Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1913)
- Date
- 1913-12-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51 JUEDISC11E RUNDSCHAU Seite 547 Für die hebräische Schule ■ in Palästina l>cr Sturm, den die verhängnisvolle» Beschlüsse des Kuratoriums des Technikums in Palästina fesselt haben, hat so manches, was ei er ,,! hSisverein für ״fcstgemauert in der Eulen“ hielt, ’wie Spreu lünweggcfcgt. Die Knabenschule des Hiltsvvereins in Jaffa, die nach vielen Jahren der langsamen Ent• Wicklung sieh durchzusetzen begann, wird sielt wohl kaum je von dem jetzigen Schlage erholen. Nicht der vierte Teil der Schüler blieb zurück, während der gesamte Lehrkörper, mit einziger Ausnahme des Leiters, der vom ״Merkas Hamaisn“ gemeinsam mit dem Vorstände der Gemeinde Jaffa errichteten neuen Schule zur Verfügung steht, Etwas dramatischer gestaltete sich das'Schicksal des Lehrerseminars in Jerusalem. Der Lehrkörper dieser Anstalt bildete die Zierde des I lilfsvereius: Jeilin, Mejuschas, Lipschitz, Braver, Souc, Masir jeder dieser Namen hat seinen eigenen Klang in der jüdisehen Lehrerwclt. Sie haben all die Jahre das Regiment Ephraim Cohns, den Zwiespalt zwischen jüdischen und fremden Bestrebungen mit Ziihncknirscheu ertragen. Aber nun sprengten auch sie die drückenden Fesseln. Man darf auch das materielle Moment nicht übersehen. Es sind meist Leute, die für ihre Familien zu sorgen haben, und der ״Hilfsvcrein" war und ist gerade in punkto Honorar nicht knauserig. Aber sie haben doch in einer schwach Zeit bewiesen, dal! es etwas gibt, das ihnen mehr gilt als ihre materiellen Interessen, Der greise Jeilin hat es in seiner aufrichtigen Weise gesagt: Ich sehe auf eine fast fünfundzwanzigjiihrige Amtszeit zurück und weilt, dal! es mein Nachteil nicht wäre, wenn ich in meiner Stellung verbliebe. Aber die Neubelebung der hebräischen Sprache war das Ideal meines Lebens und ich werde jetzt meinem Lebenswerk nicht untreu werden. Es handelt sich jetzt nicht mehr darum, dali die jüdischen Schulen in Palästina den Zöglingen die Kenntnis der hebräischen Sprache beibringen sollen, sondern dal! in unseren Schulen die hebräische Sprache die dominierende sein muh. Dies ist die Forderung der Zeit. Man erzählt, David Jeilin habe in einer zweistüudigen Unterredung mit Nathan auf alle die inneren Ursachen aufmerksam gemacht, die zu den Schülcrstreiks führten. Auch andere Besucher he- , richten, dall Nathan von der ihm suggerierten Idee, di« Schülerstreiks seien von einer geheimnisvollen M acht oder gar von Berlin aus angezettelt worden, doch schon;!!)gekommen sei. Er soll bereits eine Ahnung davon haben, wie falsch er all die Jahre hindurch informiert worden ist. Augenzeugen berichten, wie erschütternd auf ihn die Nachricht wirkte, dali zirka zwanzig Lehrer der Jerusalemer Schulen des Ffilfsvereins mit zweimonatlicher Kündigungsfrist ihr An» niederlegen werden. Aber Herr Dr, Paul Nathan wäre nicht der aufgeklärte AbsoJutist, der er eben ist, wenn er die Fähigkeit hatte, die unzweideutigen Zeichen der Zeit in ihrer ganzen Tragweite zu würdigen. Ls ist nicht bloß die Vorherrschaft des Hebräischen, um die liier gestritten wird, wenn auch dieses Prinzip dem jetzigen Am Nachmittag spazierten wir in Passau umher und nur ungern trennten wir uns am anderen Tage. Kurz hinter dem Jochenstein passierten wir bei Engelhardszcll die österreichische Grenze und jetzt begann wohl der schönste Teil der Tour. Ein Flußbett, etwa 80-100 m breit, mit Ufern, die dicht bewaldet mehrere hundert Meter steil empor steigen. Die Donau erinnert hier an Alpenseen, die irn Bädekcr mit mindestens drei Sternen geschmückt sind; und wer kennt das Donautal? Meist sind die Ausiedlungen auf steiler Höhe, viele Burgen grüßen herab, und keine rauchende Eisenbahn zu