Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Seite 3 einem Vortrag: ״Judentum und Zentralerem“ (״Im deutschen Reich", 1001, S. 388): ״Wir bilden einen Sammelpunkt aller deutschen Juden, gleichviel welche Gegensätze im cin/elneit bestehen, welche religiösen, politischen, sozialen Gegensätze vorhanden sein mögen. Bei uns findet jeder deutsche Jude seine Unterkuntt . . . Und dieses Moment ist nicht bcdcutungslos. Dieses Moment hat eine hohe Bedeutung nach aullen und nach innen. Nach innen die sehr ideale Seite, eine Stelle zu schaffen, wo alle deutschen Juden zusamincnstehen können . . . Und diese ideale Seite, die unsere Glaubensgenossen stützt und hebt und sie zu uns führt, hat nach außen hin eine sehr reale Grundlage, Denn nur getragen von dem Vertrauen aller unserer Glaubensgenossen können wir hoffen, irgendwelches Gewicht zu finden bei den Behörden nach außen hin, bei denen, denen gegenüber wir unser Recht zu Geltung bringen wollen.“ Auf dieses für die Zwecke des Vereins in der Tat so unbedingt notwendige Vertrauen aller deutschen Juden haben die Herren mit ihrer Kriegserklärung gegen die deutschen Zionisten Icichten Herzens Verzicht geleistet. Das nennt man Konsequenz! In einer ״Im deutschen Reich“, 1902, veröffentlichten Polemik des Vorstandes des Zcntralvereins gegen einen offenen Brief, den Dr. Jeremias in der ״Welt" an den Vorstand gerichtet hatte, heißt es: ״Wer möglichst alle deutschen Juden zur Abwehr äußerer Angriffe vereinigen will, m u Er die verschiedensten Richtungen zulassen und die Kluft innerer Meinungs-' Verschiedenheiten überbrückcn.“ (Seite 463). Und weiter: ״Wir haben den Zionismus nicht angegriffen, selbst wo ernste Männer das als notwendig bezeichncten, weil er wie wir den traurigen Indifferentismus unter unseren Glaubensgenossen bekämpft hat, und weil er ebenso wie wir erfolgreich bestrebt war, den Juden wieder mehr Selbstgefühl zu geben. Seine Endziele sind nicht die unsem. Uns berührt das aber schon deshalb nicht, weil wir sie in der Hauptsache für unerreichbar halten und das Streben danach bei den meisten aus edlen Beweggründen hervorgeht.“ (S. 46*1). Der letzte Bericht des Vorstandes des Zentralvcreins über seine Tätigkeit in der Zeit vom Februar 1009 bis Februar 1011, abgedruckt im Juniheft 1911 der Zeitschrift ״Im deutschen Reich", schließt mit folgenden mit Emphase ausgesprochenen programmatischen Sätzen: ״Innerhalb des Judentums hat der Verein streng an seiner N c u t r a I i t ä*t festgchaltcn. Er hat n i e* in als zu irgendeiner inneren Frage des Judentums Stellung geno m m c n, um es den Juden jeglicher politischen und religiösen -Richtung, wenn sie nur auf dem Standpunkt des § 1 der Satzungen des Vereins stehen, zu ermöglichen, mitzuarbeiten. Auf diesem Standpunkt gedenkt der Verein auch in Zukunft stehen zu bleiben, weil die Mitarbeit aller deutschen Juden an den Aufgaben des Vereins und die Geschlossenheit im Kampfe gegen den Antisemitismus als eine unbedingte Notwendigkeit erachtet werden muß, und jedes Hineintragen irgendwelcher Partikular-Tendenzen in den Zentral- Verein ganz allein den Antisemiten durch Artikel für dieses Blättchen, das das Organ eines kleinen Chalukahkolels in Jerusalem ist! Nathan erklärt, der Zionismus sei eine Seifenblase; das zu einer Zeit, da die Arbeit des Hilfsvereins mit einem Schlage fast vernichtet wurde. Er behauptet, die Zionisten hätten den Kampf begonnen, um überhaupt etwas zu tun zu haben. Als die großen Mädchen der Schule protestieren und demonstrieren, sperrt Efraim Cohn die kleinen ein, und da sie weinen, sucht er sic zu trösten mit den Worten: ״Weinet nicht, wir haben Geld und sie haben keins!