Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1913)
- Date
- 1913-12-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 526 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr, 49 darauf abzicl enden tuid die deutschen Gefühle der Juden beleidigenden, die Feindschaft der Antisemiten frech provozierenden / i o - n ist i sehe ח Agitation in Deutschland! ikn deutschen Juden möchten wir aber, soweit sie über die Rückständigkeit eines positiven Glaubens hinausgewachsen sind, was man von allen Ciebildetenfüglich annchmeii sollte, den Rat geben, die richtigen Konsequenzen zu ziehen 11ml die d e u t s c 11 -) ii d i s e h e Fr a g e a m best e n u 11 d unkompliziertesten dadurch zu lösen, daß sie aus der jüdischen Rcligionsg c m c i 11 s clia f t aus trete 11 und kauf ess io n s I o s werden. Ihre Ahsta m in 11 n g brauchen sie dar u in nicht z 11 v e r 1 e u g - ne 11. Her Herausgeber.“ Wir teilen die Meinung des Herrn, daß seine Losung der Judeiifragc die uukompli/ierlcste, nicht aber, daß sie die beste ist. Im übrigen ist es imnötig, darauf hin/uweiseii, wie kindisch hier die ältesten Argumente gegen den Zionismus nachgebetet werden. Vor allem die Ablehnung des künstlieh geschaffenen Judenstaates. Ls zeigt sich auch hier wieder der bekannte Widerspruch, in den alle Assimilanten geraten: daß zuerst von der grollen Mehrzahl der Juden die Hede ist, die sich als Deutsche fühlen und Deutsche bleibe 11 wollen, dann aber aiifgcfordcrt wird, alles zu tun, was für die volle und wirkliche Anpassung noch notig ist. Auf das stärkste Argument des Artikels, daß der Zionismus die Feindschaft der Antisemiten frech provoziere, gibt die ״StaatsbürgerzciUing“, das bekannte Antiscmitenblatt, prompte Antwort. Sie wendet sich gegen den ״Bund der Konfessionslosen“ und sagt: ״Man studiere nur den ״Weg“. Mau wird zu der Ueber/eiigung gelangen, daß hinter dieser ganzen Sache das j ü <1 i s c h - n a t i u 11 a I organisierte Judentum steckt. Für den, der hinter die Kulissen geschaut hat, ist die Beoh.ieliluug wahrhaft erheiternd, wie geschäftig und ungeniert der Jude den deutschen Michel cinseift.“ Dann folgt eine Reihe wüster antisemitischer Angriffe, die mit dem ״Beweise" schließt: ״In dem Bund der Konfessionslosen und seinem Vercinsorgan hat man demnach verkappte Kampf- Organe des Judentums gegen das Christentum und die Nichtjuden zu erblicken.“ Der ״Weg“ hat also alles Recht, zu behaupten, daß die Gefahr des Antisemitismus durch die zion i 81 i s c h c Wühlarbeit heraufbcschworeii werde. Zentral verein und Zionisten Unter diesem schreienden Titel veröffentlicht das ״Hamburger Israelitische Familienblatt“ ein Schreiben des Zcntralvereins, das folgendermaßen lautet: ״Herr Justizrat Dr. Al Ilm 11 itz, der Vorsitzende des Zcntralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, hat aus Anlaß einer am 31. Oktober in Berlin veranstalteten allgemeinen Versammlung des Zcntralvereins die Erklärung abgegeben, der Zentralerem erachte jüdische I* r o t c s t v e r - s a m in l u 11 ge 11 gegen den K i e w e r Pro z e il während der Dauer des Prozesses nicht für zweckmäßig und vertraue auf die Unparteilichkeit und Gerechtigkeit der Richter. Die in Berlin einherutenen Protcstvcrsammlungeu hatten bewiesen, daß bei aller Anerkennung der etilen Auffassung, die zur Einberufung geführt hätte, erhebliche und bedenkliehe Entgleisungen von Rednern vorgekoinineii wären, welche der Sache ungemein schaden und die zu widerlegen er sich versagen müsse. Diese Erklärungen des Herrn Justi/rats Dr. 1 lorwitz, welche in der ״Frankfurter Zeitung“ im wesentliehen richtig wiedergegeben worden sind, haben zu den lebhaftesten Angriffen d c r z i o 11 i s t i - s e h c 11 Press e gegen den Zcntralverein und seinen Vorsitzenden geführt. Die ״Weit“ gibt den ״Ausdruck der Verwunderung und Beschämung wieder, daß eine jüdische Organisation einen Mann an ihrer Spitze dulde, der ׳von aller Urteilskraft und allem jüdischen Empfinden so verlassen sei, dali er im Gegensatz zur geistigen Elite der ganzen Welt den Kiewer Skandal als ein ,,Prozeßverfahren“ und dieses Rußland als einen Kulturstaat anerkennen könne.“ Und in der ״Jüdischen Rundschau" schreibt Rechtsanwalt Gronemann-Bcrliii: ״Und er hat zu Ende sprechen können, er ist nicht augenblicklich von dem Zorn der Versammlung von der Tribüne gefegt worden!" Wir gehen auf die persönlichen Verunglimpfungen nicht ein und haben zur Sache nur folgendes zu erklären: 1. Herrscht in Rußland noch ein Gefühl von Recht und Billigkeit, ist das Prozeßverfahren ein ehrliches, vom Streben nach Gerechtigkeit erfülltes und der Wahrhcitscrmittclung dienendes Verfahren, so hätte «in Protest während der Dauer des Prozesse* leicht die entgegengesetzte Wirkung auslösen können, als die, welche beabsichtigt wurde. Kein wahrer Richter läßt sich durch Proteste in seiner Urtcilsfälhmg becinflusscn. Die Proteste sind schädlich. 2. Steht, wie die zionistischen Blätter »»nehmen, Rußland außerhalb jeder Kultur, ist der Prozeß ein politisches Machwerk, herrscht dort eine Art Kabinetts- Justiz, so sind die Proteste zwecklos und muß wallread der Dauer des Prozeßverfahrens alles vermieden werden, was di« Regierung in noch höherem Maße gegen die Juden aufreizen kann. Protestversammluitgeii zu veranstalten und scharfe , Reden gegen Rußland zu halten, ist außerordentlich | leicht; die armen Unglücklichen, welche die Kon- Sequenzen dieser Reden zu fragen haben, wohnen weit weg! Durch Bemerkungen, Juden ständen an »ler Spitze der russischen Revolution, wie sie in den Berliner Protestversammlungei» gefallen sind, wird die Stellung der russischen Juden nur erschwert. 3. I) e in Z c n t r a I - V e r c i 11 i s t d a s S c 11 i e k - s a I d e s II a 11 d 11111 g s g c 1» i 1 f e 11 B e i 1 i s i ״ k e i- 11 er Weis e 11 e b c 11 s a c 11 I i c h g e w « s e 11. (iewill handelt es sieh mir um einen Menschen. Wir betrachten alter die u n s c 11111 d i g e Verurteilung eines Menschen als ein derartiges Unglück, daß wir;ms den höchsten sittlichen Motiven heraus auch diese Tatsache zu verhindern suchen müssen. Es hat eben ת i c 111 11 u r d a s J u d e 111 » m , s o u d « r 11 a u e h ein J u d e auf der A 11 k 1;1 g c h a ״ k g e s c s s e 11. •1. Wenn Herr Jusli/rat Dr. II o r w i t z den obigen Gedanken Ausdruck gegeben hat, so befindet er sieh in Uebercinstimiiumg mit genauen Kennern 11er russischen Verhältnisse, welche für die russischen Juden die größten finanziellen und ideellen Opfer gebracht und vom Beginn des Prozesses an ihre gewichtige Stimme auf das nachdrücklichste gegen die Abhaltung von Protestversnininhingcn bis zur Beentligimg des Verfahrens erholten haben. I )er Vorstand des Zeiitralvm’iii* deutscher Staats• bürger jüdische» Glaubens gez, lue!1 s.