beiden Ufern wie am Rhein und außer uns nur selten ein Schiff oder Floß, welches vom Strom getrieben und mit langen Rudern gesteuert, nach Osten־ zieht. Nachmittags gegen vier, als wir Aschach passiert hatten, änderte sich fast mit einem Schlage das Bild, die Berge waren zurückgetreten, der Strom auf 300 m verbreitert, die Ufer flac't und ganz dicht mit Weiden bestanden; noch hatten wir nach Westen einen angenehmen Rückblick, im Osten sahen wir Berge, .die wieder eine schöne Gegend verhießen, hier jedoch fuhren wir 30 km durch eine ganz öde und verlassene Landschaft. I >a wurden die Zähne zusaminciigcbissai, die Unterhaltung verstummte, es wurde mir gerudert und gerudert, zwei Stunden unaufhörlich, bis die Ufer sich wieder erhoben und der Blick durch grüne Matten und Berge erfrischt wurde. Gegen sieben Uhr *erreichten wir Linz, recht ermüdet durch die .-anstrengende Fahrt. Am Schluß dieses Tages bestanden wir noch ein kleines Abenteuer. Wir batten beschlossen, an einer Badeanstalt zu landen, die sich vielleicht 150 m vor einer großen Brücke befindet. Ein Bekannter in Berlin hatte mich noch eindringlich vor der Strömung an dieser Stelle gewarnt. Wir ui achten aber alle nicht daran, und als der Steuermann Kampfe »rin elementar übmviü;igendes Gepräge verliehen hat. ln Walirlteit wirkt mich ein anderes Ge* fühl allgemein •:■! üuer Art mit. Der jaffaer Korrespondent der ״W •1t“ charakterisiert dieses defühl mit fülgeiHun Sät zeit: ״law von der Vormundschnft unserer wohltätigen ilnider da draußen! Wohl ן bedürfen wir einiger iietrsge für den Bau der Zukunft, «Irr unser gs/s.Sim.e.'t mul Trachten gefangen nimmt. Aber diese Beträge und diese Mitarbeit unsercr atiswärii! ::11!!Hu; er hat nur dann für tms die Bedeutung einer Hilfsbereitschaft, wenn wir frei von jedem Beigeschmack einer ״höheren“ Vormundschaft sind. W t n 11 wir bloße Empfänger v o n Wohltaten sein sollen, so bedanken wir uns recht hübsch für die menschenfreundliche Absicht, aber wir verzichten lieber,“ Für uns aber heißt es jetzt, das hebräische Schulwerk in Palästina mit all unseren Kräften zu fördern. Die Feinde der nationalen Sprache haben in Jerusalern die Polizei aufgeboteil, mrt die Lehrer aus der Schule zu treiben, die sich dem Gebote: ״Los vom Hebräischen!“ nicht fügen *vnlUeii. Die bcwatt'a :tut Polizisten sc 11 In gen einige Lehrer. Es 1-t he greiflieh, daß die Erregung dei palästincnsiscn 1׳׳ Bevölkerung durch solche Mittel nicht besänftigt wurde. Unser Schulwerk muß in unsern Händen sein! In Palästina wird ein Sehulvercin gegründet, der dafür sorgen wird, daß die palästinensische Schule hebräisch, daß sie national ist. Die Juden Palästinas und di« zionistische Organisation werden diesem Sehulvercin die Mittel geben müssen, seine Aufgäbe durclizufülueii, Es gilt keinen Kampf g egen den 1111 f s v e r c i 11; es gilt, die heoräische Schule־iu Palästina aufzubauen, Nur soweit der llilfsverein unsere, positiven Bemühungen zunichte machen will, ist er unser Gegner; wir werden gegen ihn kämpfen, indem wir besser machen, was er schlecht gemacht hat. Zabern iß ״ontsalem Unter diesem Titel schreibt N. S. in der ״llazephirali“; ״Die Dinge entwickeln sieb rasch. Die preußische Pickelhaube hat erst vor zwei Wochen begonnen, sieh in Jerusalem stramm aufziipfianzen'. . . . Sie sammelte Unterschriften und Stimmungscrkläruiigen unter den Schnorrern und berichtete nach Berlin im Tone der Landr.ite, daß alles gut und schön sei, daß die ganze Bevölkerung ihr zujuhele, selbst die ״Peruschim“ und ״Chassidim“ — das Bureau in Berlin aber verarbeitet diese Ingredizieii zu einer delikaten Pastete fiir die Ignoranten in l )eutseliland, denen die Namen ״Peruseitiin“ und ״Cltassidim“ wie die geheimnisvollen Namen der aus den Sehofnrtöiien entstehend eit Engel