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Jüdische Rundschau · 1914-01-10 · Heft 5 (10.1.1914) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 5 (10.1.1914)
Date
1914-01-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 48 J U H i>f SC H E R UN DSC HAU Nr. 5 In Palästina Im Dezcmbcrlieft der ״N e u c n R u ח d s c h;1 u“ (Berlin, S. Fischer Verlaß) erschien ein längerer Aufsalz von Alfons Pnquct der das Leben in Paliistina, vor allem in Jerusalem, Jaffa und den jiidisehen Kolonien behandelt. Wir entnehmen dem trotz mancher Irrtiimer und Mißverständnisse atisge/ekhrieten und sehr interessanten Artikel folgende Stellen•. Die zionistische Bewegung hat schon vor J 1017.1 bestanden, aber durch llerzls!:intreten eine Festigütig gewonnen. Die Führer haben nur kurze /eit in der Wahl des tJrtes der künftigen Besiedlung geschwankt. Man hat auch au Gründungen in Ostafrika oder auf Zypern ernstlich gedacht. Noch 7.11 Herzls Lebzeiten wurde sich die Mehrheit der Zionisten darüber einig, daß mir Palästina in Beträcht komme. Palästina ist noch fast frei von Ko- Ionisation; es hat den Vorzug der Nähe des cmop.iisehen Ktilturkreiscs. Das Land befindet sich seit einem halben Jahrtausend in den Händen des Islam, die es Italien verkommen lassen. Das ist für den, der dort ein neues Werk schaffen will, in jedem Sinn ein Vorzug. Die staatliche Schwäche der Türkei kann der Sache des Zionismus nur willkommen sein, gleichviel ob seine Anhänger damit rechnen, in Zukunft an einem Wiedererstarken dieser Maciit den tätigsten Anteil zu nehmen und sich damit einen weltpolitischen Einfluß zu sichern, oder aber, beim Untergang des türkischen Staates mit Aussicht auf eine reiche Erbschaft mit/.uwiikeii. Das zionistische Komitee hoffte anfangs, durch eine bedeutende fiuaiizielte Gegenleistung vom Sultan Abdul llamid einen Freibrief für die Besiedelung des ganzen Landes erwerben zu können. Diese Hoffnung bat sieli nicht erfüllt. Soweit die linkische Regierung dazu imstande war, hat sic gelegentlich sogar versucht, die Ein- Wanderung Von Juden in Palästina zu erschweren. Die Organisation beschränkte sieh also auf eine Ilesicdclung im kleinen. Das Ergebnis dieser Kolonisationsarbeit, die teilweis auf früheren Versuchen fußt und diese mit benutzt, ist jetzt bereits so weit zu übersehen, daß man sagen kann, die Zukunft in Palästina, sowohl die Wirtschaftliehe, als in gewissem Sinne auch die der Verwalt 1111 g, gehöre den Juden. I >as klingt erstaunlich nach so wenigen Jahren, aber es ist nichts Wunderbares dabei, wenn man im Land selber sieht, wie die Juden begonnen haben, außer ihrem Geld und der Intelligenz, die sich in den Dienst der Sache gestellt hat, jährlich auch einige Tausend frischer Arbeitskräfte ins Land zu führen. Der Betrag, der seit etwa drei Jahrzehnten dem Judentum Palästinas in den verschiedensten Formen von außen zugcflosscn ist, wird auf mehr als hundert Millionen Mark beziffert. Die Werbung für den Zionismus ist unter dein Ostjudentum in Galizien, Rumänien und Rußland nicht minder wirksam wie unter den Juden der protestantischen und der romanischen Länder. Sie wendet sich im Osten unmittelbar au die proletarischcn Massen, im Westen vor allem an die jugendliche Intelligenz. Sicherlich ist die Zahl seiner heimlichen Anhänger mindestens ebenso groß als die Zahl seiner Bekenner, die den ״Schekel״ zahlen. Auch unter den Scphardcn hat der Ruf nach Zion Widerhall gefunden. Obwohl die meisten Völker, unter denen diese Scphardcn leben, so zum Beispiel die Araber in Jemen, Semiten sind, sind sie nicht immer duldsam gegen die