Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1914)
- Date
- 1914-01-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Wenn Bjiflcntun, N: 2/8 JUEDISCHE RUNDSCHAU Sette 7 Gegensatz zu der jel/.t üblichen lirziefrun«,;.sructhudv) die so sollten diese Zciicn eines neuen jüdischen Gemeinschaflsleben» in den jüdischen Frauen und Mädchen den starken Rilckhalt haben, dessen sie bedürfen, Wie in Zeiten bewegter Stimmung der von d״m Rationalismus vorhergegangeuer Epochen müde ,Geist durch die Unmittelbarkeit und Instinkt- Sicherheit des weiblichen Gemütes neu gestärkt worden ist, wie etwa zur Zeit der deutschen Romantik die Salons der t rauen die eigentlichen Stätten des neu erwachten Lehensgeistes waren, so wird im Zionismus der jüdischen Frau eine ähnliche Rolle bevorstehen. Der Zionismus ist die Aufrichtung des Irrationalen über unserer erschöpften, rationalistischen Kultur; er ׳ist die Abkehr von der Nützlichkeits-Moral eines iiidivicluhistisclx-dekadenten, blasierten und kraftlosen Geschlechts. Der Begriff der Nationalität wird uns wieder lebendig, er taucht wie ein lange versunkenes Geheimnis aus der Tiefe unseres Bewußiseins auf. Wir fWilen wieder die magische Gewalt des Zusammengehörens mit fernen Menschen der Vergangenheit und der Zukunft, durch die unser Blut fließt, und es ist uns unmöglich, diese Wirklichkeit aus unserem Bewußtsein wegzudenken. Was aber dem männlichen Intellekt. Einsicld und Ueberlegung kostet, ist dem weiblichen Instinkt imniittclbar gegeben: das Erfassen der Zusammenhänge, die die menschlichen Geschlechter innigst verbinden, muß der Frau ein natürliches Bedürfnis sein. Wie die mythischen ״Mutter“, von denen Goethe spricht (vielleicht das tiefste Symbol des ״Faust“), über Raum und Zeit erhaben alle wechselnden Geslalten in ihrer Ewigkeit beherrschen, so ist eben das weihliehe, das mütterliche Element das eigentlich Dauernde, das die ewige Geltung seiner Aufgabe begreift. Daiicr muß die weibliche Auffassung des Volkstums die tiefere, ganz nur dem Innern zugekchrtc sein; die Frau, aus deren Scholl die kommende Generation hervorgehen soll, muß von heiligem Verständnis für die Kette von Zeugungen und Geburten, die das Band des Volkstums um Menschen von Jahrtausenden weben, erfüllt sein. Sie wird im Gefühle haben, was der Mann verstandesmäßig zu erfassen erst auf einer höheren Stufe des Erkenntnisvermögens befäliigt ist. Die Frau wäre berufen,' dem Manne dieses tiefe Wesen des Volkstums zu erschließen; sie müßte seine Lehrmeisterin sein. Und darüber hinaus müßte sie ihm in der Strenge der nationalen Arbeit und nach der Heftigkeit politischer Kämpfe das wesentliche Element aller wahrhaften nationalen Arbeit geben: die Liebe. Denn nur durch eine große Liebe wird jede kleinste Handlung im Dienste des Volkes geheiligt. * Wer sich aber dem Volkskörper •ungeordnet hat, der versteht, daß e r für die Zukunft dieses Volkes verantwortlich ist, und daß er eine Aufgabe zu erfüllen berufen ist, deren Wirkungen sich weit über seine Lebensspanne hinaus erstrecken. Darum wird der Nationalismus nicht nur eine Rückkehr zum Judentum bedeuten, er wird auch eine ganz neue Stellung zu allen rein menschlichen Fragen bewirken; vor allem ward das ln der Erziehung der Jugend zutage treten, und diese ist wieder vor allein in den Händen der Frau. Die Frau, der der Zionismus zum Erlebnis geworden ist, wird in seinemNamen gegen die Gemeinheit kämpfen, die in vielen jüdischen Kreispn, die sich losgerissen und rerantwortungslos fühlen, herrschend ist; sic wind die ihrer Obhut anvertrauten Kinder zu sittlich starken, ganzen M. e n - sehen erziehen, Und dieses Geschlecht wird auch zu starken! ' nationalem Wollen reif sein. Ich spreche hier gar nicht davon, daß Werte jüdischer Kultur und jüdischen Wesens der heranwachsenden Jugend