Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1914)
- Date
- 1914-01-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 34 Nr, 4 juedisc!!׳: nי!:’nTf!!Au Intrigen, Lügen und Hetzereien ln der fnmoscn zweiten Broschüre des Antizionistischen Komitees werden Intrigen, Lügen und Hetzereien als die Hauptkau1|)f1nittel des Zionismus bezeichnet. Das neueste Kampfmittel von Dr. Paul Nathan ist eine Broschüre ״Palästina und Palästinensischer Zionismus“, die in der ״Vossischcn Zeitung“ vom 18. Januar mit dem im folgenden abgedruekten Artikcl angezeigt war, Die Ausdrücke des Artikels sind der Broschüre seihst entnommen; «h die Redaktiou selbst die Auslese besorgt hat oder ihr ein anderer die Mühe abgenommen hat, wissen wir natürlich nicht. Zionistische Wühlarbeit in Palästina. Das kulturfeindliche und die Interessen der jüdischen Bevölkerung selbst auf das schwerste schädigende Treiben zionistischer Fanatiker in Paliislirw ist wiederholt von uns gekennzeichnet wor* den. Von der Rücksichts- und Skrupellosigkeit dieser alles Mali überschreitenden Agitation entwirft l)r, Paul Nathan, der Geschäftsführer des ״H i I f s v c r e i 11 s der d e u t s c 11 e u lulen“, in einer Denkschrift, die er unter dem itel ״P a I ii s t in a und palästinensischer Zionismus“ soeben erscheinen iäiit (Berlin, H, S. Hermann), ein abschreckendes Bild. An der iiaml von urkundlichen Belegen und tinwidcrspreehliehen Tatsachen wird der Beweis geführt, in welch frivoler und gewissenloser Weise man von zionistiselier Seite dem seit Jahren segensreich wirkemleti Schul־ und Er/iehmigswerk des I lilfsvercins in Palästina cntgegCu/uarbeitcn versucht. Kein Mittel des Terrorismus und der Aufhetzung der Bevölkerung, der jüdischen wie der mohnmmedänischen, blieb unversucht, um den blühenden Schnkmstalteii des I lilfsvercins in Jaffa und Jerusnletn den Lebensnerv zu durcliselmeiden. Man umstellte die Schtilhiiuser, veranstaltete Straliendcmoiistratioiicn, .suchte die Kinder dttrelt Linschnellterungen und Drohungen am Schulbesuch zu hindern. Das Unwesen wurde zeitweise so arg, dal! der (ioiivcrneur von Jerusalem au den die Zionisten ebenfalls mit Denunziationen gegen ihre Glaubensgenossen herangetreten waren in öftentlieber Proklamation gegen die Hetzer Steilung nahm ' und die Bevölkerung vor Ausschreitungen warnte. Erfreulicherweise hat sielt die grobe Mehrheit der jüdischen Bevölkerung Jerusalems den gewissenlosen Hetzereien unzugänglich gezeigt. .Sämtliche Lchrinstitutc des Hiifsvereins in Jerusalem und Jaffa befinden «sich im Zustande blühenden Ciedciheiis und haben trotz aller Verhetzungen nur wenig an Schiilerzahl verlöten. Das Lehrerseminar mit Prüparamlcnanstalt zählt 60 Schüler, Mädchenschule und Miidchenheitn 255 Schüler, die Llimclschule (Knabenschule) gegen 270 Schüler, dazu kammen die ebenfalls gut besuchten Kindergärten und die Schule in Jaffa, die über 80 Schüler zählt. Ls wäre zu wünschen, dal! sich die besonneneren Eiemente unter den Zionisten von dein hirnlosen Treiben einiger fanatischer Exaltados, die doch nur eine, wenn auch vielleicht ,nicht ganz unbeträchtliche Minderheit bilden, lossagen und der ruchlosen Sclbstzerfleisclumg Einhalt tun, die die ■R-g'■■■”'■»■■■■■■1"■!■.■. -...