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Jüdische Rundschau · 1914-02-13 · Heft 7 (13.2.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 7 (13.2.1914)
Date
1914-02-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 68 J U EDI SC H E RUNDSCHAU Nr. 7 tum ernst nehmen, die sich ihres Judentums freuen, nicht irgendwelche Katakomben suchen, wo sic sich ״auslcbcn“ dürfen; wir sind vor alle Welt hingetreten und haben, unbekümmert tun unsere nichtjiidischen Nachbarn, unbeküminert sogar um die Hcsorgnisse unserer Kalakombeiijtiden, gesagt, was uns schmerzt, was uns freut und was wir wollen. Unser Zug nach der ()Öffentlichkeit war vergleichbar dem Drange des Dichters, der seine gelebten Lieder Verdffeutlicht, wenn auch der Pöbel ihn nicht versteht; alle Wertvollen suchen das Volk. Und wenn wir das Volk, unser Volk suchten, konnten wir cs nur auf dem Wege über die große Ocffentlichkeit finden, da wir erst eine Art von jiidischer ()Öffentlichkeit im Westen schaffen mußten. So hat es uns seit Beginn unserer Bewegung charakterisiert, daß wir die ()Öffentlichkeit suchten, daß wir uns zu uns bekannten, ohne nach üunst und Gnade, nach Verständnis und Zu- Stimmung zu fragen. Was aber bedeuten die ״Bekenntnisse“ der Antizionisten? Wohl, sie flüchten sich in die ()Öffentlichkeit. Aber nicht um sich zu bekennen, sondern um andern darzutun, daß sie die besseren Menschen sind. Sie sprechen a n ־ ders in der ()Öffentlichkeit als in ihrer Katakombe; sie rufen laut, daß sie von ihren Christliehen deutschen Mitbürgern nichts unterscheide als der Glaube -- und in General- Versammlungen des Zcntralvereins erklären sie, daß sie sich nicht nur den Glauben, sondern auch ihre ״berechtigte jüdische Stammesart“ erhalten wollen! Dies hier ist kein der Ocffentlichkeit unbekümmert um Gunst oder Neid entgegengerufenes Bekenntnis, sondern eine kunstvolle für die ()Öffentlichkeit zurechtgemachte Maske dies hier ist eine L ii g e! Dies ist keine ״Flucht in die ()Öffentlichkeit“, sondem die berechnete Pose des aus der Katakombe Auftauchenden, der sich nun nichts mehr aumerken lassen will. Sowie alle Abtrünnigen vom Judentum nachher die schlimmsten Judenfeinde wurden, so ist diesen ״guten Juden und guten Deutschen“, da sie vor der deutschen Oeffcntlichkeit sprechen, kein Ausdruck zu scharf, kein Schimpf zu schwer für die ״national-jüdischen Chauvinisten“. Diese rufen Streit und Unfriede hervor, fälschen die Tatsachen, verleumden Andersdenkende, greifen sie persönlich an und überschütten sie mit Be- Icidigungen; ihre gefährlichen Anschauungen, die verwerflichen Formen ihres Vorgehens, ihre zügellose Agitation zwingen alle guten Juden, zwischen sich und ihnen eine sichtbare Scheidelinic zu ziehen. Alle diese Ausdrücke sind dort erlaubt, wo zu einer Auseinandersetzung über das zionistische Programm ״nicht der Ort“ ist. So geht der Antizionismus vor, ״Nie kämpft er sachlich, sondern stets persönlich. Seine stärksten Argumente sind Beschimpfung des Gegners, Vordiichligung seiner Motive . , (2. antizionist. Broschüre.) Und wer hat diese ״Flucht in die Ocffent• lichkeit" unternommen? Eine große Anzahl wohl ausnahmslos höchst ehrenwerter Leute mit klingenden Titeln. Die Titel würden uns nicht Nethiboth, Ein hebräisches Sammelbuch ln einer kleinen Literatur, wie unserer hebräischcn, die nur ein literarisches Organ besitzt, bedeuten die ab und zu erscheinenden Sammclbücher immer ein Ereignis. Vor einigen Monaten ist nun unter dem Titel ״Nethiboth“ (Bahnen) ״eine freie Tribüne für Leben und Literatur“ gegründet worden, ein Almanach, der periodisch erscheinen soll. Es sei hier eine gedrängte Inhaltsangabe des Buches gegeben. (Verlag Central, Warschau, Nowolinki 7. Preis 2 Rubel, 332 S.) Eröffnet und beschlossen wird das Buch durch zwei Artikel Berdyczewski«, beide von tiefer Trauer erfüllt und beide Zeugen der innigen Liebe, mit der dieser einsame Denker unser Schrifttum umfaßt, einer Liebe, die mit Bcrdyczewskis Wahrheitssinn vergeblich ringt. Denn so sehr es ihn schmerzt, so muß Bcrdyezewski uns Immer wieder bittere Wahrheiten sagert, Wahrheiten, die heute, wo der Kampf um da« Hebräische tobt, erst recht gehört zu werden schrecken; da der zionistischen Partei