Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1914-02-13 · Heft 7 (13.2.1914) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 7 (13.2.1914)
Date
1914-02-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2651869-2651877--09441-2666769
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

Nr. 7 JUED ISCHE RUNDSCHAU Seite 60 «Junis folgten, versuchten zunächst wir Lehrer und andere Männer, die zu diesem Zwecke;ms Jaffa und den Kolonien herbeigeeilt waren, durch mündliehe Unterhandlungen Herrn Dr. Nathan für unsere Vorschläge günstig zu stimmen. Die Resultate dieser verschiedenen Unterredungen waren geeignet, uns Hoffnung auf einen Ausgleich «1 geben, und trotzdem erklärt Herr Dr. Nathan, dall Herr Jelliu vier Tage nach Ueberreichung des Memorandums seinen Unter- Tieht in der Lämelscliule benutzte, die Kinder dort für die neue Schule zu gewinnen, Das ist um so mehr eine bodenlose Lüge, als niemand gerade von uns in jenen Tagen an neue Schulen dachte. Diese Ile• h a u p t u 11 g des Herrn D r, Nathan soll 11 u r dazu dienen, den Namen dieses geistig und in o r a 1 i s c h hochstehenden Mannes, der die materiellen Früchte seiner 25 j ii h r i g c 11 Arbeit der großen S a c 11 e opferte, in den Staub zu ziehen; sowie man überhaupt alles versucht hat, das Hohe und Erhabene, welches der Inhalt unserer Sprachbewcguiig ist, mit Absicht zu verleumden und zu verunglimpfen. Als wir dann, in unseren Hoffnungen getäuscht, uns gezwungen sahen, Freitag, den 5. iSczeinber, unsere Demission zu geben, setzten wir eine zwei• monatliche Kündigungsfrist fest. Wir taten dies auf den ausdrücklichen Wunsch des Herrn Dr. Nathan; denn wir waren t>ereit, die Arbeit sofort 11 i ed c r zu lc ge n , um eben nicht in den Verdacht zu ko inmen, Propaganda für die neu zu gründen de 11 Schulen zu machen. Denn daß ein neues Seminar und eine Mädchenschule mit durchaus hebräischer Sprache nun nötig waren, war uns indessen klar geworden, wenn wir auch den Zeitpunkt der Eröffnung weiter entfernt glaubten. An die (Mindüng einer Knabenschule hat inan bis zu dein spontanen Verlassen von ca. 100 Kindern der Lämelscliule anläßlich der Suspension einiger Lehrer dort überhaupt nicht gedacht. Ich möchte an dieser Stelle Herrn Dr. Nathan an ein Gespräch erinnern, weiches er am Spatnadtmittag, Mittwoch, den 3, Dezember, mit dem Leiter der Kolonie kechoboth, Herrn Eise über g, hatte. Derselbe hatte Herrn Dr, Nathan im Falle seines ablehnenden Verhaltens gegen die Vorschläge des Memorandums auf die Möglichkeit der Demission von 20 Lehrern des 1 Ulfs Vereins liiiigewicscn. Dies machte sichtlichen Eindruck auf Herrn 1)1׳, N.illimi und er meinte; ״Wie können diese Lehrer plötzlich mitten im Schuljahre I Imieltrtc von Kindern ohne Untcrridit lassen?“, worauf Herr Eisenberg erwiderte, daß die Lehrer eine Kündigungsfrist von zwei Monaten beul)- achten wollten. ״Das ist etwas anderes,“ sagte Herr Dr. Nathan, ״d a 11 n haben w i r g e 11 ü g e 11 d Zeit, 11 n s 11 m andere Lehrkräfte 111nz.itsehen.