Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 5 (10.1.1914)
- Date
- 1914-01-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 46 Nr. 5 JUEDIftC.n׳, Wir aber, die demokratische zionistische Orgniiisntion, lassen uns nicht stören in unserem aulhaiicn• den Werke. Zwar sagt Nathan In der Broschüre und in dem Anschreiben dazu, dal) da» Ergebnis unserer Politik ein tatsächlicher Mißerfolg und ein morali• scher Zusammenbruch ist. Wer die Broschüre liest und weiter nichts, und) sich sagen, dali dies eine leere Redensart ist. l>eun wer wäre so toll, eine tatsächlich mißhiiigeiu• und moralisch zusammengebrochene Sache mit solcher Hartnäckigkeit zu ver* folgen, gegen sic soviel Mühe und einen so kost* spicligcn Apparat aiifziibiclen? Aber wir haben auch positive Beweise lür den, bereits können wir sagen, errungenen Sieg unserer Sache. Ganz Palästina, alles was jung, znkimftsfreudig und zukunitsverheilk'iui ist im Lande, stellt auf unserer Seite. Palästina und Zionismus sind identisch. Es hilft nichts mehr, nach bewährten Mustern vom ״palästinensischen'׳ Zionismus zu sprechen und andern Teilen der Organisation gute Worte zu geben; es hilft nichts mehr, einzelne Zionisten gegen den Zionismus, einzelne aus früheren Verhältnissen erklärbare Aeuiierungen . von Zionisten gegen ihre Urheber ausspielcn zu wollen. Die ziouistische Organisation ist einig, geschlossen und ihres Weges klar bewultt. Unser Schulwerk in Palästina ist in guten Handen. Und es ist auch materiell gesichert. Bereits hat die bewuflte Judenheit der ganzen Erde dem Appell unseres Adious-Gaiuites geantwortet, indem sie in wenigen Wochen au hunderttausend Mark bar einzahltc. Alles, was für die ürölic des Judentums und die Heiligkeit des Hebräischen Sinn hat, hat sich uns allgeschlossen: das ist unser ״moralischer Zusammenbruch״. Wir haben den Kampf nicht gesucht und nicht gewollt. Aber wir haben gezeigt, dal) wir eine Macht sind, die Berücksichtigung ihrer gerechten Forderungen verlangen und erwarten darf. Wir sind nie gegen das Deutsche aufgetreten; unser Kampf war ein positiver, unser Ziel ein Aufbaucn, nicht ein Zerstören. Wir bekämpfen auch nicht den Hilfsverein; aber wir durften nicht schwächlich zurückweiehcn vor dieser Organisation, die Wertvolles geschaffen hat, durch die unbeugsame Starrheit, durch die Uiiuachgiebigkeit eines einzelnen Führers aber alles in den Wind geschlagen hat, was sie mit vieler Mühe aufgerichtet hatte. Wir wünschen zu bauen, nicht zu kämpfen; aber wer uns herausfordert, wird uns gerüstet finden. * — Deutsche Simultanschuie und jüdische Volksschule Von Dr. M. B ä c k c r - Pasewaik. Die jüdische Volksschule stellt gegenwärtig im Mittelpunkt des Interesses. Von liberaler Seite wird sie als Konfessionsschule ahgclchnt. Wohl erkennt man an, dal) unsere gegenwärtige deutsche Schule eine christliche Konfessionsschule ist und bedauert das im Interesse einer freiheitlichen Entwicklung, die die Trennung von Schule und Kirche zur Grumlläge haben mülSte, Andererseits aber und in scheinbar logischer Fortführung dieses,Gedankens warnt man davor, in einem Augenblick, wo die Konfession«• schule als reaktionär erscheine und von uns selbst als solche anerkannt werde, zur Gründung solcher Schulen zu schreiten. Man meint, cs liege darin ein Widerspruch; denn wer, das Rechte wolle, müsse es unter allen Umständen verfechten, dürfe nicht zeitweilig aus Opportmiitätsgründeu, wenn auch unter Protest, das Falsche mitmachen. Sehr schön! Wir Juden sind es ja gewöhnt, Märtyerer einer gerechten Sache zu sein, alles einer Idee zum Opfer zu bringen. Und so könnte dieser I