Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1914)
- Date
- 1914-02-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 91 Als hoffende, begeisterte Jungen wachsen sie heran, die ihre Aufgaben kennen. Sie sind sich ihres Wertes bewußt; sie wissen, was es heißt, Schüler des ersten hebräischen Gymnasiums in Palästina zu sein und sic sind entschlossen, die Hoffnungen, die das jüdischc Volk auf sie setzt zu erfüllen. Es ist eine im besten Sinne erhebende und begeisternde Atmo- Sphäre und Lebensstimmung, von der das Gymnasium beherrscht wird. Neben dem Gymnasium in Jerusalem, dessen Existenz bereits gesichert ist, das eine vielversprechende Entwicklung nimmt und sieh vom laffaer auch in religiöser Hinsicht unterscheidet, sei hier vor allem die vom Odessaer Komitee unterhaltene Mädchenschule in Jaffa (Ikth-sefer lebnnoth) genannt, au die sieh seit zwei Jahren ein Lehreriniiensemhiar angliedert. Man kann diese Schule als die zweifellos beste Schule Palästinas bezeichnen, als eine Schule, die in ihrer pädagogischen Vollkommenheit auch für europäische Verhältnisse eine Mustcrscluilc wäre. Diese Schule, in ihrem wissenschaftliclnn Pensum etwa einer deutschen Mittelschule entsprechend, hat bereits viele der Mängel des Gymnasiums überwunden. Vor allem; sie hat einen Direktor, der schon durch seine Persönlichkeit die hervorragende Qualität der Anstalt garantiert; und um diesen Direktor gruppiert sich ein Kreis van Lehrern, die zu den ältesten und besten Pionieren des hebräischen Schulwerks in Palästina zählen; und ferner: sie hat bereits Tradition als — neben der Allianccschulc — älteste Schule Jaffas. Wer die außerordentliche Sauberkeit und Präzision wahrgenommen hat, mit der die Mädchen dieser Schule sich kleiden, wer das ruhige, bescheidene, wohlerzogene Benehmen dieser Schülerinnen bemerkt hat und weiß, aus welch ärmlichen Kreisen sie stammen, ,Wird erst den Wert und die Größe der Erziehungsarbeit bemessen können, die hier vollbracht worden ist. Ergebnisse der Aktion für das hebräische Schulwerk Zusammenstellung der Ausweise in Nr. 1—8 der ״Welt״•. Aus Deutschland; 1. Berlin.15 985.30 2. Breslau .... 3 528.65 3. Königsberg . . , , 20S5.50 י 4. Elberfeld . . . , , lö$1.72 5. Hamburg . . . , , 1 793.75 6. Bcuthcn . . . 1 778.- 7. Mannheim . . t י 1 736.- 8. Frankfurt a. M. 1 666.— 9. Zwickau . . . , י 970.- 10. Kattowitz . . . , , 900.- 11. München , . . , , 762.- 12. Posen .... 626.50 13. Danzig . . . . 580.- 14. Köln. י י 578.- 15. Düsseldorf . . . 505.- Andere Städte . . . 9 544.96 Zusammen 45 081.38 Aus den Landesor ganisationen: 1. Rußland . . . , 70483.- 2. Deutschland . . , , 45 081.38 3. Westösterreich . , , 14 525.67 4. Galizien . . . , , 6672.46 5. Türkei . . . . , , 5115.92 6. Amerika . . . , 5 040.42 7. Kanada . . . . , , 3357.60 8. Rumänien . . . , , 2544.10 9. England . . . , , 1 184.15 Andere Länder . , , 4 $44.26 Zusammen 15$ 848.96 Dazu Ausweis Nr. 9: 34 131.88 Bisheriges Resultat: 192 980.84 ״Im Kampf um die hebräische Sprache“ Soeben ist die Broschüre ״Im Kampf um die hebräische Sprache“ vom Zionistischen Actions-Comit(• herausgegeben worden. Viele tausend Exemplare der Broschüre sind kurz nach dem Erscheinen der Schrift verlangt worden, so daß neue Auflagen nötig geworden sind. Jetzt sind in dieser sachlichen Schrift, die reiches Tatsachenmaterial über den Sprachcnkampf in Palästina enthält, nicht nur Darstellungen über die Bedeutung der hebräischen Sprache für das Ge- Samtjudentum, über das Schulwcrk in Palästina, den Kampf der letzten Monate und die Broschüre Paul Nathans enthalten sondern sie orientiert auch über den Verlauf der Sitzung; des Kuratoriums am 22. Februar, in der die Hebraisicrung