“ In ähnlichem Sinne äußerte sich Herr Dr. Nathan gegenüber anderen Personen, und deshalb hielten wir es für unsere Pflicht, dem Hilfsvercin gegenüber bis zum letzten Augenblick loyal zu bleiben. Als Herr Jcllin fünf Tage nach Abseiiduiig der Demission den Brief mit der Ankündigung unserer Suspension erhielt, war es abends. Da dieser Brief sonst keine nähere Anweisung über den Zeitpunkt und die Art und Weise der Suspension enthielt, so gingen ■wir am folgenden Morgen, cs war Mittwoch, der 10. Dezember, in gewohnter Weise au die Arbeit, ahnungslos, Was der Tag uns bringen würde. Ich vermutete nun, daß mir im Laufe des Tages eine Zuschrift von der Direktion zugelien würde, im voraus bereit, mich jeder Anordnung von dort zu fügen. Wie groß aber war mein Staunen, als ich bald nach Beginn der zweiten Unterrichtsstunde, nach 9 Uhr, Herrn Generalsekretär Dr. Bernhard Kahn, Herrn Direktor Colin, dann den deutschen Generalkonsul und später drei Militürpcrsonen in meine Klasse treten ihn nur Seele, halb ein Traum und halb ein Märeben, wie überhaupt für diesen tieffülilenden Dichter •die Welt der Märchen die vertrauteste ist; bcsonders in den letzten Werken haben alle seine Helden Beziehungen zu einer andern, irrationalen Welt. Es ist kein Zufall, daß Bcrdyczevvski (Ben Gorion) sich jetzt mit solcher Liebe der Erforschung unserer Sagenwelt widmet. Von den übrigen theoretischen Aufsätzen seien ■die von Horodctzki über die י Kabbala und von Bar .Tpbia über das Christentum nur genannt; sie wiederholen nur, was diese Autoren schon anderwärts gesagt haben. Einen viel zu breiten Raum nimmt in dem Buche ein Artikel von B c 11 A vigd or über ,Achad Haam und den Orden Bnc Mosche ein. Es ist ein überaus heftiger Angriff auf Achad Haam, ■dem Ben Avigdor vorwirft, er könne nur Programme entwerfen, nicht Taten schaffen. Er kenne nur die Vorsicht und Mäßigung und vor lauter Hindernissen, ■die er sehe, verliefe er das Ziel ans dein Auge. Es ist ja manches Richtige hieran und schon Frischmann hat in diesem Sinne einmal von Achad Haam .gesagt, er sei eine tragische Gestalt; er ertrage sah! Das ganze Schulgebäude lag in diesem Augenblick in vollständiger Ruhe da. Ich stand sofort von meinem Sitze auf, und damit war meine Rolle in der Mädchenschule des Hilfsvercins, der ich ׳l'i> Jahre als Leiterin migehört, und die ich mit ca. 180 Kindern übernommen und auf •150 Zöglinge gebrnclit hatte, beendet. Ebenso leistete auch nicht ein einziger Lehrer den geringsten Widerstand. Keiner von ihnen hielt eine ״Hetzrede“ an die Kinder. In fünf Minuten hatten alle Lehrer die Schule verlassen. Nur ich, da ich meine Privat- Wohnung int Schulgebäude hatte, und der größte Teil der Mädchen waren noch anwesend. Die erschreckten Kinder weinten und wehklagten voller Entsetzen über «las niegeschenc Schauspiel, ihre ihnen durch jahrelange Arbeit liebgewordcncii Lehrer mit bewaffneter Gewalt vertreiben zu sehen, und wagten sieh aus Furcht vor den Soldaten nicht auf die Straße. Die Herren waren den weinenden Kindern gegenüber machtlos, und man wandte sich an mich, sie nach Hause zu schicken, was mir auch mit einigen beruhigenden Worten gelang, ln weiteren fünf Minuten war das Schulhaus leer, und ein wenig später waren außer mir und dem Schukficncr keine menschliche Seele mehr im Hause. Nur militärische Posten hielten den Eingang besetzt. So verfuhr der Hilfsvercin mit