Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1913)
- Date
- 1913-12-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 J U E D I S (; II E R U N D SCHAU Seite 527 kat'־ haben sie erklärt, da» sie nur bereits oryanisicnc und also ausgebildcte Genossen aufiieh’men wi'Jleu. Der Neuangekommene bat um die Autnahme in 1I..S Syndikat: man wies ihn ab, da er das Handwerk nicht kenne. Und als der Patron, getreu dem .Branche der Bruderhilfe, darauf bestand, ihn zu In■- halten, erklärten die zwölf Arbeiter den Streik. Einige Standen nachher nahm der Patron, der eine *yroik Ln t'cruiig auszuführen hatte, die Leute wieder auf und empfahl dem Russen, anderswo sein Glück zu versuchen. Dies ist die trockene Erzählung einer wahren Itegdunlu'it, geschehen zu Paris am 20. Oktober 1011. Sie spricht Bünde. Sie erzählt anschaulicher, als c•' anders irgend möglich wäre, von den Aus!;!״, dern, ״die erst vor wenigen Monaten aufgenonttnen w!irden“, die seit fünf oder seit zehn ״der sogar schon seit zwanzig Jahren in Deutschland leben und 8״ bis 15 Franken täglich verdienen“. Und wenn ein neuer, unorganisierter Zuwachs kommt, ciklaren sie ״in! Namen des Syndikats“, da» sie ״mir bereits organisierte mul ' ausgebildete Cienossen aufnehmen", ln den Mitteln sind sie nicht wählerisch; wenn ihnen nur ihre 15—8״ Franken täglich" unangetastet bleiben .... Dr. David Hoffmann Ahi vergangenen Sonntag, dem 1. Kislcw, beging Dr. David Hoffmann seinen 70. Gebtirtstag. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, an dieser Stelle darzulegen, was Hoffniaiin der jüdischen Welt als üclehrtcr und als Persönlichkeit bedeutet. Es ist־ bekannt, daß er als Rektor des Berliner Rabbiner■ Seminars einer derjenigen ist, die das geistige Erbe Israel Hildesheimers verwalten. Ans eigener Kraft hat er sich dazu einporgeschwungcii, in kristallklarer Geistesschärfe, mit wahrhaft wissenschaftlicher Akribie mul universaler Beherrschung des Stoffes die gesamte jüdische Literatur zu durchforschen und zu erklären. Um ein Bild von der Grüße seines Schaffensgebietes zu gewinnen, braucht man nur die Titel einiger seiner Werke zusamuncnzustcllen. Da finden wir ein Werk ״Die erste Mischnah־', liier eins ״Der Schulchan Ärtich“, ״Die wichtigsten Instanzen gegen die Graf-Wellhausenscheii Hypothesen“, ״Die Mechillah des Rabbi Simon ben Jochai“, ״Midrasch Tan- 11,•lim" urnj viele andere. Schon in vorgerückt ein Aller stehend, veröffentlichte er noch einen zweibändigen Kommentar zum ״Lcviticus״ und vor wenigen Wochen ist der erste Bund eines Kommentars zum ״Deuteronomium“ erschienen. Mau sieht: Bibel, Misclinali, Ckmarali, Midraschim, Posskim, auf alles erstreckte er seine Forschungen. Und dabei ist jede dieser Arbeiten im besten Sinne des Wortes wissensrhaftlich. So hat er dem traditionellen Judentum, zu dessen unbestrittenen geistigen Führern er zählt, aber darüber hinaus allein, was an jüdischer Wissenschuft Interesse hat, Werke geschenkt, wie cs in dieser Zahl und dieser Bedeutung nicht vielen jüdisehen Gelehrten vergönnt war. Das Judentum kann ruf diesen Mann stolz sein, der als erster den Mut gehabt hat, in groß angelegten M erken der Bibel- Kritik mit den scharfen Waffen seines Geistes entgegeiizutreten. Möge er noch viele Jahre dem Judentum und seiner Wissenschaft erhalten bleiben, A. H, * Zur Feier des 70. Geburtstages von Dr. David 11 o f f in a n 11 hatten sich zahlreiche Schüler von aus- Wirts eingefunden. Es fand zunächst am Sonntagmorgen irrt Rabbinerseminare eine intime Feier statt, bei der Herr Gch.