Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1914)
- Date
- 1914-02-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 60 JU EPISCHE RUNDSCHAU Nr. 6 Für ein gesundes Palästina Die Oese 11s ettnt» jüdischer A e r?t e 111111 Naturwissenschaftler für sanil.irc* Interessen in Palästina, deren gcschäfistithretulcr Ausschult aus den Herren Dr. A. Samllcr, l)r. E. Pinczovver, Dr. Julius Loevveuhe'ini, Or. Hans Mühsam und I >. Trietseli bestellt, versemlel soeben ihren ersten Bericht, dem wir die folgenden Ansfiihrtin^cn entnehmen: Das Interesse au der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung Palästinas als des .Stammlamles der jüdischen (iemciuseliafl und ilie Not- Wendigkeit einer umfassenden 10:{1ס-111 ־ für die in wachsender Zahl nach Palästina atiswandeindcn Juden führte in den letzten Jahrzehnten zu einer ausgedelmteil I lilfstätigkeit von seiten der europäischen lind amerikanischen Juden, die sich zunächst auf die Unterstützung der unproduktiven Elemente heschränkte, dann aber immer ^roltzii^i^crc I onn annahm. Die Förderung der landwirtschaftlichen und industriellen Kolonisation, die Schaffung von niederen und höheren Schulen, die Begründung von wissenschädlichen, gewerblichen mul humanitären Instituten, die Hebung von llamlcl und Verkehr trugen neben anderen Ursachen zu einem raschen Auf- Schw ung des Landes bei, in dem gegenüber der llilfstätigkeit in altem Stile die Förderung der Kreilitverlüiltuisse und der Privatinitiative eine immer größere Rolle zu spielen beginnt. Die sanitären Zustaiule in diesem klimatisch bevorzugten, aber durch jahrhundertelange Milivvirtschafl verwahrlosten Laude waren bei Beginn der landwirtschaftlichen Kolonisation büchst bedenklicher Art. In einzelnen Kolonien, besonders in der westliehen Stramlelieiie und im Jordanlai, fielen zahlreiche Kolonisten der Malaria, dieser tvpischcti Krankheit der verwahrlosten Länder, zum Opfer. Mit fortschreitender Behauung des Bodens ist gerade diese Seuche Schritt für Schritt zuriickgcdräiigt worden. ,Merkwürdigerweise schenkten die grollen GrganisatiniKU, die sieli mit der Besiedelung Palästinas heschäbigen, der sanitären Fürsorge keine ausreichende Beachtung; lange Zeit nahm mau sogar lu׳i der Auswähl der für Neiigrimdiingeii von Kolonien bestimmten Terrains auf sanitäre Gesichtspunkte keine Rücksicht, was sich natürlich in den folgenden Jahren bitter rächte. Zwar wurden nicht nur von christlicher Seite häutig atu ausgesprochen nbssjonnrer Grundlage ׳ , sondern auch von jüdischer Seite zahlreiche Krankenhäiv-er*), Augenkliniken und -poliklmiken, Blindeninstitiite, Asyle für Sieche und Geisteskranke, /\Ilerslieime, Apotheken mul Volksküchen ins Leben gerillen. So iinciilbclirlieh all diese, für die grollen sauitären Bedürfnisse des Lamles nicht einmal ansieiciienden Anstalten sind, so entspricht diese Art der Ilekämpfiing sanitärer Atillstande doch nicht ganz unserer iiioderncn Auffassung. Zur Ergreifung umfa-.'-ciidcr prophylaktischer MalSiialimeii, zu einer groltziigigen s\stematisehen Sanierung des Landes lagen bis vor etwa j Jahren nur Ansätze und Versuche vor. Von dem von Herrn Nathan Straus-New York gestifteten I lenIth-Bureau zur Bekämpfung der endcnuM'iu'n Krankheiten abgesehen, blichen alte diese Versuche in den ersten Anfängen stecken oder sie führten zu kleineren, immerhin dankenswerten Erfolgen. Ls erschien somit notwendig, die an Palästina interessierten Juden, insbesondere die jüdischen Acrzte und Naturwissenschaftler, zu einer neuen Grganisation ztisammeiizufasseii, die sieh die