Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1914)
- Date
- 1914-02-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 58 J U EDI SCH E RUNDSCHAU Nr. 6 Liberale Selbstverteidigung Nachklänge zur Affaire von Duisburg Am 31. Oktober 1913 zogen wir in einem ״l-iln•- rales Judentum“ übcrscliricbcnen Aufsatz die schmachvolle Verletzung der jüdischen Solidarität ans l.iclit, die sieh die Duisburger Liberalen hatten zuschulden kommen lassen. Die jüdische Ocffeidlieh• keil, die Presse aller Länder verurteilte die unerhörten Vorgänge, die das höchste Aufsehen erregten. In• dessen schien sieh das Duisburger liberale Judentum in ein Trappistcnklostcr zurückgezogen zu haben. Jetzt, nach einem Vierteljahr, begeht Herr Rechtsanwalt Saul, der Verfasser des bekannten Wahl- Protestes, die Unvorsichtigkeit, in einem wortreichen Artikel der Zeitschrift ״Liberales Judentum“ (1913, Nr. I) den Versuch einer Selbstverteidigung zu unternehmen. Dies Beginnen ist um so unkluger, als Herr Saul auf der ZciitralvcrcmsdclcgicrtcMvcrsammlung von Rheinland und Westfalen halte erfahren müssen, dal! ihm selbst in diesem ihm nahestehenden Kreise sein Rechtfertigungsversuch milllmig. Lr wirrt auch bei denen seiner Duisburger Freunde, die es heute bitter bereuen, ihre Unterschrift hergegeben zu haben, keinen Dank finden. Der Protest- und Artikelverfasser wendet sich nicht gegen den Aufsatz ״Liberales Judentum", in dem die Tatsachen aktenmältig registriert sind, sondem gegen die Betrachtung, die Dr. O. Witknvvskv in dieser Zeitung am 21. II. 13 der Dilishurger Affäre gewidmet hat, Der Zionist Dr. Witkowsky hat mit seinen Ausführungen in der ״Jlidisehe» Rundschau“ den Zorn des Herrn Saul in deinselben Malte erregt, wie der Zentrale׳ereinsführer Dr. Herzfeld auf der Delegierlenlaguiig des Zentral- Vereins. I )er Zorn ist ja menschlich zu begreifen, Das Urteil in der Sache ist g c s p r o c h e 11. Wer gesteht, wenn der Spruch gefällt ist, sein l ווי• reelit ein? Lr schilt die Richter. Das ist das gute• Recht jedes Verurteilten, Herr Saul stellt sich auf «len Boden «les Knusalitätsprinzips: Hätten die Oalizier nicht von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht, so hätte er sie nicht beschuldigt. Er nennt das eine ״Reaktion‘, die eintrclcn mtillte. Fabius Schach in seiner treffliehen Abhandlung ״Zur Fremdcnfragc“ (״Ost und West“ 191*1, S. 13, vergl. auch ״Jüdische Rundschau“, 1914, Nr, 5) ist präziser. Er nennt es ״Rache". Es tut uns in der Seele weil, unsere Leser auf den Pfaden des Herrn Saul in das Duisburger (iemeindegebiet führen zu müssen. Wir hatten bereits in dem Aufsatz ״Liberales Judentum“ betont, «lall wir den Lesern diese Widerwärtigkeiten ersparen möchten. Herr Saul will cs nicht. Vielleicht ist auch das zum Outen. schon hat es in Duisburg Wahl- Herr Saul weiß das deshalb nicht, nicht langer Zeit in Duisburg ein* gewandert ist. Als nun die Gemeinde einen Rabbiner anstellte, versuchte dieser alsbald, seinen Reformbcstrebungen Eingang zu verschaffen. Der Vers u c h 111 i ß I a 11 g. Erst nach diesem Zeitpunkt, vor vier Jahren, faiul die erste Rcpräsentaiiteiiwahl nach sachlichen Gesichtspunkten statt. Der Anlaß war der, daß die Liberalen einen langjährigen (ieinciiiilcvertreter, der hei den ״Reformen" nicht durchweg hatte mitt 1111 wollen, als ״unzuverlässig“ fallen ließen. Die Gegner der Liberalen schlossen sieh zusanimcn und iialinien diesen Liberalen in ihre Liste auf. Sie errangen die Mehrheit. Von einer ״orthodoxen" Partei ist und war keine Rede. Das wurde in jeder Versammhing, in jedem Flugblatt gesagt. Alle die kämpften *Schulter an Schulter, die die zersetzenden Wirkungen des liberalen Reformjudentums erkannt hatten, die fiir die Ehre und Freiheit unserer Gemeinschaft als vollbewußtc Juden