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Jüdische Rundschau · 1914-01-10 · Heft 5 (10.1.1914) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 5 (10.1.1914)
Date
1914-01-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 5 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 47 wenn er dennoch oder vielmehr deshalb diese innere Freiheit für die Schule verlangt und pädagogisch postuliert, so brauchen unsere weisen Schulpolitikcr nicht aus bleicher Furcht vor dem Wort Ghetto- Absonderung die jüdische Volksschule abadehnen, die jener, der Christ, als vollberechtigt, ja notwendig anerkannt. ״Die nationale Einheitsschule ist ein einliebliches Gebilde, trotzdem sie verschiedenartige Schulen mit verschiedenartigem Charakter in sich faßt“, beginnt sein 19. Leitsatz (der angeführten Thesen zur Einheitsschule), und damit werden sich auch die dcutschnatioualstcn Juden zufrieden geben dürfen. Wir brauchen uns ja nicht darum zu kümmern, was die andern sagen; aber wenn ihr es denn durchaus doch tun wollt: nun, hier habt ihr, was sie sagen! Die Aktion für das Schulwerk Mit dem dieswöcliigen Ausweis erreicht die Summe der Zcntralfondscingängc beinahe den Betrag von 100 000 M. Das ist im Verhältnis zu der kurzen Zeit, die erst auf die Sammlung verwandt werden konnte, ein recht erfreuliches Ergebnis. Inzwischen ist eine Reihe weiterer Zcicimungseiklänmgen eiligegangen, so daß wir jetzt schon mit einem Ertrag von mehr als 160000 M. für die alleruiidiste Zeit rechnen können. Dabei sind aber die überseeischen Länder überhaupt noch nicht in Betracht gekommen, und auch aus Rußland, Deutschland und den anderen Ländern, in denen die Aktion bereits mit Energie eingesetzt hat, stehen die Hauptergebnisse noch aus. Aus Deutschland ist besonders m bemerken, daß die Agitation für das hebräische Schuhverk jetzt mit gutem Erfolg auch auf die kleineren Gemeinden übergreift. Hierfür ist ein Beleg das Resultat der kleinen oberschlesischen Tournee des Herrn Dr. Birani, und auch aus dem Rheinland liegen solche Nachrichten vor. Herr Dr. Levin sprach in der verflossenen Woche mit außerordentlichem Erfolg in Wien, und schon jetzt steht fest, daß die Sammlung hier noch ganz große Ergebnisse zeitigen wird. Herr Sokolow hat seine Tournee durch Galizien angetreten, Herr Julius Simon sprach in Basel. In Bulgarien macht sich großes Interesse für die Aktion bemerkbar. Insbesondere wird die Information Nr. 2, die jetzt auch in französischer Sprache vorliegt, dort sehr verlangt. Zur Beachtung Von der dicswöchcntlichcn Nummer der ,,W e i t“ ist zu Propagandazwecken eine besonders hohe Aufläge gedruckt worden, deren Exemplare den Ortsgruppen und Vereinen für die Aktion zugunsten des Schulwerks unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden. Bestellungen so rasch als möglich an das Zionistische Zentralbureau, Berlin W. 15, Sächsische Straße 8. Zionistische Jugendarbeit Von Hans Goslar, Berlin. Ucber die Notwendigkeit zionistischer Jugend- Organisationen an sich braucht in diesen Blättern kein Wort verloren zu werden; daß wir die jüdische Jugend aller Bildungsgrade und Erwcrbsschiclitcu zu organisieren und ihre vereinten Kräfte unserer Bewegung und damit dein Judentum« nutzbar zu machen haben, ist eine selbstverständliche Forderung. Viel ist ja in dieser Hinsicht schon geschehen. Wir haben große studentische Verbände, die sich nicht nur unter Juden einen geachteten Namen zu schaffen verstauden haben und die in der Erziehung ihrer Mitglieder in nationaljüdischcin Sinne und in der Verbreitung jüdischen Wissens, wie in der seelischen und körperliehen Kräftigung der ihnen angcschlosscncii Jugend überaus Erfreuliches von bleibendem Werte geleistet haben und in ständig wachsendem Maße weiter leisten. Seit einiger Zeit haben sicli feiner die bisher vereinzeit bestellenden und nach verschiedenen Prinzipien arbeitenden Herzl-Klubs, Sammelpunkte der intensiver zionistisch interessierten jungen zionistischen Kauf.