Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1914)
- Date
- 1914-02-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 7 J U EDI SC H E RUNDSCHAU Seile 73 Kulturfortschritte in Jaffa Von Egon Probst (Jaffa). Wieder steht Jaffa im Zeichen der Orangenernte, ln den engen, schmutzigen llafengnssen stauen sich die!äugen Kamclziigc, die aus dem dunkelgrünen Gürtel . der die Stadt weithin umschließenden Orangengärten und noch weiter 11er aus den deutschen und jüdischen Kolonien der Ebene Saron die reife, in saubere, neue Kisten verpackte 1-rucht zum Hafen tragen. Ein ungewöhnliches Leben und Treiben, Drängen und Stoßen, Schreien und ücstikulicren herrscht hier auf den! altertümlichen Kai, von dem die hochbefrachtctcn Leichter, in der Braudüng schwankend, die edle Frucht den Dampfern zuführen, die draußen auf der Reede ungeduldig an den Ankerketten zerren. Von Jahr zu Jahr reichlicher fließt die Gabe, die Jaffa um diese Zeit dem winterlichen Norden darbringt. Immer weiter dringt der Ruf der Jaffa- Orange, die schon seit Jahren am Livcrpooler Markte den ersten Platz cinniinmt, und die heute, dank den Bemühungen der Deutschen Palästina-Bank und der Deutschen Levante-Linie, im Begriffe stellt, sich auch den Hamburger Markt zu erobern. Auf etwa zwei Millionen Kisten wird die diesjährige gesamte Orangenausfuhr Jaffas geschätzt, eine Zahl, die in stetem Steigen begriffen ist, da immer neue Pflanzungen angelegt werden und ältere Pflanzungen in die Jahre der Tragfähigkeit gelangen. Wie viele Mühen und Hoffnungen, Verluste und Enttäuschungen haben sich abgelöst, bis sich Jaffas Orangcnproduktion aus bescheidenen Anfängen zu seiner heutigen Bedeutung entwickelt hat, bis sic zu Erfolgen gelangte, die in erster Linie nur dadurch erreichbar wurden, daß eine gründliche Acudcrung in den traditionellen Methoden der latiileingcsesscnen Bevölkerung hinsichtlich Bewässerung und Düngung der Gärten eintrat. Einen ganz bedeutenden Anteil an der Orangen- Produktion Palästinas besitzt bekanntlich das j ii - d i s c h c Element des Landes, das unter zionistischer Propaganda immer mehr zu einem wertvollen Faktor im Wirtschaftsleben Palästinas erstarkt. An der Spitze seiner blühenden und meist Orangcnbau treibenden Kolonien stellt das Dorf P c t h a c h - T i k - wall, das vor etwa 22 Jahren gegründet wurde und heute etwa 2500 Einwohner zählt, ln einer 2Va ständigen Entfernung nordöstlich von Jaffa hat sich diese Kolonie sozusagen aus einem Nichts entwickelt. An der Stelle, an der sich vor 22 Jahren noch wüstes Land dehnte, steht heute ein reiches, ausgedehntes Dorf inmitten fruchtbarer Felder und Orangcngärten. Harte, ziclbcwußtc Arbeit ist hier von den jüdischen Einwanderern im Laufe der Jahre geleistet worden, und unentwegt wird heute an dem Kolonisationswerk wcitcrgcarbcitct, indem sich die Ansiedler alle Errungenschaften moderner Technik, soweit diese irgend in den Rahmen dieses Werkes passen, zunutze machen. Einen Beweis hierfür bildet eine genial durchgeführte Bewässerungsanlage, eine halbe Stunde uordöstlich Pcthach-Tikwahs, an dem hier dicht au die Orangengärten der Kolonie herantretenden Nähr el Audschc. Diesen, das ganze Jahr hindurch Wasser führenden Fluß, von dem bisher nicht ein Tropfen dem wasserbedürftigen Lande zugute kam, hat ein jüdisches Syndikat, die in Charlottcnburg eingetragene, mit einem Kapital von 100000 M. arbeitendc Bewässcrungsgescllschaft Palästina m. b. Fi, nutzbar gemacht. Mittels Motorkraft wird das Wasser aus dem Fluß gesogen und auf die Felder der Kolonie und in deren Orangengärten, soweit diese nicht mit eigenen Brunnenanlagcn versehen sind, wcitcrgelcitet. Die