-Rat Barth namens der Dozenten und Herr Samuel Grimberg namens der Hörer die Glückwünsche aussprachen. Herr Samuel Grimberg überreichte gleichzeitig das Geschenk der ehemaligen und gegenwärtigen Schüler des Seminars, eine von ihm gefertigte hebräische Ucbcrset/ung des Werkes ,,Die erste Mischnah“ von l)r. Hoff in,־ um, die zu diesem Fest in einer größeren Auflage gedruckt worden war. In der ihm eigenen schlichten Weise erwiderte der Jubilar. Nachdem dann am Vormittag die”“ zahlreichen Deputationen der Korporationen empfangen worden waren, fand am Nachmittage die Feier des Kuratoriums des Rabbinerseminars in der von der Addaß Jisroelgemcindc zur Verfügung gestellten Synagoge statt. Der große Raum vermachte die Erschienenen kaum zu fassen. Es sprachen Dr. Wohlgemut!! namens der Dozenten, Robb. l)r. Colin {Basel) namens der ehemaligen, Dr, Hartwig Carlebach namens der gegenwärtigen Schüler. Dazwischen sprach Dr. Silberberg ein von Rabb. Nobel (Frankfurt) verfaßtes hebräisches Gebet, Am Montagabend fand noch eine von den Schülern des Jubilars veranttaltcte mehr familiäre Feier statt. Anläßlich der Feier wurde von Freunden, Schülern und Verehrern eine Festschrift verfaßt. An den Glückwünschen hatten sich zahlreiche auswärtige Korporationen und Ge• «Winden durch Delegationen und Depeschen beteiligt. (Von unrcrci.1 Korr.סו;::.־־ndeuten.) Wenn nicht alle Zeichen;rügen, so Kt «las lntcresse der hiesiger, jr.le11:׳!..־,r.4t, wenn nicht für den Zioni-.utus, so doch für eine Seite desselben sichtlieh ini L1׳..tarkei1 begriffen, ich meine für die Palästiiia-Be.sirebuugen des Zionismus. Das beweisen zwei Vonrüge, die wir nach dem Kongreh hier hatten. Zuerst sprach Herr Dr. Mossinsohn in einer gutbesuclitcn Versammlung über den Kongreß mit besonderer Berück:,ichtigung der Arbeit in Palastina und I'.'iiki mit ::einen ans warmen! Herzen koiniiu'iiilcn Ausführungen stürmischen Beifall. Am tS. November sprach Herr Nalnim Go Id mann aus I Icidelberg, der vor kurzem erst von einem scchsnumatlicln.11 Aufenthalt in Palästina zurückgekehrt ist. Sein Vortrag gliederte sich in drei Feile: Kolonisation, kulturelle Bewegungen und das, was der Rainer den Oberbau des ganzen Gebäudes nannte, die neue Mural, die das Leben in Palästina hiTvorbringt. Der Redner betonte, daß der einzelne Jude sich individuell in Palästina schon beute ausleben könne, daß auch kulturelle Ansätze schon vorhamk’u seien, dal)• aber für das eigentliche Ziet des Zionismus, die Verpflanzung großer Massen nach Palästina, fast nichts geschehen sei. Er schloß seine Ausführungen mit einem lebhaften Appell, an die wirkliche Arbeit zu gehen und die Kräfte nicht in kleinlicher Gegemvnrisarbeit zu zersplittern. Die Ausführungen des jugendlichen Redners fanden sehr grollen Beifall. Leider gelingt cs uns wenig, denselben in praktische Zwecke für uns umzusetzen, Zwischen diesen beiden Vorträgen sprach Herr Rechtsanwalt Goitein, unser Delegierter, über den XI. Zionistenkong rcß. Wir hatten unseren Mitglicdem die Kongreliausgabe der ״Welt“ unentgeltlieh zugestellt, was sich anscheinend gut bewahrt . hat, denn das Interesse wurde dadurch sehr geweckt. 