Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1913)
- Date
- 1913-12-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51 J UE DSCHAU Seite 549 Deutschland oder Das Berliner Tageblatt“ brachte am 17. Dezember folgende Zuschrift aus Königsberg i. Pr.: ״Das inhumane Vorgehen unserer Behörden gegen die russischen Juden und 11e*ren F.1׳nuiii׳n in unseren östlichen Studien ist /war im Parlament schon /u verschiedenen Malen zur Sprache ״ckoinmen, aber ohne jeden Erfolg. |״ Ko ui ״Cb erg sind zurzeit zirka 51H) russisch *pulisclie Kautleute ausässig. Wer diese Leute nicht keimt, pflegt leichthin anzuiuhineii, dali das alles ziemlich ungebildete, kulturcli niedrig stehende Menschen seien, die für uns nur eine Last sind, und uns keinen Vorteil bringen. Dieses Vorurteil ist aber absolut unberechtigt. Im allgemeinen vereinzelte Ausnahmen dürfen natnrlieh nicht zur Verallgemeinerung fuhren sind es fleißige, ruhige, solide Letife, die im kaufmännischen Leben einen guten Ruf geuiellen und von ihren deutschen Bcrufsgcnosscn durchaus geachtet werden. Sie bilden, speziell in Königsberg, für einzelne, grobe Handelszweige ein wichtiges Bindeglied im kaufmannisclicn Verkehr mit kuliland. Der hiesige Kaufmaimsstaitcl könnte sie schwer entbehren. Wenn schon diesen Kaufleutcu die Niederlassung auf deutschem Boden durch vielfache Maßregeln erschwert wird, so erscheinen diese Maliregcln geradezu unmenschlich dort, wo sie sich gegen 1־ raue u und Kinder richten, deren Männer und Väter hier ansässig sind. Und das geschieht sehr häufig mit erbarmungsloser Härte. Ls ist scholl vom moralischen Standpunkt aus sehr bedenklich, wenn russisehen Kaufleuten jüdischen Glaubens die Erlaubnis zur Niederlassung in Königsberg nur unter der 1kdingung erteilt wird, dali sie sich nicht verlierraten, wenn iltnen also das Zölibat aufge/.wungen wird. Diese Bedingung ist eine durchaus obligatorische und dauernde; ein Zuwidcrhandelu kann die Gefahr sofortiger Ausweisung bringen. Verstoßt der ״Fremdling;■‘ gegen das Polizeiverbot, so beginnt eine endlose Kette von Verfolgungen und Draugsalierungen, die gewöhnlich damit endigen, dali die Frau gezwungen wird, den Mann zu verlassen und »ach Rußland zu wandern, gleichviel, ob sie noch eine Heimstätte und Verwandte dort hat oder nicht. Mit welcher Härte hier vorgegangen wird, kann durch zahlreiche Beispiele belegt werden. So kommt es nicht selten vor, dali Ehefrauen kurz vor oder nach ihrer Niederkunft, manchmal noch in leidendem Zu- Stande, gezwungen werden, ohne Frist ihre Hauslichkcit zu verlassen, und nach einem Lande auszuwandern, das sie vielleicht gar nicht mehr als Heimat anschcn, in dem sic keine Wohnstätte, keine Familie, keine Angehörigen mehr haben. Ja, selbst deutsche Frauen, deren Eltern selbst gute Deutsche sind, werden von diesem entsetzliche 11 Schicksal der Verbannung bedroht, sobald sie es wagen, einen russischen Juden zu heiraten. Die Härte der Behörden geht so weit, dafi diesen Frauen sogar von der Polizei verboten wird, ihre Ehemänner, ihre Familie auch nur vorübergehend zu besuchen. Entsprechend sind die Vorschriften für Kinder vom achten Lebensjahre an. Was können die Motive dieser Maßnahmen sein? Droht von diesen Frauen und Kindern dem Deutschen Reich irgendeine Gefahr? Sind sie Anarchisten oder Verbrecher, daß sie eine so schwere Strafe, die Verbannung von Haus und Herd, verdient haben? Würde es sich um Verbrecher, Spione oder auch nur politisch