Standpunkt, der, scheinbar ohne Rücksicht auf einmal gegebene, vielleicht auch nur temporäre Verhältnisse, am Rechten festhält, echt jüdisch erscheinen. I Fiat justitia, pcrcamusl so könnte man dann viel- I leicht variieren. I Untersuchen vir aber nun einmal, ob dieses I Opfer int rechten Verhältnis steht zu der Idee, für i die wir es bringen sollen. Stellen wir einmal fest, I was von wissenschaftlich-pädagogischer I Seite unter Konfessionsschule und andererseits unter ■ Simultanschuie verstanden wird; und prüfen wir ein- ■ mal nach, welche von diesen Formen dem wohl- I verstandenen Interesse der Pädagogik entspricht und I w'r> gerade wir Juden, überhaupt die Möglich- ■ keit haben, einer Simultanschuie, wie sie wissen- ■ schaftüchc Pädagogik verlangt, zuzustimmen, wenn I s1e *ür a"c deutschen Staatsbürger verbindlich ge- I macht werden sollte, ja, ob überhaupt vom päda- ■ gogischcn Standpunkt eine Simultanschuie mit jüdi- * sehen Schülern mogSich'ist, so daß auch unser Opfer möglich würde, Denn es muß nun einmal immer wieder ausgesprochen werden; so groß das Interesse vpn Familie, Gemeinde, Staat und Kirche an der Schule auch sein mag, das letzte Wort in der Schule, die eine p.'idngc.ל,.* V. ־ i. t, t, 1:0 die Pädagogik haben; na.! v..11 :י;../׳■.!« ״-v. dieser Faktoren mit der p 'd.׳.״ G..א:׳,!׳ :׳ d, r Schule unvereinbar i:.l, da i1;1mcr ״’׳־• ■׳ :..ו m 4 die Pädagogik recht; i.tr gebt!,ul in der t׳U>*..e <!11 absolutes ’ Velo; denn sie ist e■! ja m!-■!!, die die Mittel der Sclmler/ielumg, Unterricht, Führung und Regierung, bcreiisteili, Es mag daher für den Juden, der in der Areninilatioii sein Ideal sieht, ein Ideal, mit dem wir hier nield rechten wollen, ein bc:,‘;׳ehender Gedanke sein, seine Kinder mit den Kindern de; nichtjüdischen deutschen Volkes hrüdei'licli vereint auf einer Schulbank zu denken; es mag Ihm die jüdische Volksschule nach Ghetto, nach Absonderung von den andern schmecken, er jung in ihr ein i liudemis der Assimilation erblicken. Das alles aber sind Bedenken gegen die jüdische Volksschule, die mit dem letzten Endes pädagogischen Begriff der Schule absolut nichts zu tun haben, die von außen an ihn herangetragen werden. Sollte es sich erweisen, daß die Pädagogik die Möglichkeit einer echten christlich-jüdischen Sinmltnnschuie verneint, so wird er auf diesen Weg zur Assimilation verzichten müssen, und man wird ihm höchstens Glück uuf den anderen wünschen können. Treten wir zunächst einmal an eine Klärung der Begriffe heran. Was ist eine Konfessionsschule? Offenbar doch eine solche, in der Kinder gleicher Konfession unter Ausschluß Andersgläubiger vereinigt sind, zusammen innerhalb dieser Schule und im Sinne eines konzentrischen Lehrplanes ihren Religionsuntcrricht als eines der Gesiimungsfächcr (anderc wären Deutsch und Geschichte z, B.) erhalten und wo demgemäß ebenfalls im Sinne eines konzentrischen Lehrplans —- denn nur dieser ist vom pädagogischen Standpunkt aus berechtigt, nicht aber ein Sammelsurium zusammenhanglos nebeneinander stehender Fächer —• der ganze übrige Unterrieht vom Geiste dieses Religionsunterrichtes und der Religion, die ihnen zugrunde liegt, getragen ist. Was ist nun andererseits eine Simultaiisduile? Da sind vor der Begriffsbestimmung zunächst einige grobe Worte nötig. Denn es muß ausgesprochen werden, daß, wie auch sonst viel auf der Welt, so auch in utiscrm Fall, von furchtbar viel Leuten furchthar viel geredet wird, die von den Dingen nichts verstehen. Daß man in den schulpolitischen Bestrebilligen nicht auf dem Laufenden ist, ist kein Verbrechen; das ist ein Spezialgebiet wie jedes andere, und das kann