Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1914)
- Date
- 1914-01-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 10 JÜEDISCH E RUNDSCHAU Nr." 4 innerhalb der Nation. So ״.,:.beii eich nun auch die schon vorhandenen geistigen, rnliiir.ehen und gesellschaftlichen Oegensätze innerhalb der Nation tiefer in sie ein und neue treten hinzu, denn alle Parteien und Gruppen ziehen jetzt Nutzen von den regeren individuellen Kräften im Schoße der Nation. Ja, innerhalb der Nation selbst treten sich verschiedene Nationalbegriffe einander gegenüber, verschiedene Richtungen, deren jede behauptet, die Nation allein echt und recht zu vertreten. Und ■diese Erscheinung, daß ein Teil der Nation sich unbelaugen und gutgläubig als den Kern und die Essenz der gesamten Nation .׳insieht, liegt sogar im Wesen des Nationallebens selbst begründet, weil es doch immer in erster Linie von den regeren und jiuichtigeren Elementen, niemals von ihr ganzen trägen Masse gleichmäßig bestimmt wird, und weil das Idealbild der Nation zugleich auch immer der Spiegel dessen ist, .was in den Einzelsceleii sich regt. Nation ist also in gewissem Sinne von Natur immer pars pro toto, wobei freilich das Ganze ebensowenig entbehrt werden kann, wie der Kopf den Körper entbehren kann. Friedrich Meinccke, Weltbürgertum und Nationalstaat, 1911, S. 9, Hi * ״Das eine Motiv kann mich zu diesem, das ander! zu jenem Kreise liiiizichcn; der Glaube kann mich einer Gruppe zuweisen, von der mich der Verband der Gemeinde, des Staats, der Sprache, der Abstammung trennt. Aber unser Gemüt wird jede solche Teilung und Gebrochenheit seiner Stimmung als eine Storung empfinden und beklagen; es wird stets von einer stillen Sehnsucht begleitet sein nach einer vollen, einheitlichen Lebensgemeinschaft. Es wird ihm als ein ideales Ziel die zentrale, alle Lebensziele umschließende Gruppe vorscliwcbcn.“ ־ O. Rümelin (Aufsätze I, 101). Militär und Polizei in der Schule Die frühere Leiterin der Mädchenschule des Hilfsvereins in Jerusalem und jetzige Leiterin der dortigen hebräischen Mädchenschule, Frl. Vera Pinczowcr, sendet der ״Welt“ folgende Darstellung der bekannten Vorgänge, die sich in den Jerusalemer I iilfsvcrcinsschulen am 10. Dezember abgespielt haben, Jerusalem, den 30. Dezember 1913. Sehr geehrt (.׳‘Redaktion! Erlauben Sie mir, zu dem Telegramm, welches das Wolffsche Tclegraphciibureau am 16. Dezember verbreitete, ihnen einen auf klärenden Bericht über die Vorgänge zwischen Montag, dem 8. und Mittwoch, dem 10. Dezember zu geben. Das betreffende Telegramm ist voll von Undeutlichkeiten und Unrichtigkeiten, und ist durch die verworrene Darstellung geeignet, ein falsches Bild von dem wahren Sachverhalt zu bieten. Wir, d. h. 19 Lehrer und Lehrerinnen des Hilfsvereins in Jerusalem, hatten am Freitag vorher, nach all den nutzlosen Besprechungen, die wir mit Herrn Dr. Nathan hatten, und die. uns die Ucberzeugung gaben, daß wir von dieser Seite nichts mehr zu hoffen hätten, uns zu dem folgenschweren Entschluß durchgerungen, unsere Demission zu geben. Dem Verlangen des Herrn Dr. Paul Nathan nachgebend, hatten wir unsere Arbeit nicht sofort nicdcrgclegt, sondern eine zweimonatliche Kündigungsfrist festgesetzt und hielten uns auch lür die Dauer von fünf Tagen gebunden, die Demission nicht zu publizieren, bevor die Annahme der Demission durch Herrn Dr. Paul Nathan bestätigt war. Aber bevor man uns eine Antwort gegeben hatte, war zwei Tage später Im ״oflizicllen" Organ des Hilfsvereins, der ״Moriah“, die Ankündigung unsc rer Demission mit Angabe unserer Namen zu lesen mit dem Hinweis, daß man unserer Arbeit nicht mehr bedürfe. An demselben Tage, abends, am