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Jüdische Rundschau · 1914-01-10 · Heft 5 (10.1.1914) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 5 (10.1.1914)
Date
1914-01-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 5 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 45 IV. Der Scliulkricg. t. Nathan wurde von dem Kamille nicht überraseht. Er selbst sagt, eine Reihe von Anzeichen hätten ihn diese Schwierigkeiten erwarten lassen. Er führt dreierlei an: den Antrag Dr. Lcvins beim Kuratorium, eine Rede desselben Dr. Lcvin auf dem Zionistenkongreß und private Aeußerungen. Solange Nathan nicht sagt, wer diese privaten Aeußerungen, die ״offene und versteckte Drohungen“ enthielten, tat, läßt sich darüber nicht diskutieren. Der Antrag Lcvins sei ein Vorzeichen des Kampfes gewesen. Gewiß: da Dr. Lcvin die minimalen Forderilligen stellte, Forderungen, deren Mäßigkeit er mit vieler Mühe und mit Gefährdung seines eigenen Ansehens in Palästina bei den Lehrern durchgesetzt hatte, und da Nathan gewillt war, diese Forderungen unter keinen Umständen zu erfüllen, so mußte ein Kampf folgen. Daß aber Dr. Lcvins Antrag Nathan überrascht hätte, ist kaum zu glauben. Aehad Haam hat während zweier Jahre mehrmals den Versuch gemacht, zu einer Lösung zu kommen; Herr Dr. Tschlcnow und Herr D. Wissotzki haben noch am 8. August 1913 die Forderung ausgesprochen, die Unterrichtssprache an der Mittelschule habe Hebräisch zu sein. Die Kon&rcßrcdc Dr. Lcvins war eine allgemeine Betrachtung über die jüdische Entwicklung in Palästina, wie sie in der Eröffnungssitzung des Kongrosses gehalten wurde. Dr. Levin stellte da allerdings die Idealforderung auf, daß alle Kulturarbeit im Lande in zionistischen Händen konzenfriert werde. Dies war eine I d c a I f o r d c r u n g; Dr. Paul Nathan hat uns gezwungen, sie auch zu einer Forderung des Tages zu machen. Er hat ein Beispiel dafür gegeben, daß, wie Dr. Lcvin sagte, der Wind vom Westen ein schlimmerer Feind für Palästina ist als der Ostwind, der die Ernte bedroht; allerdings können wir gegen diesen nicht anknmpfen, vor dem Westwind aber muß es gelingen, uns zu schützen. Ein Vorzeichen des Kampfes vergißt Nathan: die Beschlüsse der Lehrerschaft, die ihm im Sommer 1915 überreicht wurden. Es wäre ihm auch mibequem, sieh ihrer zu erinnern, da es ihm dann nicht möglich wäre zu behaupten, daß die Lehrerschaft zwei Jahre lang bis zum Ausbruche des Kampfes geschwiegen hätte. 2. So kam es denn zum Kampfe. Nathan nennt seine Ursache nochmals präzise: ״Beschlüsse, die, vorläufig rein theoretischer Natur, bisher mir auf dem Papiere stehen“. Meint Nathan, mau hätte warten sollen, bis das Technikum als ein!lohn auf die hebräische Entwicklung und als eine Gefahr für das nationale Leben Palästinas eröffnet gewesen wäre? Nein: der Kampf mußte kommen, um zu bewirken, daß diese Beschlüsse nicht über das theoretische Stadium hinauskommen, daß sie ewig auf dem Papier stehen bleiben. Verlangt Nathan, der erfahrene Politiker, etwa auch von den Parlamentariern, daß sie ein Gesetz, das ihnen nicht z.usagt, annehmen und durchführen lassen und sich erst dann dagegen wenden? 