Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1914)
- Date
- 1914-02-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. ft JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 59 kanut machen dürfe. Natürlich weih Herr RechtsamvaU Saul, der keine Ahnung vom (Chassidismus zu haben scheint, nicht, dalt kein einziges Exemplar eines Chassitläcrs in Duisburg aufziitreihcn ist. Er sucht hei Grätz•) Unterstützung, weil! aber natürlich nicht,, dalt zu Grätz’ Zeit eingehende Wissenschaftliehe Forschungen über die Chassidim iiherhaupt noch nicht existierten, dalt die Bezeichnung Sekte ganz und )׳ar• unzutreffend ist, weil die Lehre der Chassidiu! durchaus auf dem überlieferten Judentum beruht. Und warum gerade Herr, Saul eine solche Distanz zu den Chassidim deswegen verspürt, weil sie beim (iottesdienst die Piutim nicht beten, ist nicht verstündlich. Dali einem gesetzestreuen Juden die liberale Schcehita nicht paltt, macht ihn auch noch nicht zum C'.hassidaer. Rechtsanwalt Saul h»1t den Mut, den schweren Vorwurf des ■Stimmenkaufs nach wie vor aufrechtzuerhalten. Ein inländischer Orthodoxer bezichtigte aus Rache dafür, daß ihn die Gegner der Liberalen nicht als Kandidaten aufgestellt hatten, den Führer der Ausländer, seinen Feind, bei dem Führer der Liberalen des Stimmenkaufs. Der Angestellte des Zuträgers, der Com dem Führer der Ausländer aus dessen Diensten entlassen und deshalb gleichfalls dessen Gegner war, habe gehört, wie dieser im Betlokal verkündet habe: ,,Wer zur Wahl geht, bekommt 5 M.“ ln dem eingclciteten Untersuelumgsverfahren wurden nur die von den Liberalen angegebenen zahlreichen Belastungszeugen vernommen. Niemand wußte etwas davon, insbesondere hatte auch niemand für seine Stimmabgabe einen Pfennig verlangt oder bekommen. Nur jener Angestellte des Zuträgers wollte eine solche AeulSerung gehört haben, erklärte aber, die Bemerkung könne auch scherzhaft gemeint gewesen sein. Das Verfahren wurde sofort eingestellt. Am 2ö. 1. 13 sprach der Staatsanwalt dem Verteidiger, der gar nicht in Tätigkeit zu treten brauchte, seine Verwunderung darüber aus, daß Juden in solcher Weise gegen Juden Vorgehen könnten. IX׳r Regierungspräsident stellte fest, daß kein Stimmeukauf vorgekonunen sei. Die Liberalen sprachen weiter von den galizischen Fünfmarkmännern. Sie erboten sich in einem Beleidiguugsprozeß v o u neuem, mit einem großen Zeugenapparat den Wahrheitsbeweis zu erbringen und beschuldigten noch weitere ,Personen. Der. Hauptzeuge und Zuträger der Liberalen schrieb am 21. 6. 13 ans Gericht, er könne zur Verhandlung am 1. 7. 13 nicht erscheinen, da er krankheitshalber drei Wochen verreisen müsse. Als der Termin auf den 11. 10. 13 verlegt wurde, schrieb er am 8. 10. 13, er könne wieder nicht erscheinen, da er auf längere Zeit eine Erholungsreise antrete. Diese Behauptungen waren unwahr. Der Zeuge ging am Terminstage seiner gewohnten Be- Schädigung nach und war überhaupt nicht verreist. Die Zeugen wurden e i d I i c 11 vernommen. Sie hekündeten dasselbe wie früher. Der Angestellte des nicht erschienenen Zuträgers, ein Analphabet, der zugab, mit dem Beleidigten verfeindet zu sein, hob sogleich sein trotz junger Jahre außerordentlich schwaches Gedächtnis hervor. Wie der Verfasser des Aufsatzes ״Zur Abwehr“, Rechtsanwalt Saul, durch seinen zu jener Verhandlung geladenen Kollegen, Ausschußmitglied der liberalen Vereinigung, wedf, machte der Zeuge, der nach der Feststellung des Gerichtsvorsitzeuden sehr gut deutsch sprach, einen sehr schlechten Eindruck. Er sagte wieder anders aus als früher. Alle Zeugen stellten die Bemerkung in Abrede. Auch hatte keiner Geld verlangt oder bekommen. Das Gericht verurteilte wegen Beleidigung und stellte bei der Verkündung fest, der Vorwurf des Stimmenkaufs habe sich als null und nichtig erwiesen; auf das Gerede eines Menschen, wie des X., gebe das Gericht nicht das Geringste. Im Urteil heißt es: ״Nach alledem hat das Gericht das Zeugnis des X. als gänzlich unglaubwürdig erachtet.