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Jüdische Rundschau · 1914-01-01 · Heft 1 (1.1.1914) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 1 (1.1.1914)
Date
1914-01-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JUEDiSCHE RUNDSCHAU Nr. 1 Schwächung der jüdischen Kampf• bereif schaff zugute käme." (S. 323.) Kaum zwei Jahre (genau 1V1 Jahre) waren cs her, dal! diese unzweideutigen Erklärungen gedruckt an alle Mitglieder des Zcntralvcrcins gelangten, da kam die Ucncralversammlung und die Rcso■ lution vom 30. März 1013, die den obigen Erklärungen geradezu ins Gesicht schlägt. Kamt man sich eine schärfere Verurteilung des ganzen durch die famose Resolution gekrönten Feldzuges des Zen• tralvcrcins gegen den Zionismus denken, als sie jene programmatischen Sätze vor zwei Jahren enthalten? Was hatte sielt in den letzten zwei Jahren oder richtiger in 1:,'4 Jahren so grundlegendes und wesent• licltes im Zionismus geändert? I latten denn in seinem Programm und in den programmatischen Knud• gebungen der zionistischen Organisation so ttner• hörte mit den Satzungen des Zcntralvcrcins nicht mehr zu vereinende Umänderungen stattgefunden, dali dies die völlige Abkehr von dem eigentlichen Zweck und, den eigenen wiederholt feierlich betonten Grundsätzen des Vereins rechtfertigte? Es batte sielt nicht das Geringste geändert. Die Ik'bmmtg des Nationaljudcnttiins, gegen das sielt die Getteralvcr- Sammlung und die Resolution besonders richtete, ist so alt wie der moderne Zionismus selbst, svar also seit 1S07 allgemein bekannt. Der deutsche /.imtislisehc Üelcgicrtcntag 190b batte bereits in dieser Beziehung eine sehr energische Resolution angenommen. Und doch sah der Zentralvereiii bis 1012, also volle sechs Jahre, keine Veranlassung, etwas gegen den Zionismus \zu unternehmen, sondern erklärte noch in seinem Bericht vom Jahre 1011, wie oben zitiert, feier• liehst das Prinzip strengster Neutralität in allen inneren Fragen des Judentums, die ״unbedingte Not• wendigkeit“ des Zusammenarbeiten» aller deutschen Juden, der ״Juden jeglicher politischen und rcli• giösen Richtung“ und der ״Geschlossenheit im Kampfe gegen den Antisemitismus“. Also der nationaljüdische Standpunkt der Zionisten, der immer und seit vielen Jahren energisch betont worden ist, kann das sieh selbst negierende Vorgehen des Zentralvereins nicht erklären, sondern dieses ist nur zu erklären durch den zunehmenden Einflult der Anti/ioiiistcu und des antizionistischcir Komitees auf den Zentral• verein bzw. durch die zunehmende Feindschaft gegen den Zionismus und durch die wegen seiner wachsenden mul nicht mehr zu über• sehenden Erfolge erwachte Furcht vor Ihm 11ml der Ausbreitung der nationaljüdischcn Ideen. So hat inan sich iin Zentralvereiii nicht gescheut, mit den offenen Angriffen gegen den Zionismus, den, wie uns in der Polemik gegen Dr. Jeremias verraten wird, ״ernste Männer“ bereits 1002 als notwendig erachtet hatten, die ״Partikiilar-Tendenzen“ in den Verein hincinzutragcn, was der Vorstandsbericht von 1911 so vcrfchmt, weil es ״ganz, allein dem Anti• semitismus zugute käme“. So verfolgt der Vorstand die Zwecke des Vereins. Das nennt man Konsequenz. (Schluß folgt.) Ein ״Deutscher“ Den ״Monatsblättcrn“ des Allgemeinen Deutscheu Kantorcn-Verbamlcs, Beilage zum Hamburger Israelitischen Fainilienblatt, entnehmen wir folgende Notiz aus Hamburg: ״Infolge schwankender Gesundheit ist Herr Oberkantor M. Heule, bisher als erster Kantor am Hainburger Tempel tätig, seit dem 1. Oktober pensioniert worden ... Für heute sei nur kurz bemerkt, daß zur Freude der gesamten Knntorenschaft der Gesund• lieitsz.ustaud des hochverehrten Kollegen sieh in den letzten Wochen bedeutend gebessert hat. 1111 Namen aller Kollegen darf wohl dem allseitig nicht nur als Menschen, sondern auch als einen der bedcit• tendsten deutschen Kantoren Geachteten, der in llieorie und Praxis uns allen als leuchtendes Vorhihi voransehwebt, zu seiner Genesung von I lerzen Glück gewünscht werden. — Im Anschluß daran sei die Mitteilung geknüpft, daß zum Nachfolger des Kollegen Heule ein — Ausländer. Kollege Koruitzer- Prag, gewählt worden Ist, Es ist tief bedauerlich, daß unter der großen Zahl von Bewerbern (über 100) die Gemeinde keinen deutschen Kantor hat finden’ können!