nicht jeder beherrschen. Wer cs aber nicht keimt, der möge schweigen, wenn davon gesprachen wird. Die echte Simultanschuie ist nämlich nicht das, was man sich gewöhnlich darunter vorstellt, uäinlieh eine Schule, in der Kinder verschiedenen Bekeimtiiisscs zusammen den Profamintcrrieht, getrennt den Religionsunterricht erhalten. Es ist hier nicht der Ort, ausciiiaiidcrzusetzcii oder im einzelnen darzulegen, warum diese Schulen als echte Simultanschulen nicht angesprochen werden können. Es muß der Hinweis genügen, daß eine Konzentration der Lehrfächer, vor allem eine echte, einheitliche Pflege der Gesiimungsfächcr, ihre Durchdringung mit religiös-sittliehem Geiste in einer derartigen Schule nicht statt finden kann, die ja vielmehr in jeder Weise auf als berechtigt anerkannte Ucberzetigungcn Rücksicht zu nehmen hat und sich, um nicht an irgendeinem Punkte mit dem außerhalb ihrer Sphäre liegenden Religionsunterricht zu kollidieren, am besten jeder sittlichen Erzieliimgsaspirationen enthält; das Ausschalten des erziehlichen Endziels der Schule aber bedeutet ihren Bankerott als Erzie'hungsschulc, drückt sie zur bloßen Lcrnschnle herab, macht den Lehrer zum Dozenten, der sich an der Uebenmttlung von Wissensstoff genügen lassen muß. Will man das nicht und doch die falsche Simultanschuie aufrechterhalten, so kommt man zur konfessionslosen Schule Frankreichs mit ihrem neutralen Moralunterrieht; dieser beruht aber bekanntlich nicht auf pädagogischcn, sondern einzig auf politischen Erwägungen, lind das wollen wir denn doch nicht nachmachen. Heer und Schule müssen von Politik freibleiben, dürfen nicht zum Spielball politischer Parleien gemacht werden. Wie das Heer nach militärischen, so muß die Schule nach pädagogischen Gesichtspunkten orientiert sein. Alles das sind ja Erwägunge«, die dem Fachmann nichts Neues geben, und der Ausdruck ״falsche Simultanschuie״ stammt denn auch nicht von mir, sondern ist in׳ der wissensehaftlichcn Pädagogik geläufig. (Man vergleiche zu der ganzen -Frage: Rein, Pädagogik in systematischer Darstellung. Langensalza, 1912. 2. Auflage,) Die echte Simultanschuie aber sieht ganz anders aus, und die für sie eintreten, können auch nicht im Traum daran denke״, die jüdischen Kinder in sie einzuheziehen. Denn Vorbedingung für die eciite Simultanschuie ist getuc 111 8a m er Re 11 gio 11 s - unterricht aller Kinder, die i h r *n 11 g e - hören, auf historischer Grundlag!:, Nur dadurch können ja die Schäden, die der falschen Simultanschule anhaften, vermieden werden. Es ist nun von Fiterer ,e, die 1 eli:.ü!ze zu lesen, die Prof, W, Rein-* J. u c!;ujik;,ui li.iiiptver.mmmluiig des Verei:.; für svi! ׳■.e,.״,cl1afliiel1e l’.'idagogik am 18. April j,!.,.״׳ in Greiz zur Besprechung der Präge d,־r imiiu.i'.k'ii Eiain it.n.chulc vorlegen wird. Sie situ! abgrdrilcVt im Jahrbuch des Vereins für Wissenschaftliehe Pädagogik, io. Band, Dresden Bill, S. 129 bi» 180. Und da heißt c* denn im 18. Leitsatz (,1. a. O. S,!Ti): ״Neben den K011l1׳ssm»nssd1uk׳n und den fab.clicn Siimiltniisehulcn kann die echte Simultaiischule, welche die Kinder im Rellgioiirtmter* rieht nicht trennt, •.omlcru ihnen einen gerne insamen christlichen R c I i g 1 o 11 s 11111 e r. rieht erteilt, eingerichtet werden, wenn die Familicii cs wünschen.