■I II ■1■ . .1■. Russland Von A a g e M a d e 1 u 11 g*). Rufilands Geschichte lebt als Sang' und Sage auf den Lippen des gemeinen Mannes. Sie packt, wie Funde verrosteten Eisens, wie ein Ahnen von ungezählte 11 Heldentaten, von einer Zukunft, die immer ist. Sie wächst gleich vergessenen Blüten um alte, zu Schutt zerfallene Klöster und Burgen, berauscht gleich einer Vergangenheit, die verloren ging, zunichte ward, weil das Volk sie überlebte lind überwand, ohne daran zu verbluten. Haben denn Sklaven eine Vergangenheit, eine Geschieht«, eh׳ sie die Sense zücken und den roten Halm laut über die Dächer der Popen und Herren krähen lassen? Und selbst dann sind sie namenlos, weil die Cliroitiksehreiber blöd der Ritter und Bischöfe gedenken, die die Stimmlosen über den Haufen ritten und ihr Anathema über die Gcfallenen sprachen. Erst zwei Menschenalter ist es 11er, daß der russische Hauer leibeigen war, ein Tier wie jedes andere Tier, oft weniger wert in Handel und Wandel als ein Pferd oder ein Hund. Was hißt sich wohl sagen über ein Tier, das doch trotz allem ein Mensch Istl Aber die großen Ströme entlang gehen noclt heutigentags Menschenzugtiere im Joch vor Prallmen und Flößen. Der gleiche Axthieb wie einst singt tu den Wäldern des Nordens, und die gleichen *) Wir entnehmen diese packende Allegorie dem Romane ״Die Gezeichneten“ von Madelung (Verlag S. Fischer, Berlin). Trotz vieler Mängel ist das Buch sehr wertvoll und interessant; im Schlußteil schildert es das Aufkommen einer Ritualmord- Beschuldigung und den Verlauf des hieraus entstehenden Pogroms, friedliehe Entwickln! : 1L•: jti״:...:״;! ln Palästina zu ventiv-hi. . <״, : tu. '!ur die i m■ kn/, des pal.1stiucusi׳.c1;.'u l״ nn.i׳!he «....iwe.-.te Gefahr licdeulet. Vic...\«ht i״iL!: «he «1 .״ o wa.osherzigeח als einsichtsvollen Ma!.;) woi 1c, die Dr. P. Nathan am Schluß seines lesen .,׳.■«.‘ricu ^öchfiticheus an seittc (ilaubeusgemr en rieht• t, hei denen, die• es amjelit, auf empfänglichen Boden. Wir verschmähen es, auf die uiHjualifi/ierb.trvii Beschimpfungen ein/ugiheu, die sinnlose Wut gegen uns richtet. Wir besenriiiikcii uns darauf, hier festztistelleii, daß die in der Broschüre angeführten ״urkumllidiet1 Belege und uuwiilcrsprcchüehcn Tat- Sachen“ diese Qualitäten der überreizten Phantasie eines sieii Au (gebenden verdanken. Zwei Punkte der Broschüre verdienen genauere Beachtung. Erstens, daß Dr. Nathan immer wieder die Orthodoxie gegen uns ausspielt, aus deren ״Organ“ er seitenlange Zitate bringt• Wie die wahre Stellung der Jerusalemer Orthodoxie zum Ililfsverein und wie die ״unabhängige“ ״Moriah" zu bewerfen ist, darüber belehrt uns der weiter unten abgedruckte Aufruf des aselikeiiasiscliett Beth-Diu auf imzweideiitige Weise. Zweitens: Auf Seite 55 der Broschüre Dr. Nath.uis stehen 11 Zeilen voll niedriger Verdäehtigungen und Beschimpfungen Dr. Seltmarja L c v i u s. Wir wollen sic nicht wiedergehen, um Dr. Nathan die letzte Beschämung zu ersparen. Alle unsere Leser kennen Schiuarja l.eviu, wissen, welch reiner Enthusiasmus, welche glühende Liehe zum Volke, welches siegreiche, niemand täuschende Lieht der Wahrheit in diesem ■Manne lebt. Wer unsern Seltmarja Levin sieht und hört, der weiß: dies ist das lauterste Gold der Gesinnung. Dr. Levin hat dem Haifaer Technikum Jahre rastloser Arbeit geweiht, nicht als Beamter, sondern als Kuratori'umsmitglied, gleich Dr. Nathan. Jetzt nennt Dr. Nathan unser, Dr. Lcvins Verhalten eine ״Politik der Unmuralität“. Die Geschichte wird zwischen Sittlichkeit und Unsittlichkeit zu unterscheiden wissen. Hilfsverein und Orthodoxie Das Beth-Din der aschk c nas 1 s c 11 e n Gemeinden in Jerusalem nimmt soeben zu dem Sprachcnstrcitc in einem Aufruf Stellung, aus dem wir di« Mauptstelleii ip wörtlicher. Ucbcrsctzung wiedergeben: ״Vor allen treu zum Glauben Haltenden in Israel, die die