“ In .Jaffa läßt man die kleinen Kinder umsonst Karussel fahren, um sie oimdoeken, und verspricht ihnen, daß sic ins Kino gehen werden. l>och alle diese Kniffe versagen. Das Seminar, die Mädchen- und Knabenschule in Jcrusalein sind bereits gegründet, in der Jaffacr Schule beträgt die Schülerzahl etwa 110, nur etwa 30 sind in der alten Schule verblieben und auch diese werden in die neue Schule kommen. Die Kultusgemelnde Wien gegen das System des Hilfsvereins Wien, 30. Dezember. Auf Antrag der zionistischen Kultusrätc hat die Wiener Kultusgcmeindc in Sachen der vom Hilfsvcrcin der Deutschen Juden verwalteten L ä in c 1 s c h u l e in Jerusalem folgenden Beschluß gefaßt: Die Uebcrwcisung der Zinsen der Wiener Lämelstiftung und der im Budget vorgesehenen S u b - vention wird so lange si stiert, bis die durch die antihebräischen Beschlüsse geschaffene Situation geklärt ist. Aufruf des Merkas Hamorim Eine Erklärung des jüdischen Lehrerverbandes. Der jüdische Lehrerverband Palästinas ״Merkas Hamorim“, der in seinen 150 Mitgliedern nahezu sämtliche jüdischen Lehrer Palästinas umfaßt, veröffentlicht folgende Erklärung: Es ist zu unserer Kenntnis gelangt, daß einzclnc Personen, von denen wir nicht wissen, ob sic zu unseren Anhängern oder zu unseren Gegnern gehören, sicli erlaubt haben, Drohbriefe zu versenden, in denen den Briefempfängern Gewalttaten in Aussicht gestellt wurden. Die Verteidiger der hebräischen Sprache halten es deshalb für ihre heilige Pflicht, öffentlich zu erklären, mit allem Nachdruck und mit aller Entschicdenheit: Unser Kampf ist ein Kulturkampf. In diesem Kampfe bedienen wir uns nur solcher Mittel, die in der Kultur weit üblich sind. Unsere Mittel sind in negativer Hinsicht: Moralische Protestkundgebungen gegen das Unrecht, das unserer Sprache zug. fügt wurde. Verhängung des Boykotts über die zu errichtende Realschule und das Technikum in Haifa, solange die hebräische Sprache in diesen Anstalten nicht die herrschende Unterrichtssprache ist. JUED1SCHE RUNDSCHAU Liklarung des Boykotts über diejenigen Lehrer, uic sich für uic durch Demission ihrer Kollegen er- Icdigten Stellen melden sollten. Jedoch ist dieser Boykott ein rein passiver. In diesem Boykott liegt keine Gewalttat und keine Nötigung. Entfernen wir uns von denen, die sich an den Heiligtümern unserer Nation vergehen. Entfernen wir uns von denjenigen, die den Bund der Brüder stören. Aber — keine Hand soll sie berühren! Unsere positiven Mittel in diesem Kampfe sind: Eröffnung hebräischer Schulen. Geldsammlung für diese Schulen. Andere Mittel kennen wir nicht. Wir erklären mit aller Entschiedenheit: ein jeder, der sich erlanbcu sollte, sich anderer Mittel zu bedienen, geht böswilligodcr irrtümlich H and in H and mit unserem Gegner. Durch diese Handlung fügt er unserer Bewegung, sowie der ganzen jtidisehen Gemeinschaft in Palästina den größten Schaden zu. Unsere Wege sind ausschließlich Kulturwege, und nur diese wollen wir gehen. Wir sind die Starken — Gewalttaten sind Mittel der Schwachen. Zeigen wir unseren Gegnern, daß wir die Starken sind. Wir wollen ausschließlich in den Orcnzcn des Kulturkampfes bleiben und mit kulturellen Mitteln kämpfen. Der Lehrerverband In Palästina. Ein Nachtrag zum Kapitel: ״Zentralverein und Konsequenz“ Von Dr. Hoppe- Königsberg. Es liegt in der Natur der Sache, daß Menschen, Einzelindividucn und Gruppen, die nicht in einer geschlossenen Welt- und Lebensanschauung wurzeln, die unklare und verschwommene Vorstellungen über sich und ihr Verhältnis zur Umgebung haben, bin und 11er schwanken und vielfach Widersprüche in ihrem Verhallen und in ihren Acußcruugcn zeigen. Ein typisches Beispiel dafür bietet der Zcntralvcrcin, dessen Leitern und Wortführern die feste Grundlage zur Beurteilung und zum Verständnis des Judentums, seines Wesens, seiner Entwicklung, seiner Bediirfnisse und seiner Stellung zur Umwelt fehlt, So sind denn die stärksten und schroffsten Widersprüche im Verhalten und in den Aeußcrungcn dieser Führer durchaus nichts Seltenes. Die Monatsschrift des Zentralvcrcins: ״Im deutschen Reich“ bietet dafür zahlreiche Belege. Ich will zunächst mit der gegen die Zionisten veranstalteten letzten Generalversammlung des Zentralvcrcins vom 30. März d. Js. und der gegen sie gerichteten Resolution beginnen. Ich will ganz davon abschcn, daß ja. schon der § 1 der Statuten, wonach der Zentralvercin die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens ohne Unterschied der religiösen und politischen Richtung zu sammeln bezweckt, im Widerspruch mit diesem Vorgehen steht. Ich will hier nur auf folgende unzweidcutige Kundgebungen des Vorstandes hinweisen: Im Jahre 1901 äußerte Rechtsanwalt Dr. Hörwitz, der erste Vorsitzende des Zcntralvereins, in ״־־־־ .;—־ .:־ ־ .