Anlage, die das erste derartige Bewässcrimgswerk Palästinas darstellt, ist überaus interessant und der näheren Betrachtung wert. Steil am Ufer einer der zahlreichen Windungen des Flusses erhebt sicli ein einstöckiges, mit flachem Dach versehenes Gebäude, dessen Erdgeschoß aus Eisenbeton bestellt, während die obere Etage sowie das Dach ous Zcmcntzicgcl errichtet ist. Das Ganze macht mit seinen hohen Spitzbogenfenstern und seinem zinnengekrönten Dache einen äußerst gefälligen und von den typischen Mnschincnliäuserii angenehm abstechcndcn Eindruck. Das Wasser des Flusses wird zunächst durch einen im unteren Stockwerke des Gebäudes aufgestellten 70 pt'crdigen Sauggasmotor aufgesaugt und alsdann mittels einer Kreiselpumpe wcitcrgelcitet. Auf diese Weise werden stündlich 800 cbm Wasser in die Lcitimgsrohrc gepumpt und auf eine Entfernung bis zu 3>/a km den Feldern und Oraiigcngärtcii Pcthach-Tikwahs zugeführt Neuerdings ist von der Bcwässcningsgcsellschaft ein als Rescrvcmaschine gedachter 70 pfcrdigcr Dieselmotor in Auftrag gegeben. In dem ersten Stock des oben beschriebenen Gebäudes befinden sich freundliche, luftige Verwaltungsräumc, die den Blick weit über die Ebene Saron bis zu den fernen violetten Konturen des judäischen Gebirges erschließen. Welche Gegensätze treffen doch hier an dieser Stelle so unendlich fühlbar aufeinanderI Jenseits des Flusses das ausgesogene dürftig bestellte Land des Fellachen, Rind und Kamel als seltsames Gcspami vor dem leichten Pflug, der oberflächlich die Krume ritzt, diesseits des Flusses, einst das gleiche verwahrloste Fand wie jenseits, weite Gärten mit der Last goldiger Orangen, fruchtbare Felder, auf denen der schwere Pflug des jüdischen Bauern die dunkle Scholle zum Licht kehrt. Jenseits des Flusses ein armseliges Vcgcticrcu in zähem Festhalten an Bewirtschaftungsinethodcn biblischer Vorzeiten, diesseits Kultur und Fortschritt und die Erfolge des nie rastenden, stets nach neuer Vervollkommnung strebenden modernen Menschengeistes. (Deutsche Levante-Zeitung.) Der Prozeß Schulgin. Noch heute gibt cs kein Thema in Rußland, das dermaßen die Geister aiifzurcgen und zu erhitzen vermag, wie das Thema J11 s t s c h 1 n s k i - B e i I i s. Dies hat auch der Prozeß Schulgin bewiesen, der doch mir einen schwachen Widerhall des großen Ritiinlmordprn/csscs bot. Interessant wurde dieser Prozeß eigentlich durch die Widerspiegelung des seelisehen Konfliktes, der im Innern eines sogenannten Patrioten zum Ausbruch kommen muß, wenn dieser auf die harte Wirklichkeit stößt und die realen Be- Strebungen seiner eigenen Parteigenossen mitzumachen gezwungen wird. Schulgin ist seit Jahren als überzeugter ״Patriot" tätig, er hat die Traditionen seines Schwiegervaters Piclmo in bezug auf das Russcntuin und den Antisemitismus übernommen und zählt zu den begabtesten Führern des besonders fanatischen südwestlichen Nationalismus. Das Blatt, das er redigiert, der ״Kicwljanin", galt seit fünfzig Jahren in der gesamten russischen Provinz als das stärkste Bollwerk gegen den Einfluß der nichtrussischeu Völkerschaften, und was die Juden, Polen, Deutschen u. a. von diesem Blatt erduldet haben, ist ein reichhaltiges Kapitel der Uiiterdrückungsgeschichte Rußlands. Und nun saß er auf der Anklagebank als Verräter des echten Riissentums, als Söldling des Judentums. Es ist wahrlich eine Ironie lies Schicksals, daß Schulgin wegen B e s c h ii t /. u n g des J u tl e 111 u m s vom Kicwcr Krcisgcricht zu drei M o 11 a t e 11 G c f ä 11 g n i s verurteilt wurde. So erging’s dem ersten ehrlichen Patrioten, der im Fall Justschinski den Sieg der Wahrheit erstrebte. Er kannte die Wahrheit, ersah