und der Name des alten Chaeham Baselii wie der Name des Kaisers von China klingt. Diese Leute wissen viel und kümmern sich viel darum, oh dort unten in Palästina die Kinder deutsch oder japanisch lernen und ob dort ein materielles oder geistiges Zentrum entstellen soll, Diese Fragen, die den Lesern unserer hebräische»!»resse so nahe gehen, berühren den friedlichen Bourgeois, von dessen Beiträgen der Hilfsverein lebt, nicht im allergeringsten. Dieser Bourgeois wünscht Ruhe — das natürliche Bedürfnis eines jeden Bourgeois —, er wünscht, daß :!pj,rcji:m1.1״״rr .. .'■».- man ihn nicht irritiere und ihm nicht durch Problem« und Prinzipien Unannehmlichkeiten und Anregungen berede. Für dieses Publikum sind die Communiqu&s bestimmt, in denen gesagt wird, in Jerusalem herrsch« eitel Wonne, Jesdiibavorstcher und Talmudgclchrte, die• Jünger von Wolosehin, die Chabadäer und di« pulmseheti Cluisstdim, sie alle seien plötzlich für die• deutsche Kultur entflammt; in sämtlichen Bathe* Midrasch, Jescliibotli und Klausen singe man ״Deutschland, Deutschland über alles" — mit einem Worte: ein Juror gerrtianicus habe alle Jerusakinifen ergriffen . . . Mag sein, daß der naive deutsche Jude derartigen ’Erzählungen Glauben schenken wird. Wenn dieser Glaube ihm gut bekommt und seinen •Schlaf oder seine Verdauung zu fördern geeignet ist, so möchten wir ihn um alles in der Weit niHit antasten.;Schließlich ist ja der Hilfsverein eine Wohltätigkeit«• gcscllschaft. Dies abet war nur ein bescheidener Anfang. Noch ist seither keine Woche verstrichen und schon meldet uns der Telegraph, daß die deutsche Gesell- Schaft in Palästina die Schulen mit Polizisten besetzt hat. Dies, sehr geehrte Herren, ist denn doch etwas viel! Das jüdische Volk, so geduldig und bescheiden es auch sein mag, insbesondere gegen die Tyrannen aus seiner eigenen Mitte -■ diesen Gewaltstrcich wird cs nicht dulden! Dies ist Za Iwrit in neuer Auflage. Der deutsche Leutnant v. Forstncr in Za Item belegte die Elsässer mit den Schimpfnamen JtWackcs“; sein Doppelgänger, der deutsch-jüdische Forstncr, kommt zu uen russischen Juden in Palästina und bezeichnet sic als . . . ״Nihilisten". Der deutsche Leutnant v Forstncr umgibt sich mit Soldaten und geht Zigaretten lind Schokolade kaufen; sein deutsch-jüdischer I)oppclganger in Jerusalem begibt sich mit Polizeibedeckung in die jüdischen Kindersdiulen und jagt dort die Lehrer fort. Der Vorgang ist zu lächerlich, um darüber zu klagen, aber zu traurig, tim darüber zu lachen. Daß türkische Schutzleute jüdische Kinder russischer und gali/.ischer Herkunft zwingen, in Jerusalcm deutschen Unterricht über sich ergehen zu lassen, — kann man sich noch etwas so Unnatürlichcs, Gemachtes, widerwärtig Gekünsteltes vorstellen? Wir wollen diesen Terror nicht mit einem andern Terror beantworten. Die beste Erwiderung wird die von Zabern sein: 11o 11 ng c 1 ä eh te r. Ucberall, wo sieh der deutsch-jüdische Unteroffizier mit den ihn begleitenden Polizisten zeiget! wird, soll ihm befreiendes Kinderlachcn cntgegenschallen! Unsere guten Jungen und Mädchen, lacht doch! . . , Selbst in dem militärisch strammen, ganz in Disziplin aufgehenden Deutschland endete die Komödie von Zabern mit einem sehr unangenehmen Nachspiel — für die Regierung, lenes Kinderspiel hatte recht peinlich« Folgen für den Reicliskaijzler und schließlich mußte man die Garnison aus Zabern entfernen. Die ,.deutsche“ Garnison In Jerusalem ist gar zu klein; eine kräftige Köchin kann sie in ihrer Schürze forttragen. Die wirklichen Deutschen hätten niemals solchen Blödsinn Begangen. Das können nur kleine Juden tun, die sich als Deutsch« aufspielcn. Die Juden in Palästina kommen dem deutschen Reich gar nicht in die Quere. Jedenfalls sind die Leute des neuen Jiscluih nicht weniger