den Lehrern, die ihm in aufopfernder Arbeit gedient hatten, und so sah der ״I latisfricdensbrueh“ aus, dessen wir uns schuldig machten. Auch die Behauptung, daß wir Vertragsbrüchig wurden, gehört in das Reich der Fabeln, welche die Leitung des Hilfsvercins in der Not der Stunde so zahlreich gedichtet hat. Dieser Vertragsbruch war schon deshalb unmöglich, weil von 19 Lehrern 18 gar keinen Vertrag hatten. Herr Jcllin konnte trotz aller seiner Bemühungen niemals einen solchen vom Hilfsvercin erreichen, obgleich er 25 Jahre in der Lämelscliule tätig war. Mein Vertrag war am 15. April 1913 abgelaufen; trotzdem ich schon vor einigen Monaten Herrn Cohn darauf aufmerksam gemacht hotte, hielt er es für überflüssig, den Vertrag zu erneuern. Ebenso waren die jungen Lehrer, ehemalige Zöglinge des Seminars, ohne Kontrakt angestellt. Falls Sie in meine obige Darstellung Zweifel setzen sollten, so erlauben Sie mir, Ihnen gleichfalls mit zuteileil, daß ich Montag, den 29. Dezember, eine Unterredung mit dem deutschen Generalkonsul hier II a I u•, um ihn um seine Meinung über die Vorgänge III der Mädchenschule während der Suspension zu licfi.igcu. Nachdem er mir ziigestmulcn, daß seine Intervention in der Mädchenschule unnötig war, da die Lehrer keine Widersetzlichkeit bezeigten, sagte er mir zum Schlüsse wörtlich: ״Sie können erklären, daß, wenn ich gewußt hätte, was sich in der Mädchenschule ereignen würde, ich nicht gekommen wäre, und hätte icii mit meinen geistigen Augen so sehen können, wie ich nachher mit meinen körperlichen sah, ich wäre sicher nicht erschienen.“ In einem späteren Gespräch mit den Herren Jcllin und Ben- Jeliudah bestätigte der Generalkonsul diese seine Auffassung gegenüber dem. Verhalten der Lehrer in der Mädchenschule. Zum Schlüsse möchte ich noch bemerken, daß in die neue hebräische Mädchenschule, deren Leitung mir gleichfalls unvertraut wurde, uns ca. 200 Schülerinneii der Hilfsvereinsschulc gefolgt sind. Wir haben auch dort Deutsch als Fremdsprache beibehalten und diese Sprache findet, trotz des ausgeprägt hebräischen Charakters unserer Schulen, weiter sorgfältige Pflege. Mit diesen Zeilen habe ich versucht, wenigstens einen Teil der Unwahrheiten des Berichtes des Herrn Dr. Nathan zu berichtigen und etwas zur Ehrenrettung unserer viclgcschmähtcn Kollegen beizutragen. Sie würden mich ungemein verpflichten, wenn sie obige Zeilen zum Abdruck in Ihrem geschätzten die Verwirklichung der eigenen Gedanken nicht. Aber dieser Vorwurf wird von Ben Avigdor in einer so groben, persönlichen Weise vorgetragen, daß man cs der Redaktion der Ncthiboth sehr zum Vorwurf machen muß, daß sie dem Artikel 52 Seiten cingcräumt hat. Unter den Gedichten sei ein Reisegedicht F r i s c lun a n n s ,genannt, geschrieben vor einer Palästinareise. In köstlichen Hcincschcn Versen verabscliicdet sich Frischmaiin von Rußland, von den Anklägern, deren Anklagen schon langweilig sind, und von den Verteidigern, die noch langweiliger — beweisen, daß der Jude auch ein Mensch mit Milz und Leber ist. Frischmann verläßt Rußland auf einige Zeit und freut sich, einmal leben zu können wie alle Menschen und 'für eine kurze Zeit aufzuhören, die Ursache aller Ursachen