Verdächtige handeln, so wäre das Vorgehen zu erklären, aber die Leute denen man auf diese Weise den Aufenthalt in Deutschland unmöglich machen will, sind ruhige, harmlose Menschen, zum Teil auch sehr kräftige Steuerzahler. Wenn matt sich an den maßgebenden Stellen nicht entschließen kann in diesen Dingen etwas mehr Menschlichkeit und Milde walten zu lassen, so wäre cs wohl angebracht, daß die Ocffentliehkeit sich mit der Angelegenheit befallt, um schutzlosen Mitinensehen zu einer Erleichterung ihres Schicksals zu verhelfen." Handwerker-Siedlung auf Merchawjah Bekanntlich hat der Urheber der Sicdlungsgcrossenschaft in Merchawjah, Herr Dr. Franz Oppenheim er, cs als ein erstrebenswertes Ziel hillgestellt, die ländliche Produktivgenossenschaft allmählich durch Ansiedlung von Handwerkern auszugestalten. Erfreulicherweise haben nun in diesem Jahre eine Anzahl von Handwerkern sich auf eigenes Risiko unweit der Oppcnhciimr'schcn Genossenschaft angcsicdelt und zu diesem Zwecke je 5—10 Dunam pro Familie erworben. Es sind im ganzen 5 kinderreiche Familien, und zwar ein Bäcker, ein Schumacher, ein Tischler, ein Fuhrmann und ein Gärtner. Erwähnenswert ist, daß diese Handwerker, die zum Teil aus Glasgow in England, stammen, durch längere Zeit in dem Genossenschaftsbetrieb wie auch bei Privatkolonisten landwirtschafflieh beschäftigt waren und nunmehr befähigt sind, ihre kleinen Parzellen zu bearbeiten. Nachdem sie eine Zeitlang mit ihren Familien in arabischen Lehmhütten gehaust hatten, sind sie nunmehr an den Nationalfonds mit dem Ersuchen herangetreten, ihnen ein Darlehen von je 2500 Francs pro Familie zweck» Errichtung von Haus und Hof zu gewähren, D;.:; i:׳u"c!,i; fand« hat hierauf ״c,c Anglo Paleinine Company Francs zu bewillige», Die ׳,׳.;« de:־. ji־di׳.:(hcn Nationalor.sen, ihuxh Vermittlung der ny d:r Darlehen von 12 500 Bei hierfür werden dein David und F n 1111 y V/ 0 i f f s o h n f o nd 1 entnorainen, air. {,הד.־ Drei»;; 15 Arbeiterfamilienhiiuser in Pet;1ci1־T!kv,׳ah, i,*i ־Dum le Zion, Rechaboth und Nell Zicma erbaut v!>.־det1 sind. Es ist zu erwarte.1, daß die 1 Landwerkerstedlung sowohl zum Gedeihen der Sicdiungsgcnosscnsdiaft wie zur Stärkung der Kolonie in Merchawjah überhaupt wesentlich beitragen wird. f " •*,., r.,. רז. (Von unserem Korrespondenten) 111 München, wo r.chüii früher Jugend vereine bcstanden׳ aber immer wieder nach einiger Zeit von der llildfliicite verschwanden, wurde im vergangenen Monat wieder im Anschluß an den Verband jüdischer Jugeudvcrcinc ein ״Jüdischer J u g e n d ve r e i n“ gegründet. Dem Ausschuß, zu dem die verschiedenen hiesigen Organisationen Delegierte gestellt haben, gehört als Vertreter der Zionistischen Ortsgruppe Herr Dr. Ludwig Wassermann an. Ucber die Gründungsversammln!!״ und die bemerkenswerte Aeutlerung Herrn Krämers, des Vertreters des Zentralvereins, wurde in diesem Blatte bereits berichtet. In späteren Sitzungen referierte» Dr. Ludwig Wassermann über das jüdische Seminar in München, Dr. E. Straus über die Geschichte der Juden in München, Stud, Meier über die Grundlagen des Antisemitismus usw. Aus Mitgliedern des Jugcndvercins, der selbst der Gründung eines jüdischen Wanderbundes ablehnend gcgenüberstelit, wurde ein Jüdischer Wan der* hu ml ״Bl au-Weiß“ im Verband der Blau-Weiß- Vereine gegründet, Der Wanderbund, dessen Kuratoriiiiii die Herren Dr, Raf. Straus, Jac. Reich, Dr. Ludw. Wassermann, Rechtsanwalt Dr. Frankel und