planmäliigo Bekämpfung der endemischen Seuchen auf 111 o - d e r n e r, wissenschaftlicher G r 11 n d I a g e zur Aufgabe machte. Es ist von vornherein klar, dall die geplanten Sanierungsmadnahmeii nicht von dieser Organisation allein, sondern nur in Zusammenarbeit mit den grollen Kolonisatiousgesellscliafteii, mit den Aerzleorgniiisationen in Palästina mul den Hygienisehen und sanitären Instituten, auch den von nicht jüdischer Seite begründeten, durchgcfiihrt werden können. ,Die Notwendigkeit der Schaffung einer speziell jüdischen Aerztcorganisation mul hesouderer jüdischer medizinischer Institute ergibt sich aus dem erhöhten Interesse, das gerade die Juden der Besiedelung dieses Landes entgegenbringeu, sowie aus der Tatsache, dall der bedeutendste Malariaherd Palästinas, die Stadt Jerusalem, zu zwei Dritteln von Juden bewohnt ist, und dal) die landwirtschaftlichen Kolonien des Landes mit wenigen Ausnahmen jüdisch sind, so 'daß die Sanierung dieser Kolonien eine den jüdischen Gesellschaften vorbelialtcnc Aufgabe darstellt. * Die Begründung medizinischer ßcobachtungs- Stationen in Palästina ist übrigens auch ein Werk von allgemein europäischem Interesse, da sich ן, •ת "au Uvdschashahn die Gefahr der Einschleppung endemischer Krankheiten aus ihren asi- *) In Jerusalem allein befinden sich neben Polik.iniken u״d anderen jüdischen sanitären Anstalten vier große jüdische, Krankenhäuser. ntischcn Zentren nach Europa vergrößert hat, und gerade unsere Institute in Palästina berufen wären, an der Eingangspforte der Infektion Wache zu halten und die Gefahr zu signalisieren. -• Die konstituierende .Versammlung fand in Berlin am •I. Februar P)IJ statt. Kurz darauf wurde ein Aufruf versandt, der sieh nicht nur an die jüdischen Aerztc und Naturwissenschaftler, sondern an alle Julien wandte, die für die vorbczcichnctcn Arbeiten Interesse haben; der Mindestbeitrag wurde auf (1 M. festgesetzt. Der Aufruf ,war von einem Komitee unterzeichnet, dessen Mitgliederzahl bereits auf 108 angewnehsen ist, Die Durchsicht der Liste bezeugt, dall sich die hervorragendsten Männer der Judenheit aller Länder, aller Paiteiriehutiigen «und Berufsartcn bereit gefunden haben, unser Unternehmen zu fördern. Da die Gesellseliaft erst ׳ , Jahre besteht, so konftten bisher erst gegen 05!) Mitglieder gewonnen werden; doch ist die Propaganda in einzelnen Ländern bereits soweit vorbereitet, daß in den nächsten Monaten auf einen beträchtlichen Zuwachs an Mitgliedern gerechnet werden darf. Bereits zwei Monate nach Gründung der Gesellsehaft konnten wir mit der praktischen Arbeit bc* ginnen. Es wurden in Jerusalem zwei Institute ins!.eben gerufen, die mit den von anderer Seite begründeten wissenschaftlichen Anstalten Zusammenarbeiten. * Schon vorher war man von anderer jüdischer Seite an die oben geschilderte Aufgabe herangetreten. Zum erstenmal nnluncu diese Projekte durch das tatkräftige Eingreifen des Philanthropen Herrn Nathan Straus (New York) teste Gestalt an,׳ Herr Straus begründete im I rühjahr F)I2 ein G e s 11 n d 11 e i t sa m I zur Bekämpfung der endemischen Krankheiten, insbesondere der Malaria. Das Gesundheitsamt nahm im August seine Tätigkeit mit der Bekämpfung der Malaria in der stark verseuchten Kolonie Gliedern und mit der Feststellung der Ursachen und der Vcrhreifung der Malaria in Jerusalem auf, um 1013 mit der Bekämpfung der Malaria 111 Jerusalem, mit scro* logischen und bakteriologischen Arbeiten und mit der Bekämpfung des Trachoms‘) zu beginnen. Zurzeit sind in dein unter Leitung des Herrn l)r. Brünn stellenden