3. Nathans Darstellung des Kampfes selbst wollen wir nicht unter die Lupe nehmen. Wir können das auch gar nicht. Wir haben nach unseren besten Gewährsleuten selbst eine Darstellung gegeben, die w׳ir aufrecht erhalten. Ob Einzelheiten, die Nathan anführt, richtig sind oder nicht, läßt sich im Augenblick und von hier aus nicht feststclle«. Gewiß sind Dinge vorgekonimen, die besser nicht geschehen W'ären. Es war so schlimm nicht; aber in solchen Fällen, wo die gesunde Leidenschaft des Volkes sieh über einen ihm angetanen Zwang empört, herrscht ein anderer Ton als in einer Tanzstunde. Das ist nicht nur in Palästina so, sondern auch in den anderen zivilisierten Ländern. Die Darstellung Nathans aber hat einen Fehler: er beruft sich auf Kinder als Zeugen. Jedermann kennt die interessanten Untersuchungen, die über die Glaub- Würdigkeit von Zeugen angestellt worden sind. Jedermann weiß, daß Zeugenaussagen nur einen sehr hedingten Wert haben. Wenn nun Nathan in so bewegten Tagen einen Teil der Kinder versammelte, die er zum Teil wenigstens durch Geschenke und Versprechungen gewann, und sie nun über die Vorgänge und über das Verhalten des andern Teils der Schülerschaft und über das Verlialten ihrer Lehrer ausfragte oder eine schriftliche Erklärung geben ließ, — da verliert das Ergebnis nahezu jeden Wert. Wer je mit Kindern zu tun hatte, weiß, daß sic, ohne lügen zu wollen, _ die unglaublichsten Dinge erzählen, um ihrer eigenen ' Lust am Fabulieren genugzutun oder wenn sie glauben, etwas zu sagen, was dem sic befragenden Erwachsenen angenehm ist. Das weiß vor allem jeder Lehrer; Nathan, der für seine ganze Haltung ״pädagogische Gründe“ hat, weiß cs nicht und druckt Aeußerungen, die als Beiträge zur Kinderpsychologie Wert haben, als Beweisdokumente ab. 4. Auch bei der Darstellung selbst unterlaufen ihm Vergeßlichkeiten. Die Lehrer, David Jcllin an der Spitze, überreichen ihm ihre Forderungen, die ihm unannehmbar erscheinen. ״Bei dieser Sachlage blieb mir kein anderer Ausweg“, fährt Nathan fort, ״als die Lehrer sofort zu suspendieren, 'und cs erfolgte a m n ä ehsten Ta g e die Suspension. Trotz dieser Suspension drangen die betreffenden Lehrer am folgenden Tage in die Schulen des Hilfsvereins ein...“ Es blieb ihm nichts übrig, als die Lehrer sofort zu suspendieren. Trotz dieser Einsicht aber nahm Nathan, was er verschweigt, die Kiindigung der Lehrer mit zweimonatiger Frist an; a m nächsten Tag c erst sprach er die Suspension aus, teilte sie aber den Lehrern so spät abends mit, daß die meisten Lehrer davon nichts mehr erfuhren und am nächsten Morgen ohne eine Ahnung von der Suspension ruhig zur Schule gingen oder, wenn man will, ruhig in die Schule e i 11 d r a 11 g e n ... V. Wenn alle untreu werden . . . Wenn die gesamte Bevölkerung Palästinas so wäre wie die Urheber solcher Frevel, so wäre das, nach Nathans Wort, ein hoffnungsloser Jammer. Zum Glücke aber ist es nicht so . . . I. Der Zionismus hat in Palästina starke Gegner, nämlich die ״jüdisch religiösen Kreise“. Diese fühlen sich durch den Zionismus, wie er sich in Palästina manifestiert, nbgestoßen. Und darauf hat der Hilfsverein seine Schulpolitik aufgebaut, die auf eine Opposition der streng religiösen Kreise nicht gestoßen ist. Hier stellen zwei Behauptungen. Zunächst daß der Zionismus den Orthodoxen in Palästina nicht paßt. Dies ist richtig. ’ Die Schulen, die wir begründet haben, sind von der palästinensischen Orthodoxie in den Bann gelegt. Das kommt daher, daß die Jemsalemer Orthodoxie von unbeugsamer Strenge ist und jede moderne Bildung auf das Acußerste mißbilligt. So daß unsere Schulen den Bann mit allen Schulen teilen, die der modernen Bildung auch nur den kleinsten Spielraum gewähren, auch mit den Jerusalemer C 11 a U a r i 111. Dies beleuchtet aber die zweite Behauptung Natlians, daß seine Schulpolitik auf keine Opposition seitens der Orthodoxen gestoßen sei. Das Beth-Din der asclikenasisehen Gemeinden zu Jcrusalem, die geistliche Behörde des größten Teils der Jerusalemer Orthodoxen, hat verkündet: die Hilfsvereinsscluilen seien ebenso wie die zionistischen fern vom Cieiste der Thorah und Gottesfurcht, das Erziehuugswei'k des