Lehrer Max Strauß bilden, ist in kurzer Zeit zu einem wertvollen Mittelpunkt jüdischer Erziehung geworden. Auch der ״Jüdische Turnverein“ entwickelt sich recht gut. Der Turnbetrieb ist sehr flott, die Lehrkräfte zählen zu den besten Münchens, und wir können daher für die weitere Entfaltung der jüdischen Turnsache recht gutes erhoffen. Am 18. Jamtar 101 *1 soll ein großes Winterfest mit Schauturnen stattfinden. Es ist erfreulich, daß auch die Kassen des ״W a!1 d e r b u n d s“ und des ״Turnvereins“ Gönner finden; durch Vermittlung des Herrn Ludwig Wassermann erhielten die Vereine Schenkungen von 150 und 2Ü0 M. Die unter dem Namen ״tt cchowcr“ bestehende Vereinigung russischer zionistischer Studenten in Westeuropa, zu welcher sich •10Ü Studenten in 20 Vereinigungen zählen, hat von diesem Semester ab den Sitz ihrer Zentrale nach München verlegt, Ein in russischer Sprache erscheinendes Organ der Vereinigung ״Der jüdische Student“ erscheint zweimal im Monat in Berlin, während die ,,jüdische Korresponden/.“ in München erscheint. Die offizielle Sprache der ״Hcchowcr“ ist die hebräische. Die ״Agudas Israel“ hat ihre Organisation durch eine Ortsgruppe in München vergrößert, Erfreulieh war es, daß bei der Grümlungsversatntnlung die a» manchen Orten üblichen Angriffe auf andere Organisationen unterblieben. In Frankfurt a. M. scheint in dieser Beziehung ein anderer Geist zu herrschen. Dort hat sieh in der letzten Agudas- Versammlung ein bekannter orthodoxer Zionistenfresser aus Köhl zu der Behauptung verstiegen, daß der Liberalismus für die Orthodoxie ungefährlich, der Zionismus dagegen sehr gefährlich sei. Die Häupter der Agudaii, welche bemüht waren, s. Z. Rabbiner Breuers Worte in Kattowitz nbziiscltwiichcn, sehen sich durch solche Heißsporne in ihrer Arbeit immer wieder gestört. Schaden bringen solche Leute nicht dem Zionismus, wohl aber derAgudah. Am 5. Dezember fanden hier die Wahlen der Arbeitgeber zur Ortskrankcnkassc statt. Es hatten sich bei dieser Gelegenheit zwei Parteien gebildet, und zwar eine ״Freie Vereinigung“ (Sozialdemokraten und freiheitlich-bürgerliche Elemente) und eine sogenannt« rein bürgerliche, welche eine Verbindung verschiedener Korporationen darstelllc. In dem Aufruf der letzteren war eine Anzahl tonaugebender Vereinigungen unterzeichnet; eine Partei aber, nämlich die christlichsoziale (antisemitische), figurierte als solche nicht unter den Unterzeichnern. Die Herren Antisemiten waren zu klug, um so zu unterschreiben, dagegen waren fünf ihrer Anhänger als Kandidaten auf dieser Liste und ihr Führer, der «ni/.ige antisemitische Gemcinderat in München, sogar als einer der ersten, so daß er bei der Wahl, die proportionell stattfindet, sicher gewählt werden mußte. Man hätte mm gt.inben sollen, daß Juden auf einer solchen Vorschlagsliste nichts zu suchen hätten. Weit gefehlt: sechs deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens lieben sich die Ehre nicht entgehen, ihren Namen zur Verfügung zu stellen. Bei Zweien der Herren war auch die Bewerbung von Erfolg gej krönt und sie haben nun das Vergnügen, den Sieg mit den Antisemiten gemeinsam feiern zu können. Und wenn nun in nächster Zeit auch liier wieder der ״Zentralvcrein“ zum Kampf gegen «len Antisemitismus auffordert, werden auch diese Herren als Rufer im Streite mit die erster! sein, 1*1!Ja?äJtfSii Die konservativ-demokratische Regierung des Herrn Majore:,cti wird ihr Versprechen, wenigstens dir: Juden Rumäniens zu naturalisieren, die au der Im!