Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1913)
- Date
- 1913-12-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 546 Nr. 51 Idee schmäht, sollte den Namen unseres Herd nicht nennen dürfen. Was aber ist die innerste Triebfeder dieser ״pscudoiiiessianischeil“ Bewegung? Der Rass e n wahn! Es hilft nichts, daß ein zionistischer Gelehrter eben die Rasscnthcorie zerstört hat, die angeblich unsere Bewegung fragt; das antizionistische Komitee dekretiert, daß der eh,uninistische, nationale Rassenwahn die theoretische Grundlage, der geistige Nährboden des Ziouismus ist, der ihm die spezifischen Ziige seines Wesens und seiner Wirksamkeit entlehnt hat, ״daß er auf demselben Sumpfboden erwachsen ist wie der Rassenamisemitisnnis, diese Geißel, unter der wir Juden so entsetzlich leiden. Und cs ist immer dasselbe Wasser, mag es nun arisch-antisemitisch, mag es jüdisch-national gefärbt sein, das aus einem vergifteten Brunnen stammt, und das keine Färbung der .Welt zu einem gesunden Tranke machen kann. Wer sieh auf den. Standpunkt stellt, daß die nationale Verhetzung und der Rassenantiseniitismus ein Verbrechen an der Kultur sind — und wer täte das nicht —, der muH auch den Bruder im jüdischeit Gewände, den nationalen Zionismus, verdammen, weil er ebenso verderblich wirken muß wie jene.“ Ein Beweis für diese verhetzende Auf- Stellung fehlt. Der Zionismus verdreht das Wesen des Judentums. Das Judentum war und ist Religion, Der Zionismus aber ordnet das Religiöse dem nationalen Gedanken unter. ״Da nun die jüdischc Religion in einem ausgesprochenen Gegensatz zu allem beschränkt Nationalen stellt, kann man ermessen, welche Unnvandhing sie sich dabei gefallen lassen muß. Alles, vv a 8 im Lchrinhaltc d e s j u d e n t u in s d a r 11 m groß uii d e wi g i st, wei I e s e i n e U cb e r •' Windung der engherzigen 11 a t i o n a len Begriffe darstcllt.wird vom Z i o nisinus a bg e 1 e 11 n t und s eiה e R i c 111 i gkeit bestritten, und wo diese Mittel n i c h t v e r f a n g e n, w i r d e s m i t S e 1111111 f z und Hohn beworfen.“ Daß die jüdische Religion im Gegensatz zum Nationalen steht, ist falsch. Daß der Zionisinus alles, was im Lchrinhaltc des Judentums groß und ewig ist, leugnet, ist eine groteske Lüge; daß er es mit Schmutz und Hohn bewirft, eine gewöhnliche Verleumdung, für die ein Bcweis auch nicht einmal versucht ist. Ebenso grotesk ist es, zu behaupten, daß der Zionismus die jüdischen Felder, Schwächen und typischen Laster (welche denn?) zum Range von Tugenden erhebt und so die allgenicin-verbindliche Ethik gefährdet, an deren Stelle er einen Rassen-Sittenkodex setzt (den kennt nur Kongreßfahrt des Jüdischen Ruder-Klubs ״Ivria‘, 24. August bis 2, September 1013*) Der Plan, Wien per Boot zu besuchen, war .schon Anfang dieses Jahres im Club aufgetaucht. Jedoch erst Anlang Juni begann das nebelhafte Vorhaben feste Gestalt anzunehmen: Es wurde, wie bei solchen Dingen üblich, eine Kommission gewählt, die das ״gewaltige“ Unternehmen vorbereitet! sollte. Man entfaltete eine fieberhafte Tätigkeit: Studieren von zwanzig Jahrgängen des ״Wassersport", um nach Vorgängern zu fahnden (abgesehen von den Nibehm- «en, die ja auch die Donau entlang fuhren), Walzen von Atlanten und Reiseführern und vor allen Dingen die Korrespondenz, mit einem Schüler-Riiderdub in Westpreußen, einem Club in Regensburg und dem bekannten Vetter, dessen Freund einmal erzählte, daß vor einigen Jahren der Club des Schwagers seiner angeheirateten Taute auch die Strecke Regensburg־— Wien (450 km) zurückgelegt habe,!dt will nicht verschweigen, daß die Angaben des Vetters der Wahrheit entsprachen. Kurzum: am Sonntag, dem 24. August, 7 Uhr 30 morgens, fuhren wir von Berlin ab und traten nachmittags um 5 Uhr in Regensburg ein. Am Montag fruit kam der fünfte Mann in Regensburg an, so daß da* Mannschaft vollzählig war: Rechtsanwalt Exincr, Referendar Hirschfelü, Dr. Schwabe, cand. nied Wollt *1,Pcr Berliner Jüdische Ruderklub ״Ivria“ 1׳ 2um wiener Kongreß ein Boot entsendet. #ir erhalt jetzt eine Schilderung dieser interessanten Fahrt, c wir gern unseren Lesern zugänglich machen. D. Red. JUEPISCHE RUNDSCHAU der aus guten Gründen anonyme Verfasser dieser Broschüre). Diese etwas dünne theoretische Grundlegung des Zionismus verdichtet sich dann zu einer Flut beweisloser Schmähungen, wie: ,,Der Zionismus spottet über alles, was in der jiidisehen Religion groß und erhaben ist; der Zio- 11 i sm us leugnet den Glauben an den einen Gott; er beschimpft die Rabbiner, er verwirft in verbrecherischem Wahnsinn «len Uni- Versalismus und den Weltengott, er macht sich über diese erhabenen Lehren mit dem billigen Spotte der Beschränktheit lustig, er bewirft jeden Andersdtnkendcn mit Schmutz und Holm; der Zionismus zerstört die jüdische Religion!