zu sein ... Schneor bat .unter dem Titel ״Allein“ drei ältere Gedichte beigesteuert, ,welche — ohne auf der Höhe zu sein, die der Dichter in den Gedichten des letzten Haschlleachjahrgangs erklommen hat — doch sein ganzes Wesen spiegeln, wie er es selbst ln einem dieser Gedichte beschreibt: wer bloß einen Taler hat, der Blatte bringen würden, was, wie ich hoffe, Sie um so eher tun werden, als es sich darum handelt, der Wahrheit die Ehre zu geben. Hochachtend Vera Pinczower, Leiterin der hebr. Mädchenschule. Ergebnisse der Aktion für das hebräische Schulwerk Bareingänge für den Zentralfonds, ausgewiesen in Nr. 1—6 der ״Welt“: Aus Deutschland: 1. Berlin. 13925.30 2. Breslau . 3 163.65 3. Königsberg . 2085.50 4. Elberfeld. 1751.72 5. Mannheim .... 1 676.— 6. Hamburg. 1 503.25 7. Beutheu . 1 103.— 8. Frankfurt a. M. . . 970.— 9. Zwickau . 970.— 10. München. 650.— 11. Posen .. 626.50 12. Danzig. 580.— 13. Köln 548.— 14. Chemnitz .. 185.— 15. Essen . 420.- 16. Nürnberg. '105.— Andere Städte .... 6331.71 Zusammen Mark 37 174.63 Aus den Landesorganisationen: 1. Rußland ....... 55 050.04 2. Deutschland . . . 37 174.63 3. Westöstcrrcich ... . 9965.52 4, Galizien. 4 881.92 5. Kanada . 3 357.60 6. Türkei ... . ... . 2 082.10 7. Amerika. 1 757.87 Andere Länder . . . 4967.61 Zusammen Mark 119 237.59 Hierzu Ausweis Nr. 7: 12 121.72׳ Insgesamt Mark 131 662.31 Die neue Broschüre zum Sprachenkampf Das Actions-Comitö gibt soeben eine neue Broschüre heraus, die geeignet ist, überall, wo man die Entwicklung des Kampfes um die hebräische Sprache in Palästina verfolgt hat, das größte Interesse zu finden. Die Broschüre ״hn Kampf um die hebräischc Sprache“ betont die Bedeutung der Wiedergeburt der hebräischen Sprache für das Ge- Samtjudentum, stellt das Schulwesen Palästinas und die Rolle der Schulen des Hilfsvereins dar und orientiert dann an der Hand von Tatsachenmaterial über den Verlauf des ganzen Kampfes. Der Broschüre von Paul Nathan wird eine ebenso sachliche und vornehme, als gründliche Abwehr zuteil. Die Broschüre ist vom Zionistischer! Zcntralbureau (Berlin W. 15, Sächsische Str. 8) in jeder gewünschten Zahl kostenlos zu beziehen. mag mit Pfennigen sparen; ich aber bin unendlich reich, ich kann verschwenden und geben, und gab ich tausend Taler aus, zehntausende sind mir ge* blieben . . . Schimonowitz hat unter dem Titel ״Am ,Flusse Kcbar“ drei visionäre Gedichte geschrieben, die stellenweise von hinreißender sprachlicher Schönheit sind, die ganze Fülle und Glut unserer Sprache offenbarend. Von dem leider früh verstorbenen Dichter G n e s s i n , dem R. B i n j a m i n warme Worte nachruft, enthält das Buch eine Novelle, die weit über der übrigen hebräischen Novellenliteratur steht. Ein geheimer Zauber, ein Schleier von abgerissenen Gedanken, Stimmungen, Fragen liegt über jedem Satze, den Gnessin hier schrieb. Es ist eher ein Tagebuch als eine Erzählung, was Gnessin uns hier hintcrließ. Wer weiß, ob unsere hebräische Literatur heute schon den Kritiker hat, der die tausend geheimen Schönbeiten dieses Werkes uns bewußt machen ur.d deuten könnte. Prag. Hugo Berg Wann. mmmrnmmmmmmmm I U I B I ן! ׳ 1

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.