Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1914)
- Date
- 1914-02-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2651869-2651879--09475-2666805- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1 Nr. 9 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 93 Sa kam cs, daß der Antrag Dr. Ehrlich aut Ucbergang zur Tagesordnung über die Mitteilung des Präsidenten abgclchnt und die von Herrn Dr. Stern vorgenommenen Sistierung des Beschlusses über die Einsetzung einer ständigen Palästinakommission im Wiener Kultusvorstandc mit allen gegen vier Stimmen zur Kenntnis genommen wurde. Nur zwei nichtzionistische Vorstandsinitglicder stimmten mit unseren Gesinnungsgenossen: diu Herren Kais. Rat Weil und Dr. Spitzer. Aber gerade die anerkannte Gewissenhaftigkeit dieser beiden Männer zeugt dafür, wie vcmrteilcnswcrt die Handlungsweise des Präsidenten war. Die Einsetzung einer Palästinakommission in der jüdischen GroHgcmeindc Wien mit so weitem und ernstem Wirkungskreise, Wie ihn die Zionisten vorgeschlagen hatten, war ein überaus erfreulicher, ja denkwürdiger Fortschritt im jüdischen Gemeindeleben der Diaspora, und der Umstand, daß diese Neuerung nur durch die Willkür eines einzelnen und doch wohl nicht für immer vereitelt wurde, kann uns über den Schaden, welchen dieser wohl einzig dastehende Sistierungsbcschhiß im Gefolge hat, nicht hinwegtäuschen, weil wir jeden verlorenen Augenblick in der Arbeit für unser Volk tief bedauern. Aber wir schämen uns auch dieses Vorfalles, der den jämmerlichen Ghettogeist der ״Kahalwirtschaft“ vor aller Welt bloßstellt. Auf der einen Seite der Kehillagcwalthaber, der einfach legale Beschlüsse umstößt, den stellvertretenden Präsidenten desavouiert und seine langjährigen Mitarbeiter skrupellos preisgibt, wenn er seine Machtfülle bedroht sieht — auf der anderen die Herren vom Kahal, die nicht den Mut der Ucberzeugung aufbringen, für die beratenc und beschlossene Sache einzutreten oder aus träger Bequemlichkeit fürchten, aus ihrem behübigen Frieden geschreckt zu werden und deshalb lieber fünf gerade sein lassen, insgesamt aber wie ein Taschenmesser vor dem Präsidenten zusammenknicken .... Die Fabel von Babel Gesungene und getanzte Bosheiten von Gustav Krojanker Die Naturgeschichte des Assimilantcn ist um ein wichtiges Kapitel bereichert worden. Gustav Krojanker, der vor zwei Jahren in seiner Operette ״Ja damals in Aegypten“ den Ahnen des Assimilauten in einem durch altägyptische Chirurgie von seinem Rückgrat befreiten Juden entdeckte, hat ein neues Glied in die׳ Ahnenreihe Mauschels eiligefügt, indem er auf dem Ball der Hasmonaca selilagend bewies, daß die Assimilantcn im alten Babylon die würdigen Nachkommen jenes wirbellosen ägyptisehen Staatsbürgers jüdischen Glaubens und die echten Väter unserer heutigen Antizionisten waren. Alle die bekannten Typen der Berliner jüdischassimilatorischen Gesellschaft zogen^ im Doppelbild an uns vorüber, einmal im Modecafe am Kurfürstendainm und dann am Hofe König Ncbukadnez.ars II. von Babylon, und wir mußten konstatieren: sie sind die Alten geblieben. Krojanker hat mit viel Witz und geistreichem Spott der Methode der politischen Satyrc einen glänzenden Sieg verschafft. Denn nicht in der übermütigen Heiterkeit der köstlichen Stunde auf dem Hasmonäerball liegt die Bedeutung, sondem in dem Wert als politisches Kampfmittel. Sing lieber ein Liedei, gut ist als Waffe die Fiedel Wo Reden nutzlos verronnen, hat’s oft ein Witzwort gemacht. Im Hohlspiegel karikaturistischer Darstellung treten die charakteristischen Züge der Typen mit besonderer Schärfe hervor. Die