“ Dem wohl allseitig nicht nur als Juden, sonder auch als einen der bedeutendsten deutschen Stiliste geachteten Urheber dieser Notiz, der in Theorie un Praxis allen deutschen Schriftstellern als leuchtende Vorbild voranschwebt, verdanken wir auch noch ein Briefkastennotiz folgenden tief bedauerlichen Inhalt! ״Herrn S. G. In H. Wenn Sie als Lehrer sic weiter im Knntorat ausbilden wollen, 90 empfehle wir Ihnen nach einer größeren deutschen Stadt (Be Im, München, Frankfurt a, M.) zu gehen und do un Konservatorium zu besuchen, gleichzeitig ab« Unterricht im Kantorat bei einem bewährten Kante zu nehmen. Ob es sich .lohnt, als Kantor ausbildc!11Jomn׳ we".n ״!״י ״■?״ Ausländer ist, niöcli m.al!c,mal hn Hinblick auf manche Vo kommnlsse (siehe oben!) zu bezweifeln sein.“ Im Anschluß daran sei die Mitteilung geknüpl aal! es sich kaum empfiehlt, als Redakteur anstclh zu lassen, wenn mau ein solcher Deutscher ist, der allerdings manchmal im Hinblick auf manche Vor• kommnissc von manchem Ausländer in bezug auf Kenntnisse in der deutschen Sprache übert raffen wer• den könnte (siche oben!). Frankfurter Brief (Von unserem Korrespondenten) Der Beilisprozeß, unrühmlichen Angedenkens, hat auch hier natürlich das lebhafteste Interesse er• weckt, wenn es sich auch nicht in großen Volks• Versammlungen äußerte. Die Zionistische Ort»• gruppe hätte gern eine öffentliche Prolestvcrsamm• hing veranstaltet, sie glaubte aber, daß eine solche Versammlung erst dann wirken könne, wenn sic von möglichst vielen jüdischen Korporationen, ins• besondere von den Synagogengemeinden, veranstaltet würde. Auf Anregung der Zionistischen Ortsgruppe trat daher eine Versammlung von Delegierten verschiedener Vereine sowie der beiden hiesigen Syn• agogengemeiiule״ zusammen, die jedoch zu keinem Resultate kam. Dagegen war es sehr zweckmäßig, daß die Zionistische Ortsgruppe,'die jetzt über ein eigenes K 111 b I o k a I verfügt, ihren Mitgliedern und zahlreichen (Fisten Gelegenheit bot, einmal die theoretischen Grundlagen der RitiiahiiordbeseliuUli• gung und ihre Widerlegung kennen zu lernen. An drei Abenden beschäftigte sich Herr Bankier Jacob Wolff eingehend mit diesen Fragen. Er hot in seiner gewandten Art eine Fülle von Material und gab so seinen Hörern die Waffen in die Hand, um alle diese Beschuldigungen in sachlicher Weise widerlegen zu können. Interessant ist übrigens, daß die Jüdische Bibliothek und Lesehalle im Monat No• vember ganz, auffallend stark besucht war, was wohl seinen Grund darin hat, daß man sich hier aus den jüdischen Zeitungen, insbesondere den in Rußland erscheinenden, am besten übe! den fh-ozeß inlor• micrcn konnte. Eifrig besprochen wird zurzeit in Vereinen und Versammlungen der neue Gesetzentwurf über die Sonntagsruhe, der in seinem 83 eine Aus• nähme zugunsten der den Sahbath haltenden jüdischen Geschäftsleuten enthält. Daß das Gesetz hierauf Rück• sicht nimmt, ist das Verdienst der Freien Ver• e i 111 g 1111 g für d i c Interessen de» o r t h r d o x e 11 J 11 d e n 111 m s. welche ihren Sitz in Frank• furt hat. l>cr Paragraph ist aber auch für Frankfurt mit seiner immerhin recht beträchtlichen Anzahl von Geschäftsleuten, welche am Snbhath schließen, von großer Bedeutung, und wenn auch die dcutschnatio• nahm