I iealth-Burean drei Acrzte beschäftigt. Da unsere Gesellschaft, die, ähnlich der Nathan Straus-Stiftung, die Sanierung Palästinas, insbesondere der grollen Städte und der jüdischen Kolonien, zum Ziele hat, sieh zunächst auch mit der Sanierung Jerusalems zu befassen gedachte, so beschlossen wir, mit der speziell für die Sanierung Jerusalems hegründeten ,,Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Malaiin in Jerusalem“ Hand in Hand zu arbeiten, um einer Zersplitterung der dem gleichen Ziele zustrebenden Kräfte zu verhüten. Nach längeren Vcrhamllungeii zwischen den Vertretern der drei Grganisationen wurde die Zusammenarbeit und Arbcitstcilnng durch einen V e r t r a g geregelt, dessen wichligste!,unkte die folgenden sind; Das Deutsche Komitee zur Bekämpfung der Ma- E11 i.i in Jerusalem, das Jcwish Health Office und unsere < iesellsehaft begründen ein i 111 e r n;11 i o - nalcs G e s 1111 d 11 e i t s a in t in Jerusalem. Dieses wird dureil ein Kuratorium, das aus je einem Delegierien (hzw, dessen Stellvertreter) der beteiligten Gesellschaften bestellt, verwaltet. Jede der kotitrahierendeii Gesellschaften ist in organisatorischer, propagandistischer und finanzieller Beziehung selbständig. Es wurden folgende Abteilungen geschaffen: 1. Abteilung für M a I n r ia , Leiter Prof. Mülllens. Unterhalten vom Dtsch. Koni. z. Bekämpfung der Malaria. 2. Hygienische Abt., Leiter l)r. Brünn. Unterhalten vom Jewisli Health Office. '3. Serologische und W 111 sc 11111 z - Abt. Leiter Dr. Beliani. Unterhalten von der Gesellsehaft jüdischer Acrzte usw. I. Bakteriologische Abt., Leiter Dr. Goldberg. Unterhalten vom Jcwish Health Office. Die Malaria-Abteilung begründete außerdem eine arabische Eürsorgcstclle in der inneren ,Stadt, das Jcwish Health Office eine Station zur Bekämpfung der A u g e n k r a 11 k 11 c i t c n (Leiter Dr. Feigenbäum). Unsere Gesellschaft übernahm also die Begründüng und Unterhaltung der serologischen und W u t s c h u t z - A b t e i I u n g. Als leitenden Arzt gewannen wir Herrn Dr. Bcham, der sich in den letzten 10 Jahren an einem bakteriologischen Universitiitsinstitut in Charkow, zuletzt auch in dem Tropeninstitut in Hamburg mit serologischen Studien befaßt hatte. Da er außerdem mehrere der in Palästina üblichen Sprachen beherrscht, so seiden er für den Posten besonders geeignet. Herr Dr. Bcham konnte von April bis Ende November des Jahres 125 Tollwutimpfungcn vor- ___t *) Auch diese in Palästina weit verbreitete Krankheit läßt sich, wie die Malaria, durch systematische Bekämpfung außerordentlich cindämmen. nehmen (etwa 1/3 der Fälle Araber, etwa י/( Juden). Herr Dr. Bcham hielt auch vor der Bevölkerung Jerusalems und Jaffas in hebräischer Sprache aufklärende Vorträge übei diese Krankheit und ließ ein von ihm verfaßtes hebräisches Sehriftchen zur Aufklärung über die Himdswut in Palästina verbreiten. Er hielt auch populäre hebräische Vorträge in Cbedera. * Wir bitten unsere geehrten Mitglieder, in ihren Kreisen für unsere Bestrebungen Interesse wecken zu wollen, und gestatten uns nochmals ausdrücklich darauf hinzuweisen, daß wir jeden Juden, der unsere Bestrebungen zu unterstützen geneigt ist, auch wenn er nicht Arzt «Hier Naturwissenschaftler ist, als Mitglied aiifnehmcn. Jedem unserer Mitglieder stehen auf Wunsch die Drucksachen der Gesellschaft, in erster Linie die Komiteeaufrufc, in beliebiger Zahl von Exemplaren zur Verfügung. Unsere Gesellschaft muß zu einer großen jüdisehen Organisation beranwaclisen, die die Kräfte in sieb fühlt, Palästina, das Stanuniand der