Lächerlichkeit, die sich als Masscncrschcinung der oberflächlichen Beobachtung entzieht, wird in das konzentrierte Licht der Karikatur gezogen. Die logische Kette tiefgründiger Beweisführung abkürzend, prägt die Satyre schnell und eindringlich Werturteile und wird so zur scharfgeschliffenen Waffe im geistigen Kampf. Ueberall wo neue Entwicklung altes Gcdankcngcrümpcl über den Haufen werfen will, bedient sic sich der Karikatur und Satyre als wirksamer Waffe. Darin liegt die große politische und erzieherische Bedeutung der satyrischcn Presse vom Schlage des Simplizissimusl im Vergleich zu dem harmlosen Limonadenluimor der aus friedlicherer Zeit stammenden ״Fliegenden“. Wir Juden finden bei uns ja leider viel Stoff zu politischem Witz und auch viel Talent dazu. Aber bis vor nicht zu langer Zeit haben diese Talente sich nur an nichtjüdischem Stoff geübt - abgesehen von läppischem üewitzel, das nicht mit Satyre verwechselt werden darf. Wenn es noch eines Beweises dafür bedurfte, daß der Zionismus das politische und gesellschaftliche Leben der Juden von Grund auf!ungestaltet liegt er in der vom Zionismus geschaffenen judisch-pohtischen Satyre. Daß die jüdisch-politische Satyre im Kreise der Hasmonaca verständnisvolle und beifallsfreudige Aufnähme finden muß, ist ja nur natürlich. An den Beifalls- und Lachstürmen haben sich aber auch diejenigen unter den älteren Gästen beteiligt, die ei ge ntlieh nicht so beifallsfreudig sein dürfen, wenn cs gegen die Grundvesten und gegen die Spitzen der Assimilation geht. Aber ״das Völkchen spürt den Teufel nie und wenn er es beim Kragen hätte.“ Die Aufführung war in allen Teilen ganz hervorragend. Vor allem der Autor, der bewies, da II seine darstellerische Giarakterisierungskunst seinem glänzenden Witz nicht nachsteht. Besonders in der Hardenkarikatur als berühmter babylonischer Journalist Mcseritzelcs. Fräulein Grunsbaeli war sowohl gesanglich wie darstellerisch vorzüglich. Mit vollendeter Grazie spielte und tanzte sie die köstliche Kinoparodie mit Krojanker, dessen Mimik so beweglich war, wie sonst die Bilder auf der weißen Kinoleinwaiul. Frl, Kahn sang und spielte mit dem Temperament einer geborenen Soubrette. Von den vielen männlichen Mitwirkenden, die übrigens alle gut waren, muß besonders der Chor der Großkotzen hervorgehoben werden, die Herren Aron, Pataky und Wolf. Wolf war auch zwerchfellerschütternd als babylonischer Straßen- Verkäufer. Auch Herr Lehmann als Mister Meschuggc und als Hofopernsiingcr Jadlowkelcs, und Herr Rcisner als Kurfürstcndammjüngling waren ausgezeichnet. Die Aulführung wurde mehrfach gestört durch Herrn Langcndorf, der als Ncbukidnczar so urkomisch war, daß die durch ihn ausgclöstcn Lachstürmc den Fortgang der Handlung aufhicltcn. Die Musik war zum größten Teil modernen Operetten entnommen bis auf einige Nummern 11. a. der Chor der Großkotzen, die von Curt Adler koinponiert waren, Daß gerade diese am besten gefielen, war ein Zeichen für den guten musikalischen Geschmack des Publikums. Es wäre zu bedauern, wenn diese Satyre nur dieses eine Mal vor einem doch immerhin kleinen Kreis — cs dürften 500 Per* sonen gewesen sein — über die Bretter gegangen wäre. Man müßte die Aufführung vor einem größeren Publikum wiederholen. Diesem zur Freude und aus den angeführten politisch-erzieherischen Gründen. Aber möglichst bald, denn bei der jetzt so regen Bctätigung unserer Gegner kann man jeden Tag neue Streiche von ihnen erwarten, und dann wir« Krojankcrs «Stück, das ihre allerjüngsten zur Zielscheibe des Spottes macht, veraltet. E. R. Königsberger Brief Die neuste ״Störung“. Vor