des Technikums in Haifa beschlossen wurde. Die Broschüre ist kostenlos beim Zionistischen Zentralbureau, Berlin W. 15, Sächsische Str. 8, zu erhalten. Bestellungen mögen sofort aufgegeben werden. Dr. Nath&n uni die jüdischen Arbeiter in Palästina Von maßgebender poale - zionistischer Seite, die auch mit den Verhältnissen in Palästina ausgezeichnet vertraut ist, erhalten wir folgemie Erwiderung auf die in der Broschüre Dr. Nathans gegen die palästinensischen Anhänger des Jüdischen Sozialistischen Verbandes Poalc-Zion gerichteten Angriffe: 111 dem so kunstvoll lancierten ״gedruckten Manuskript“ — ״Palästina und palästinensischer Zionisimis“ — des Herrn Dr. Paul Nathan versichert zunächst der Verfasser, daß er persönlich keinen Kamp[ gegen den Ziouixmmi“ wolle, er warnt sogar freundschaftlich an mehreren Stellen der Broschüre die zionistische Bewegung vor einem ״kleinen Kreis unbesonnener, exaltierter und intrig.mtcr Elemente" und chauvinistischer Fanatiker (S. 60), die angeblich die Führung im Kampfe gegen den I lilfsvcrein au sieh gerissen haben. Auf S. 58 der Schrift, die sich vergeblich bemüht, die Höhe eines politischen Pamphlets zu erreichen, wird schließlich das Geheimnis gelüftet, und die Poalc-Zion als diese palästinensischen Chauvinisten entlarvt. Wir halun keinen Grund, den vergifteten Pfeilen des Herrn Dr. Nathan aus dem Wege zu gehen, denn sie werden vom blanken Schild der Poalc-Zion kläglich abprallcn. Der Kreis der politisch oder gar sozialistisch denkenden jüdischen Arbeiter und Intellektuellen in Palästina ist nicht groß. Wenn Herr Dr. Nathan gerade dieses 1 läuflein in erster Reihe für den Zusainmcnbruch seiner Politik verantwortlich macht, so zeigt er dabei keinen schlechten Instinkt. Denn in der Tat: die Arbeiter Palästinas waren es stets, die die schonende und entgegenkommende Taktik der Zionisten gegenüber dem Hilfsvcrcin von Anfang an mißbilligt und die nunmehr vollzogene ״Entwicklung“ derer um Dr. Nathan vorausgesagt haben. Im ״Jüdisehen Arbeiter“, dem Organ der österreichischen Poalc-Zion, dann im ״Haachduth“, der Wochenschrift der poalc-zionistischcn, und im ״Hapoel-Hazair“, dem Blatte der zionistischen Arbeiter Palästinas, wurde seit Jahren auf die assimilatorischen Tendenzen des Hilfsvereins hingewiesen. Daß aber der Vertreter einer jüdischen Organisation, die zu den größten gezählt werden will und vornehm tut, derart wahllos in den Kampfmitteln sein wird, hätten die größten Skeptiker unter uns nicht vorausgcschcn. Herr Dr. Nathan behauptet: ״Der Hochmut, die Anmaßung, die Gewalttätigkeit, die jener kleine chauvinistische Kreis in Palästina , glaubt betätigen zu dürfen, er tritt auch fjegen•' über den Mohammedanern in die Erschein u n g. Dieser Kreis gibt die Parole aus, die arabischen Arbeiter aus den jüdischen Siedlungen und aus den jüdischen Kolonien vollkommen h c r a u s z u d r ii n g e n. Die Folge sind Reibungen, die Folge ist Feindschaft, und die weitere Folge war die Organisation eines besonderen jüdisehen Wächterkorps, das bereits den Arabern kleine Scharmützel liefert und von Woche zu Woche gibt es erschossene Araber und ermordete Juden, und die Blutrache schürt die Gärung dann weiter“ . . . ״Den Gefahren auf dem Lande entspricht der Unfriede, der durch die Poale-Zion vor allem in den Städten erregt wird . . . Sie vertreten die allerextremsten wirtschaftlichen Anschauungen; sie untergraben das gute Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmen! und schädigen damit ernstlich die wirtschaftliche Entwicklung des Landes“ . . . Wir unterlassen es, die Acußcrungcn zu kennzeichnen. Wir konstatieren bloß, daß sich Herr Dr. Nathan durch seine ungeheuerlichen Anschuldigungen auf