“ So also sieht die echte Siitiultnnr.ehiile aus; der gemeinsame Religionsunterricht ist ihre Vorbedingung, iha־ conditio sine qua non. Das mag für die christlichen Konfessionen mit ihrer gemeinsamen historischen Grundlage bei historisch angelegtem Religionsunterricht angeheii, scheidet doch aber wohl für jüdische Kinder aus; denn die gemeinsninc Grundlage von Judentum und Christentum reicht doch lange nicht soweit, reicht vielmehr doch nur soweit, als das Judentum die Grundlage beider Christlieber Konfessionen ist. Die Organisation einer jüdisch-christlichen Simnitniischule ist also aus inneren Gründen unmöglich. Zum Unsinn geradezu aber wird sie, wenn man an die Lehrer denkt. Glaubt denn irgendein gesunder Mensch, daß irgendwo ein Jude diesen gemeinsamen Religionsunterricht in der Hand haben würde? Welche christliche Familie ließe sich das denn auch gefallen? Wir sind die Minorität, wir würden also in der echten Simultanschuie den religiösen Unterricht unserer Kinder, die Zukunft des Judentums in — christliche Hände legen. Da wäre sie denn gut aufgehoben, und wir waren die Kopfschmerzen los. Und logisch, wie wir Juden nun einmal sind, würden sich vielleicht sogar Juden finden, denen dieser Gedankenbau in seiner durchsichtigen Klarheit so bchagt, daß sic Vernunft zum Unsinn werden lassen. Wollte man nun aber wiederum die jüdischen Kinder im Religionsunterricht absondern, 80 butt« man flugs wieder die unechte, die falsche Simultanschule. Was übrigens bei solchen Versuchen herauskommt, sicht man lebendig an dem geringen Ansehen, ii! dem der jüdische Religionsunterricht an den Berliner höheren Schulen bei Lehrerkollegium, Schülern und — Eltern steht. Das Judentum Längt eben in Deutschland, dem christlichen Staate, in de* Luft, dagegen hilft keine Theorie, die den Christliehen Staat ablehnt. Und die ihn ablehncn, sind nicht einmal immer unsere Freunde; der Ausdruck: ״Christlicher Staat ist eben solcher Unsinn wie Christliehe Schlafröcke“ stammt vom Herausgeber des ״Knoten“, Askan Schmitt in Weimar, der alles anderc als Philosemit ist. Ebensowenig wie Wilhelm Schwaner, der Herausgeber des ״Volkserzieher״, Als wenn eine konfessionelle Schule wirklich so reaktionär wäre! Sie involviert durchaus nicht di« Herrschaft der Kirche über die Schule, Ich lasse hier die betreffenden Leitsätze über die Schulgemeinde folgen, die ich mir völlig zu eigen mache, und die Prof. Dr, W. Rein-Jena in seiner ״Pädagogik“ (Göschenbändchen), S. 42 ff., aufstellt: 1״. Die ursprünglichsten wie natürlichsten Rechte wie Pflichten der Jugenderziehung gegenüber hat die Familie. . 2. Die Schule kann nur betrachtet werden als eine Veranstaltung der Familien zu einer gemeinsamen Erziehung der Jugend. Eine Genossenschaft von Faniiiien, die eine gemeinsame Schule besitzen, bildet eine Schulgemeinde. 3. Als unmündige Glieder der Familie gehören die Kinder nur m i t der Familie einer ethisch-rcligiösen, einer bürgerlichen und einer politischen Gemeinseiiaft an. Die Anrechte der Kirche, der bürgerliehen Qcmcindc und des Staates können darum nur indirekte sein, so groll und bedeutungsvoll sic an sich auch sein mögen. 41). Die gemeinsame Erziehung be« dingt, daß die betreffenden Familien und die berufsmäßigen Erzieher in den wichtigsten Erziehung»grundsät zen übereinstimmen, also gewissenseinig sind*). 5. Die Gewisser!seinigkeit oder die gemeinsame Lcbensanschauuiig der Schulgemeindemitglieder hat historisch wie rechtlich innerhalb der staatlich anerkannten Rcligionsgcsclischaftcn einen bekenntnismäßigen, wenn auch vielfach sehr reformbedürftigen Ausdruck gefunden. Naturgemäß haben die Schulgemeinden nach der Innenseite hin auf dem Boden dieser Religion•- gesellschaften sich zu gründen*). Die Schulen, die auf diesem Boden stellen, gelten als öffentliche.“ Niemand vertritt mit mehr Nachdruck die deutsche nationale Einheitsschule als Wilhelm Rein. Und *) Von mir gesperrt. ») Es handelt sich um die Volks schule 1 (Anm. d. Vcrf.)