einigen Tagen fanden hier die Wahlen für das Vorstelicramt der Kaufmannschaft statt; unter andern waren vier Juden, darunter ein Mitglied unseres Synagogenvorstandes, Herr Bankdirektor X., als Kandidaten aulgestellt, wurden jedoch sämtlich nicht gewählt. Dieser Vorgang wurde hier wenig beachtet, da es ja nicht gerade ein aufregendes Ereignis ist, wenn einmal Juden gegen Nichtjudcn bei einer Wahl durchfallcn. Schon aber wälzt sich mit der unserm Gcmcindcklatsch eigenen Geschwindigkeit von Fainilic zu Familie, von Laden zu Laden und von Kontor zu Kontor die Botschaft: Die Zionisten haben die Wahl des Herrn Direktor X. vereitelt, weil — Herr X. der Einladung zu den Kartclltagsfcstlichkciten des V. J. St. nicht gefolgt ist. Wir stellten sofort fest: Unter den 7 50 korporierten Kau deuten, die als Berechtigte hei dieser Wahl in Frage kommen, sind — 16 Zionisten. Dem betreffenden Kandidaten fehlten, um gewählt zu werden, 30 Stimmen. Wir könnten uns mit dieser Feststellung begnügen, die übrigens die Urheber jener gloriosen Entdeckung ebenfalls sofort hätten machen können, sofern ihnen nur daran gelegen gewesen wäre, die Wahrheit zu berichten; wir haben jedoch nach den Vorgängen der lctz.ten Zeit keine Veranlassung mehr, diesen berufsmäßigen Hetzern eine Blamage zu ersparen, und so stelle ich weiter fest: Von den 16 korporierten Zionisten war einer zur Zeit der Wahl verreist, ein anderer krank, von den übrigen 14 haben 12, gcschrieben zwölf, nicht nur Herrn X, gewählt, sondern sich zum Teil in allgemein bekannter und bemerkter Weise für seine Wahl bemüht, darunter ei« alter Herr des V, J. St., Königsberg, nämlich — der eigene Bruder des Herrn X., Herr William X. Mehrere von diesen Herren sind sehr interessierte Zionisten und stehen dauernd in engster Fühlung mit der lokalen Parteileitung. Von den beiden noch übrigen, deren Stellungnahme nicht bekannt ist, steht fest, daß sie in keinerlei Weise jüdischpolitische Gründe gegen. Herrn X. geltend gemacht haben. Schmählicher und schneller und blamabler für die Verbreiter ist eine für antizionistische Zwecke lancierte Lüge noch nie aufgedeckt worden. Früher konnten wir über solche Dinge, die wir dutzendweise! erlebt haben, lachend zur Tagesordnung übergehen; diesen Luxus können wir uns nicht mehr gestatten, seitdem die Bekämpfung des Zionismus durch Verdächtigungcn unserer Kampfesweise und damit unsercr Personen zum perfiden System erhoben worden ist. Von jetzt ab soll uns keine Verleumdung zu dumm und zu widerwärtig sein, als daß wir sie nicht sofort, wenn sie zu unserer Kenntnis kommt, der ()Öffentlichkeit und damit der Kritik des anständigen Judentums preisgehen werden. Hätten wir diesmal geschwiegen, so hätte dieses neue Beispiel ״zionistischer Kampfesweise" bereits in den nächste« Wochen i!1 Versammlungen in andern Städten, wo wir zur Richtigstellung nicht zur Hand sind, als Glanzstück seine Rolle gespielt, und die öffentliche Meinung wäre durch eine Lüge mehr vergiftet worden, und wir hätten im besten Falle erst nach längerer Zeit durch eine Notiz im Hamburger Israelitischen Fainilicnblatt, etwa unter der Spitzmarkc ״Zionistischer Terrorismus“, davon erfahren, wenn es zu einer Widerlegung zu spät gewesen wäre. Ich kann übrigens berichten, daß über die edle Entdeckung niemand^ mehr gelacht hat, als Herr X. selbst; es muß wohl wahr sein, denn mein Gewährsmann ist sein Bruder. Daß bei dieser Wahl tatsächlich von jüdischer Seite, aber von einer ganz andern als von den Zionistcrt, gegen Herrn X. gearbeitet worden ist, stellt fest; die Gründe für diese Gegnerschaft sollen teils auf persönlichem