- leute, zum Herzl-Bund zusanimcngeschlosscu, der heute sieben nach einheitlicher Arbeitsmethode Erziehungsarbeit leistende Herzl-Klubs umfaßt, in denen — dank der glücklichen Kombination: stramme Disziplin und freundschaftlicher Verkehr der Mitglieder untereinander — ein recht umfangreiches Arbeitspensum bewältigt wird und schöne Resultate erzielt werden. Die hieF geschilderten Organisationen, so notwendig sie sind, genügen jedo-ch, wie in zionisti• sehen Kreisen mehr und mehr erkannt wird, nicht den Anforderungen, die wir an uns selbst stellen müssen, wenn wir uns über den Umfang der von uns noch in der jüdischen Jugend Deutschlands zu leistenden Aufklärungs• und Werbearbeit klar gewor• den sind. Es genügt, um die Unzulänglichkeit unsercr bisherigen Jugendarbeit darzutun, meines Erachtens schon der Hinweis auf die Tausende von jungen jüdischen Kauflculcn in den Großstädten, au die wir bisher mit unserer Propaganda nur in ganz unzureichendem Maße licraugekomincn sind und in deren Reihen ganz zweifellos Hunderte sind, die durch eine zweckmäßige Propagandaarbeit für uns gewonnen werden können. Audi auf dem Gebiet der Mädcheiiorganisalion stellen wir noch ganz in den Anfängen. Und feruei weise ich auf die nicht in unseren großen studentischen Verbänden inkorporierten jungen Akademiker hin, die aus Prinzip oder aus irgendwelchen Gründen persönlicher oder snclilieber Natur nicht in akademische Korporationen hineiligdien, die aller in einer zionistischen Jugend■• Organisation auf breiterer Basis gern mitarbeiten winden. Man komme mir nicht mit der Entgegnung, daß die Ortsgruppen dazu berufen seien, liier ver* initteind eiuztigreifeti. Denn einmal wird Jugend- Propaganda und Jugendarbeit immer noch am besten durch die Jugend seihst geleistet,!und dann ist, wenigstens in den Großstädten, das Arbeitsgebiet der Ortsgruppen so mannigfaltig, daß liier nicht Oewähr geleistet werden kann, daß die Jugeudpropagamla so systematisch und energisch betrieben wird, wie cs in einer von der Jugend geschaffenen und geleiteten Organisation, die nur diesen Zwecken dient, möglich ist. Man kann sogar sagen, daß in vielen Ortsgruppen, insbesondere in den Großstädten, eine Anzahl junger und jüngerer Leute vorhanden ist, die an und für sich, gern zur Arbeit bereit wären, die aller allmählich, weil man sic nicht lieranzuziehcn verstellt, naturgemäß lauer und uninteressierter werden. Demi die Jugend will, wenn sic ein Ideal hat, das sic ausfüllt, auch die Möglichkeit haben, cs zu betätigen, und durch nichts erzeugt man leichter Nörgler, Skeptiker und Unzufriedene als durch die — wenn auch ungewollte — Lahmlegung junger enthusiasmierter Kräfte. Diese jungen Leute steilen also, ebenso wie die vorhin erwähnten jungen nicht inkoi polierten Akademiker, die geborenen Mitarbeiter einer auf breitester Basis zu cr ri c 111 e 11 - den allgemeinen zionistischen Jugend- Organisation dar. Dieser Jugendorganisation fallen alle die Aufgaben zu, die infolge des internen Charakters der studentischen Organisationen und des Her/lbutides notwendig aus deren Arbeitsgebiet atisscheiden müssen. Ihnen ist vor allem die Aufgabe der Au ßenpropag a 11 d a des zionistischen Oedankens gestellt, au die sich die Weiter- und Durchbildung der neugewonnenen Elemente in besonderen Abteilungen und Zirkeln schließen muß. Diese allgemeine Jugend- Organisation wird auch imstande