“ Hierzu bemerken wir; hat man einen Fehler begangen, so ist es nicht schlau, nachher eine Theorie zu ersinnen, um diesen Fehler als richtige Handlungsweisex erscheinen zu lassen. Unsere Proteste waren nicht von dem Wunsche diktiert, das Urteil zu beeinflussen, sondern sie waren spontane Aetillcnnigcn unserer Empörung. Wer diese Empörung iiielit mit uns fühlte, stand abseits und beriet •sich mit Kennern der russischen Verhältnisse. Nahezu die ganze Kuiturwcit alter protestierte mit uns; bis auf den Zcntralverein. Und der Zentralverein r e c 1111 c t sich doch auch z, 11 r Kultur- ־weit? Hoffentlich aber nicht zu derselben, zu der er Rußland rechnet. Mittel zum Zweck Die Führer des ״Zcntralvereins" gebrauchen in ihren Reden gern Ausdrücke, die sie an *lern ahgelernt halten. So erklärte lind erklärt noch jetzt gelegentlich Herr Geh. Justiz-Rat Fuchs, der Zentralvcrein erstrebe die R c 11 aissanccdcs Juden• 111 m s. Ein erhabener Zweck, gewiß; und mit welchen Mitteln der Zcntralverein ihm iiachstrebt, zeigt vielleicht mit einiger Deutlichkeit ein in *1er- ״Straßbürg er Israelitischen Wochenschrift“ erschienener Bcrieht über eine Z c 111 r a I v e r e i 11 s v e r s a m m - 1 un g in C o inia r: ״Am vergangenen Samstag abend begann die hiesige Ortsgruppe des Zent r a 1 v e r e i 11 s die Reihe ihrer diesjährigen Vortragsabende mit zwei Referaten. Herr Rechtsanwalt l)r. I ioelischild referierte über den B c i I i s p r » z e II und die R i t u a I in o r d - lüge, während Herr Braimsdiwcig aus Straß bürg über ״Elsässisch« Probleme und der Zcntralverein" sprach. Der Saal war dicht besetzt. Unter lautloser Stille begann Herr Dr. Hoclischild sein Referat und gab in klarer, sachlicher Weise einen Uebcrblick über die Rituahnordanklagen der Vergangenheit und über den Kiewer Prozeß und schließt damit, daß die Juden, trotz des Spruches der Geschworenen in Kiew, der 1111s des Ritualmordes beschuldigt, stets mit reinem Gewissen und liocherhobenen Hauptes durch die Welt ziehen könnten. Nicht endenwoliendcr Beifall folgte diesen Ausführungen. Hierauf begann Herr Braunschweig aus Straßburg sei« Referat, das, leider muß es erwähnt werden, ein wenig enttäuschte. Ein Zionist h&t viele Pflichten IM* iimhrt aber nichts daran, dass jeder Ijtstr uns xum neuen Jahrgang einen nt um Abonnenten tu führen maß. Ute Position der , Jüdischen Rundschau" ist nn Gradmesser für die Stiirkc. des deutschen Zionismus. K* gehl vorwärts, aber es müsste viel schneller rorudrts gehen. Wer schon jctxt sein Akmnemcnt an meldet, erhiilt dir lkxember-Nummern un!sonst. Verlag der ,Jüdischen Rundschau“ In seiner drastischen, humorvollen Art sprach er über alles andere als über elsässisclie Probleme. Er gewann aber dadurch die Sympathie der Golinarcr, •daß er sein Referat mit* den Worten begann: ״Als an mich der ehrenvolle Ruf erging, in Colmar ein Referat zu halten, sagte ich trotz Schwierigkeiten geschahlieber Natur zu, da ich eine grolle i lochndilting von der Intelligenz der Colmarer Glaubensgenossen besitze"; ein Ausspruch, der mit Beifall atifgcimmmen wurde. 1 >.111»־ sprach er über die Tätigkeit des Zentral- Vereins in Stralltnirg, kritisierte die neuesten Ereignisse im jüdisch-politischen Lehen, spendete den Proletariern in Rußland für ihr Verhalten im Bcilisprozcf) Lob, wandte sich gegen die jüdischen Kapitalisten und llanquiers, hierauf hörte man nur noch volltönende Worte, wie ״Bureaukr.itisniiis". ״Antisemitismus", auch ״Tango“, und so ging es weiter unter Lachen und Bravorufe« der Anwesenden. Herr Brantisehweig schloß mit dem Aufruf an die Anwesenden, dem Zcntralverein ibcizufretcn. Hierauf ließ der Vorsitzende eine Pause eiirtreten, um denen Gelegenheit zu geben, die *lern Verein beitreten wollten, was auch zirka 20 Herren taten. Da sich 11ie*n1:md zur Diskussion meldete, schloß der Vorsitzende mit einigen Dankes- Worten die w o h I g c I u n g 111 ׳ e Versammlung.