׳;mischen Kampagne tcilgcnominen haben, nicht erfüllen; vor allein, weil es ihr au dem entsprechenden M u t fehlt, der lebhaften antisemitischen A g it a t i o 11 ״egen die Naturalisation der Juden entgegenzutreten. Die ״Liga cullurala“ hat sich über Mangel an Erfolg ihrer ebenso geräuschvollen als gehässigen Agitation nicht zu beklagen. Diese ist neuerdings in umfassendster Weise organisiert worden. In allen Städten und Dörfern werden Vcr- Sammlungen gegen die Verleihung politischer Gleichbcrcclitigung au die Juden ubgeiialten, und der Fanatismus und die Instinkte des Glaubenshasses werden beim niedrigen Volke durch alle rednerischen Mittel geschürt. Was da geleistet wird, grenzt nahe an die Aufforderung zu Pogroms. Einer der Antiscmit'cnhäuptlinge, der Universitätsprofessor Cu/a, hat vorigen Monat in Jassy den Juden gedroht, daß heute wie im Pogromjahr!866 ״rumanische Schlächter bereit seien, ihre Messer zu wetzen, und daß es noch Synagogen zu zerstören gibt“. Das Organ der nationalistischen Studenten drohte den Juden mit Zuständen, daß ״Rußland mit seinen Pogroms und Ritualmorden ein gelobtes Land für sie sein werde.“ Angesiclits dieser immer gewalttätiger auftretenden Agitation beginnt sich in jüdischen Kreisen schon eine Panikstimmung cin/ustcllcn. Es ist in Jassy auch bereits zu bedenklichen Demonstrationen gekommen. Man furchtet, wenn die Regierung nicht die moralische Kraft besitzt, diesen gesetzwidrigen Treibereien entgegenzutreten, könne Rumänien bald wieder der Schauplatz wirklicher Pogroms werden — und das fünfundzwanzig Jahre, nachdem den Juden des Landes in einem internationalen Vertrag die Gewährung der Rechte zugesagt wurde, die man ihnen mit so schmählichen Mitteln streitig macht. Oesterreich Die rumänische Juden frage kam in der österreichischen Delegation zur Sprache. Graf ßerchtold erklärte, in dieser Angelegenlieit könnten nur sämtliche Signatarmachte im Einvernehmen mit Erfolg vorzeiten. Er glaube nicht, daß ein solcher gemeinsamer Schritt zustande gebracht werden könnte. Er sei der Ansicht, daß Oesterreich-Ungarn trotz seiner Sympathien für die religiöse Gleichberechtigung kein Interesse habe, in dieser Angelegenheit die Initiative zu ergreifen. Er bezweifle auch sehr, daß es den Israeliten ,Rumäniens zum Vorteil gereichen könnte, wenn diese Frage international aufgeworfen und verhandelt würde, zumal die rumanische Regierung diese Angelegenheit immer ausschließlich als eine innere Frage betrachtet habe. Amerika Wie die Blätter melden, hat der Vorsitzende der Einvvandcrtmgskoininission des Repräsentantenhauses Bnrdett den amerikanischen Ein wänderungsgesetz entwarf wieder eingebracht, durch den die Zulassung der Einwanderer davon abhängig gemacht wird, dali sic in einer Sprache schreiben und lesen können. Der frühere Präsident Taft hatte gegen dieses Gesetz sein Veto eingelegt, Amerikanische Bürger israelitischer Religion hatten es beanstandet, weil es eine allzu große Härte, insbesondere gegen Juden, enthält, die nach Amerika cinzttwandern wünschen. ** v» -.״״־ Das ändert aber nicht» daran, da»! jeder Leger uns *um neuen Jahrgang einen tuuen Abonnentm *ufiihren muß. Die Petition der ,Jüdischen Rundschau“ i»t ein Qradmcster für di« Stärke dm deutschen Zionismus, Ke geht vorwärts, aber et müsste viel schneller vorwärts gehen. ' Wer tehon jetxt sein Abonnement anmeldet, erhält d ic Dexcmber-Nu m mem umsonst. tt