Entweihung der göttlichen Ehre schmerzlieh empfinden, geben wir unserem großen Sc 11 merze Ausdruck ob des großen Milist,־indes, der hervorgerufen wurde durch Artikel in der Zeitung ,M o r i a h‘, welche, wie aus jeder Nummer klar ersichtlich, längst zu einem Organ des Ililfs- Vereins in Jerusalem und zur Vertreterin seiner Bestrebungen geworden ist, in weiten Kreisen jedoch immer noclt irrtümlich als offizielles Organ der Gcsct/cstrcueu und Rabbiner der heiligen Stadt an* gesehen wird. Die in dieser Zeitung enthaltenen Bauern pflügen das schwarze Erdreich. Und in dunkeln Myten entsinnen sie sich einer entsehvvuiidenen Vergangenheit, eines Dufts von Erics und Blut und bleichendem Leinengarn. Sie singen in langen und schweren Strophen von blutigen Sensen und roten Mädchen, von Kriegstat und Trotz, von Uchcsumfaugcii und ewiger Zukunft des Erdgeborenen . . . Kein anderes Volk gibt es, das imstande gewesen wäre, so viel Grausamkeit zu überleben, wie das russische. Es bat sich stetig verjüngt, durch das stetige Vergessen einer Wirklichkeit, die wie Oewitte. wölken an einem stürmischen Abcndhimmcl schwand. Und es hat diese grausame Vergangen* heit uiiigcset/t in eine in sich verschlossene, duldetule Kraft, die da weiß von einem Sonttenaufgang und einem siegreichen Tag . . . Es ist eine Sage in Rußland von einem Bauersmanu und seinem Pferd: Er pflügte seinen Acker, und seine tnager.e Stute stapfte Furche auf, Furche ab, wtuiden Bugs, aber geduldig trotz allem. Es ging gegen Abend. Schwere Wolken flössen am Himmel wie, eines Toten Blut, und die gelben Stoppelfelder lächelten in wehmütigem Lächeln, wenn die Pflugschar sie in die Erde legte. Da kam ein Bojarensohn auf seinem Hengst gesprengt, waffenumgürtet, in silbernem Panzer. ״Hei, du, Bauer! spann׳ deine Mähre vom Pflug und zieh׳ mit in den Kriegt“ ״Die Stute ausspannen, das kann ich wohl, wenn du den Pflug aus der Erde heben willst . . Der Bojarcnsolu! sprang aus dem Sattel und packte den Pflug; aber er vermochte ihn nicht von der Stelle zu bewegen, so fest er auch faßte, ltn selben Augenblick kam sein Gefolge ihm nach, viele Mann hoch und wohl beritten; aber nicht einmal, als sie alle den Pflug anfaßten, kann Hi 8ie ihn aus der Erde heben, so fest saß er. Und Ehrungen des Herrn I tr Paul Nathan wurden von gewisser Seite fälschlich a u s g e I e g t und dahin gedeutet, als wollten die talimuliM heil Großen um!!;,thbiiiei) die Schulen des Hiifsvereins vor den andeten dieser Art bevorzugen, was aller niemals in di r Ale.k lit der berufenen Vertreter und I luter der 1 hor.i tu Jerusalem lag, da all diese Schulen gleich fern vom (!eiste der I hor.i und Gottesfurcht sind. Die Bedeutung des Herrn Dr. Pani Nathan als tatvoller und hilfreicher f reund unserer unterdrückten Brüder soll dadurch nicht lieraligemiudert werden, I he Rabbiner, die irgendwelche Begrüßungsschreiben unterzeichnet haben, taten es zum Teil, weil man sie irre führte tmd sie vertrauensvoll 1icn Biicf unterschrieben, ohne sielt der Tendenz bewußt zu werden. Auf jeden I'all hatten die Rabbiner keine andere Absicht, als denjenigen Teil der Wirksamkeit de* Hillsvereins an/ucrkeriuen, welcher zu seinem E r z i e 11 u n g s w e r k e in Pa- 1 ii s t i n a in gar keiner Beziehung steht. Demi, was das letztere betrifft, so haben das Fr* ziehungswerk des Hiifsvereins im allgemeinen und seine Lehrerbildung iushcs.xulcrv und die Verbrei* tutig dieser Lehrer im weiten Lande nicht nur den Stand der Religiosität nkht gehoben, sondern sie Italien viel zur Verwüstung