aus der nächsten Nähe die Urheber des Ritualmordprozcsses, die Vernichter des Rechtes und Hehler der wirklichen Verbrecher. Er hörte ihre Reden, beobachtete ihr Mienenspiel mul wußte, daß liier ein Justizmord inszeniert wurde, ein Justizmord, der zahllose andere Monte zur Folge haben sollte. Mochte er noch so sehr im Bann tlcr Nationalisten stehen, ihm war solches Treiben aufs tiefste zuwider, und er empfand es als seine heiligste Pflicht, die nationalistischen Bestrebungen vor Schande zu retten. Als nun der historisclie Bciiisprozell begann, fand Schulgin in einer Reihe glänzender Artikel die stärksten Föne, in denen etwas von prophetischem Zorn steckte. Was er in jenen Tagen im antisemitischen Kicwljatiin zum Schutze des Bciiis — in Wirklichkeit zum Schutze der russischen Justiz — schrieb, wirkte gleich aufeinander folgenden Keulen- Schlägen auf die interessierten offiziellen Karriereniäiiiier und trug nicht wenig dazu bei, daß die Gerichtsleitcr im Falle Bciiis während der Verhandlungen sicli gewisse Schranken unterlegen mußten. Ueber niemand herrschte darum in den Kreisen der sögenannten Patrioten solche Empörung,, wie über den ״abtrünnigen" Schulgin, der ihnen ein Spiegel ihres eigenen Schuldbcwußtscins war. Sie riefen lärmend nach Sühne ob dieses Verrats und bewogen mit Leichtigkeit die Kicwer Gerichtsbehörden, daß sie Schulgin wegen seines sensationellen Artikels vom 27. September 1013 (11. St.) auf die Anklagebank zerrten. Pas Kicwcr Krcisgcricht unter Vorsitz des bcwährten Strebers Kislitschuy, eines Mannes, der sich in der ,,Affäre" bereits ausgezeichnet hat, hat nun zur Freude der im (imiiihsaal versammelten echten Russen eine exemplarische Bestrafung Sehulgins beschlossen. Was aber schlimmer ist, der Vorsitzende hat es verstanden, die Angelegenheit zu einer Farce zu degradieren, indem er die Verhandlungen mit der größten Rücksichtslosigkeit ab/ukürzen verstand, die Ladung wichtiger Zeugen alilehnte, den Angeklagten gerade dann am Sprechen hinderte, wenn die wichtlgsten, den Staatsanwalt Tschaplinski kompromit* tierenden Mitteilungen kommen sollten, und samtliehe Verhöre mit tendenziösen Floskeln versah. Niemauil hatte von dem Prozeß erwartet, daß er die von der russischen Justiz schmählich unterdrückte Wahrheit über den Fall Justschinski endgültig an den Tag bringen würde. Der Prozeß Schulgin sollte höchstens eine Etappe dazu sein, von ihm wurde so- Zusagen nur ein Tröpfchen Wahrheit erhofft und ersehnt. Daß dies nur in sehr geringem Maße eiligetreten ist, braucht nach dem Gesagten kaum noch wiederholt zu werden. Die Kicwcr Gerichtsbehörden haben beschlossen, alles zu vernichten, was jemals zur Aufklärung des Falles Justsc hin ski dienen könnte. Sie haben darum vor kurzem ungeordnet, daß alle in dem Prozeß Beilis zum Indizienbeweis vorgebrachtcn Materialien vornichtet werden sollen, und danach auch die Gerichtsbarkeit in dem Prozeß Schulgin gehandhabt. Der Angeklagte selbst aber konnte nur am Schluß der Verhandlungen wiederholen, daß er es nicht 60י dauere, in dieser Weise im Falle Beilis vorgegange* zu sein. ZIONISTISCHE BEWEGUNG A. C.