Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1913)
- Date
- 1913-12-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 524 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 40 ״Vorstehender Artikel gibt mir die erwünschte Gelegenheit, cm Mißverständnis auf/ukliircn, an dem vielleicht auch ich selbst durch eine nicht allzu kon• zise Stilisierung schuld bin. Hatte ich an Jener Stelle, die Herr Händel meint, anstatt persönliche Würde“, ״individuelle Würde“ oder ״würde der Persönlichkeit“ gesagt, so wäre vielleicht jenes Mißverstand• nis nicht entstanden und die sehr richtigen Bemerkungen Herrn Mündels könnten statt als Einwcndüngen als Bekräftigung gelten. Denn ich meinte an jener Stelle, wie aus dem ferneren Inhalt des Artikels hervorgeht, dal) im Judentum das Gemeinscliaftsleben das höchste Lebensprinzip war, dein gegenüber cs eine individuelle Differenzierung und damit eine individuelle Würde der Persönlichkeit nicht gab. Eine Beleidigung des Juden wurde von diesen! deshalb nicht als Beleidigung seiner Person angesehen, sondern er sah sic, was ja auch ganz richtig war, als eine Beleidigung der Gemeinschaft an, der er angehörte. Und da er diese, wie Herr Händel richtig sagt, trotz aller äußeren Mißachtung als eine den anderen Völkern überlegene ansah, konnte jene Beleidigung von iinn nicht als Verletzung seiner individuellen Würde, seines per- »ältlichen Stolzes empfunden werden. Erst durch die Moderne ist dem Juden anerzogeu worden, daß er, ganz abgesehen von jeder Zugehörigkeit zu irgendeiner Gemeinschaft, als Individuum ein Selbstzweck sei, woraus sich eine überaus große Steigerung des Ehrgefühls und Stolzes, ein erhöhtes Gefühl liir ״persönlichc Würde" ergab. Theodor Mcrzl, ein Mann von modernster Kultur, empfand deshalb die Dievfusaffäre als eine ihm angetane persönliche Schmach. Und da er ohne individuelle moralische Integrität nicht leben konnte, reagierte er auf diese Schmach so stark, daß seine ganze ungeheure Willenskraft sich darauf konzentrierte, dem unhaltbaren Zustand, in dem er sich als Jude befand, ein radikales Ende zu bereiten. Dies ist der wahre Sinn jener Stelle, die also in keiner Weise irgend etwas Verletzendes für das Judentum enthält. Zum Ucberfluß will ich noch als Bekräftigung meiner Anschauung von der überragenden Bedeutung der Gemeinschaft gegenüber dein geringen Grade von Individualisierung bei den Juden keinen geringeren zitieren als Achad llnam. Bei diesem heißt es (Band I de* gesammelten Schriften, II. Auflage, Seite 3S): ״In allen Gesetzen und Vorschriften . . . tritt uns überall nur der eine Zweck entgegen: das Wohlergehen der nationalen Gemeinschaft, wahrend das Glück des einzelnen außer acht gelassen wird. Jedes jüdische Individuum ist nach dieser Anschauung lediglich ein Glied des jüdischen Volkes." Ich hoffe, damit das mir peinliche Mißverstandnis zerstreut zu haben. Adolf Böhm, Wien.“ Ich fordere nun alle gesund denkenden Menschen auf, zu sagen, mit welcher Berechtigung jemand Adolf Böhm als einen Propagator der Taulc erklären, vor allem aber, mit welchem Rechte irgend jemand S. Hurwitz und Adolf Böhm als die Vertreter einer Anschauung bezeichnen kann. Nichts ist falscher, aT Böhm und damit das Sanuuelbuch ״Vom Judentum“, ein zionistisches und auf die bedingungs. ose Bejahung des Judentums gerichtetes Werk, mit den unzionistischen Auslassutigen von Hurwitz in einen Topf zu werfen. Unscrn deutschen Antizionisten freilich bereitet es keine Schwierigkeit, das Verkehrteste zum Ereignis werden zu lassen. H, 11 e rr rn a n!1. Kurhessisclies Judenrecht Arbeiten aus dem juristisch-staatswissciischaftliehen Seminar der Königl. Universität M a r b u r g a. d. L,, Heft 17: Das Recht der israelitisehen Religionsgemeinschaft in Kurhe ssen von l)r. jur. Sally Engelbert, Marbürg a. d. L., 1913. Verlag von Adolf Ebel. Um dieselbe Zeit, wo die Stadt Cassel, die frühere Haupt- Stadt Kurhessens, die Feier ihres tausendjährigen Be- Stehens beging, erschien gleichsam als eine jüdische Festgabe dieses Werk, das auf 100 Druckseiten, zum ersten Male in der praktischen Form eines Lehrbuches die Darstellung einer bestehenden jüdischen Kirchcnvcrfassung gibt. Für das preußische Judenrecht besitzen wir neben dem reichhaltigen aber veralteten Makowerschen Werke nur den kleinen