“ Dies ist Aufklärung über den Zionismus! Und in diesem Stile geht es durch 48 Seiten ununterbrochen fort. ״Jeder Vorwurf, den man dem Antisemitismus macht, gilt gleicherweise für seinen Zwillingsbruder, den Zionismus. Er verbreitet über den Wert der wirklichen ernsten Tätigkeit falsche, hämische Anschauungen; sein praktisches Endergebnis ist die Zerstörung des Judentums. Die gesamte ״jüdische Renaissance“ unserer Tage stammt von Nichtziouisteu her, der Zionismus hat nichts geschat* feil als hohle Schlngwörter. In seiner schämlosen, gemeingefährlichen Hetze bewirft er die Religionsdiener mit Schmutz und beschimpft sie. Er sanktioniert den Atheismus und macht jede nachhaltige Bekämpfung der Taufe unwirksam. Er fördert die religiöse Heuchelei und trägt in das religiöse Leben die Politik mit ihren unangenehmen Nebenerscheinungen der Unehrlichkeit und Heuchelei; er würdigt die Religion zum politischen Tauschobjekt herab.“ Alles ohne den leisesten Versuch, einen Beweis zu führen! Zionismus und Assimilation: ״Sic sind die Assimilantcii, nicht wir! Sic verraten jüdischc K u 11 u r w c r t c , nicht wir! Sie sind die g e f ä h r I i c 11 s t e 11 Assi m i I a n t e ת , weil sie des Judentums Wesen umgestalteu und vernichtcn wollen, um das Wohlgefallen und die Anerkeiiming der Vertreter der herrschenden nationalcii und materialistischen Modcanschauungcn zu erringen! Die Assimilantciilietze des Zionismus stellt einen Ausfluß jener s y s t c m a t i s c 11 e 11 Versuch e dar, die darauf zielen, den Juden langsain aus dem Zusammenhänge mit der Weltkultur zu entfernen, ihn gegen den Andersgläubigen und diesen gegen ihn zu vc rl1ctz.cn.“ ״Der Zionismus macht sieh zum willkomnicnen Handlanger aller jener Mächte der gchässigen Reaktion, die den Juden zum verachteten Paria herabdrücken wollen. Der Zionismus ver- und unser altbewährter Steuermann Maiulclltuiun. Der Spediteur hatte unseren Vierer ״Ivria" in dem I tafeugehiet der Donaii-Dainpfscliiffahrtsgcscllscliaft ins Wasser gelassen. Wir verstauten unter der fachmäiinischcn Assistenz einiger dortiger Seebären unser nicht geringes Reisegepäck. Als alles im Boot untergebracht war, verstauten wir uns selbst darin und stachen in Sec unter den Zurufen der inzwischen versammelten Zuschauer und ״Hedads“ aus unseren fünf kräftigen Mämterkehlen, Es gelang 1ms, da wir von unserer etwas trägen Spree derartige Strom- Verhältnisse nicht gewohnt waren, beinahe eine große Zille zu rammen, die hundert Meter stromabwärts Ing. Ikoelt davor bewahrte uns das gütige Schicksal und so dampften wir gemütlich zwischen den sanft ansteigenden Ufern des Lkmautals, vorüber au dem weit ins Land ragenden Tempelbatt der Walhalla, ostwärts. Allmählich verlangsamte sich die Strömung, die Hügel traten zurück, und wir begrüßten im Osten den Kirchturm von Straubing. Aber erst eine Stunde, nachdem wir die Turmspitze zum erstenmal gesichtet hatten, fuhren wir an dem altertümliche״ Städtchen vorüber. Die Sonne sank, wir fuhren |1n stillen Abendfrieden vorüber an Dörfern und Feldern. Fem im Osten tauchten die dichtbewaldeten Berge des bayerischen Waldes auf und Bogen, der Ort, den wir 1ms zur Landung erkoren hatten. Wir fanden Unterkunft in einem netten Gasthaus und schmausten nach Herzenslust, Am frühen Morgen des folgenden Tages wurde die ״Ivria“ zu Wasser gebracht. Wir arbeiteten uns fleißig durch die Gegend und passierten gegen Mittag Deggendorf. Diese Stadt erweckt in dem Juden keine angenehme historische Erinnerung. Man denkt an das Jahr 1337 zurück, in welchem die ganze Judcngcmeittde von Ritter Hartmann