Ililfsvereins habe viel zur Verwiistung und Zerstörung des religiösen und geistigen Lebens beigetragen usw. Wenn also Nathan seine Schulpolitik auf die Versöhnung der Orthodoxen abgestimmt hat, so ist ihm dies nicht gelungen. Es ist ihm wohl auch nicht gelungen, den Gegensatz zwischen religiösem Judentum und Zionismus in Palästina so sehr zu verschärfen, wie er glauben machen möchte. Wie sollte dieser Gegensatz verschärft worden sein durch einen Kampf zwischen Zionisten und Anhängern Nathans, die beide in gleicher Weise von den Orthodoxen gebannt sind? 2. Um dies aber nicht zugeben zu müssen, beruft sich Nathan auf die ״Morial!“, ״das Organ des nicht/ioiiistischen, religiösen Judentums in Jcrusalem“, aus dem er seitenlange Zitate abdruckt: emphatische Begriißungsartikcl und farbenreiche Schilderungen der zionistischen Schandtaten. Das zitierte Beth-Din der Aschkcnasim aber hat seinen S c 11 merz über den Mißstand ausgedrückt, daß die ״Moriah“ zu einem Organ des Hilfs Vereins in Jerusalem geworden ist, aber immer noch irrtümlich als offizielles Organ der Gcsetzcstreucn angesehen werde. Also es wurde nicht bloß von uns die Verdächtigung ausgesprochen, die ״Moriah“ sei eher ein Organ des Hilfsvereins als der Orthodoxie, sondern es wird von der berufensten Stelle aus f c s t g e s t e 111. Nathan findet aber, es wäre noch kein Verbrechen, selbst w e n 11 die ״Moriah“ ein Organ des Hilfsvereius wäre. Der Zionismus habe ja viele Organe! Allerdings, Herr Dr. Nathan: der Zionismus aber ist auch eine politische Organisation, der Hilfsverein aber ein privater Verein; außerdem würden wir dem Hilfsverein soviel Organe gönnen, als er nur haben wollte, wenn er sie bloß nicht als Organe anderer Richtungen bezeichnet. Wir sagen ja auch nicht, die ״Jüdische Zeitung“ in Wien sei ein Organ etwa der Wiener jüdischen Gemeinde. 3. Außer der ״Moriah“ führt Nathan noch eine ganze Menge von Rabbinern auf, die ihm ihre Sympathic bescheinigten. Das Beth-Din der Aschkcnasim ist aber so unhöflich, zu erklären, daß die Rabbiner, die irgendwelche Begrüßungsschreiben unterzeichnet haben, dies taten, weil man sie irref.ührte und sie vertrauensvoll den Brief unterschrieben, ohne sich der Tendenz bewußt zu werden. Eines dieser Begrüßungsschreiben hat Nathan in die Broschüre nicht aufgenommen, obwohl er cs, als er es erhielt, mit dem größten Stolze der Ocffcntlichkeit übergab: das von Mosche Franco, dem Chacham Basclii der Scphardim in Jerusalem, den er taxfrei zuin Großrabbiner von Palästina beförderte. In diesem Falle ist 4s nachgewicsen, daß der ahnungslose Rabbiner, der von den Beschlüssen des Kuratoriums noch gar nichts wußte, ein ihm vorgelcgtes Zeugnis unterschrieb, ohne zu vermuten, wozu diese Unterschrift benutzt werden würde. VI. Zahlen und Worte. Nathan Stellt mit tiefer Befriedigung fest, daß die versuchte Zerstörung der Hilfsvcrciiisschulen mißhingen ist. Er erklärt: sämtliche Institute in Jerusalem wie in Jaffa befinden sich in vollem Gange, die Zahl der Schüler und Schülerinnen hat nur in geringem Grade ahgcitomincn. Diesen allgemeinen Angaben fügt er noch konkretere hinzu. Er sagt, das Lehrerseminar mit der Präparandie zähle (>() Schüler. Früher hatte das Lehrerseminar allein über 90 Schüler; wieviel es jetzt hat, sagt Nathan nicht. Wir können auf Grund telegraphischer Informationen, die uns am 26. d. M. vom . I’aliistiiiaamt gegeben wurden, die Lücke in Nathans Darstellung ergänzen: dem Lehrerseminar sind 25 Schüler geblieben. Die von uns eingcrichteten Lehrerkurse zählen 70 Schüler. Die Mädchenschule und das Mädchenheim haben nach Nathan 255 Schülerinnen. Die Mädchenschule allein hatte etwa •100 