Handlungsgehilfen dagegen arbeiten, so ist es doch ein günstiges Zeichen, daß die Handel»• kammer dafür ist. Die A g u d a 8 18 r o e 1 ־ O r t s g r 11 p p e, die^ von ihrer Jugciidgruppc abgesehen, keine weitere Tätigkeit entwickelt, hatte kürzlich Herrn Rechtsanwalt Isi Kahn aus Cöln zu einem Vortrag über: ״Die Zukunft der deutschen Juden und die Or• thodoxie“ eingelailen. Man kennt »ich aber nach diesem Vortrag wirklich nicht mehr recht aus. Anlängs betonte die Agmlas-Isrocl, wenn man die bc• kannte Eröffnungsrede des Herrn Rabbiner Dr. Breuer in Kattowitz außer acht läßt, daß ihr jeder Jude willkommen sei, der in seinem Leben auf tlioratreuem Boden stelle, einerlei wie er sieb sonst zu den Fragen des jüdisch-politischen Lebens stelle, und man begrüßte daher auch die Mitarbeit der orthodoxen Zionisten. So hörten wir es von dem leider zu früh verstorbenen Präsidenten der Agudah, Herrn Kommerzienrat Leist, der ja auch Mitglied der Zio• nistisdien Ortsgruppe war. Nunmehr verkündet I lerr Rechtsanwalt Kahn unwidersprochen, indem er die schärfsten Angriffe gegen den Zionismus richtet, der Zionismus sei eine Gefahr für die Orthodoxie. Wäre das richtig, so müßte doch die logische Folge sein, daß man Feinde der Orthodoxie, d. h. also Zionisten, nicht in die Agudah aufuähme. Bei diesem Schwanken der Agudah werden die Zionisten am lx׳sU1!׳ eine ah wart ende Haltung eimich• men, zumal die l'raiikfmler Ortsgruppe der Agudah mit ihrem eigenen Rabbiner, Herrn I >r. Breuer, zurzeit nicht einig ist, de.• zwar zu den Gründern der Agudah gehört, heute jedoch, solange die von ihm vertretene sog, ungarische Forderung nicht angcnommen wird, gegen die Gründung von Ortsgrupoen ist. Vor kurzem fanden die Wahlen zum Aus• schuß der Israelitischen Gemeinde statt, die jedoch sanp• und klanglos verliefen. Die Gcmeindcmitglieder sind nämlich zum Teil in zwei Vereinen organisiert, dem konservativen Ce 11• t r a I v c r c 1 u jüdisch crGcmciudcmitglic• der und dem Verein für freisinniges Geniei 1!dcIebe 11.* Man glaubte ursprüiiglleii, daß cs dieses Jahr zu einem Wahlkampf käme, da der Centralverein anläßlich der bekannten Erklärung der Gemcindevorstilnde In der Angelegenheit der Riehtlinien sieh etwas energischer rührte, als er es sonst zu tun pflegt. Zum Schlüsse kam mau aber wieder zu dem üblichen Kompromiß beider Vereine, es wurden zwei Liberale (Professor Dr. Grllfenberg und Elia» Opixmheim) und ein konservativer Kandidat (Dr. Wilhelm Hanauer) nufgestellt, und da gegen em solches Kompromiß sich docli nicht aiikiliiipfcii läßt, wurden die Kandidaten auch gewählt. Wie sehr die Gemelndemitglledcr diesen beiden Vereinen die ganze Walilangelegcnlu’it überlassen, ergibt die Tatsache, daß kaum 2tH) Wähler ihr Wahlrecht au»• übten. Ikr Vorstand der Gemeinde wird nach dem veralteten Gemciiidestatut überhaupt nicht gewählt, *omlern kooptiert sich seine Mitglieder. Er hat sich dieses Mal in Herrn Dr. Albert Sondheiincr ein orthodoxes Mitglied gewählt. Als erste Stadt Deutschlands hat Frankfurt jetzt ein öffentliches Denkmal für Heinrich Heine. Natürlich benutzten die Antisemiten diese Gelegenheit zur Abhaltung einer Protestversammlung, zu welcher mit großen Plakaten cingcladcn wurd•׳, worin die Aufstellung des Denkmals* als ein Sieg des Judentum» bezeichnet wurde. Derartige Veraustattimgeu machen die Antisemiten hier häufiger, da aber nur nationaldeutsche-eliristlirhe Gaste zu den Versammlungen zugelassen werden, verlaufen sic gewohnlich sehr ruhig und ungestört, allerdings auch ohne daß viel Notiz, davon genommen würde. Die jetzige Versammlung hat wenigstens das Gute gehabt, daß bei der Dciikmalscnthüllung Oberbürger• melster Voigt sich in seiner Rede ganz energisch gegen diese verhetzenden Bestrebungen richtete, sieh als einen warmen