Juden, die mit Zähigkeit an ihren religiösen Gebräuchen festhalten und sich ahschließen. Merkwürdigerweise machen sich selbst in Palästina unter den Arabern neuerdings Judenfeindliehe Stimmungen bemerkbar, allerdings vielleicht als Folge eines Mißverständnisses, das daraus entstanden ist, daß die jüdischen Kolonisten in einzelnen Füllen keine arabischen Arbeiter auf ihren Farmen beschuftigen wollen. Zwar sind die Schwierigkeiten der Kolonisation nicht gering. Es ist vorläufig noch wenig, Platz für Einwunderer ohne ein kleines eigenes Kapital. Schlechte Verkchrsveiliältnisse, rohe Steuern, Feindschaft und diebische Angewohnheiten der arabischen Landbevölkerung, nicht zulct/.t auch mancher Hader innerhalb der Judenschaft selbst wirken hemmend. Aber alle diese Schwierigkeiten überwindet die Zuversicht der Einzelnen und das fast automatisch großzügige Arbeiten der Organisation, Diese Organisation trägt bis jetzt fast ausschließlich deutschen und englischen Stempel, Die leitendun Gesellschaften, vor allem die Anglo-Pakstitte-Compauy mit den von dieser Bank abgezweig- Stellen für Auskünfte, Verwaltungsallgelegenheiten und Landesforschung, die Palestine Land Development Co., die Jewish Colonisation Association, die Immohilicugcscllscaft als Institut für städtischen Grundbesitz, die verschiedenen wissenschaftlichen Ge- Seilschaften, das Gymnasium in Jaffa und das große Technikum in Haifa, das im Herbst dieses Jahres ״ eröffnet wird, stehen teils unter deutschem, teils unter englischem Schutz, Außer ihren reinen Bankget clviften ׳ und einer ausgiebigen Gewährung von i ' Darlehen an die Kolon; •ten, b treibt die Attglo-Palest ine Co. Lamlankäufe größeren Stiles für den Nationalfouds, Das vergangene Krk׳ß:*j;;!ir der Türkei war den Eanderwerluin'-ni becondcrs günstig. Die Ebbe in den Kassen der Regierung und der Beamten kommt diesen Eaiulwuiiseiieii sehr zugute, und die Vorteile für die Käufer sind um so größer, als ihre Mittel an flüssigen Geldern bedeutend sind. Der Landkauf könnte noch ra;;cl)cr fortsclireiien und noch größere Vorteile vvalirnchmcii, wenn die Zmvniulernng der Kolonisten damit Schritt hielte. Eine Anzahl Grollgrmidstückc im Besitz, de; Nationalfonds liegt vorläufig noch unbebaut auf Vorrat. Die mit den l.andessitlen vertrauten Agenten der Organisation verstehen es, mit den türkischen Beamten gute Be- Ziehungen zu pflegen. Die Gesamt zahl der seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Palästina emgewamlerten Juden mag huntlerUausend betragen. Etwa achtzig• tausend davon gehören allerdings zu den Strengen, und nicht der Zionismus ist die Ursache ihrer Hebersicdclung nach Palästina gewesen, sondern ein rcligiöser Grund. Diese achtzigtaiiscnd leben zum größten Teil in Jerusalem, die übrigen in Safed und Liberias: denn tu jetten Gegenden von Galiläa erwarten die Frommen das Auftreten des Messias. Unter diesen Leuten sind viele Alte, Kranke und Schwache, die mir gekommen sind, um im Boden ihrer Vater begraben zu werden. Nur ein Teil von ihnen ist imstande, einen Nebenerwerb von Handel und Kleingewerben zu finden; die meisten leben von der Gltaluka und von den privaten Unterstützungen, die den Annen und ihren Verwandten daheim zugute kommen. Ein Wechselstrom von Bettelbriefen, der‘ von Jerusalem und 'Liberins aiisgelil mul die (iahen hcrau/icht, hält eine gewisse Verbindung dieser Mensehen mit der übrigen Well aufrecht, Die Clialnka ist die oifi/ielle, mich Landsmannschaften verteilte Spende der ganzen religiösen Judenlieit für die in Palästina lebenden ITonniieii, Die Einrichtung bestellt sowohl bei den