sein, i 11 d i - v i d u c 11 c Agitationsarbeit unter den verschiedensten Schichten der Jugend zu leisten, durch Verständnisvolles Eingehen auf die speziellen Interessen der Angehörigen der einzelnen Berufe. Und sie wird in der Arbeit unter den jungen kaufmännischen Angestellten das nacliholen müssen, was lange versäumt worden ist, um liier endlich Bresche zu schlagen in Indifferenz und Abneigung, und um unserer Bewegung nach Möglichkeit die in hohem Maße in den Reihen der jungen jüdischen ,Kaufleutc vor- Iiaudene Intelligenz und praktische Begabung nutzbar zu machen. Berlin, die Metropole, ist auch auf dem Gebiete der zionistischen Jugendarbeit berufen, den Anfang zu machen. Und so wird denn noch in diesen Tagen ein Berliner Zionistischer Jugcndvcrcin entsteilen’) der hoffentlich dazu berufen ist, die Arbeit der bestehenden Jugendorgan is a t i 11 ס e n unserer Bewegung auf das Glücklichste zu ergänzen, in weite Kreise der Jugend sieghaft das Banner unserer Ideen zu tragen und den Ortsgruppen einen Nachwuchs zu sichern, wie ihn eine Bewegung braucht, deren Arbeitsgebiet von Tag zu Tag größere Dimensionen annimmt. Um von vornherein allen Mißverständnissen und Unklarheiten vorzubeugen, sei betont, daß die zionistischen Jugcndvcrcinc — denn dem Beispiel Herlins werden, wie wir hoffen, die großen Provinzstädtc bald folgen — ihre Aufgabe nicht etwa in einem Kampf gegen die neutralen Jugcndvcrcinc erblicken. Es liegt keineswegs in unserer Absicht, die Kreise dieser Bewegung, der wir die Existenz- Berechtigung für bestimmte Kreise der jüdischen Jugend Deutschlands ja niemals abgestritten haben, zu stören. Ein altes Sprichwort lautet: ״Die•Jugend ist die Zeit der Saat, das Alter erntet Früchte. Wer jung nicht, was er sollte, tat, des Hoffnung wird zu nichtc!“ Wir jungen Zionisten wollen helfen tiie Saat aussäen, aus der die Hoffnung unseres Volkes ersprießen solil *) Alle Anfragen, den Berliner Zionistischen Jugendverein betreffend, sind an Herrn Otto leh-1 mann, Markgrafcnstr. 84, zu richten. Die ״Fremdenfrage“ Unter diesem Titel schreibt Fabius Schach in der letzten Nummer von ״Ost und West״ 11. a. folgendes: ״Daß innerhalb der Judcnhcit eine Fremdenfrage auftauchcn konnte, gehört zu den tragikomischen Erscheimmgen, an denen die jüdische Geschichte reich ist. Die jüngste Geschichte vielleicht noch reicher als die alte. Während die Geschichte der vorigen Jahrhunderte einen dusteren Charakter trägt und den tragischen Gnmdtui! zeigt, ist die Geschichte der jüngsten Geschehnisse häufig tragikomisch. Tragikomisch nicht im gewöhnlichen Sinne, sondern im höheren. Denn in der äußeren Komik liegt hier fast'immer etwas Tieferes, Tragisches. Nicht nur das Schicksal treibt mit uns Juden sein ironisches Spiel, sondern wir selbst zeigen den unseligen Hang, uns zu irouisieieil. Nicht mir durch scharfe Worte, soiideni auch durch unselige Taten. Ja, die ganze moderne Frcmdciü'rage ist eine bittere Sclbstironie. Sie zeigt uns, daß w i r Fr e m de geworden sind im Judentum, . daß wir die jüdische Psyche nicht mehr verstehen. Die jüdische Volksscelc, die sicli rein nur noch im alten Schrifttum erhalten hat, sucht nach einer körperlichen Bcklcidüng, um im Lehen wirken zu können. Und sie findet sie nicht. Eine, Volksseele ohne Volk! Gibt es eine größere, tiefere Tragödie? Die hebräische Terminologie kennt wohl das Wort Fremder (Ger, Naeiiri), aber nicht den Bcgrift in rechtlicher Hinsicht. Eine rechtlose Fremdheit gab es in Altisrael nicht einmal gegen Glieder fremder Völker. Wir Juden waren die ersten, die den Grundsatz ausspracltcn: ״E i 11 Gesetz herrsche für euch wie für den Fremden, der in eurer Mitte wohnt." In Israel