von un gl impft den Kampf, den wir um unsere Gleichberechtigurig führen, die Organisationen dieser Art werden verspottet und verhöhnt, ihre An-!länger bemitleidet und beschimpft, IX־r ganze Zionismus wird von ein paar Dutzend berufsmäßiger Schreier ,gemacht‘ “ Die Zitate könnten beliebig vermehrt werden. Es gibt noch kräftigere. Es gibt die Behauptung, der Zionismus sei so manchem nur das Mittel, um sich Namen und Bcr ü!11111 h c i t zu schaf fe n! Und der dies sagt, wagt vom Zionismus zu erklären: ״N i c kämpft er sachlich, so ndern stets p e rs ö 11 I ich. Seine stärksten A rgumente sind Besch i m p f u n g des (j c g - n e r s, Verdächtigung seiner Motive, das A u f w ü h I e n seiner intimsten P r i - v a t v c r h ä 11 n i s s c , und wenn alles nicht zieht, muß Ei 11 s0 h ü e 111 e r u n g u n d B e d r oh u n g die Wucht sachlicher Gründe ersetzen. Jeder Kampf beweist aufs neue, daß der Zionismus darum eine ernste Gefahr darstellt, weil er, statt nach a 11 j ü d i s c h e r Art mit der ritterlichen Waffe des Geistes zu kämpfen, sich lieber einer anderen, weit wirksameren bedient: des Terrorisin u s Jedermann sieiit, daß das antizionistische Komitee nach altjiulischer Art mit der ritterlichen Waffe des Geistes kämpft. Eins aber macht diesen Geist verdächtig. Die Broschüre ist getragen von dem Gedanken, daß der Zionismus die jüdische Religion gefährde, daß er ihren Sinn verdrehe; sie klingt aus in der Aufforderung, dem jüdischen Körper gesunde, wahrhafte religiöse Kost zu reichen; ״positive religiöse Werte der jüdischen Seele geben, das wird am sichersten den Zionismus vernichten!“ W i r verdrehen die Religion in ihr Gegenteil; unsere religiös-liberalen Gegner aber haben aus der Stelle eines Gebetes, die lautet: ״Um unserer Sünden willen sind wir aus unserem Lande verbannt worden,“ gemacht: ״In deiner großen Gnade hast du uns unter die Völker /erstreut.“ Und die Broschüre, in der es lun!1: ״Wir andern halten es für vornehmer und nutzlieber, der Jugend nur eine allgemeine jüdisehe Grundlage zu geben, der Zionismus aber füttert sie mit verhetzenden und demagogischen Phrasen,“ diese Broschüre ist mitunterzeichnet von Männern, die ihre Kinder in den christlichen Religionsunterricht schicken, die ihre Kinder taufen lassen. Was an Argument in dieser Broschüre wäre, würde vernichtet durch die Tatsache, daß Leute die Retter der Religion spielen, die sie selbst durch ihr Leben beständig verneinen. H. II. Deggenburg und seinen veiehrlen Mitbürgern hingesclilaeiltet wurde, unter dem Vorwand, die Juden hätten die Hostie durchstochen, in Wirklichkeit, um sieh ihr Vermögen an/ucignci). Die Hostie >011 übrigens noch heute als Reliquie gezeigt werden. Kurz und gut, wir würdigten Deggendorf nicht der Ehr« unseres Besuches. Bald ergoß die Isar ihr grünes Bergwasser in die Donau und die Strömung wurde wieder schneller. Jetzt rückten auch die Berge zusammen, der Flußgrund wurde felsig und der brave Steuermann lugte eifrig aus, um über das Wasser ragende Blöcke zu vermeiden und sich in der richtigen Fahrstraße zu halten. Einmal fuhren wir beinahe in ein Wehr, aber wir ruderten kräftig und bald war die schwierige Stelle überwunden. Vilsliofcn lockt« als Ziel der heutigen Reise, uttd als wir uns dem Ocrtchcn näherten, bemerkten wir ein Sportboot, einen Vierer, der dem dortigen Ruderclub angehörte. Die Herren luden uns mit außerordentlicher Liebenswürdigkeit ein, unser Boot während der Nacht in ihrem Bootshaus zu lassen. Wir nahmen gern an, und in einer knappen Viertelstunde war das Boot untergebracht. Am Abend versammelte steh der Vorstand des Vilshofener Clubs in unserem Hotel, um die exotischen Gäste gehörig zu begrüßen. Dieser Begrüßung waren nach Mittcrnacht nur unsere beiden Trinkfestesten gewachsen. - Der nächste Tag sollte eigentlich der völligen Ruhe gewidmet sein. Da aber Passau nur 25 km entfernt lag, setzten wir doch unseren wackeren Kahn ins Wasser uttd fuhren durch eine wunderschöne Gegend bis Passau. Dort landeten wir an einer Badeanstalt, wobei der einzige harmlose• Unfall der Tour passierte. Ein Ausleger wurde verbogen, jedoch in kurzer Zeit durch unseren geschickten Schiffsingentcur repariert. 1