minister, die Polizei- Präsidenten oder die sonst zuständigen Behörden der östlichen Provinzen aiizuweisen, daß sie alle zuw a ml e r 11 d c n a u s I ii 11 d I s c h e 11 Juden als lästige Ausländer z u r ü c k s c h i c k e 11. (Große Heiterkeit.) Sollte diese Bitte etwa auf Grund der I Ifindelsverträge ubgewicsc» werden müssen, so bitte ich, man wolle die zuwaiidcrtulen jüdischen Hausierer usw. ohne weiteres nbschiebcn. Auf Grund von § 56d der Gewerbeordnung ist das zweifellos möglich. Geschieht dies mit Konsequenz, und Beharrliclikeit, so ist nicht nur ein gut Teil der Judenf r a g e g c I ö s t, sondern auch eine bedeutsame vatcrländische Notwendigkeit vollzogen. Auch im Interesse unseres heimischen Judentums müssen wir mit unserer Regierung der Ucberzeugung sein: Wir können die ausländischen Juden entbehren, denn «I c r Inland bedarf ist gedeckt. (Stürmische Heiterkeit.)“ . Wir freuen uns wenigstens, daß wir nicht zu den ״anständigen Juden“ gehören, mit denen Herr Heins übereinstimmt. Woher er seine Kenntnisse der Meinung der ״anständigen“ deutschen Juden hat, bleibt allerdings ebenso im Dunkeln wie die Quelle seiner die Heiterkeit des Abgeordnetenhauses erregenden Statistik. Voranzeige ln dem neuesten Hefte der Zeitschrift ״Liberale« Judentum“ veröffentlicht Justizrat Felix Mn ko wer einen Aufsatz ״M a k k a b ii e r I e s t". Er hat wohl gewußt, warum er diesen Aufsatz so zcitgcrccht, nämlich vor Purim, erscheinen ließ. Wir werden ihm auch erst in unserer nächsten Nummer gerecht werden, die im Zeichen der Puri!ustim1mu1g stehen wird. AUS ALLER WELT In Elsaß-Lothringen Bei der Beratung des Universitätsetats in der elsaß-lothringischen Kammer interpellierte der Zentrumsredner Dr. Pfleger die Regierung wegen der Berufung des ״jüdischen Professors“ Simmel auf den ersten philosophischen Lehrstuhl der Universität Straßburg. Ein tüchtiger Schulmann wäre nach seiner Meinung geeigneter gewesen Der Vertreter der Regierung erwiderte, daß Simmel nie Jude gewesen sei, was aber die Regierung nicht abgehalten hätte, ihn als den Tüchtigsten zu berufen. In E 1s a ß - Lo 111 r i 11 g en berufe man ohne Unterschied der Konfession den jeweils Tüchtigsten. Ein Druckfehler Im Kölner ״Israelitischen Ocmcindeblatt“ schreibt unser geschätzter Gegner Dal cd über das Gemeinde- Wahlrecht, Nachdem eine Erweiterung des Kreises der Wahlberechtigten verlangt worden ist, heißt es weiter: ״Die ganze Bedeutung dieser Seite einer wiinsehenswerten Walilreform ergibt sich aus der Tatsache (die übrigens für jede Großgcmcindc und auch manche Mittclgcmcindc feststellbar sein dürfte), daß von sämtlichen erwachsenen Personen der Berliner Riescjigemeinde von annähernd 150 000 Seelen noch nicht 21000 das Wahlrecht besitzen, während die Anzahl der Zionisten/ vielleicht das Doppelte beträgt." Lange brauchten wir, eite wir mit der Uebcrlegung zuende kamen, woher Daled diese Statistik der Berliner Zionisten hat. Das Ergebnis der Uebcrlegung war: Daled batte geschrieben ״Zen si teil“, und der Setzer, der wußte, daß man gewöhnlich mit der furchtbar drohenden Macht der Zionisten operiert, machte daraus ״Zionisten“. ' . Ein Beitrag zur Psychologie der Setzer, die antizionistische jüdische Blätter setzen. Die spanische ״Judenfrage“. Die ״Frankfurter Zeitung“ läßt sich aus Madrid vom 19. Februar schreiben: Durch eine Aeulkrung des Pariser ״Tcmps“ angeregt, die den Juden von Salonik die Absicht eines Auszugs nach Spanien unterstellt, hat sich die hiesige Presse, wie ja 111 der letzten Zeit des öfteren, einer eifrigen Erörterung der ״Judcnfrage" /!!gewandt. Sic pflegt ihre Erörterungen allerdings nicht mit nraktisehen Erwägungen zu belasten. Sie gellt vielmehr von gefühlsmäßigen oder politischen Gesichtspunkten aus, die mau für das eine Lager mit dem Schlagwort ״Los vom Mittelalter!" kennzeichnen kann, während sich das andere in antisemitischen Auslassungen minderwertigster Sorte ergeht. Des letzteren einziger Vertreter in Madrid, der karlistische ״Corrco Espanol", veröffentlicht eine Reihe von Artikeln, von denen man zweifeln könnte, ob sic von der Einfalt des Verfassers cingegeben oder auf die Einfalt der Leser berechnet waren. In Wahrheit schien da ein Schwachsinniger für Schwachsinnige zu schreiben. ' Beides war nötig, um zum Ikispicl die Veröffent- Hebung der vor einer mysteriösen Versammlung in einem Friedhof, ״am Grab unseres Meisters Kaleb“ (?1) gehaltenen Rede ״eines großen Rabbiners“ möglieh zu machen, in der alle Gemeinheiten, die der platteste Antisemitismus je dem Judentum vorwarf,

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