brauchte der Fremde sich nicht fremd zu fühlen und sein Recht wurde nicht verkümmert. Er brauchte nicht wie in Hellas, wenn ihm lüirecht geschah, am Gerichte sicli durch einen ln-!ander vertreten zu lassen. ,,Barbaren“ gab es in Juda nicht, das Recht schützte alle, sogar den Sklaven und das Haustier. Ja, wir Juden, denen man die ״Auserwiililtlieit“ als Hochmut und Engherzigkeit häufig vorgeworfen hat, — wir haben sie stets nur im Sinne höherer Pflichten aufgefaßt. Aber wir haben diese Auscrwäliltiieit niemals anderen zum Schaden mißbraucht. Ein Priestervolk sollten wir nach der göttlichen Bestimmung sein, und wir waren es auch. Denn willig nahmen wir die Bürde hoher sittlicher Pflichten auf uns. Die Pflichten und nicht die Rechte, das Leiden mul nicht der Genuß heiligen das Leben. Das war die Lebeusphilosophie der jüdisehen Lehre. Hellas öffnete der Welt die Pforten der Schönheit, Juda erschloß ihr das Reich der Sittlichkrit. Erst gegen Milte des vorigen Jahrhunderts sehen wir das Vorurteil gegen die fremden Juden in Deutsch- Lind entstellen, lind diese Aversion hat, wie alles Ungesunde, ihren Ursprung nicht im jüdischen Herzen, sondern im Intellekt und ist als Begleitcrschcinung der Politik aiizuselicn. Man glaubte, im Kampfe um die Emanzipation sich als deutsch legitimieren zu müssen, mul so wurde — bewußt oder unbewußt — der ausländische Jude zum ׳,Fremden“. Aus einzelnen Erscheinungen bildete sich mit der Zeit ein System heraus, und der Bcgrift ״Fremder“ erhielt Biirgerreciit im deutschen Judentum. Diese unselige Entfremdung machte in den letzten Dezennien immer größere Fortschritte und wirkte verheerend. Osten und Westen verstanden einander n i c 111 mehr. Die beiden Hemi- Sphären der Judcnhcit, die einander so viel hätten geben können, wurden einander künstlich entfremdet, und sic sprachen, wie am Turm zu Babylon, eine fremde Sprache zueinander. Sie hatten die Sprache des jüdischen Herzens beinahe verlernt. Diese Erscheinung konnte man überall beobachten, und überall trug diese grolloczogene Aversion böse Friiciite. Und nun kam das System. Die Abneigung verdichtete sich zu einer Fremdenfrage in konkreter Gestalt, und die Frage der Entrechtung der A u s I ä 11 d e r im jüdischen Gemcindelehen wurde erst schüchtern erörtert und dann offiziell auf die Tagesordnung gesetzt. In vielen jüdischen Gemeinden Deutschlands fing man au, danach zu streben, den Ausländem das Wahlrecht zu schmälern oder ganz zu rauhen. Charakteristisch ist es, daß diese Vorschläge immer als Ausdruck der Rache sicli zeigen, als Vergeltung der Besiegten nach einer verlorenen Schlacht. Damit allein ist das Urteil über diese Bestrebungen gesprochen. Denn das Rachegeftihl ist ein schlechter Ratgeber und ein noch schlechterer Gesetzgeber. Lange Zeit machten die ausländischen Juden der meisten Gemeinden von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch, sie wußten vielleicht gar nicht, daß sie es besaßen. Sie waren häufig kultucli vereinigt in eigenen Bctsäien und bekümmerten sich um die Rcpräscntantcnwahlcn nicht. Später aber, als der Kampf der Parteien in den großen Gemeinden immer iieftiger wurde, gebrauchte oder mißbrauchte (?) die Opposition diese Ausländer als neuen bisher unbenutzten Faktor, um die Gemeindegewaltigen zu stürzen, und dies gelang ihnen auch hie und da. Da kam die Rache der Besiegten, und man trachtete danach, sich diese unbequeme Hilfe der Opposition der Ausländer vom Halse zu schaffen. Nie wären Vorschläge zur Verkümmcrung des Wahlrechtes der' Ausländer aufgetaucht, wenn diese Ausländer ihre Hilfe den bisherigen Machthabern geliehen hätten.“

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