“ Duisburg Die ״Welt am Montag" schrieb a»11 1. Dezemher unter der Spitzmarke ״Jüdischer Liberalisinus"; ״Bekanntlich haben die deutschen Juden sieh last gänzlich unter das Zepter des politischen Libcralisums begehen und bilden eigentlich nur einen k11״- fcssioncllcn Wahhereilt der ״Fortschrittlichen Volkspartei“. Wie dieser ״Liberalismus“ aber in Wahrlieit aussieht, zeigen Vorgänge, wie sic kürzlich Duisburg erlebt hat. Dort muh demnächst die liberale Mehrheit der Genieindcrepräseiitanz infolge der Neuwahlen ahtreteu. Sie benutzten aber die letzten Tage ihrer Amtstätigkeit noelt schnell, um den nicht naturalisierten Juden das Wahlrecht zu rauben, — weil diese nicht für sie gestimmt hatten. ״Und willst du nicht mein Brmlcr sein, so sehlag' ich dir den Schälle! ein,“ Aber die Rache war zu gering. Die ״Liberalen“ machten eine Eingabe an die Staatsanwaltschaft, in der sie — ohne den Schatten eines Beweises zu erbringen — den Kandidaten der , Ausländcr“ wegen Stimmenkaufes denunzierten. In dieser Denunziation wie in einer Eingabe an den Obcrpräsideuten sprechen diese ״jüdischen Liberalen“ von ״galizischen Juden, die der ketzerischen Sekte der Chassidim angeboren“. Genau dieselben Werte fast stehen im Piaidoyer des russischen Staatsanwalts Wipper, der den Prozeh gegen Beilis führte. ״Liberale Juden“ als Eideshelfer der ,,echt russischen Leute“, das Bild ist nett. Es paßt vorzüglich zu jenem Prachtmenschen, der erklärte, der ״Zcntralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" leime es ab, gegen den Kiewer Prozeß zu protestieren, weil er -- in kein schwebendes Verfahren cingrcitcu wolle! Auch er ist ein ״liberaler Jude und Siiulc der Fortsclirittlichcn Volkspartei!“ Im übrigen sind gerade in diesen Tage» die Wahlen zur Berliner Gemeinderepräsentanz erfolgt. Das Wahlrecht dazu ist derartig, daß das preußische daneben direkt revolutionär wirkt, infolgedessen ist die Wahlbeteiligung geradezu klaglieh. Alle wirklich liberalen Elemente, im ״Neuen jüdischen Gcmeitidcvcrcin" unter der Aegide des bekannten Rechtsanwalts Dr. Klee vereinigt, haben Stimmenthaltung proklamiert, um zu zeigen, wieviel Wähler ihr Recht unter diesem Wahlsystem ausüben werden.“ Illustration zur Ausländerfrage' Einem Pariser Arbciterblatt entnehmen wir f״lgende erbauliche Geschichte: Das Quartier du Tcmplc zu Paris ist ein wichtiger Mittelpunkt der Mützcnindustric Sie wird in Werkstätten betrieben, in denen fünf bis fünfzehn Arbeiter unter einem ״Patron“ arbeiten, der selbst ihrer Klasse angehört. Fast alle diese Leute sind Juden — polnische, russische, rumänische, türk Ische, lcvantinischc Juden, die cs vorgezogen haben, ihre Heimatländer zu verlassen, um bessere Lebensbedingungen aufzusuclien. Sic gehören alle einem vorzüglich organisierten Syndikat an, das seinen Sitz an der Arbcitstiörse hat. Unter diesen eingewanderten Juden hat immer eine sehr feste Solidarität bestanden, eine Art gegenseitiger Hilfe, die mit religiöser Strenge eingciialtcn wurde. Jeder neue Ankömmling, von Rußland oder von sonstwo, wurde brüderlich aufgenommen; man suchte und fand Arbeit für ihn, und zwar meist in der Mützenindustrie. Vor etwa vier Wochen sind zwölf Mützen- Arbeiter bei einem kleinen Patron in Streik getreten, weil dieser einen eben angekommenen und gänzlich mittellosen russischen Emigranten in die Werkstätte aufnehmen und itu Handwerk ausbil: den wollte. Wenige Monate vorher waren diese Stmkhelden selbst aufgenommen und in ein paar Tagen ausgcbildet worden; jetzt freilich verdienen sie reichlich^ 8-15 Franken täglich. Aber im Namen des Syndi-