Juden und das zukunftsreiche Gebiet der jüdischen Bauernsicdclungcn, unter Anwendung aller Hilfsmitte! der modernen Wissenschaft und Hand in Hand mit den« geeigneten Mitarbeitern aus den Banden der sanitären Verwahrlosung zu befreien und in den Genuß seiner klimatischen Vorzüge zu setzen, «lie ein starkes und gesundes Baueriigeschlecbt heranziehen sollen. * Am 2. Februar fand in Berlin, Nollcndorfkasino, die Generalversammlung der Gesellschaft jüdischer Acrzte lind Naturwissenschaftler für sanitäre Interessen in Palästina statt. Es wurde beschlossen, daß die Gesellschaft fortan den Namen führen solle: ״Jüdische Gesellschaft für sanitäre Interessen in Palästina“. Es ist zu hoffen, daß sieh diese Namensänderung bei der Propaganda in niyhtärztliclien Kreisen als nützlich erweisen wird. In den Vorstand wurden gewählt: Dr. Sandler (I. Vor* sitzender), Dr. Pinczower (2. Vorsitzender), ferner die Herren Danziger, Dr. l.öweuheim, Dr. Mühsam, Trietseli (sämllich Berlin), Dr. Emil Stein (Wien) und Dr. Tsehleumv (Berlin-Moskau). Posener Brief (V 011 unserem Berichterstatter.) Das Bild jüdischen Lehens in unserer Gemeinde hat sich in letzter Zeit wenig geändert. Die Orthodoxie, welche, dem Zuge der Zeit (01gend, eine Zeitlang den hiesigen Bezirk durch e inen eignen Parteisekretär bereisen ließ und auch in ihren Veranstaltungen hier sich mehr au die Ocffcntlichkeit wandte, hat an führenden Persönlichkeiten durch I od und I cirtziig bedeutende Verluste erlitten. Sic hat ihre propagandistische Eiligkeit in letzter Zeit aufgegeben und beschrankt sich hauptsächlich auf den biblischen, talmudisehen und religionsphilosophiselten Eoitbiidungsunterridit in besonders dazu geschaffcnen Vereinen kleineren Umfangs. Die anderen Rivlitungcn wenden sieh nach wie vor, nnmenllich in ihren Jugendorganisationen, h 111figer au die ()efleutlidikeit. Die diesjährige ,,Saison׳‘ wurde von der liberalen Jugend eröffnet. In der ersten größeren Versammlung dieses Winters trat der Berliner Rechtsanwalt Jaffa in einem Vorträge über: ״Assimilation und jüdische Eigenart“ für die unbedingte Assimilation ein. Sie müsse verlangt werden und sei auch durchführbar. Die inneren Gegensätze könnten genau so verschwinden, wie die äußeren. Der Referent hat mit dieser radikalen I orcleruug in der Gvburtsstndt der ״Richtlinien“ manches Koplsrhütteln auch unter seinen Freunden hervorgerulen. Auch mit seiner persönlichen Ansicht, die russische Grenze müsse den jüdischen Einwanderern solange verschlossen bleiben, bis unsere Judenheit sich so assimiliert habe, daß sie diesen Zustrom aus den Nachbarlanden vertragen und ohne Beschwerden in sich verschwinden lassen könnte. In der Diskussion störten den sonst guten Verlauf einige nntizionistischc Angriffe besonders auf Adolf Böhm, die von den Vertretern unserer •Jugend prompt und wirkungsvoll pariert wurden. Einige Wochen später kam nach dem liberalen Juristen ein liberaler Theologe zum Wort. Er sprach über ״innere Wandlungen im Judentum der letzten 10(3 Jahre“. Das Thema hätte eigentlich lauten müssen: ״Der Einfluß der Philosophen des 1<). Jahrhunderts auf die deutsche Judenheit“. Auch dieser Vortrag schloß mit einem Angriff auf den Zionismus. Eine Diskussion war von vornherein ausgeschlossen worden. — Der (neutrale) ״Jüdische Jugendbund״ hat sich unter anerkannt geschickter und wirklich neutraler Leitung gut entwickelt, wenigstens zahlenmäßig. Er arbeitet vielseitig: Diskussion über Zeitfragen, Freitagabcndvcranstaltungen, Handelskursc, Rcchtsheiehrungen usw. Jede Richtung ist vertreten, hilft mit