־־; ז:■ י«״ ■״-י-. - . יי1 Neue Bücher (Besprechung Vorbehalten.) Elijah u. Dramatisches Gedicht in drei Abteilungen von B c 11 J a i r. Frankfurt a. M., Sänger und Friedberg. Harry (Heinrich Heine). Roman von Edward Stilgebauer. Konstanz, Reuß und Itta. Zur Geschichte der Juden in Regensbürg. Bearbeitet von Isaak Meyer. Berlin, Louis Lamm. M. 3.— Soziale Ethik im Judentum. Zur 5. Haupt- Versammlung in Hamburg 1913 herausgegeben vom Verband der deutschen Juden. Frankfurt am Main, J. Kauffmann. M. 1.50. Ringende Gewalten. Ein Poscner Ghettoroman. Von J. Herzberg. Jena, Hermann Costenoble. M. 2.25 (3,25). DieBekenntnissedesheilägenAugustin. Neu übersetzt und cingeleitet von J. E. Poritzky. München, Georg Müller. Sammlung preisgekrönter Märchen und Sagen. Herausgegeben von der Jugendschriften- Kommission des IL O. B. B. Stuttgart, Loewes Verlag Ferdinand Carl. M. 2.50 (Volksausg. 1.80). Die böse Unschuld. Ein jüdischer Kleinstadtroman von Oskar Baum. Frankfurt a. M., Rütten und Loening. M. 3.50 (4,50). uns geherrscht hat. Der ״Wandervogel“ hat cs leichter. Bei uns deutschen Juden ist, wie vieles Andere, auch das Gefühl der ״Gemeinbürgschaft“ schwach geworden. Starker Wiilc und rastlose Arbeit an uns selbst muß wieder schaffen, was Generationen vor uns verloren. In Süddeutschland gibt cs zahlreiche Judengemeinden, die ziemlich abgeschlossen leben und im Großen und Ganzen wenig mit der umwohnenden Bevölkerung, wenig aber auch mit der Judenschaft des übrigen Deutschland in Berührung kommen. Die Leute sind sehr fromm — für die Fragen, die das jüdische Leben der Gegenwart bewegen, haben sie jedoch kein Interesse. Vor noch nicht gar zu langer Zeit machten sie an manchen Orten mehr als die Hälfte der Einwohnerschaft aus; in Gai- Iingen gab es z. B. vor kurzem einen jüdischen Bürgermeister. Heute wirkt auch hier schon der Zug in die Großstadt. Die jungen Männer gehen nach Stuttgart oder nach Zürich, die Mädchen verheiraten sich, wer weiß wohin. Greise und Kinder fülleh die Synagogen: eine traurige Bestätigung von Theilhabers Buch: ״Der Untergang der deutschen Juden“. — 1 ' ׳ '! Uns betrachtete man mit Staunen und'ei,qcm gewissen Mißtrauen. Jüdische Wanderer hatte man bisher noch nicht gesehen. Dennoch nahm man uns gern auf und lauschte vergnügt unsern Liedern. Bald waren wir ganz befreundet miteinander. Das jüdische Zusammengehörigkeitsgefühl machte sich geltend. Und als wir ordentlich ausgefuttert weiterzogen, begleitete man uns wie alte Bekannte ein gut Stück Weges auf der Landstraße. Die christliche Bevölkerung ist reich und tüchtig. Die Bauern sitzen seit undenklichen Zeiten auf ihren Höfen, Rechts und links vom Wege findet man uralte verwitterte Denksteine. Sie erinnern an die Toten des Bauernkrieges, die hier überall unter dem Rasen liegen. Die Namen, die man auf den Steinen Mcst, findet man in den Dörfern wieder. Die Leute kennen ihre Geschichte und sind stolz darauf. Darin gleichen sie ihrem alemannischen Nachbarstammc, den Schweizern, Am Vorabend des Schweizer Nationalfestes waren wir auf den Hohentvviel ,gestiegen. Wir hatten einen prachtvollen Sonnenuntergang erlebt. Langsam kroch die Dämmerung die Bergwände hinauf. Jetzt war es ganz dunkel. Da flammte es auf, hier und dort und nun auf allen Kuppen ringsum bis zu den hohen, fernen Bergen am Bodensce. Wir aber staunten über soviel Schönheit und freuten uns eines Volkes, das sich so in seiner Geschichte zu ehren weiß.. Und unveimittelt begannen wir von unserem Volke zu sprechen, das heimatlos über die Erde irrt und seine Helden zu vergessen beginnt. Unsere Gedanken aber klammerten sich an das Stückeben Boden fern im Süden, wo uns ein neues Geschlecht hcranwächst, dem die Zukunft gehört. Und freudig grüßten wir die Flammenzeichen, die eines fremden Volkes Stolz und Hoffen tum Himmel trugen, mit der Hatikwah, dem Kampflied unserer erwachenden Nation. Karl Olaser, Berlin.