Vermittelt werden müssen; ja ich glaube sogar, daß diese Judaisierung der Erziehung allein für die jüdische Bewegung sehr wertlos wäre, wenn nicht (im ganze Erziehung auch von einem knurren, ernsten Geist erfüllt ist. ׳ Und während unsere Mädchen in den meisten Fällen selbst aileu je;Ji.ciicu Wi. scus entbehren und erst selbst lernen mühlcn, um anderen etwas vermitteln zu können, werden sie in jatem Sinn durch den jeder Frau angeborenen natürlichen Takt viel leichter das Richtige finden. Sic■ werden, wenn sie die ganze Tiefe Ihrer Mission begreifen, sich von aller »Frivolität befreien, die wir als Erbstücke des Liberalismus bewahrt Laben und die bei Männern oft nicht einmal der Zionismus nt1:;;־urcißen stark [׳einig war. So kann die Frau dieses jüdische Geschlecht wahrhaft erlösen, lind, ohne sie wird ihm vielleicht keine Erlösung kommen. Das ist der hohe Beruf der jüdischen, der zionistischen Frau. Sie ist noch nicht da; daß gerade unter den Frauen ein innigeres ,Verhältnis zu unserer nationalen Sache so selten ist, das liegt vielleicht gerade daran, dalli dieses Verhältnis bei einer Frau ein ganz persönliches sein müßte, während bei den männlichen Zionisten allerhand äußere »Momente mitspielen. Und bei den! heute gewöhnlichen Lcbensdraiig unserer jüdischen »Mädchen, als dessen Ziel so ganz und gar nur ״Versorgung“ mul Bequemlichkeit lUiigestellt wird, ist die Innere Kraft für das außerordentliche Erlebnis, das hier der Zionismus bcdeuten müßte, sehr selten. Andererseits liegt dem weiblieben Charakter doch das Revolutionäre fern, und schon infolge׳ des meist geringeren Bildungsgrades und des engeren üesichtskreiscf ist die Tendenz zum f iimielmicn des Vorhandeneii, ein gewisser Konservativismus den Erscheinungen des Alltags gegenüber, bei der Frau stark. Trotz dieser scheinbaren Befriedigung aber glaube ich, daß die besseren der »Mädchen die Leere ihres Lehens drückend empfinden, ja die innere Uiibcfricdigthcit hier viel öfter vorhanden ist als bei den weniger fein organisierten Männern, die sich leicht der Gewöhnlichkeit ,und dem Alltag ergeben. Darum glaube ich auch, daß die Schuld daran, daß die Frauen für unser Volk noch nicht bedeuten, was sic bedeuten könnten, zum größeren Teil die Männer tragen; denn der Mann müßte der Handelnde sein, und er müßte durch seine Tat der Frau die Möglichkeit zu einer Mitwirkung in ganz großem Sinne geben, die sie vielleicht in ihrem 1 Icrzen ersehnt. Den Mut und die Kraft zu der befreienden Tat, die Zionismus ־ heißt, wird dann der eine durch den anderen erhalten. Auf die Schäden, die die heutige ziellose Art der Mäd- Chcncrzichung für unser Volkstum bedeutet, hat Dr. Oskar Epstein in einem aufsehenerregenden Artikel der Prager ״Selbstwchr“ (״Mischehen“, 11. April bzw. 13. Juni 1Ö13) liingewiesen; er hat die ernste Förderung der bestehenden und die Begründung von neuen Mä d ch e 11 v c r c i n e 11 gefordert, welche die Heranbildung jüdischer Mädchen zu tüchtigen Mitarbeitern an der Wiederbelebung des jüdischen Volkes zum Ziel haben. Ich glaube nun zwar nicht, daß in Vereinen ein so mächtiger Einfluß auf die Entwickelung der Mädchen ausgeübt werden kann; das kann nur durch persönliche Bc- Ziehungen, durch Werbung von Mensch zu Mensch der Fall sein. Aber das entzieht sich natürlich einer Regelung; was man organisieren kann, sind immer nur Vereine, und diese sind doch jedenfalls von großer Bedeutung. Die Arbeit dieser Vereine dürfte aber nicht so gemacht werden, daß man den »Mitgliedern mechanisch zionistische Wissenschaft, bzw. jüdisches Wissen beizubringen und sie zu gewissen äußeren Tätigkeiten wie N.F-Sammhingen u. ä. zu veranlassen sucht (wiewohl selbstverständlich auch das notwendig ist und auch N.-F-Snmmlungen höchst erzieherisch wirken können). Es müßte vielmehr vor allem 'das Negative