Verehrer Heines und seiner Kunst bekannte, und zeigte, daß cs sich bei diesen Protesten nicht um Fragen der Kunst handele, sondern mir um Rcligions- und Rassenhaß, der aber einer Stadt wie Frankfurt unwürdig wäre. Spanien und die Juden Unter dieser Ueberschrift erschien in der ״Hazcfirah“ ein überaus beachtenswerter Brief von dem Orientalisten, dem früheren Dozenten an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin und nunmehrigen Professor an der Universität in Madrid, Herrn Dr. A. S. Jaliuda, den wir, wörtlich aus dem Hebräischen übersetzt, wieder• geben: Geehrte Redaktion! 11t einigen unserer hebra• ischcn und jüt isclien Zeitungen stand die übertriebene Nachricht, daß ich mich mit einem detaillierten Projckt betreff» der Immigration von Juden nach Spanien beschäftige «nd daß die Regierung diese Frage bereits in ernstere Erwägung gezogen hat. Ich halte e* für meine Pflicht, für mich mul für ganz Israel öffentlich ZU erklären, daß diese* Gerücht vollständig imbegrimdet Ist. Die Regierung hat ein besonder» lebhaftes Interesse für alle Fragen, die die Lage unserer Briid r in Marokko betreffen, die unter ihrem Schulze stehen, und die Regierung hat den Wunsch, ihre ökonomische Lage und ihren geistigen Zustand nach Möglichkeit zu lieben und zwar nach dem Geiste der jüdischen Tradition unserer marokkanischen Brüder selbst. Mit dem Beschluß, in Madrid eine Lehrkanzel für die jüdische Wissenschaft zu gründen, beabsichtigt die Regierung, den jungen Leuten unserer marokkanischen Brüder die Möglichkeit zu gewähren, sich in allen Fächern, die die Wissenschaft unserer Religion, Geschichte und Literatur betreffen, in der spanischen Residenz auszubiklcn. Gleichzeitig hat die Regierung den Wunsch, das Verhältnis des spanischen Volkes zu den Juden dadurch günstiger zu gestalten, daß sie ihren Bürgern die Möglichkeit gewährt, einziisehen und zu schätzen, was das jüdische Volk, als es in Spanien ansässig war, getan und geschaffen hat, und welch große Dienste die einstmals aus Spanien Vertriebenen ihren Einwanderung»• ländern geleistet haben. Von diesem Standpunkt au» bin ich ihrem Rufe gefolgt, da cs unsere Pflicht ist, in dieser Sache 11,1*11 Möglichkeit zu handeln; und wenn es sich als möglich Herausstellen sollte, daß man auch In diesem Lande ein breites Feld für die jüdische Wissenschaft und Literatur zu hauen imstande ist, In einem 1.autle, wo viele unserer Leuchten, unserer Grolleii und Dichter gelebt und gewirkt haben, so wird das sicherlich ein bedeutende» Ereignis in tier Geschichte der Diaspora werden. Aber nicht mir den marokkanischen Juden dürfte dieser Schritt zugute kommen, sondern auch den Juden, die sich bereits in Spanien niedergelassen haben. Seit Jahrzehnten wandern Juden nach Spanien ein. In den großen Städten sind bereits Hunderte von Juden vorhanden und in Sevilla gibt es bereits eine kleine Gemeinde unserer marokkanischen Brüder mit sämtlichen Einrichtungen. Sowohl die Regierung als auch die Bevölkerung verhält sich ihnen gegenüber durchaus freundlich. Die Einwanderung von Juden nach Spanien geschieht ohne jede äußere Anregung oder Agitation und es ist unsere Pflicht, unsere Brüder, die in den großen Städten zerstreut sind, zu einigen, damit sie geordnete Gemeinden und Körper• .schäften bilden. Sicherlich können wir es mit Genugtuung bcgrüßen, daß die spanische Regierung zur Erkenntnis gelangt ist, daß c» ihr mir durch solche Mittel gelingen wird, Lieht und Bildung In das dunkle Ghetto von Madrid zu bringen, *lall dadurch unsere dortigen Brüder ihre Lage verbessern und zum Aufblühen von Handel und Industrie In Spanien bei* tragen können. Andererseits ist dieser Weg dazu ange« tan, Im (panischen Volke für untere dort lebenden

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