Vorabende der Wicdcreröffntmg des Seminars, hatten alle Lehrer des Seminars Einladuii• gen zu einem Bierabend erhalten, der zu Ehren der 22 ״reuig" zurückkehreiuktt, von ursprünglich 100, Schülern des Scini- 11ars im Hause des Ilern! Direktors Cohn und Im Beisein von Herrn Dr. Nathan gefeiert werden sollte. Hier wurde zum erstenmal von Herrn Ephraim Cohn selbst die Polizei requiriert. Sie besetzte an jenem Abend die Zugänge zur Laemel-Scliule, an welche anschließend sich die Wohnung des Herrn Cohn befindet. Der Zweck des Polizeiaufgebotes bei dieser wie bei den folgenden Veranlassungen ist bis heute unauf- II c k I ü r t geblieben. Das ruhige Verhalten der achtzig streikenden Seminaristen rechtfertigte in keiner Weise diese Vorsichtsmaßregel. Als am .Morgen des folgenden Tages wieder Militär, diesmal vor dem Seminar, welches wiedcrcröffnet wurde, stand, da war natürlich die Erbitterung der Jugend ge* stiegen und eine neugierige Menge hatte sich eingefunden, um dieses hier noch nicht gesehene Schauspiel, ״Unterricht unter Polizeiaufsicht“, zu genießen. Das Wolffsche Telegramm mochte die Sache so darstcllcn, daß die Haltung der Menge das Er-.cheineu der Polizei veranlaßte, während doch umgekehrt das unbegründete und aufreizende Erscheinen der Polizei die streikenden Seminaristen, die an keinen Gewaltakt dachten, erregte. Der deutsche Generalkonsul war weder Montag abend noch am folgenden Dienstag anwesend, hatte also die Polizei gar nicht requiriert. Hierbei ist noch zur Charaktc• risicrung der Sachlage nötig, zu erwähnen, daß man dem de• missionierenden Prorektor des Seminars, Herrn David Jel- I i n, von der Eröffnung der ihm unterstehenden Anstalt keine Mitteilung gemacht hatte, obgleich er während dieser Zeit dem Unterricht in der Lacmcl-Schule in gewohnter, pflicht* treuer Weise oblag. Am Abend desselben Tages, also genau fünf Tage nacli unserer Demission, erhielt Herr Jcllin endlich die Antwort des Herrn Dr. Nathan, mit der Mitteilung, daß wir für die zwei Kündigungsmonatc von unserer Arbeit suspendiert seien, da man sich von unserem Wirken für die Schulen während diesei nächsten zwei Monate nichts Ersprießliches verspreche. Herr Jellin hat dieses Schreiben so spät am Abend erhalten, daß er nur mir, als Leiterin der Mädchenschule, und Herrn Sutta, als erstem hebräischen Lehrer, Mitteilung davon machen konnte. Wegen der vorgerückten Stunde war es nicht mehr möglich, die anderen Lehrer zu benachrichtigen. Wir drei berieten die Sachlage und erwogen die verschiedenen Möglichkeiten, zu welchem Zeitpunkt und in welcher Art wir den Unterricht einstcllen könnten. Für uns kam namentlich die Mädchenschule in Betracht, da dort sämtliche Lehrer ihre Entlassung gegeben hatten, Endlich kamen wir zu dem Be- Schluß, den Unterricht am nächsten Tage so wie alle Tage zu erteilen, im übrigen die Dinge abzuwarten, die da kommen sollten. Tags darauf, ain Mittwoch, hatte, wie Ich nachlräglkh hörte, schon in früher Morgenstunde die Suspension der zwei demissionierenden Lehrer der Lacmcl-Schule «tätige■ funden, was zu erregten Szenen seitens der Schüler führte; sie hatten sich spontan ihren Lehrern angeschlossen und weil• ten unter Absingung hebräischer Lieder die Schule verlassen. Da ließ Herr Cohn die Tore schließen, und die Knaben versuchten über die Mauer zu klettern, natürlich gab es dabei Lärm und Geschrei, welches sich noch vermehrte, als man wieder Militär hcrbciholtc. Der Lärm dieses Tumultes war im nahcgelcgenen deutschen Konsulat gehört worden, und der deutsche Generalkonsul glaubte, unter dem Eindruck der ihm von Herrn Cohn vorher überbrachten Nach• richten, die unter •einem Schutz stehenden Anstalten des