“ Die Erhebung des von dem Beleidigten über das Zustandekommen dieser Aussage angetretenen Beweises hielt das Gericht für überflüssig. Wir wollen hier schonend darüber schweigen. Der Verurteilte legte Berufung ein, zog sie aber bald darauf zurück. Das Urteil ist rechtskräftig. - Vor Abfassung des Protestes wurden die Verfasser auf die oben erwähnten, die Beschuldigung als ganz, unglaubwürdig erweisenden Umstände hingewiesen, reichten aber trotzdem ohne weitere Prüfung die Denunziation ein, in der allerlei Beschuldigungen vor¬ *) Jedermann weiß heute, daß die Darstellung von Grätz nichts weniger als objektiv und historischparteilos ist. Mit dem den Duisburger Liberalen wohlbekannten Grimm des aufgeklärten Juden gegen den in ״mittelalterlichei Barbarei verharrenden“ versetzt er vor allem den kabbalistischen und mystischen Richtungen innerhalb der jüdischen Geistescntwicklung wütende Hiebe, so daß Herr Saul der Stellen hunderte aufführen könnte. Man könnte last sagen, Grätz sei der ״Mann aus Pinne", der jedes gesunde Urteil über die nicht ״aufgeklärten“ Juden verloren hat. gebracht sind, die selbst jener Zeuge niemals vorgebracht hat. Der Rechtsanwalt Herr Saul hält trotz der gerichtliehen und Vcrwulluugsciitschcidungeu die Beschuldiguiig des Vergehens gegen § KW Str. (i. B. aufrecht. Fr bezieht sich dabei gutachtlich auf die Ansicht des Rechtsanwalts Herrn kosciithnl. Dieser sei Schriftfiihrer des Zentralvereins. Das ist richtig. Cr ist aber auch der S 0 h n d e s a n g e k 1 a g t e n und verurteilten Beleidigers und deshalb trotz, seiner Schriftführcreigenschaft zum Gutachter nicht recht geeignet. Die Kimlesliebe ist ja gerade unter den Juden grenzenlos. Das ist der genaue Sachverhalt dieser traurigen liberalen Aktion, zu deren Verteidigung sich ein jüdisches Blatt, ejn einziges, gefunden hat. Jetzt weiß auch Herr Stttd, weshalb 'man mit der Verüffentliclnmg der Ungeheuerlichkeiten gewartet bat. Die Liberalen hatten sich!.״geboten, entgegen den Ent- Scheidungen der Staatsanwaltschaft und der Regierung, die Ausländer durch das Ergebnis einer Privatklagesaehe zu überführen. Man wollte doch noch beweisen, daß der größte Teil der Ausländer nach § 1(W Str. G. B. ins Gefängnis gehörte, nicht unter einen! Monat, mit nachfolgender Ausweisung. Die Dttishufger Ausländer und ihre gleichfalls beschuldigten Freunde konnten ruhig dem gerichtlichen Verfahren entgegensehen. Und erst nachdem auch jetzt die völlige Unwahrheit jener Verleumdungen durch Urteil festgeslellt war, brauchten wir nicht mehr zu bcfürchten, um mit Justi/rat Horwitz zu sprechen, in ein schwebendes Verfahren einzugreifen. Wir konnten jetzt unserer Pflicht genügen, die im Beginn des 2t). Jahrhunderts von jüdischen Liberalen in Deutsch-!and begangenen Ungeheuerlichkeiten warnend der ()Öffentlichkeit aufzuweisen. Und die gesamte Oeffentlichkeit h u t darüber entschieden, Herr Rechtsanwalt Saul, wer ״dem jüdischen Namen unermeßlichen Schaden zugefiigt“ hat. Ein Geschäftsbericht Die ״Deutsche Levante-Zeitung“ läßt sich folgenden Monatsbericht ans Palästina senden: I Jaffa, Mitte Januar 1014. Trotz des Kriegsi zustandes, in dem sich die Türkei noch befand, und | Sonstiger politischer Wirren haben sieb die Geschäfte