und Zerstörung des reli• giüscn mul geistigen Lehens beigetragen. Sowohl diese, wie die andern Schulen in Palästina ziehen Generationen heran, die Gott nicht kennen und seine treuen Bekenner verspotten, wie wir es ja jetzt an der Frucht dieser Erziehung, an den Lehrern und Schülern aller Art in den Schulen der Städte und Kolonien lind in den Gymnasien zu Jerusalem tmd Jaffa selten, unter «lenen die Entweihung des Sabbats und die Leugnung der Göttlichkeit der schriftlichen und mündlichen Lehre zu finden ist. An der Frucht und Folge dieser Erziehung lernen wir erst die Willitigkeit und Verbindlichkeit der Maßnahmen unserer früheren Lehrer kennen, die feste Anordnungen getrotfen Italien und ein Verbot für den Besuch all dieser Schulen erlassen haben, das ohne jeglichen Unterschied die Gymnasien sowohl wie die Schulen der Alliance, der I e a, des Hiifsvereins, die L ä m e 1 -Sc h ule, die S c tti i n a r i e n , C h e d c r -Thora und dcrgl. mehr betrifft, sie alle unterliegen diesem Verbote, sie alle sind beeinflußt von Lehrern, die in ihrer grollen Mehrheit eine auf Zerstörung des Gottesbuiulcs berechnete Kultur verbreiten.“ Herr Dr. Nathan hat immer wieder behauptet, die orthodoxen Kreise in Jerusalem seien auf seiner Seite. Sie forderten angeblich flehentlich die Erlialtutig der Hilfsvereinsseltitlen. Der von der geistliehen Behörde des größten Teiles der Jerusalemer Orthodoxen veröffentlichte Aufruf läßt keinen Zweifel darüber, daß der Bann, womit die Orthodoxen unsere modern eingerichteten Gymnasien beiegt haben, für die Hilfsvereinssclmlen in völlig gleichem Maße gilt. Die Versuche, die ״Morinh“ zu einem unabhängigen Organ der Orthodoxen zu stempeln, und die merkwürdige Art, Sympathiekundgebungen von ״vertraucnsvollen“ Rabbinern zu erlangen, erfahren durch den Aufruf die entsprechende Würdigung. als sie die Münde sinken ließen und den Bauersmann an sähe rt, nahm er ihn und hob ihn aus der Furche mit einer Hand. Dann setzte er sich auf seine Stute und folgte den andern. Eine Zeitlang danach ritten der Bojnrensohn und der Bauer allein nebeneinander; vom Gefolge war nichts zu selten, so weit war es zurückgeblieben;, denn sie ritten scharf, die Zwei. Der Hengst des Bojarensohns lag dicht an der Erde, während er vorwärts sprengte, die schnaubenden Nüstern weit vorgestreekt, während die graue Stute, die Schnauze auf der Brust und am Gebiß kauend, gleichmütig dahin trottete. ״Halt!“ rief der Bojarensolin endlich, als sein Hengst ganz außer Atem war. ״Du reitest zu schnell. Es ist genug!“ Denn er begriff jetzt, daß die graue Stute und ihr Reiter das russische Bauernvolk waren . . . Langsam ist es zu satteln; aber es reitet schnell; und wenn es erst einmal in Gang kommt, kann keiner ihm folgen. Denn es hat eine jungfräuliche und unverbrauchte Phantasie, die nur Pflugfurchen in die Erde geritzt hat und nicht Adler in anderer Rücken. Darum ist der russische Bauer maßlos und gewaitsam wie alles Elementare. Die Verfeinerung des Genusses und die Bosheit der Verfeinerung sind ihm fremd, denn er hat den ehrlichen und ursprüttg* liehen Mannesrausch* wenn er betrunken ist oder toll. Er tötet, wenn er einmal jemand zu Leibe will, und kann wohl, in einer plötzlichen Eingebung, sich erfinderisch und scherzhaft zeigen im Töten seines Gegners; aber bewußt grausam in seiner Rache ist er nie. Er braucht nicht seinen Feind im Käfig zu sehen, mit abgeschnittenen Augenlidern und giftigen Insekten in den Wunden, um sich befriedigt zu fühlen . . . Das ist der Unterschied zwischen dem Bauern