Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1914)
- Date
- 1914-01-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Ein jede! gebraucht diesen Begriff des Volkes und steht doch, wenn er zu definieren unternimmt, vor einem tiefen Geheimnis. Das Wesen dieser lebendigen Einheit, Volk genannt, ist in dem, was eben diese Einheit ausmacht, rätsclhaft wie alles Lebendige. Es ist zunächst nicht die Summe der Volksgenossen, nicht eine quantitative Einheit eines qua* litativ Mannigfaltigen. Im politischen Kampfe werden wohl Forderungen erhoben, denen logischerweise eine solche Ansicht zugrunde gelegt werden müßte, aber diese Ansicht selbst kann ernsthaft nicht einmal von den Verfechtern solcher Forderungen aufgestellt werden. Es ist auch nicht nur eine qualitative Gleichheit eines numerisch Verschiedenen. Eine irgendwelche qualitative Gleichheit der Angehörigen desselben Volkes mag immerhin konstatiert werden, sie macht das Wesen des Volkes nicht aus. Auch die Gemeinsamkeit der Sprache, die Gleichheit der Rasse, die Zugehörigkeit zu einem Staate, reichen nicht aus, den Begriff des Volkes zu bilden. Sie sind nur Attribute einer Zwecksetzung, und das eine oder das andere kann fehlen, ohne daß wir deshalb aufhören müßten, von einem Volke zu sprechen. Das wesentliche liegt tiefer. Das Volk ist eine Oanzheit, die durch die Addition der Teile nicht aufgebaut werden kann. Diese Ganzheit ist die innere!Gesetzlichkeit eines Organischen, deren Glied, nicht Teil, jeder (einzelne ist, das in jedem einzelnen mitgegeben, mitgeboren ist und seine Möglichkeiten begrenzt und bestimmt, das durch nie Folge der Generationen sich fortgesetzt entfaltend hin- Uurchgeht, wie das Leben des Baumes durch die Jahrgänge seiner Blätter. Das Volk ist von der Summe der Volksgenossen so weit verschieden, als der Baum von der Summe seiner Blätter. Es ist auch nicht in allen einzelnen zu gleichen Teilen, der eine kann mehr, der andere weniger Träger des Volkes sein. Nie liegt sein Wesen ganz in einem irgendwie greifbar Vorhandenen, in einer erreichten Erfüllung: es liegt immer in einer Zukunft, die es sucht, es ist in jedem Augenblick und ist doch in keinem ganz. Es gehört zum Wesen dieses Wesens, Ansatz zu sein und Aufgabe, wie der einzclnc auch, und seine, Oanzheit ist nur die Einheit eines Strebens nach einem Höheren. Es ist wie die rollende Woge, die der göttliche Sturmwind über das unendliche Meer treibt, s ) Kurt "Riezler: Die Erforderlichkeit des Unmöglichen. I Prolegomena zu einer Theorie der Politik und zu anderen; Theorien! Georg Müller, Verlag in München. Wir bringen ן diesen Abschnitt aus dem klugen und originellen Buche statt l einer Besprechung. die stets wachsend und höher sich türmend, kleinere Wellen und das leichte Ockrnuscl (und in allem stärker oder schwächer das gleiche Pathos des Windes) auf ihrem Rücken trägt, mir als Form durch die Materie hindurchgcht und nie in ihr verharrt, sich, zu hoch getürnn, schäumend überschlägt oder an einer Klippe bricht und doch unter dem Schaum wieder als die gleiche hervorrollt und hinter der Klippe sich wiederfindet. Wie der Sinn der Woge die ewige Sehnsucht, der stets nächste höher getürmte Augenblick ist, so ist auch der Sinn des Volkes das grenzenlose, sich fortpflanzcndc Streben. Der einzelne mag, eingedenk offenbaren Unvermögens und beschränkter Zeit, sich bescheiden. Wenn Völker nicht ewig sind, so dürfen sie doch glauben, es sein zu können, und alle Bescheidung ist für sie nur Aufschub. Sic kennen nicht, wie der einzelne jene Notwendigkeit des Todes, die für diesen aus seiner Zugehörigkeit zu einer zeitlichen Reihe folgt, als deren Glied er entsteht und auch vergehen muß. Wenn auch alle Völker zugrunde gehen müssen, so hat diese Notwendigkeit einen anderen Sinn und andere Gründe. Das Ziel ist unendlich, und vor ilun sind auch größte Möglichkeiten not- Wendig begrenzt. Ist die Möglichkeit erfüllt, so ist kein Ziel erreicht lind doch versiegt der Quell. Dann bestehen die Völker wohl noch fo! , bis sic zerfallen oder aufgesogen werden von anderen, 1 in dem Zerfallenden neue Ansätze sich bilden. Der Idee nach aber will jedes Volk wachsen, sich ausdehnen, herrschen und unterwerfen ohne Ende, will immer fester sich zusaniinenfügen, bis das /»II unter seiner Herr- Schaft ein Organisches geworden. Für jeden einzelnen ist sein Volk ein Weg zy Gott als zum All, den er, der zeitlich beschränkte, nicht zu Ende gehen kann, der einzig richtige, der allein wahre Weg —> und wenn die Völker aufhören, an sich als an dit:״u einzig wahren Weg zu glauben, so beginnen sie aufzuhören, Völker zu sein. Aber auch die Völker können den Weg nicht zu Ende gehen, das Ali als die Endlichkeit des Unendlichen ist nur Richtung, nicht Sein, und in dieser Quelle aller Tragik entspringt auch die Tragik im Leben der Völker, ihr swiges Mühan und nie restloses Erreichen. , * Nation ist, was eine Nation sein will. ״L’existcnce d’unc nntion est un pidbiscitc de tous les jours.“ E, Renan, Qu'cst-ce qu’uiic natian? (1882), S. 27. * Das Ideal ist allenthalben: ungebrochene nationale Lebens• gcmeinschaft in allen wesentlichen Zielen des Daseins. Die Aufgabe ist unendlich, denn gleichzeitig mit den Mitteln sie zu lösen, wachsen auch Ihre Schwierigkeiten. Gleichzeitig indem die Nation erstarkt, erstarken auch alle Lebenskreise