in unserm Bezirk im verflossenen Jahre 1013 ziemlieh glatt abgcwickelt, und nennenswerte Fallimente sind mclit vorgekommen. Die Getreideernte (Gerste und Weizen) war eine mittelmäßige zu nenne״; es wurden jedoch trotzdem große Quantitäten Mehl cingcfiihrt. Die Sommersaaten (Sesam- und Darisaat) ergaben nur eine geringe Ernte. Auch die Olivenölproduktion war zufriedenstellend; immerhin genügte sie nicht fiir den Konsum des Landes, so daß bedeutende Quantitäten Olivenöl für die ein* heimische Scifcnfalirikation cingcfiihrt werden mußten. Die Apfelsiiienansfuhr belief sich während der Saison 1012/13 auf 1 418 000 Kisten, Die neue Apielsinenernte, in der wir uns jetzt befinden, wird die der Saison 1012/13 quantitativ bedeutend übersteigen, wenn nicht unvorhergesehene Ver- Siältnisse ciutreten. Bis Ende des Jahres 1013 sind etwa 10א)פ(M) Kisten zum Versand gekommen, wovon, wie alljährlich, der Hauptteil nach England ging. Die erzielten Preise waren bis jetzt sehr günstig, doch bleibt abzuwarten, wie sich das Geschüft in der Folge nbwickelii wird, ehe man sielt ein genaues Bild machen kann. Die mit I lamhurg gcmachten Versuche waren leider wieder keine günstigen. Der Import unseres Platzes steigert s i c h z u s e h e n d s, so daß die vorhandenen Zollrätimliehkeiten längst nicht mehr ausreichend sind. Infolge Platzmangels werden die Güter bei ihrer Ankunft teilweise im Freien untergebracht, wodurch die Empfänger des öfteren Schaden erleiden. Man hört zwar, daß eine französische Gesellschaft im Verein mit der ebenfalls französischen Eisenbahngesellschatt Jaffa-Jerusalem die Konzession für den Hafenbau erhalten haben soll; etwas Bestimmtes wird sich indessen erst nach endgültiger Regelung der zwischen den Großmächten schwebenden Diffcrenzen sagen lassen. Die Fremden- und Pilgersaison, an der hauptsächlich Jerusalem interessiert ist, war im vergangenen Jahre infolge des kriegerischen Zu- Standes eine sehr ungünstige. Man hegt indessen herechtigie Hoffnungen, daß die Fremdensaison 1013/14 eine sehr gute werden wird. Die Verkehrsmittel im Lande sind nach wie vor die denkbar schlceiitesten. Die Straßen in Stadt und Land befinden sieb in schlechtem Zustande. Die Bautätigkeit war in Jaffa besonders rege, was der fortgesetzten und bedeutenden Zuwanderung des jüdischen Eiements zuzuschreiben ist. Die Aussichten für das Jahr 1014 sind, wenn keine unvorhergesehenen Verhältnisse cintrctcu und wenn hauptsächlich Ruhe im Lande bleiben wird, nicht ungünstig, ganz besonders, wenn der Hafen tatsächlich gebaut werden wird und auch sonstige Reformen 1m Lande vorgenommen werden. Es ist immerhin zu empfehlen, bei Eingehung neuer Geschäftsverbindungen mit hier vorsichtig zu Werke zu gehen und vorher erschöpfendc Auskünfte über Vertreter und Käufer cinzuholen. Noch einmal: biblischer Geschichtsunterri ch Von B ca Mord e e 11 a i Zu meinem Erstaunen werden die einleitenden Sätze des kleinen Artikels ״Zum biblischen Gcschichtsunterricht“ von Nr. 50 vor. Jahrgangs von ״Acludli hamoroth“ beanstandet. Ich sage ״zu mcinem Erstaunen“, denn ich hätte nicht gedacht, daß die dort ausgesprochene Binsenwahrheit zum Widerspruch reizen könnte. Es sei mir daher gestattet, zu den kritischen Bemerkungen meiner verehrten Kollegin, welche das Judentum als Gußmischung nicht gelten lassen will und verlangt, der biblische Geschichtsunterricht sei ״nur national“, einige sachliehe Ausführungen zu machen. Die Behauptung, in Israel wäre ״der religiöse Begriff ohne weiteres in dem nationalen enthalten“, kann einer gewissenhaften Prüfung nicht standhalten. Ich weiß, daß diese Behauptung