1111 übrigen gewinnt auch sonst das jüdische Leben in Mannheim an Bedeutung derartig, da» hin und wieder schon Stimmen laut werden, cs wird zuviel in Jüdisciikeit gemacht. Das bezieht sich hauptsächlieh aut den neutralen J u g c n d b 11 n d, der es in einem Jahr aut 500 Mitglieder gebracht hat. Wir stehen in recht freundschaftlichem Verhältnis zur Leitung,‘ die wirklich neutral ist und keinerlei liebergriffe gegen den Zionismus zuläßt. Der Vorsitzende hat auch aut der Frankfurter Tagung gegen den Zentralverein gestimmt. Am bedeutungsvollsten ist wolti bisher die Gründung einer T urnergruppe im Jiigemibund, die auch von unseren Mitgliedern benutzt wird. In jüngster Zelt hat sich hier auch ein hebräischer Sprachkurs gegründet, der einstweilen etwa 30 Mitglieder hat. im Rahmen dieses Berichtes darf nicht des V c reins jüdischer Studenten in Heidelberg vergessen werden. Ls ist zweifellos, da» auch dieser an der Entwicklung des Interesses für alles Jüdische teilhat. Die jungen Studenten, die viele gesellschaftliebe Beziehungen zu Mannheim angeknüpft haben, hauen eine neue Note in das Lehen gebracht; es ist für viele eine neue Erfahrung, dah inan so durchaus modern und dabei so durchaus Jude sein kann. W. D. D*> 0 Arn J" toI 4# Ä v4U 4 W• ii In Pdilstioa Du* Frage, wie man Arbeitern durch Bereit- Stellung von Haus und Garten eine Existenzbasis sichert, beschäftigt in steigendem Maße die besten Kopfe und Herzen der vorgeschrittenen Nationen. Den Philanthropen fesselt der schöne Gedanke, mit verhältnismäßig geringen Mitteln einer armen, arbcitsaiiten Familie ein bescheidenes, aber glückliches Heim zu schaffen. Den Sozialpolitiker leitet das Be* streben, den Arbeitern durch eine kleine Haus- und Gartenwirtschaft das Ertragen von industriellen Krisen zu erleichtern und ihn gleichzeitig zu verhindern, durch Unterbietung den Lohn seiner Arbeitskollegen zu drücken. Den Grundbesitzer auf dem Lande leitet das Interesse, das Abstromcn der einheimischen Arbeiter nach den Industriezentren cinzudnmrnen. Den nationalen Politiker endlich bewegt die Sorge, daß das Land nicht durch Zuzug von fremdnationalen Saisonarbeitern entnationalisiert wird. Kein Wunder, daß sich in den letzten Jahren die ernste Presse mul Literatur Deutschlands, Englands und anderer Länder intensiv mit 11 ein Bchausungsproblcm a u f 11 e m La n tl e befassen. Für die nationale Kolonisation in Palästina kommt zu den eben erwähnten Beweggründen noch ein ausschlaggebender hinzu: Die ersehnte Massenk o 1 o »1 i s a t i o n städtischer Elemente in Palästina und deren Umwandlung in Landarbeiter kann naturgemäß in erster Linie eine Kolonisation von Bes i t z 1 o s e n sein. Der jüdische Natioiialfonds sucht bekanntlich die Arbciter-Kolonisatiansfrage auf verschiedenen Wegen einer Lösung zuzufülireii: durch Erwerb des Bodens als unveräußerlichen Nationalbesitz, Schaffung tnid Förderung von SicJlungs- und Bflanzungsgcnosscn* schäften, Lchriarmcn usw. 111 den letzten Jahren hat er sein bc onderfs Interesse der Arbeiter-VKolinungsfragc zugewenuet. Zunächst errichtete er Einfamilicnhäusqr aus dem Wolffsoluifonds und Halperimfonils; Ledigenheime aus seinen 'laufenden Einnahmen. Eine besonders großzügige Aktion ist jetloch erforderlich geworden, seitdem die Verfolgungen im. Ycirttn Tausende von Juden zur Auswanderung nach Palästina zwingen. Die Aktion war von Erfolg begleitet, indem Zionisten und Nichrionistcn dem Na־* tioualforids Hausspendeii von je Frcs. KXH). - zuführten, bisher einschließlich der Teilzahlungen ca. Frcs. 280 000. Dieser Erfolg im Zusammenhang mit den bishörigen Erfahrungen veranlaßt die N. F.