so viele Akademiker angeboren, die bloß noch jung sind, wird es gar so lange nicht dauern, bis auch wir viele Freunde besitzen werden, die auf Grund ihrer Jahre den Justizrats-, Sauitätsrats- und wohl auch den Geheim ratstitel ihr eigen nennen werden. Was uns nahegeht, das sind die Namen. Und da wissen wir zu unserem ,Tröste, daß bei weitem nicht alle, deren Namen die ״Erklärung“ der Antizionisteil zieren, mit ihr auch einverstanden sind. Wir wissen, daß mancher von ihnen gar nicht wußte, worum cs sich handelte, als man ihn um seine Unterschrift drängte, daß mancher, der ein entschiedener und erklärter Antizionist ist, doch die Form dieses Angriffs entschieden ,mißbilligt und diese seine Mißbilligung den Urhebern in unzweideutiger Weise mitgetcilt hat. Darum dürfen wir wohl getrost sein, daß die deutschen Juden den Inhalt dieser ״Erklärung“ und die Tatsache ihres Erscheinens nicht gutheißen. Man kennt unser Programm und unsere Arbeit; man wird niemandem glauben, daß wir das Judentum zerreißen. Durch uns ist in der letzten Zeit bloß eine große Vereinigung der deutschen Juden gestört worden; und diese allein deshalb, weil ihre Fülirer in grenzenloser Verblendung und verbohrtem Eigensinn eine Maßregel, die nicht deutsche, sondern paliistinensischc Juden betraf, dem Widerspruch der gesamten Judcnlicit zum Trotz durchsetzen Wollten. Die Vermutung liegt nahe, daß die ganze Aktion, die den Zionismus in der dcut* sehen Oeffcntlichkeit brandmarken will, von diesen Führern ausgeht, die die Schwäche ihrer Position fühlen und sie stärken wollen, ohne in der Wahl der Mittel streng zu sein. Die Annahme liegt um so näher, als eben diese Fülirer frühere aiiti/.ionistische Kundgebungen' nicht, diese aber wohl mit ihren Namen deckten. Die deutsche Oeffcntlichkeit freilich, die von unseren Angelegenheiten wenig weiß, wird im Urteil weniger sicher sein. Höchstens die Antisäurten werden sich freuen. Aber wir werden den Antizioiiisten nicht dorthin folgen, wohin sie sich niemals hätten begeben dürfen. Zeitungsannoncen sind nicht der Ort, den Kampf um unsere höchsten nationalen Güter, um unsere jüdische Zukunft, atisziikämpfeii. Wir werden in ganz Deutschland Versammlungen abhalten, wo wir den Antizioiiisten Rede und Antwort stehen werden; wer kommen will zu hören, wird willkommen sein. Wir werden diese Ver- Sammlungen dort ankündigen, wo die ״Erklärung“ erschienen ist; eine andere Antwort zu geben, verbietet uns das Interesse des gesamten Judentums. Die Antizionisten schließen ihre ״Erklärung" mit der Bitte an alle deutschen Juden, der Welt nach wie vor ein leuchtendes Beispiel zu geben, wo es sich um Hebung geistiger und sitt* liclier Kräfte handelt. Die Luft, in der alle geistigen und sittlichen Kräfte allein gedeihen können, ist die W a h r h e i t. , H. . 1111 IW ויןp1 1 ■—<■■■ 1 ׳ .. m■■ verdienen. Die hebräische Literatur, sagt Berdyczcwski, ist heute das einzige nationale Besitztum des Volkes; alles andere ist gewesen oder ist eine unerfüllte Hoffnung, die jiddische Kultur, die manche für eine starke Ocgenwart halten, ist nicht einmal kräftig genug, die eigene Sprache von der fortschrcitenden Germanisicrung durch die eigenen Dichter zu schützen*) —• so ist das Hebräische der letzte Rest, der uns geblieben ist, die hebräische Literatur das einzige Band, das alle Juden umschlingt. ״Mein Herz sagt mir, daß, wenn dieses Licht erlischt, alle unsere Lichter erlöschen werden; mein Herz sagt mir, daß diese Zerstörung unsere letzte, endgültige sein wird. Bitternis erfüllt mein Herz und ich finde keinen Trost . . .“ Gegenüber einer solchcn Trauer versagt jeder billige Trost; er versagt •) Bcrdyczewski bemerkt mit Recht, daß es ein Unfug ist und wenig Verständnis für die dichterische Bedeutung der Sprache verrät, \tann Oorclik, Asch, Perez. u, a, ihre Bücher deutsch, jiddisch, hebräisch erscheinen lassen, ohne anzugeben, was Dichtung und was Uebersdzung ist. Zum Reisebericht Dr. Nathans Fräulein Vi r« Piuczowcr, Leiterin der hehriilschen Mädchenschule In Jerusalem, hat an die Reduktionen des ״Isrnellt“ In Frankfurt a. M. und des ״Israelitischen lämilienlilattes" in Hamburg folgendes Schreiben gerichtet: Jerusalem, 18. Januar 1914. Sehr geehrte