asclikenasiselieu wie bei den scphardischen Gemeinden, lind es wäre nur zu wünscheu, daß diese öffentlichen Beiträge etwas reichlidter flössen, damit von dem Gehle etwas unteriiotiinieu weiden kamt, um die in einem fruchtlosen Tahmidsiudium Duhiiilebciulou, besonders die jungereu unter ihnen, an rentablere Formen des Haus- ' fleißes zu gewöhnen, 111 Jaffa sind durch eine Schlosserei, in Jerusalem durch die Schule und die fabrikmäßige Einrichtung der kunstgewerblichen Anstalt ״Bez.atel'׳ einige Anfänge dafür geschaffen worden. B e z a I e I ist vor acht Jahren gegründet worden und jetzt mit seinen vierhundert Arbeitern, die in zwei Häusern beschäftigt sind, das größte wirtschaftliche Unternehmen in Jerusalem; mich eine kleine ländliche Kolonie bei Jaffa gehört zu ihrem Betrieb. Die Eeinhandwcrkcr und Künstler dieser Anstalt, tlie Teppichknüpfer, Ziselierer, EiligranhinUer, I lol/sehnitzer, Tischler mul Spitzenklöpple!׳׳innen, stammen teils aus Damaskus und aus Aegypten, teils sind es Eingcwanderte aus Rußland und Rumänien und der Nachwuchs wird von Lebrein unterrichtet, die eiiie westeuropäische Schulung haben. Der Absatz der Bezalel-Warcn scheint geschickt organisiert zu sein, fu den großen Städten Deutschlands und Englands findet man Ausstellungen der Erzeugnisse iu den Warenhiiuseru, im Osten haben eigene Vertriehsgcsellsehaften den Verkauf in die Hand genommen; zweifellos kommt diesen orientalisdien Gegenständen bei ihren Abnehmern der Strahlenkranz von Jerusalem zugute, ln Zukunft wird das vielseitige Unternehmen auch die graphischen Gewerbe pflegen. Da es einstweilen an einer Großindustrie im Land noch vollkommen fehlt, so leistet diese Anstalt in ideeller Verbindung mit den philanthropischcu Bildungsstätten, die in Jaffa und Jerusalem eifrig gefördert werden, schon jetzt ihr Bestes, um wenigstens Teile der orthodoxen jüdischen Bevölkerung mit der Moderne in Berührung zu bringen und sie von dem inneren Wesen des zionistischen Gedankens abhängig zu machen. Von den hunderttausend Juden Palästinas sind in der Landwirtschaft höchstens zehntausend beschäftigt. f7?\ Pf #י״יו וי 1:1 לי * ]; ל f 1 KU \J (sj v\ y La Lj ki i««* m n m v\no I f״ wenn die ״Jüdische'Rundschau" Ihnen nicht pünktlich geliefert wird. — Erst wenn dieser Schritt erfolglos bleibt, bitten wir, uns zu benachrichtigen Verlag ״Jüdische Rundschau“ BERLIN W15 Sächsisch® Str. 8 Erst seit zehn, höchstens seit fünfzehn Jahre■ gibt es einen modernen Zionismus. Ueberblkkt mau, was seine Werbearbeit bisher für die Durdiknctuug des in Palästina neu versammelten und des gesamten draußen verstreuten Judentums geleistet haben, Und was im Lande geschieht, •so muß man zugeben, daß schon vieles erreicht worden ist. Von Jahr zu Jahr tritt Palästina deutlicher als Wirtschaft*- ge bie t von ausgesprochener Eigenheit auf dem Weltmarkt hervor, Die Tonnenzaiil der in Gaza, Jaffa und Haifa verkehrenden Schifte ist seit P.O i a 11 f tu e h r als das Doppelt e des Früheren gestiegen, und noch fühlt mau sich mir iu den ersten, ganz bescheidenen Anfängen. Das ist /.war nicht das Werk des Judentums allein, aber sein Anteil an dieser Entwicklung wird immer größer. Am langgestreckten Küstensaum von Jaffa, am Nordrami von Jerusalem, an den Abhängen des Karmel bei Haifa sind jüdische Vieitel moderner Klciiilniuser nach europüisi'licm Muster entstanden; weitere, bessere sind int Entstellen. Man plant bei Jaffa die Anlage eines guten Badestrandes mit I lotels auf dem von jüdischen Gesellschaften gekauften Düncnbodcn. Man hofft, iu wenigen Jahren die verödete schöne Landschaft des Sees