Gebiet gelegen haben, teils handelte cs sich um die Rivalität zwischen zwei Großbanken und ihrer Anhängerschaft. Welche Gründe diese Kreise gegen Herrn X. geltend gemacht haben, geht uns natürlich gar nichts an; ob übrigens die drei andern nicht gewählten jüdischen Herren, die, wie ich bezeugen kann, bisher nicht in die Lage gekommen sind, Einladungen des V. J. St. ablchncn zu können, auch durch die Schuld der Zionisten durchgefallcn sein sollen, haben wir bis jetzt nicht fcststcllcn können. Dieser verlogene Klatsch kursiert nun, und das ist der Grund, warum ich mich überhaupt mit dieser Sache öffentlich befasse; nicht nur unter Uniformierten, sondern auch ernste Personen in der Ocmeinde, die mitten im jüdischen Leben stehen, berichten mit voller Gläubigkeit von dieser neusten zionistischen Untat. Es ist eben keine Lüge so dumm und keine Verleumdung so sinnlos und nichtswürdig, als daß sie nicht ohne weitere Prüfung glatt hingenomtnen würde, wofern sie sich nur gegen Zionisten wendet. Diese neue Lüge Ist übrigens zeitlich nicht ungeschickt lanciert: Denn nun, da so ziemlich die gesamte Königsberger Gemeinde bis tief in die Reihen der enragiertesten Antizionisten hinejn die antizionistischc Zeitungserklärung mit nicht mißzuvcrstchendcr Deutlichkeit abgclchnt hat, hört man bereits sagen: Diese neueste Leistung der Zionisten zeigt doch, daß die ״Erklärung“ ganz gerechtfertigt war. Man beachte die Tartüfferie: Man erfindet die Lüge, Zionisten hätten aus Parteigründen jemanden, der ihnen nicht paßt, nicht gewählt, und stellt dies als wer weiß was für eine Abscheulichkcit dar; das tun dieselben Leute, die unaufhörlich das Sprüchlein im Munde führen: ״Wählt keine Zionisten“ und die die Verrufserklärung im ״Berliner Tageblatt" für eine honette Tat erklären. Dr. Walther Stein. Stettiner Brief Im Zentralverein sprach Herr Dr. Holländer über ״Wirtschaftliche Sorgen der deutsehen Juden“; er schilderte die wirtschaftliche Zukunft der deutschen Juden durchaus pessimistisch und wies darauf hin, daß vieles nicht auf Antisemitismus, sondern auf notwendiger wirtschaftlicher Ent- Wickelung beruhe. Trotzdem hielt er cs für möglich, daß der Zentralvcrein Wandel schaffen könne. Im Saale wurde die antizionistischc Broschüre verteilt und der Vorsitzende, Herr Justizrat Levin, wies auf den Aufruf des antizionistischen Komitees hin. In der Diskussion wandte sich von zionistischer Seite Herr Dr. Ba er gegen den Aufruf, insbesondere gegen die Verdächtigung der patriotischen Gesinnung der Zionisten. Die folgenden Redner wiederholten sämtlich den alten Vorwurf, ohne sich jedoch dazu zu äußern, daß von christlicher Seite dieser Vorwurf noch nie gemacht worden sei. Trotzdem sich samtliehe Redner gegen den Zionismus wandten — die wirtschaftlichen Sorgen der deutschen Juden vergaßen sie — und im Saale die antizionistischc Broschüre verteilt wurde, behauptete Herr Dr. Holländer doch im Schlußwort daß der Zentralvcrein nicht gegen den Zionismus, sondern nur gegen einzelne Zionisten kämpfe. Der Jugend b u 11 d veranstaltete eine Propagandnversammlung, zu der die Jugend Stettins nicht erschien. Von 20 anwesenden jungen Leuten waren 14 Mitglieder des Turnvereins. Frl. Cora Berliner setzte das Ncutralitätsprogramm auseinander; in der Diskussion wurde von zionistischer Seite darauf hingewiesen, daß wirkliches Gemeinschaftsgefühl nur auf Anschauungsgemeinschaft beruhen könne. Die zionistische Jugendgruppe, die ihre* Fuxcnstunden und Vorträge fortsetzt, veraastattete eine Makkabäerfeier; die Festrede hielt Herr Referendar Lelcvcr-Samter, der die Jugendgruppe gegründet hat.