Schülerinnen, von denen mehr als die Hälfte, 203, jetzt die hebräische Mädchenschule besuchen. Wenn also Nathan behauptet, den Schulen sei nur ein ״k 1 e i n e r Bruchteil der Zöglinge abspenstig gemacht worden“, so ist diese allgemeine Angabe durch die Feststellung widerlegt, daß im Lehrerseminar und in der Mädchenschule 225 Zoglinge geblieben sind, während die beiden entsprechenden hebräischen Anstalten 273 Zöglinge zahlen. Hier ist die Präparandie und das Mädchcnhcim nicht gerechnet. Die crstcrc ist eine noch unbedeutende Neugriindung, das letztere ein Internat und Waisenhaus, dessen Zöglinge aus leicht begreiflichen Gründen die Anstalt nicht verlassen konnten. Der Vollständigkeit halber sei noch mitgeteilt, daß in Jaffa die Hilfsvereinsschule 50 Schüler behalfen hat, während die neue hebräische Schule 125 zählt mul daß in Haifa die neue Schule von 94 Schülern besucht wird, während die Hilfsvcrcinsschule ihre Tätigkeit gänzlich eingestellt hat. Die Statistik Nathans ist, gelinde ausgedrückt, tendenziös. Er teilt auch nicht mit, wieviele von den jetzigen Schillern bereits früher da waren, wieviel neu gewonnen sind. Man hat ja auch Lehrer neu gewonnen: als David Jcllin und die andern, wissenschaftlich und pädagogisch geschulten Lehrer fortgingen, hat man den Schuldicner und äluilieh qualifizierte Persönlichkeiten aufs Katheder gestellt. VII. Ergebnisse. Nathan bekennt gegen Schluß seiner Schrift: ״Ich habe den nationalen überspannten Chauvinismus mein Lebtag bekämpft.“ Nathan hätte sich auch sonst daran erinnern sollen, was er sein Lebtag bekämpft und was er sein Lebtag gefordert hat. Er ist ein Typus, der Typus des liberalen deutschen Juden. Er hat sein Lebtag gegen alles gekämpft, was wie Rückschritt, wie Mittelalter, wie Orthodoxie (nicht im jüdischen, sondern im allgemeinen Sinne des Wortes) aussah. Und nun vergißt er alles das und verbündet sich gegen die Gesamtheit der freien, der frischen, der lebendigen, der fortschrittlichen Eiemente Palästinas ״ nicht mit der Orthodoxie, sondern mit ein paar ganz, abseitigen Kolelim, die echtestes Mittelalter sind. Seine Mittel im Kampfe entsprechen dieser Stellung, die er eiiinimmt. Schon bei der Sitzung am 26. Oktober hat er halbe Briefe, die seiner Mcinung nicht beipflichteten, unter den Tisch fallen lassen; er hat in diesem innerjüdischen Kampfe, den der deutsche Generalkonsul in Jerusalem als solchen respektieren will, die gesamte deutsche Presse mobilisiert; er denunziert gelegentlich einen einzelnen Zionisten, der als Mitglied des Hilfsvereins seiner Empörinig über Nathans Vorgehen Ausdruck gibt, bei seinem Brotgeber. Er versendet einen Artikel des Hamburger Israelitischen Familienblattes, der den Kampf der Zionisten als den Kampf gegen das ״verhaßte Taatsche“ hinstellt, und bringt es fertig, Dr. Lcvins freundliche Stellung zum Deutschen als einen Beweis auszunützen, daß der Streitpunkt pädagogischer Natur ist. Wir müssen hoffen, daß, sowie die amerikanisehen Mitglieder des Kuratoriums sich gegen Natlian ausgesprochen haben, es auch in Deutschland nicht viele Mitglieder des Hilfsvereins geben wird, die den von Nathan allein begonnenen und allein geführten Kampf billigen. (Denn daß der gelegentlich unterschreibende Dr. James Simon sich auch als Retter der jüdischen Religion fühlen sollte, wäre doch zu märchenhaft.) Wir müssen hoffen, daß der Hilfsverein sich nicht in alle Ewigkeit seinem Geschäftsführer im Ehrenamte bedingungslos unterwirft. Auch in Deutschland und in den jüdischen . Organisationen muß der Geist der Demokratie, für den Dr. Paul Nathan seine Schlachten schlug, einziehen.

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