die Seite der schlimmsten Feinde der jüdischen Einwanderung und Kolonisation in Palästina geschlagen hat und ihnen zum Kampfe gegen das jüdische Kulturwerk in diesem Lande freiwillig Waffen liefert. Es ist eine Unwahrheit, daß die Poale- Zion die Parole ausgegeben hätten, die arabischen Arbeiter aus den jüdischen Kolonien zu verdrängen. Wir sehen, als Sozialisten, ökonomisch zu klar und sind von nationalistischer Engherzigkeit zu sehr entfernt, um nicht zu wissen, daß dies weder ein erreichbares, noch ein schönes Ziel wäre. Die Poale-Zion haben stets die Ansicht vertreten, daß der Zustand in der Mehrheit der bestehenden nrivatwirtschaftlichen Kolonicn, wo jüdischen Grund- und Plantagenbcsitzern arabische Arbeiter gcgcnübcrstehcn, ein national und sozial ungesunder ist. Wir haben stets betont, daß es die Aufgabe der jüdischen Kolonisation ist, den besitzlosen Einwanderern Arbeitsgelegenheit zu verschaffen und den Zutritt zum Boden zu ermögliehen. Wir haben es als unsere nationale und soziale Pflicht bezeichnet, durch Sclbstarbeit das sittliehe Recht auf den von uns okkupierten und der Kultur erschlossenen Boden zu erwerben. Wir haben daher ein Siedlungssystcm verworfen, das kapitalistische Zersetzung in das primitive arabische Dorf trägt. Wir widersetzen uns jeder Besitzergreifung in Palästina, die jüdisches rechtlieh es Eigentum und nicht Arbeitseigentum schafft. Diesem hohen sittlichen und sozialen Ideal dienen die Hunderte und Tausende von jüdischen Arbeitern und Intelligcn21crn, die in die alte Heimat gehen und sich aus Städtern zu Landarbeitern und Wächtern mühselig durchringen. Kein Opfer an Out und Blut, kein Bruch mit unveränderlich geltenden Lebenssitten ist diesen jungen Männern und Frauen zu schwer, denn sie suchen in Palästina eine Stätte von Arbeit und Freiheit. Eine Verdichtung der arbeitenden Bevölkerung Palästinas erstreben wir, nicht die Verdrängung irgendeines Teiles der Bewohner des Landes. Vor diesem stillen Heldentum sollte ein Dr. Nathan den Hut ziehen, anstatt nach den frischen Gräbern der gefallenen Arbeiter und Wächter mit Steinen zu werfen. Es ist eine gewissenlose Erf i n d 11 n g , daß die jüdischen Wächter gewalttätig Vorgehen und den Arabern Scharmützel liefern. Der ״juacnfrcsserische“ Karmel-Redakteur hat sich eine derartige Behauptung noch nicht geleistet. Wahr ist, daß im letzten Halbjahr allein in Judäa und Galiläa vier jüdische Arbeiter und drei Wächter größtenteils aus «(ein Hinterhalt ermordet wurden. Bei Zusammenstoßen mit arabischen Dieben und Räubern soll auch ein Araber schwer verletzt worden sein. Infolge der schlechten Sicherheitsverhältnisse hat die türkische Regierung die jüdische Wache in Untergaliläa an- 1• rkan nt und ihr behördliche Befugnisse übertragen. In diesem Augenblick wagt nun Herr Dr. Nathan, ohne auch nur eine Tatsache aimifiiliren, zu beliaupteil, daß man die Christen in Palästina, ״provokatoriseli in ihren Empfindungen zu verletzen und zu mißachten für nüt/.licfi“ halle, und hetzt das Arabertum und die uneingeweihte europäische Oeffentlichkeit gegen uns und das ganze jüdische Siedlung»- werk in Palästina auf. Dem Sozialpolitiker Dr. Nathan, der in Berlin W. radikal tut, sind die Bestrebungen der Arbeiter zur Verbesserung ihrer Lage in einem Lande ohne jeden gesetzlichen Arbeiterschutz die ״allerextrcmsten“I die die wirts chaftliche Entwicklung des Landes schädigen. Die jüdische Arbeiterschaft Palästinas ist bemüht, dort, Wo es möglich ist, durch die Festsetzung eines Minimallohns, durch die Errichtung von wohlfeilen Arbeiterwohnungen und -küchen, durch genossenschaftliehen Zusammenschluß ihre Lebenshaltung gegen die lohndrückende Konkurrenz einer bedürfnislosen