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Jüdische Rundschau · 1914-01-23 · Heft 4 (23.1.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 4 (23.1.1914)
Date
1914-01-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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I_“ ר¬ ו י J 1 ץ»*“־•/ J p ךין üo kJ ד"/ 3־ crj ✓ג׳י c״״a Nummer 4 Berlin, den 23. Januar 1914 — 25. Tebeth 5674 XIX.Jahrgang. Reichstagsdebatte Bemerkungen über jüdische Politik Iin Deutschen Reichstag ist ein Gesctzcntwurf über die Sonntagsruhe im Haiuielsgcwerbc cingcbracht worden. Der $ i der Vorlage gestattet den sabbattreuen Juden, am Sonntag zwar nicht im offene n Geschäft Waren zu verkaufen, woiil aber im internen Geschäft zu arbeiten. Die Debatte über diesen Paragraphen hat Aeulicrungen der Sprecher des Zentrums, der Nationalliberalen und der Konservativen einerseits, der Fortschrittlichen Volkspartei und der Wirtschaftlichen Vereinigung andererseits gebracht, die über die Bedeutung der zur Verhandlung 'stehenden Vorlage hinaus für die [Jenrteilung einer richtigen jüdischen Politik intercssant und aufschlußreich sind. Der Zentrumsabgeordnete Erzberger befürwortete die Annähme der Bestimmung, die die sabbattreuen Juden nach dem Grundsatz sozialer Gercchtigkeit behandelt. Der nationalliberale Abgeordnete List und der konservative Abgeordnete Graf von Ca rin er sprachen im selben Sinne. Die Opfer, die das orthodoxe Judentum seinem, Bekenntnis bringe, seien durchaus aehtiingswert. Aber Abgeordneter Gunsser, Mitglied der Fortschrittlichen Volkspartci, wandte sich gegen die Bestimmung. ״Sic würde eine Bevorzugung jüdischer Geschäfte bedeuten und den Antisemitismus wieder aufleben lassen.“ Und kaum hatte der Liberale sein Sprüchlein gesagt, so war auch schon der Antisemitismus zuin Leben erwacht und der antisemitische Abgeordnete Mumm erklärte, der Paragraph zugunsten der orthodoxen Juden sei ein Ausnahmegesetz, das sich gegen die christlich-deutschen Kaufleute richte und darum bekämpft werden müsse. Geschlossen war der Bund. Alle, auch die nichtorthodoxen Juden, müssen sich scharf gegen die überhebliche Art wenden, mit der eine Partei, die als Judeiisehutztruppe bezeichnet wird, gewissermaßen die Juden bevormundet, um sie vor dem Antisemitismus zu schützen. Der echte Liberalismus wollte einmal den Juden die Pflege ihrer Eigenart sichern; er wollte ihnen wirklich helfen, den Antisemitismus abzuwehren, damit sie wegen des Festhaltcns am Judentum nicht in ihrer bürgerlichen Gleichbcrechtigung verkürzt werden. Dieser Liberalismus aber will, angeblich um den Antiscmitismus zu verhüten, es den Juden unmöglich machen, die Pflichten der jüdischen Tradition zu erfüllen, ohne sich wirtschaftliche Nachteile aufzubürden. In Wahrheit haben solche ״liberale“ Tendenzen die Funktionen des Antisemitismus übernommen. Dem Antisemiten Mumm blieb in der Reichtagsdebatte nichts übrig, als in seinem Jargon zu wiederholen, was der Liberale gesagt hatte. Diese Verteidiger der Menschenrechte tun sich am Ende noch auf ihren ״Liberalismus“ etwas zugute, mit dem sie die jüdischen Mitbürger vor den Wirkungen ihres Judentums schützen. Sie können eben nur ein Judentum verteidigen, das allen Judentums entkleidet ist. Das Judentum, das sich als solches fühlt und sich seinem Wesen treu ausleben will, empfinden sie als Provokation und sprechen von einer drohenden Wiederbelebung des Antisemitismus. Daher bringen jetzt schon die Liberalen die '*■דיי T־r—11 11■״M1-11—r־n M11i1n11111n׳Ji1׳r-11in-r- חזו■■ ■um—וו 1 ״Der Ziontaaui* erstrebt für da■!iMloclie Voll! di© Schaffutig einer Bffcnt- (Ich*recbtUt׳b gesicherten (iclmstätte In P«UI״tW Baseler Programm. jüdische Orthodoxie und den A rt t i s c m i - t i s in 11 s in den Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Und gleichzeitig wagt es der ebenfalls von einem Liberalen geleitete Verc in zur A b w c 11 r des Antisemitismus, in seinen ״Mitteilungen“ von einem Bund des Zionismus!und des Antisemitismus zu sprechen! Von einem Verein, der das gesamte Judentum vor dein Antisemitismus schützen soll, ist cs zum mindesten taktlos, sich in innerjüdische Fragen einzumengen. Wissen denn die Herren Gothoin und Gunsser wirklich besser als wir Juden selbst, was uns nottut? Oder sind sie nur durch die Einflüsterungen ihrer parteipolitischen Freunde aus dem Lager der liberalen Assimilanten derart irregeführt, daß sie die Gebote des politischen Takts, der Demokratie und Toleranz ärger verletzen als selbst die Antisemiten, die sieh doch wenigstens offen als die Gegner der jüdischen Eigenart bekennen und int'ülgedGseii von jüdischer Seite kein י'ertrauen beanspruchen'׳* Es läßt sich nachwcisen, daß an der Fehlpolitik der Liberalen in jüdischen Dingen die liberalen Assimilanten schuld sind, die ihre christlichen Parteifreunde