eintraten. Ebenso geschah es bei der im Jahre 1912 stattgehabten Wahl. Die Ausländer stimmten hierbei selbstverständlich gegen die Liberalen. Das ist keine blutige Satire, wie Herr S.111I sieh im Volksvcrsammluiigsjargon ausdrückt, sonder״ ganz natürlich mul überall so. Nicht 70-80 Galizier waren wahlberech* tigt, sondern genau, wie wir angegeben haben, •15. Hie genauen Listen, die Herrn Saul fehlen, liegen mts vor. Das ״authentische“ Material des Herrn Saul ist falsch. — Auch die Zionisten heteiligten sich an der Wahl. Von Machtdünkcl waren sie weh entfernt. Trotz vielfacher Bitten, vor allem auch von seiten der Ausländer, lehnte der Führer ״ der Duisburger Zionisten die Uebernahine einer Kandulatur ab. Es ist eine Unwahrheit, daß die Ausüber ihn entrüstet seien, daß Ausländer Audi früher kämpfe gegeben, weil er erst vor länd er von Der Gewährsmann des an den Wühlarbeiten für der Wahl abgeraten hätten. Artikelschreibers hat sich a.. .. die Gegner der Liberalen beteiligt, wenn er auch Herrn aaul den Ocfalkm tat, dessen Fragen zu bejahen. . 7er 1'bmle Herr hält cs nun für eine ״ganz selbstverständliche Pflicht religiösen Takts und politischen Anstande*'׳, «lall die Ausländer von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch machen. Den Grundsatz ״Wer Pflichten hat, muß auch Rechte haben“, Inäsen die Liberalen natürlich nicht gelten mit der liberalen Begründung, daß die Ausländer ״zum größten Teil nur eben ihr Auskommen haben“, also keine hohen Steuern bezahlen können. Als Acquivnlcnt für den VcVzicht auf das höchste Gemeinderecht, das Wahlrecht, wollen aber die Liberalen den Ausländern ihre ״Liebestätigkeit" zukommen lassen. Es wäre uns peinlich, in dieser Zeitung ein Wort der Lrwideruiig gegen diese liberalen Gedaiikengängc verlauten zu lassen. Wir wollen deshalb «lern liberalcn Publizisten Dal eil (Kölner Geuieimlehlatt, 5. 12. 13) «las Wort geben: ״Die ausländischen Duisburger Genieimlemitgiieiler haben vollen Rechts die Wahlberechtigung, und es muß ihnen danach auch selbstverständlich tlie Freiheit zustehen, den oder diejenigen zu wählen, tlie sie nur immer wollen.'' Die Duisburger Liberalen aber machten es so: Wenige Lage nach der Wahl versandte der Vorstand der Gemeinde eine Einladung zu einer Versammlung mit der Tagesordnung: ״Stellungnahme des Vorstandes zu tler jetzt getätigten Rcpräsentaiitcnwahl". Diese Einladung erhielten nicht etwa sämtliche Wahlberechtigte, sondern nur bestimmte Personen, die dem Vorstand als im Sinne der liberalen Partei ״s i c h e r" erschienen. Allen wurde ein Schweigegebot auferlegt. I hum wurde bcschlossen, noch schnell vor dein Amtsablauf der hinausgcwähltcn liberalen Repräsentanten den Ausländern nach Bocliimicr Muster das Wahlrecht zu rauhen und sic ferner wegen Sliinmenknufs zu «leiiunzieren, um so mich die bereits getätigte Wahl zu beseitigen; Am nächsten Morgen wurden schleunigst die Repräsentanten eingeladeii. Drei Tage später war die Sache perfekt gemacht. Da «her in der Hast «Ik* Eiiilaihuigsfiist nicht gewahrt war, mußten die beschäftigten Kaufleute <1111 Tage vor Weihnachten iiochmnls erscheinen, um den Wahlrauh eine Woche vor Toresschluß unter Dach und Fach zu bringen. Zur seihen Zeit wurde «lic I)enunziatioii abgeschickt. Das geschah «len Ausländern ganz recht. Nach Herrn Saul ist es ״weder gerecht noch vernünftig, wenn soeben erst aus einem ganz anderen Kulturmilieii Eingewanderte dazu nufgeriifeit werden, gewissermaßen als Richter und Gutachter sich zu betätigen über die Duisburger religiösen mul organisatorischen Ver• hältnissc in der Gemeinde, in der sie «loch erst heimisch werden wollen". Es widerstrebt uns wieder, zu entgegnen. Lassen wir den uns fern stehenden Fabius Schach antworten. Er weist auf die Verwechslung der Begriffe ,Kultur und