oft aufgestellt wird, man braucht aber gar nicht erst auf dem Offenbarungsstandpunkte zu stehen, um sie in das Reich der Phrase verweisen zu müssen. Die alte Geschichte unseres Volkes beweist uns zur Genüge das Gegenteil. — Das Königreich Israel hat, beispielsweise, den mächtigsten nationalen Aufschwung in den Tagen von Omri und Jcrob^am 11. erlebt, — und doch hat die mächtige hebräische Kultur jener Zeit weder König noch Untertanen abgehalten, Götzendiener zu sein und goldene Kälber anzuhctcii. Und in Juda war es ähnlich. Der nationale (ieist hat cs verstanden, bequeme Konzessionen an das Heidentum zu machen. Die Personen, bei denen das Nationalgefühl ״eo ipso“ zur Gottesbegeisterung führte, waren eine kleine, vielfach verlästerte und gefährdete Minderheit, die Propheten, welche gar oft von den hebräischen Nationalisten als Vaterlandsverräter beschimpft wurden. Unsere Bibel abeT ist von dieser Minderheit und in ihren Schulen niedergeschrieben worden. Die verehrte Verfasserin spricht selbst davon, daß die Geschichte unseres Volkes in der Bibel ״religiösethisch beleuchtet“ ist. Sic bewegt sich daher in einem sonderbaren Widerspruch mit sich selbst, wenn sie au anderer Stelle sagt, die Bibel moralisiere nicht, ,/;ist ohne Kommentar gibt sic die Geschichte unseres Volkes“. l)iese Sätze dürfen getrost in ihr Gegenteil verkehrt werden. Die Bibel moralisiert s e 11 r s t a r k und legt ihren Kommentar schon in den Text hinein: Die Könige tun ״was böse ist in den Augen des Ewigen“, sie verleiten Israel zur ״Sünde“, weil die Nation den Götzen dient, kommen Feinde und Untergang, Ja, wir können ruhig eingestelicn: eine ״objektive“ Gescliiehtsdarstellung haben wir so wenig in der Bibel, wie es überhaupt eine solche geben kann, sic ist subjektiv und durch den prophetischen Einfluß religiös orientiert. In Wahrheit: Der ״Gottgedanke Judäas“ ist nicht aus dem Nationalbcwußtsein erwachsen, wie der Schmetterling aus der Puppe kriecht, sondern er mußte dem Nationalbcwußtsein immer wieder eiligehämmert werden, und cs hat Schweiß und Blut gekostet! Erst im SchmcRofen des politischen Zusammcnimichs ist eine unlösliche Gußmischung zustande gekommen. Möglich, daß es beite Hebräer gibt, welche mit den Omri und Jerobeam der damaligen Zeit national empfinden und die Arnos und Jesaia als religiöse Fanatiker ablelinen. Aber über den Geschmack ist nicht zu streiten. Der biblische Geschichtsunterricht kann gar nicht ״nur national“ sein, denn die biblische Geschichte ist nun einmal selber von vornherein — Gußmischung. Und noch ein Letztes, Prinzipielles. Mit vollem Bewußtsein betonen wir heute im Tageskämpf an erster Stelle die nationalen Werte des Judentums, Solidaritätsgefühl, Palästinalicbe, hebräischc Sprache. Aber nicht, weil wir im Nationalen das Wesen des Judentums restlos verkörpert sehen, sondern weil nur die nationale Selbstbcs i n n u 11 g den zentrifugalen Strömungen in Israel ein Paroli bietet. Als einst Elia auf dem Karmel seinen Gottesstreit gegen die Baalspriestcr führte, die damaligen Vorkämpfer der religiösen Assitnilation, da baute er auf dem Gipfel des Berges den Altar des Ewigen wieder zum Opfer auf, obwohl der Höhendienst außerhalb des Tempels zu Jerusalem verboten war. Aber die Ucberlieferung rechtfertigt den Propheten: Der Zorech schaafy das dringende Gebot der Stunde gestattete ihm, das Religionsgesetz zeitweise in den Hintergrund treten zu lassen. Der Kampf für das Jüdisch-Nationale ist der Zorech sc ha ah der Gegenwart. Wir wollen aber nicht vergessen, daß jüdisches Nationalgefühl noch lange nicht ״eo ipso“ jüdische Religiosität bedeutet I 1