vott Tibcrias. so um/ugcstalten, daß sic für die elegante Welt, die bisher nach Aegypten reist, zu einen! großen Winterkurplatz werden kann. Man wird in Zukunft das Land m;t Automobilen, die Flüsse mit Motorbooten befahren, Schott bcstehen, als Bausteine einer künftigen hebräischen Laudcsuiiiversität in Jerusalem, verschiedene chemische Laboratorien, geologische, archäologische, medizi• nisclte Institute' 11ml weitverzweigte Gesellschaften; in dem hcbriiischeii Gymnasium in Jaffa kamen in diesem Jahr die ersten Reifezeugnisse zur Verteihmg. Hier wirtl tlie Jugend für den Besuch tler kiinftigyii Universität und tles neuen deutsehen Polytedtnikums in Haifa vorbereitet. Man hat begonnen, Landstraßen zu bauen und den Sicherheitsdienst zu einer kleinen Truppe zu vereinigen. In Zukunft sollen Stauanlagen geschaffen werden, tlie den ausgctrockiietcn Berghängen die Möglichkeit tler Bepflanzung wiedergeben. Lang wirtl es nicht mehr dauern, und in den größeren Städten Palästinas wird man tlie Theater, die Zeitungen, die musikalischen VerattstalUüigen der Juden finden. Und je mehr die Ko- Ionisation zunimint, desto größere Bedeutung gewinnt auch der politische Zusammenschluß der Kolonien und das Neuhebräisch, das ihre Sprache ist. Palästinafilms Zwischen schauerlichen Dramen von vielen Kilometern Länge und buiitkoloricrtei! Humoresken von einer unbeschreiblichen Blödsinnigkeit wartet unser eine Erholung. Man hat uns die prachtvolle Erfimltuig des Kinos durch den sdireierisehen Humbug, der damit getrieben wird, schon verleidet. Da sehen wir auf einmal diese Erfindung in den Dienst unserer Sache gestellt. In diesen Tagen wird uns die Berliner Zionistische Vereinigung Palästina im F i I nt Vorführern*). Was haben wir, deren Interesse so stark mit Palästina verknüpft ist, nicht alles von diesem Lande gehört! Jetzt sollen wir es scheu. Sollen die Fahrt von Odessa nach Jaffa mitmaeheu und in Jaffa selbst alle Stätten unseres Interesses besichtigen. In Tel- Awiw־ werdet! wir spazieren gehen; werden mit den Schülerinnen des Leiircriiineiiseiniiiars arbeiten und mit den Gymnasiasten des hebräischen Gymnasium■ einen Ausflug machen. Pethacli-Tikwah, Gliedern!!, SichVon-Jakob lind viele andere unserer Kolonien werden wir bei ihrer Arbeit zu selten Gelegenheit haben. Sollen durch die jtidüischcn tiebirge fahren; Jerusalem schauen mit all dem lebendigen Leben, das uns Wort und Buchstabe doch nur unvollkommen vermitteln. Wie das Technikum zu Haifa errichtet, wie in Rischon-Lezion Wein gewonnen wird, wie man in Katra ein Jubiläumsfest und in Rechoboth den Peltach begeht all dies wird vor unseren Augen erstehen. Wir sind nicht alle in der glücklichen Lage, Palästina besuchen zu können. Auch der Film ist pur ein Surrogat, aber ein besseres als Reden und Vorträge. Und wir brauchen solche Surrogate. Denn alles kommt darauf au, den lebendigen Zusammenbang mit dem Land unseres Strebens herzustelteu und aufrcchtzucrhaltcn. Die bloße Tatsachenvermitthing genügt dazu nicht, Zn Zahlen und Namen muß sich die plastische Vorstellung gesellen; amt bloßen Wissen das bunte Bild. Erst dann können die Dinge ein Teil von uns selbst werden, wenn wir sie wirklich vor uns sehen. Wir müssen der Berliner Zionistischen Vereinigung dankbar dafür sein, daß sie uns die Gelegenheit dazu gibt. Kientöppe schießen üppig empor; der Film hat in kurzer Zeit einen unvergleichlichen Siegeszug angetreten. Den Optimisten widerstrebt die Annahme, daß nur schauerliche Romantik und blödeste *) Siehe das Inserat in dieser Nummer.

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