zu Richtern in innerjüdischen Angelegenheiten machen. Anstatt das Richtmaß in jüdischen Fragen ausschließlich aus den Bedürfnissen des Judentums zu holen,/ richten sic ihr ganzes jüdisches Verhalten nach den wechselnden Neigungen und Meinungen ihrer politischen Freunde ein. Ihr Judentum opfern sie, wenn sie der Partei einen Dienst erweisen zu können glauben. Der Stunde opfern sie( die Ewigkeit. Sie sagen, das Judentum und die jüdische Politik brauche nichtjüdische Freunde, deren Wohlwollen man durch ständige Konzessionen und Opfer erhalten müsse. Aber da ihnen nicht das Judentum und sein Wohl die Hauptsache ist, verlieren sie sehr bald das richtige Urteil darüber, wie weit man auch in politischen Dingen Konzessionen machen dürfe, und bald wird die Politik in jüdischen Fragen, deren Ziel eigentlieh das Wohl des Judentums und die ungefährdete Erhaltung seiner Art sein müßte, zum Mittel für fremde politische Zwecke. Die Parteien aber, in deren Schutz solche Assimiiationspolitik getrieben werden konnte, verlieren infolge solcher Umorientierung bald selbst die eindeutige Riehtung ihres Programms, soweit es sich auf jüdische Dinge bezieht, und lassen sich vielmehr von den einseitigen Meinungen einzelner israelitischer Notabein beeinflussen. Und so kommt cs zu dem politischen Tohuwabohu, für das die Debatte im Reichstag eben ein Beispiel bot. Wie unklug sind die Juden, die noch Immer das Heil von den Parteien der anderen erwarten und nicht in der ziclbewußtcn Stärkung des Judentums selbst suchen! Sich nach den anderen zu richten, muß immer zur Enttäuschung führen. Deshalb xvar alle assimilatorische Politik immer und überall gegen das Judentum gerichtet. Die angeblich judenfreundliche liberale Partei bezieht ihre jüdische Weisheit von wenigen Volksentfremdeten Assimilanten und diese wiederum verteidigen ihre Politik im Judentum, indem sie, wenn ihre verderblichen Methoden angegriffen werden, Nichtjuden zu Zeugen für ihr gutjüdisches Verhalten und zu Richtern über ihre jüdischen Gegner aufrufen. Nichts anderes tut jetzt der H i I f s v e r e i n der deutschen Juden, wenn er im Kampf mit den Zionisten politische Faktoren gegen die Vorkämpfer der hebräischen Bewegung aufzuhetzen versucht. Hier rufen die Assimilanten die Christlich-deutschcn Kaufleutc auf den Plan gegen die jüdische Orthodoxie; dort mobilisiert man mohammedanische Notabein gegen die hebräischen Schulen. Gunsser, Mumm und der Effendi von Haifa! Es können uns auch politische Erfahrungen in Deutschland lehren, daß wir nur durch die treue Pflege jüdischer Art die Sympathien und die Anerkennung jener erringen, die auf ihrem Platz, in ihrem Volk das positive Programm vertreten. Kann es ein Zufall sein, daß hier das Zentrum, die Konservativen und die Nationalliberalen die jüdischen Wünsche verstehen und fördern? Und daß drüben in Palästina die breite Masse der konservativen, nationalen arabischen Bevölkerung und die führenden Notabcln mit uns sind? ״Mit wahrhaft Gleichgesinnten kann man sich auf die Länge nicht entzweien, man findet sich immer wieder einmal zusammen: mit eigentlieh Widergesinnten versucht man umsonst, Einigkeit zu halten; es bricht immer wieder einmal auseinander.“ L. H. Die amerikanischen Kuratoriums• mitglieder für das Hebräische Da die Mittel für das Technikum in Haifa größtenteils in Amerika aufgebracht worden sind, ist die Stellungnahme der amerikanischen Mitglieder des Kuratoriums von der größten Bedeutung. Ein Kabeltelegramin vom 18. Januar berichtet über eine Sitzung in New York, an der samtliehe amerikanischen Mitglieder des Kuratoriums, lauter führende jüdische Persönlichkeiten, unter ihnen die Herren Straus, Jacob H. Schiff, Kraus, M a r s h a 11, teilgcnommen haben. Es wurde beschlossen, daß Hebräisch die offizielle Sprache am Technikum sein solle. Für den Verkehr der Schule mit der Türkei soll neben Hebräisch noch Arabisch und Türkisch in Betracht kommen. Die Unterrichtssprache am Technikum soll prinzipiell hebräisch sein. Hebräisch als ausschließliche Unterrichtssprache soll in spätestens sieben Jahren cingcführt sein; nur wenn für ein Fach nach Ablauf dieser Frist die Lehrmittel in hebräischer Sprache nachweislich noch nicht genügend entwickelt sind, soll eine Ausnahme gestattet werden. Es wurde beschlossen, die zionistische Organisation um moralische und materielic Unterstützung zu ersuchen und die Vertreter der zionistischen Bewegung, die Herren Ginsberg, Dr. Levin und Dr. Ts'chlenow zu bitten, sicmöchtcnindasKuratorium wieder c i n t r e t e n. Die Beschlüsse stehen in allen wichtigen Punkten, in deutlichem Gegensatz zu dem verhängnisvollen Beschluß der Kuratoriums- Sitzung vom 26. Oktober vorigen Jahses, an der die amerikanischen Mitglieder nicht teilgenommea haben, , ־

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