deutschfreundlich alt die ״Peruscliiin“, die Chabadäer und die Verwalter der Chalukahspemlen, die jetzt zu einer Art Filiale des Dreibundes gemacht worden sind. Die ganze Angelegenheit ist ein Gemisch von Liebedienerei, Heuchelei, Lüge und grobem Unfug. Das jüdische das (kxit wenden ließ, um gegen den Strom an die Badeanstalt heranzufahren, wurden wir bis auf etwa 10 m an einen Brückenpfeiler hcrangetrieben. Die Situation war kritisch. Noch ein Augenblick und die Strömung hätte unser Boot an dem Pfeiler zerschellt. Im letzten Moment ein scharfes Kommando; ״Fertig — los!“ und wir ruderten was das Zeug hielt. Dennoch kanten wir während einer bangen Minute kaum einen Meter gegen die rcilknde Strömung auf, die Anstrengungen wurden verdoppelt und nach weiteren zwei Minuten waren wir in ruhigerem Wasser und fühlten die bewundernden Blicke zahlreicher Zuschauer auf um' gerichtet, die sich am Ufer und auf der Brücke gesammelt hallen. Der Bademeister nahm unsere Bugleinc in Empfang, schrie uns mit angstvollen Gesten einige unverständliche Worte zu und zog das Boot schnei! von der dem Strom zugewandten Seite d«r Badeanstalt hinter das Gebäude. Kaum war dies geschehen, so sauste dicht an der Badeanstalt ein Floß entlang, weiches auch vor der Brücke landete und unser Boot in Stücke gerissen hätte, wenn der Bademeister uns nicht half. Diese denkwürdige Landung bot Anlaß genug, um uns am Abörni in Linz erheblich zu stärken. Di« Strecke von Linz bis Grein ähnelt sehr der Gegend um Engelbardszcll. Wieder wurde unser Blick durch die großartige Landschaft gefesselt, wir vergaßen alle Anstrengungen und gaben un» dein reinen Naturgenuß hin, die Ruderer lang im Boot ausgestreckt, sich in der Sonne aalend, nur der wachsame Steuermann aufrecht. So treibt sich’» fein auf der Donau. Nachher bat man'zu Hause genug Zeit, von den übermenschlichen Anstrengungen zu erzählen. Bei Grein, in dem berühmten Strudel, hieß es doch wieder aufpassen und stramm rudern. •An der engsten Stelle ist da» Flußbett durch die hochragenden Felsen auf 60 m ztis,׳tmmengepreßt. Die Donau strömt mit rasender Schnelligkeit in zahllosen Wirbeln dahin. Hernach hatte aber die wildromantische Szenerie ein Ende. Dafür begann die Weinrebe Hügel und Abhänge zu schmücken. Am Abend nahm uns die alte Nibelnngenstadt Melk in ihren gastlichen Mauern auf. Durch die Anstrengungen der letzten Tage waren wir recht ermüdet. Hatten wir doch schon 350 km hinter uns. Noch 100 km hatten wir bis Wien zu überwinden, So legten wir einen Ruhetag ein. Am Dampfcrlandungssteg hatten zwei unserer ״Ivria“- Leute ein nettes Erlebnis. Zwei Touristen, die sich nachher als Prager Bar Kochbaner entpuppten, sprachen uns in unseren blauen Anzügen und Yacht* mutzen als Schiffsoffizie/e an. Nachher war eile Heiterkeit über die ״Jüdische Marine“ groß. Am Sonntag, den 31, August, fuhren wir durch die weinfrohe Wachau nach Krems und bestiegen von dort aus die Ruine Dürnstein, wo seinerzeit Richard Löwen herz, gefangen saß und von dem treuen Sänger Blondcl entdeckt wurde. Den Abend beschloß «in wassersportUches Abenteuer am Lande: ein Wolkenbruch ging unter Blitz und Donner auf uns hernieder. Montag, der 1. September, war leider der letzte Tag der Tour. Die vorerst öde Landschaft tat unserer übermütigen Freude, bereits am nächsten Tage in der Kaiserstadt einziehen zu können, keinen Abbruch, ftald grüßten uns die Türme von Klosterneuburg und das schöne Heim des gastlichen Wiener Ruderclubs ״Austria“ nahm uns zur letzten Rast auf. Acht herrliche Wandertage liegen hinter uns. Sie sind verrauscht, nicht aber auch die Erinnerung an in treuer Kameradschaft erlebte Freuden und bestandene Fährlichkciten. Im nächsten Jahr stier sieht uns die Elbe und — so Gott will — auch der Rhein. Cand. med, Ernst Wollt,