Bevölkerung zu sichern. Sie wehrt sich gegen die Tendenz, sic auf ein noch niedrigeres Lebensniveau, als in den Ländern Osteuropas zu bringen. Es kennzeichnet den Liberalen Dr. Nathan, daß er diese selbstverständlichen Bestrebungen der Arbeiterorganisationen als eine Gefahr hinstellt. Durch den Vorwurf der übertriebenen wirtschaftlichen Forderungen• widerlegt übrigens Dr. Nathan seine eigene grundlose Behauptung, daß wir die Araber zu verdrängen suchen. Denn wie kann die jüdische Arbeiterschaft mit ihren höheren Bedürfnissen und Lohnsätzen eine viel tiefer stehende und genügsame Arbeiterschicht unterbieten? Es läßt sich mit mehr Recht behaupten, ' daß die jüdische Einwanderung dazu beigetragen hat, die Lebenslage und die Löhne der Araber zu steigern. Herr Dr. Nathan weist schließlich den Poale- Zion auch in dem Kampfe um die Vorherrschaft der hebräischen Unterrichtssprache einen besonders ehrenvollen Platz zu. Er erzählt, daß die Vertreter der Poalc-Zion ״übrigens auch die ersten Strcikvcrhandlungcn zwischen unseren Lehrern in Jaffa und den Herren des Gymnasiums bereits im Sommer 1913 führten“. (Sperrdruck in der Broschüre.) Die Poalc-Zion hätten keinen Grund, wenn diese Behauptung wahr wäre, ihren Weitblick zu verleugnen. Allein die ganze Schaucrmär gehört zu dem in der Broschüre Dr. Nathans fleißig zusammcngctragcncn Reporterklatsch, den er für Oeschichtsschrcibung ausgibt. Jedenfalls widerruft Dr. Nathan hierdurch seine eigenen wiederholten Behauptungen, daß ״seine Lehrer“ sich nie mit umstürzlerischen Streikplänen trugen und erst durch die Parole des Zionistenkongresses und der ausgetretenen Mitglieder des Kuratoriums zu ״Unruhen“ und ״Vertragsbrucl!“ verleitet wurden. Schwerer wiegt, daß Herr Dr. Nathan nicht nur auf wirtschaftlichem Gebiete uns als Araberfeinde hinzustellen den Mut hat, sondern daß er auch in der Schul- und Sprachenfrage sich der Bundesgenossenschaft des judenfeindlich gestimmten Teiles der arabischen Ocffentlichkeit zu versichern sucht. Er berichtet von einer mohammedanisehen Deputation, die sich bei ihm in Haifa danach erkundigte, ״ob denn auch Mohammedaner Aufnähme in die von uns begründeten Institute in Haifa finden würden“, und von einer Eingabe mohammedänischer Persönlichkeiten an die Regierung in Konstantinopel, darüber zu wachen, daß die Schulen in Haifa den Mohammedanern keinen Schaden bringen. Dr. Nathan ist über diese Eingabe erstaunt und führt dieses Mißtrauen auf die Begründung des von zionistischer Seite beantragten Lehrplans zurück, ״auf die jeder nationale Chauvinist und also auch jeder Antisemit stolz sein kann. Es ist selbstvcrständlieh“, fügt Dr. Nathan hinzu, ״daß diese tiefgründigen politischen Anschauungen in Haifa nicht unbekannt geblieben sind“. Es mag dahingestellt bleiben, wer die Haifaer ״mohammedanischen Kreise“, die dem christlichen Hetzblatt ״Karmel“ sehr nahe zu stehen scheinen, über die zionistische Begründung des Lehrlans so eingehend informiert hat, während sie außeralb des Kuratoriums bis nun unbekannt geblieben ist. Herr Dr. Nathan will durch all diese Andeutungen den Eindruck erwecken, daß die hebräische Unterrichtssprache als Mittel gedacht sei, um die Araber aus den jüdischen Lehranstalten und dem Technikum auszuschlicßen. Es ist allerdings ein Geheimnis des Herrn Dr. Nathan und seiner ״mohammedanischen“ Gewährsmänner, warum die deutsche Unterrichts- Sprache den Arabern vertrauter und erwünschter sein soll, als die der arabischen durchaus verwandte hebräische Sprache. Ein wirklicher Freund der arabisehen Kulturrenaissance, der keine politischen Hintergedanken hegt, müßte den Arabern weder ein deut- . sches, noch ein französisches Technikum, sondern 1 9