-Verwaltung, sich mit der Errichtung von Arbeiterheimstätten dauernd zu beschäftigen und die Werbearbeit hierfür in das ständige fätigkeitsprogramm des N. F. aufziinehnu'ii. Denn diese Häuser entsprechen einem dringenden Bedürfnis sowohl der Einwanderer aus dem Yemen, wie aus den Ländern Osteuropas, die, durch Not und Liebe getrieben, in die alte Heimat zurückkehren, um sie durch harte Pionierarbeit für das Volk vviedcrzugcvviniien. In den Chanukahtagcn, da wir der Makkabiier gedenken, die mit dem Schwerte in der Hand für die Freiheit des jüdischen Landes und des jüdisehen Bauern kämpften, sollten sich alle Juden ihrer Pflicht gegenüber den Makkabäern der Arbeit bewußt werden! Der jüdische Arbeiter, der die verwahrloste, unkultivierte Scholle mit Pflug und Hacke rum Nationalbesitztum macht, hat ein Recht darauf, als Erbpächter auf Nationalfondsboden Eigentümer von Haus und Garten zu werden, und so eine Existenzbasis für seine Familie zu erhalten. Es ist zu erwarten, daß die im vorigen Jahre erfolgreich begonnene Aktion für die Arbeiter- und Ycmitenhäuser durch eine Verbindung mit dem Chanukahfest zu einem dauernden Aufschwung . dieses bedeutsamen Arbeitsgebietes des Nationalfonds in Palästina beitragen wird. Zionismus in Kleinstädten (Aus einer längeren Zuschrift.) Die größte Schwierigkeit in den kleinen Orten liegt wohl darin, daß der Nachwuchs fehlt. Man mühte also schon hei der Schuljugend cinsctzcn. Hierzu ist die Herausgabe einer Jugendzeitschrift notwendig, ln weiten Kreisen ist cs bedauert worden, daß die Zeitschrift ״Jung Israel" nach kurzer Zeit wieder cingegangcn ist; und ich halte Cs für eine wichtige, nicht zu unterschätzende Aufgabe der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, diesem Mangel abzuhelfen. Wenn cs schon nicht möglich seih sollte, in den kleinen Städten lebhaftes zionigrisches Leben zu entfachen, so müssen wir dort wenigstens versuchen, die Jugend so zu beeinflussen, daß sic später als Nachwuchs für unsere großstidtisehen Organisationen dient. F. B. in Posen. Pie Juden in Amerika Die ״Dokumente des Fortschritts“ bringen toigenüe Mitteilungen über die jüdische Bevölkerung von Amerika: ״Die beständige Einwanderung von Juden aus Rußland, Rumänien und Ungarn, welche besonders in den letzten Jahren überaus intensiv gewesen ist, hat die Zahl der in Amerika wohnhaften Juden aut zwei •Millionen anschwellen lassen und die Handelsmctropole New York, die eine volle Million Juden zu ihren Einwohnern zählt, ist damit zur weitaus bedeutendsten Judaist,־ult der Welt geworden. Interessant ist es, in welchen Enverbs/wcigcn sich die jüdische Bevölkerung konzentriert hat. Die Kleiderfabrikation war bis zum Jahre 1880 in den Händen gebürtiger Amerikaner, sowie einiger deutsch-jüdischer Finnen. Deutsche und Irländer waren ihre Arbeiter. Heute ist die überwiegende Mehrzahl der Firmen jüdisch und die jüdischen Konfektionsfirmen von New York haben allein eilten Umsatz von 120» Millionen Mark. Sic besorgen wohl, die Bekleidung von reichlich der Hälfte der amerikanischcn Bevölkerung von <0 Millionen. Sehr viel Arbeitsamkeit, Sparsamkeit, Befähigung und Wille, auch die ärgsten Entbehrungen zu ertragen, haben den aus Rußland ohne jedwedes Vermögen kommenden Juden die Begründung dieser Konfektionsfirmen ermöglicht, allerdings nur um den Preis schwerer Ausbeutung ihrer Hilfsarbeiter, die hauptsächlich in Heimarbeit beschäftigt werden, auch ihrerseits überwiegend Juden, sei es am Anfang der Unternehmungen Familienangehörige oder Bekannte des Konfektionärs, sei es Fremde. Auch andere Geschäftszweige, speziell in New York, werden mehr una mehr von jüdischen, Firmen beherrscht. Speziell auch, was vielleicht Wjunder nehmen mag, das Theaterwesen der Handefcsmetrojyolc. Andererseits suchen viele junge Juden, timt ‘zwar sowohl Söhne der reichgewordenen Kaufteute .wie auch vollständig mittellose junge Leute, zum Teil direkt aus Rußland angekommen, sich den Zugang zu