Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1914)
- Date
- 1914-02-13
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 6/1 ,,ALLJUDENTUM“ Von Hugo Herr mann. Was ist K. C.? Der K. C. (Kartell-Convent) ist eine Inkonsequenz. Wenn man Kartell mit K schreibt, kann man Konvent ebenso schreiben; zieht man für Convent C v׳or, dann ist auch für Cartcli C richtig. Der K. C. ist ein Verband jüdischer studentischer Verbindungen, der die volle Assimilation der Juden anstrebt. Hin Verband, dessen Ziel seine eigene Auflösung ist.!;ine Inkonsequenz. Der K. C. ist der Mittelpunkt des organisierten Antizionisimis in Deutschland, ln dem vor wenigen Wochen hcrausgcgcbcncn kleinen Pamphlet des ״Antizionistischen Komitees" wird der Zionismus im Namen der jüdischen Religion bekämpft. Und unterschrieben ist dieses Produkt von Leuten, die ihre Kinder taufen lassen . . . Der K. C. bestellt für sein Organ, die ״K. C.-Blütter", einen Artikel von F. M. Kaufmann, dem Redakteur der ״Freistatt", der den Zionismus als eine ״volksfremde" Bewegung zu bekämpfen pflegt und den vollen Anschluß an das Alljudcntum von den Westjudeu fordert. Die K. C.-Bläiter bringen diesen Artikel, weil er den Zionismus bekämpft, und stehen im übrigen etwa auf dem Standpunkte der Duisburger Cializianer• Töter. Ich begreife den K. C. Er nimmt Waffen gegen den Zionismus, wo er sie findet. Er ist eine Inkonsequenz. Aber ich begreife Herrn Kaufmann nicht. Er findet, wir seien instinktvcrlässcnc Assimilanten, und bietet denen, die selbst er als noch instinktvcrlasscnere Assimilantcn erkennen muß, seine guten Dienste gegen uns an. Sollte er denen nahekommen, deren einziges positives jüdisches Programm der Antizionisimis ist? Bisher behauptete er, ein anderes zu haben: die Bejahung des Galutli. Er sprach von den Kräften der Expansion und Kovroboration, die in den jüdischen Massen lebendig seien und auch für die Zukunft eine schöpferische Entwicklung verbürgten. Er gab zwar die Westjuden preis, diese ״blutleere, volksfremdc Intclligenz," von der der Zionismus als lächerliche Spottgeburt in die Welt gesetzt sei, aber er setzte alle Hoffnung auf das Volk, auf die Masse, auf den ewigjungeu Organismus des Alljudentums. Diese Gcdaiilccngünge hat Herr Kaufmann in der Monatsschrift ״Freistatt" entwickelt, deren übrige Mitarbeiter zum großen Teil dem Zionismus sehr nabe stellen. Ich glaube, daß wir Herrn Kaufmanns Ausfiilimngcn, hinter denen übrigens ein größerer steht als der sie niederschreibt, ernst nehmen müssen. Wir müssen prüfen, ob seine Einwände gegen unsere Ideologie sticlihalteu oder unberechtigt sind. Er tritt am schärfsten unserem Pessimismus in bezug auf das Galullijudentuni entgegen. Der Zionismus sehe Überall Verfall, Untergang, Auflösung; in Wirklichkeit gebe es starke aufbauendc Kräfte auch in der Zer- Streuung. Wir wollen nun hier nicht wiederholen, was sehr ernst zu nehmende Theoretiker und Praktiker an Verfallserscheinungen festgestellt haben; man müßte ja wahrhaftig blind sein, um sie im jüdischen Leben, auch in dem des Ostens, nicht zu sehen. Wir wollen uns nur fragen, welche entgegenwirkenden Momente Herr Kaufmann anzuführen weiß. Da nennt er die großen Bewe* gungen der Binnenwanderung und der Emigration, die Massen an wenigen Punkten der Erde führen, vor allem zur immer weiter gehenden Konzentration der jüdischen aber die ״jiddische Kultur", die sich in der jiddischen Dichtung, Literatur, Presse und im jiddischen Theater ausspricht Es ist richtig, daß in den Organen des westlichen Zionismus im allgemeinen den sehr wichtigen Ersehn• nungen der Binnenwanderung und der Emigration zu wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Wir sollten uns viel mehr mit diesen Tages- und Lebensfragen des Ostjudentums beschäftigen; unter anderem auch, um falschen Auffassungen und Folgerungen entgegentrete!! zu können. Dann wird auch die in manchen -- zum Glücke kleinen und immer kleineren — Kreisen des Zionismus übliche Geringschätzung des ״Jargons" und des ״Jiddischismus" einer gerechten Würdigung Platz machen. Wir können und wollen nicht verkennen, dal) in diesem ״Jargon" lebendiges jüdisches Leben pulsiert, daß sich in ihm genau wie im Zionismus der Lebenswille des jüdischen Volkes ausspricht. Wir leben in einer Zeit, wo das Judentum nach Mitteln sucht, seinen Lebenswillen zur Tat werden zu lassen, wo das jüdische Volk den Weg zu seiner Zukunft sucht. Und es gibt keinen Weg zur Zukunft als durch die Gegenwart. Jiddisch ist Gegenwart. Allein wir müssen auch klar erkennen, daß Jiddisch nicht die Zukunft ist. So wie Binnenwanderung und Emigration nicht das Galutluibcl beseitigen können, das darin bestellt, daß die Judeu überall eine schwache Minorität sind, daß sie sich überall in einzelnen wenigen Berufen häufen und also, da sie auf fremde Produzenten und auf fremde Konsumenten angewiesen sind, kein soziales Ganze darstcUen; ebensowenig verhindert die jiddische Kultur, daß das Leben des ״gewaltigen Organismus des Judentums“ zerfällt, sich zerspaltet, daß jedes der sich hcraussondcrtulcn Judcntümcr sich seinen eigenen Weg zur Zukunft sucht, Wege, die sich nie an dem Ziele ״innere Einheit der jüdischen Gemeinschaft" schneiden werden. Die Zukunft, die wir wollen, das stark und fruchtbar nationale Leben des gesamten Judentums, wird nie das Ergebnis eines die Gegenwart zum Gesetz erhebenden ״Alljudentums", sondern nur eines umbildcnden, umwandelnden Eiulicitswillens sein. Wenn Herr Kaufmann an die Zukunft des zerteilten Judentums glaubt, so kommt das daher, daß er ökonomischen, matcrialistisehen Uebcrlegungcn vor allem Raum gibt und jene unterschätzt, die Leben als das ansehen, was cs ist: als Leben. Herr Kaufmann verlangt, wir sollten doch das Judentum seiner natürlichen Entwicklung überlassen, es werde sich schon durchzuringen wissen. Wir können das nicht glauben. Wir sehen, wie das Judentum sieh vor unseren Augen -- wenn der Ausdruck erlaubt ist — zerentwickelt; wir müssen, in der Lage, in der wir sind, auf Expansion verzichten und den Kern unseres Lebens sichern, vielmehr erst neu schaffen. Bismarck hatte doch mit einem stärkeren Volke zu tun als