Zivilisation hin; an Kultur habe es den Juden des Ostens nie gefehlt, vor allem nicht an jüdischer Kultur; in der jüdischen Gemeinde habe nur «las Verhältnis zum Judentum, aber nicht die Zivilisation mitzusprechen; äber auch diese besäßen die ausländisehen Juden meistens längst. Es kann einem ausländischen Juden nicht zugemutet werden, meint man in zarter Rücksichtnahme, in die schwierigen Probleme des Duisburger Oemeindelcbens einzudringen. Diejenigen liberalen Duishurger Wälder, die schon wenige Wochen nach der Wald keine Juden mehr waren, waren befähigt, durch Stimmabgabe, durch Unterzeichnung liberaler Wahlaufrufc und als liberale Vcrsammlungsrcdner an der Lösung der gewaltigen Probleme mitzuarbeiten, auch die dreißig von den liberalen Chefs zur Wald abkoiiimaiulierk'n I laiiilliingskoiiimis, die heute in Duishnrg Hei einem liberalen mul morgen in Krotoschin bei einem konservativen Chef in Stellung sind, auch die von den Liberalen zur Wald geschleppten Versteincrungeu, die bis dalli» lediglich durch ganz unfreiwillige Steuerzahlung mit «len großen .Duisburger Gemeinileproblemeii gerungen hatten. Nur atisländisclic Juden, deren ganzes Sein und Denken’ von Judentum durchtränkt ist, nur sic können nicht gehört werden in jüdischen Dingen. Das sind ״Eiemente", ״die nach Sitte und W c 11 a ns c 11 a u * u 11 g, religiösen O < h r ä u c h c n und Lebensf ii 11 r u n g ihren inländischen Glaubensgenossen ganzlieh fernstchcn“. Der Protest- und Artikelschreiber bat nicht in allem unrecht. Manche religiösen Gebräuche der liberalen Duisburger Juden sind «len Galiziern fremd. Den Christbaum, der am heiligen Wcihnachtsfeste im Hause des Herrn Saul und seiner liberalen Freunde wenigstens einmal im Jahre religiöses Emp* finden in hellem Scheine sichtbar werden läßt, wird man in den Häusern der Duisburger galizteclicn Juden nicht finden, 36 Galizier haben gewählt, sämtlich gegen die Liberalen. Von «len wahlberechtigten Galiziern besuchen 13 die Gcmcindesynagogc, 28 den Gottesdienst der Orthodoxen, an dem aber auch deutsche J11 «I c n t c i 111 e h m c 11, •I besuchen gar keinen Gottesdienst, Von den 28 Orthodoxen haben 20 gewählt. Hätten sie nicht gewählt, auch dann hätten die Gegner der Liberalen die Mehrheit ihrer Rcpräsentantcnliste durchgebracht. Die Zahlen des Herrn Saul sind unrichtig. In dem Protest spricht Herr Saul von 30—40 Wählern, jetzt schon von 45. Diese ausländischen Wähler waren den Gegnern der Liberalen so sicher, daß eine Wahlagitation hei ihnen überflüssig war. Ls ist unrichtig, daß die Gegner der Liberalen unter «len Ausländern in anderer Weise, als bei andern Wählern agitiert hatten. Die Liberalen Verbieten in ihrem Liberalismus den Ausländern nur die Stimmabgabe, sofern sie sieb gegen die Liberalen richtet. Wenn sie jedoch liberal wählen wollen, sind die Ausläniler ״zu Richtern und Gutachtern" über die Duisburger* (iemeindevcrhältnisse befähigt, dann dürfen sic an tler Lösung der Probleme und Aufgaben der Duisburger Gemeinde milarbeiten. Die Duisburger Liberalen haben unter «len Ausländern ganz regelrechte Wahlagitation getrieben. Zur Zeit «ler Wahl machte ein Vorstandsmitglied ganz offiziell unter Bezugnahme auf Besprechungen mit dem Führer der Liberalen dem Führer «ler Ausländer fast taglieh «las Angebot und bearbeitete ilm mit Macht dahin, die Ausländer sollten für die Liberalen stimmen. Unter dieser Bedingung würde den Ausländern ein beträchtlicher (ieklzusehuß lür ihr Betlokal bewilligt werden. •So sieht der Liberalismus der jüdischen Lilieralcn aus. Wiederholt erklärten die Duisburger Lilieralcn, «laß sie niemals etwas gegen die Ausländer unternommen haben würden, wenn diese liberal ge* stimmt hätten. Und haben die Liberalen den 10 Ausländern, die in Dessau ihre Stiihmc nicht frei abgeben «111 r f t e 11 und deshalb liberal wählten, das Richten in jüdischen Dingen verübelt? Mit «lein Eifer des Renegaten schlägt Herr Saul, der sich früher einmal Zionist nannte und mit Schekeleinziehen beschäftigte, auf die Zionisten los. Derselbe Herr, «ler sich übrigens weder an irgendeiner Wallis er- Sammlung beteiligt hat, noch so viel Interesse aufbrachte, zur Wahl zu kommen, hat selbst erklär», die liberalen Wnhlausselireitimgeii hätten «len Liberalen manch«׳ Stimme entzogen. Die unwürdigsten Auftritt« kamen vor, in unbeschreiblicher Weise wurden Lebende und lote besudelt, und vor allem der ganze liberale Haß auf die Ausländer ausgegossen. Die liberalen Gäste antilihcralcr Versammlungen begrüßten «las Lrsehcincn von Ausländern mit höhnischen Zurufen, in öffentlicher Versammlung sprach man von den ״Polakeu", brach bei Gericht, als der Richter die ״Schonire Scliabos" erwähnte, in ein wieherndes Gelächter aus und mußte sich seihst beim Wahlakt wegen des Verhaltens gegenüber «len Gegnern von dein Kommissar «ler Regierung Belehrungen über Anstand und gute Sitte erteilen lassen. Herr Rechtsanwalt Saul verfaßte den bekannten Wablprotest, der von 53 (nicht 40) Personen unterschrieben ist. Darin wurden die Duisburger galizisehen Juden wegen Stimm'cnkaufs und -Verkaufs denunziert. Ihr Führer sei dringend verdächtig, den größten Teil der Stimmen seiner Landsleute gekauft zu haben. Es werden eine Anzahl von Personen benannt, die je 5 M. für die Stimmabgabe bekommen hätten; der Bestechungsfonds sei ilurch freiwillige Spenden der Orthodoxen aufgebracht worden: nicht etwa vereinzelt, sondern anscheinend ganz allgemein hätte ein bestimmter Teil der Wählerschaft seine Stimme verkauft; wenn auch ein strikter Nachweis nur in wenigen Fällen gelingen sollte, so müßten die strafbaren Handlungen doch in weit zahlreicheren Fällen wirksam gewesen sein. Die Liberalen wollten die Wurde der Synagogcngcmcindc wahren und dem geschilderten unlauteren Verhalten gewisser Kreise ein für allemal einen Riegel vorschieben. Man habe die Ausläniler mit physischer Gewalt zur Wahl geschleppt, timt mit hebräischen Biidistnbcn die Namen tler Kandidaten auf Zettel geschrieben, damit die Wähler sie lesen könnten. Ferner werden tlie Ausländer in der bekannten Weise charakterisiert als Angehörige der von dem rechtgläubigen Judentum als ketzerisch angesehenen Sekte der Chassiiläer. Sie hätten einen eigenen Schächter, da ihnen «ler von «lern Gemeinderabhiner beaufsichtigte Schächter nicht Vertrauenswürdig erscheine. — Hören wir «las liberale, antizionistische ״Hamburger Familienblatt": ״Das Her- Vorlieben der Ausländeripialitiit «ler Denunzierten, ihre Charakterisierung als jüdische Sektierer könnte, falls das wirklich geschehen ist, nur den durchsichtige!! Zweck gehabt haben, andere Wirkungen als die einer bloßen Stattgchung des Protestes hei der Regierung zu erzielen, beispielsweise die Ausweisung der Denunzierten als lästige Ausländer. Denn wenn wirklich Walilbestechuugen vorgekommen waren, dann waren sic gleich verwerflich und gleich strafbar, mögen sie von Inländern oder von Ausländern vorgenommen sein.“ Und ferner «len liberalen Publizisten Da teil: ״Fest steht allerdings, daß es mehr als eine nur be* daucrlichc Entgleisung, daß es eine absolut und rückhaltslos zu verurteilende Handlungsweise gewesen ist, wenn hier in einem an die Behörde gerichteten Schriftstück die Fabel von einer Sekte im Judentum aufgewärmt und damit den Antisemiten, die ja auch mit dem Märchen von jüdischen Verbrechersekten hausieren, Wasser aut ihre Mühlen getrieben wird.“ Der Protestverfasser frag» demgegenüber, ob er denn den Regierungspräsidenten zu Düsseldorf nicht mit der historischen und religionswisscnschaftlieh begründeten Wahrheit über die Chassldim be-