Redaktion! Zu dem ,,Reisebericht des Herrn I)r. Nathan“, welcher in vorletzter Nummer Ihres gesell. Blattes erschien, erlaube ich mir im Namen der früheren Lehrerschaft des Hilfsvereins folgendes zu bemerken: Dieser Bericht ist voller Unrichtigkeiten und enthält eine vollständig falsche Darstellung der Tatsachen, wie sie sich in der kritischen Zeit in den Schulen des Hilfsvcreins zutrugen. Wollte ich den Bericht des Herrn Dr. Nathan richtigstellen, so müßte ich denselben von Anfang bis zu Ende umschreiben, so sehr schlägt jedes Wort desselben der Wahrheit ins Gesicht. Für heute halte ich cs nur für meine Pflicht, Verwahrung gegen die Art und Weise einzulcgcn, mit welcher daselbst gegen die früheren Lehrkräfte des Hilfsvcreins losgezogen wird. Es sind dieselben Lehrer und Lehrerinnen, welche in den alljährlichen Geschäftsberichten des Hilfsvcreins als Muster pädagogischer Tüchtigkeit und aufopfernder Pflichttreue liingestellt wurden. Wie ist cs möglich, daß sie innerhalb einiger Tage Vertrags- und Hausfriedensbruch begingen, Agitatoren und Vandalen geworden sind? Nur Zorn und Unkenntnis des wahren Sachverhalts können Herrn l)r. Nathan solche Worte eiugegehen haben. Wir, d. h. sämtliche Lehrer des Hilfsvcreins, auch die, welche im Dienste des l lilfsvereins geblieben sind, haben uns erlaubt, in bezug auf die Unterrichtssprache anderer Meinung als die Leitimg selbst zu sein. Nicht nur gerade nach dem unseligen Beschluß des Kuratoriums des Technikums, nein, schon j a 11 r c I a 11 g vor 11 c r h a b c n w i r uns beschwert, daß in unseren Schulen der einhcitlich hebräische Charakter, welcher die von der palästinensischen Bevölkerung selbst geschaffenen Schulen auszeichnet, fehlt. So wurde z. B. in den zwei oberen Klassen unserer Mädchenschule außer den fünf deutschen Sprachstundcn, Rechnen I Stunde״, Geschichte und Geographie 4 Stunden, in Summa 13 Stunden wöchentlich, Deutsch erteilt. Trotz dieser auf fallenden Bevorzugung der deutschen Sprache auf Kosten des I lebräischen in einer hebräischen Schule wurde gerade in letzter Zeit von einer Vermchrung des Deutschunterrichts der Realien gesprachen. Die Unzufriedenheit über diesen Stand der Dinge trat oft genug in unseren Lehrerkonferenzen zutage. Zwischen Herrn Ephraim Cohn und mir war cs ebenfalls aus diesem Grunde zu lebhaften Auseinandersetzungen gekommen. Als wir dann, 19 Lehrer und Lehrerinnen an der Zahl, d. 11. die überwiegende Mehrheit der Lehrer der Hilfsvereinsschulen in Jerusalem, in vollem Bewußtsein von der Bedeutung unserer Sache Herrn Dr. Nathan das Memorandum überreichten, setzten wir damals noch Glauben in seine Vorurteilsfrcihcit und Gcrechtlgkeitslicbe, von denen wir ein billiges Urteil erwarteten. Zur Uchcrrciclumg des Memorandum* waren wir schon deshalb gedrängt, weil die zurzeit herrschende Erregung in der Bevölkerung und besonders in den Schülerkreisen eine Aufrcchtcrhaltung des geordneten Scluilbetriebs ohne Acnderung der Unterrichtssprache als unmöglich erscheinen ließ■, ln den Tagen, welche der Uchersendung des Memoran* auch gegenüber den ähnlichen Betrachtungen von S. J. Hurwitz in diesem Bande. Wir wollen uns keine optimistischen Schleier Weben; der Kampf um die Hcbraisicrung der Judenheit ist wirklich eine letzte Entscheidung. Mag sich jeder daraus seine Folgerung für sich ziehen. Ueber Bcrdyczewski selbst handelt ein größeres Essay von L a c h o w c r. Lacltower zeichnet mit vieler Liebe den Publizisten und Dichter Berdyczewski, der die jüdische Vergangenheit bekämpft und sie doch unsäglich liebt. Bei Bcrdyczewski entspringt alles, was er schreibt, einem tiefen Erlebnis, er ist nicht Publizist im gewöhnlichen Sinne, jede Frage, über die er schreibt, drückt ihn selbst am allermeisten. ״Die Frage ist der einzige Born, aus dem wir trinken, trinken, um neu zu dürsten“, so sagt er. So wird ihm alles, was er schreibt, zum persönlichcn Erlebnis, er wird eins mit den Dingen, die er schildert, und während Perez z. B. das chassidischc Leben dargcstcllt hat, gibt Berdyczewski da« innere Leben der chassklischcn Seele. Auch die Frauen — Bcrdyczewski hat Ihrer 90 viele gcitoltct, wie kein hebräischer Dichter — sind für

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