-Sitzung Ende Februar fimlct in Berlin eine Sitzung de« Actioiis-Comitcs der Zionistischen Organisation statt An dieser Sitzung werden die Herren Jellin und Dr. Lurie aus Palästina teilnehmen, Die Herren dürften schon am 18. Februar in Berlin einlreffea, Mitteilung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland In einer Stadt Poscns bietet sicli infolge Wegzuges eines jüdischen Arztes eine gute Nieder- I a s s u 11 g s m ö g 1 i c h k e i t. In derselben Stadt ist auch durch den Tod eines Justizrates eine Vakanz für einen Anwalt. Auskunft erteilt: Zionistische Vereinigung für Deutschland, Sächsische Str. 8. Die Palästina-Fahrt im Frühjahr Für die am 2. April stattfimlendc Palästina-Gcscllschaftsfahrt hat sich bereits eine große Zahl von Teilnehmern aus allen Ländern gemeldet. Diese Reise ist eine allgemein jüdische und nicht auf Teilnehmer eines Landes beschränkt. Die Fahrpreise sind besonders ermäßigt (T0 ״/«,), und zwar: Schnelldampfer Triest—Palästina und retour I. Kl. Kr. 551,62; II. Kl. Kr. 387,26; III. Kl. (ab Alexandrien II. Kl.) Kr. 217,16. Bei der Rückfahrt wird ein dreitägiger Ausflug nach Aegypten arrangiert. Kosten des Aufenthaltes in Palästina: Kr. 400,-, in Aegypten: Kr. 65.—. Da die Zeit sehr vorgerückt ist, ist es erforderlich, daß diejenigen, die noch teilnehmen wollen, sich ehestens anmcklen. Die Anmeldung zur Fahrt erfolgt durch die Ueberwcisung der Ftälfte des Schifffahrtspreises an den ״Jüdischen Nationalfonds, Konto Palästina-Informationsbureau, Wien II, Karmeliterplatz 1", und die Anmeldung zum Programm des Aufenthaltes in Palästina und Aegypten durch die Anzahlung von Kr. HX),— als Angabe bei der ״Unionbat1k4״ Wien, Konto Anglo Palestinc Co., Jaffa, für Sachs. Die restlichen Beträge müssen bis spätestens 10. März 1014 cingczahlt werden, Auskünfte und ausführliche Prospekte beim Palästina-lnformationsbiireau des Zionistischen Action»■ Comites, Wien II, Karmclitcrplatz l. Bekanntmachung. Die diesjährige Verlosung der Reise- Prämien ucr Pa Iäst i na-Rc ise-öe 8cIIschaft e. V. in Hamburg findet am Sonntag, dem 10. April a. c. statt. Voraussichtlich werden diesmal zwei Reiseprämien zu je 500 M. zur Verlosung gelangen. Die Mitglieder werden höfl. gebeten, um Unkosten und Arbeit zu ersparen, die Beiträge mögliehst umgehend an I lerrn Rechtsanwalt Dr. Bruno Tannenwald, Hamburg, Kaiser-Williehnstr. 110, einzusenden. Beiträge, welche bis 15. Februar noch nicht eingegangen sein werden, werden unter Anrcchnung der Kosten per Postnachnahmc eingezogen. Anmeldungen zu der nächsten Gesellschaftsreise nach Palästina, an welcher unser vorjähriger Preisträger, Herr R.-A. Meycr-Bonn, tcilnimmt, nimmt die unterzeichnete Stelle gern entgegen. Neu hinzutretende Mitglieder nehmen an der diesjährigen Verlosung teil. Palästina-Reise-Gcsellschaft e. V. in Hamburg. Der geschäftsführende Ausschuß i. A.: Dr. A. Chwolles, Bahrenfeld, Mozartstr. 24. Megllloth aus getriebenem Silber und Silberfiligrnn in ver• schiedener Ausführung empfiehlt der ״Beza lei" seinen Freunden zum bevorstehenden Purimfcst. Adresse für Bestellungen: Verein ״Bczalel“, Berlin W. 15, Blcibtrcustr. 34,15. AUS ALLER WELT Er muß es wissen Der Abgeordnete Markow, der Führer der ״Echten Russen*', hielt in Bialystok eine Rede, in der er die Macht der Juden aus tiefster Sachkenntnis schilderte. Er erzählte, Lord Rothschild sei der Herrscher über die päpstlichen Kardinale und der Allmächtige in England, die englischen Juden seien die Schiedsrichter zwischen dem Haus der Lords und dem Unterbaust*. Die armen Russen müssen eine große Angst vor ihren Unterdrückern, den Juden, haben, daß sie sich solche Märchen aufbinden lassen, ohne den geringsten Zweifel zu hegen. Ein Sch ächtverbot ln Rußland? Wie die hiesigen Blätter übereinstimmend herichten, hat der russische Ministerrat auf Grund einer Eingabe nationalistischer Dumaabgeordneter in seiner jüngsten Sitzung den Justizminister Stschcglowitow beauftragt, einen Gesetzentwurf über das Verbot der jüdischrituellen, Schlachtmethode in Rußland auszuarbeiten. Meinungsverschiedenheiten sollen im. Ministerrate nur über den Zeitpunkt der Ein* fiihrung des Schächtverbotes zutage getreten sein. 4