in der Guttentagschen 'Sammlung erschienenen vorzüglichen Kommentar von Kr tlensciicr. Aber alle diese Arbeiten behandeln die gesamten Judengesetze Preußens. Hier aber liegt ein Werk vor, das in geradezu erschöpfender, mustergültiger Weise den jüdischen Kechtsstoft eines örtlich beschränkten Gebietes behandelt. Das kurhessischc Gebiet mit seinen jetzt noch 17 000 Juden besitzt eint* ,Verfassung, die, entgegen dem altpreullischcn Gesetze von 1847, eine straffe staatliche Organisation mit nur geringen Ansätzen jüdischer Selbstverwaltung aufweist. Mit souveräner Beherrschung des gesamten jüdischen Rechtsstoffes behandelt Engelbert nicht nur die historische Entwicklung dieser eigenartigen kurhessisehen Gesetzgebung, sondern weist überall in gro߬ Herr Dr. Apfel gegen die zionistische Studentenschaft In der schönen Stadt Köln, mit der ihn ״heilige und teure Bande'1 verknüpfen, und in der man ihn sehr ernst nimmt, hat Herr Dr. Apfel eine seiner glatten Reden über die jüdische Jugend gehalten, die bekanntlich durch den großen Gedanken der Neutralität dem Judentum zu rücke rohe rt werden muß. Wer geschickt lobat will, darf des Tadels nicht vergessen. So hat er von den neutralen Jugendvereinen gesagt, ״daß manche Vereinsleiter die Arbeit als Sprungbrett zu äußeren und materiellen Erfolgen betrachten“, ,,daß seihst große Jtigcmlvcrcine sich in recht willkürlichen Programmen und in äußerem Getue erschöpfen“, ja es ״graut“ ihm davor, ״dal) an manchen Orten die jüdische Jugendbewegung (gemeint sind die neutralen Jugendvcrcinc) noch nicht genügend geistigen Inhalt hat“, ein Uebelstand, dem durch einen ״geistigen Ausschuß“ im Verbaudsvorstand!• schleimigst abgehoben werden ward. Im [;roßen und ganzen sind die neutralen Jugeuuvereinc aber erstklassig. ״Man zeige mir“, ruft er aus, ״man zeige mir die großen liberalen und zio- 11 ist i selten Jugendorganisationen, wo die Wanne herrscht, die auch nur im entferntesten mit der Begeisterung verglichen werden kann, wie sie sich in unseren Vereinen und aut unseren Verbandstagen findet.“ In der Tat ist ja die Begeisterung der Mitglieder von jeher das hervorstechendste Merkmal von neutralen Jugendvereinen gewesen, jene Begeisterung, die sieh in einer Durchsehiiittsfrequenz von schätzungsweise vier Arbcitsabcnden pro Jahr und Mitglied und' in seiner sprichwörtlichen Zahlungsfrcudigkeit äußert. Es ist selbstverständlich, daß man nur bei dieser Begeisterung ״in Ruhe“ lernt, ״die Probleme zu verstellen“, mul daß die systematischen und obligatorischen Unterrichtskiirsc der Herzlklubs lind die systematische jüdische und hebräische Unterrichtsarbeit der studentischen Korporationen demgegenüber unbedeutende Dinge sind, — um so mehr, als es hier ja an der genügenden ״Wärme“ fehlt, die hingegen bekanntlich speziell in den neutralen Jugeiidvereiiuu usw. Iin Rahmen dieser Ausführungen, die deutlich zeigen, wie sehr er seinem Ideal eines Führers nahekommt, der ״zwar den jungen Mitgliedern gegenüber äußerlich autoritativ au!'treten, innerlich aber dafür sich eine um so größere Bescheidenheit anerzogen haben muß“, hat Herr Dr. Apfel auch ein paar goldene Worte über die zionistischen S111 d e 111 c n fallen lassen. ״Wir wollen uns doch einmal," hat er gesagt, ״mit aller Deutlichkeit gegen diejenigen jungen Herren wenden, die die langen Universitätsferien dazu bcinitzen, um unseren jungen Mitgliedern in den General- Versammlungen die richtigen Anschauungen von ihrem allein scligmachvndcn Judentum beizubringen. Wir Wullen diese jungen Leute von uns abscliütteln. Es sind das die jungen Leute, die die Welt immer durch die Brille des jungen Korporatioiisstiidenten belrachtcn, die einen großen ״Kamp! gegen die jüdischen Philister“ führen mit viel ürimbmnborium und Tamtam, und dabei nicht ahnen, daß sie selbst die größten Philister sind, und daß cs ein Zeichen von Ueberzügigster Weise auf die Zusammenhänge hin mit den übrigen Judengesetzen Deutschlands, vieren Zahl bekaimtlich Legion ist. Kurhessen zerfällt in die vier Syuagogenprovinzen: Cassel, Marburg, Fulda und lianau. An der Spitze der vier Provinzen steht je ein Vorstchcraint und ein Provinzialiahbincr. Ueber dem Ganzen thront als oberste geistliche Behörde der Israeliten Kurhcsseiis das Landrnhbinat Cassel, das sich aus dem Landrabbiner, zugleich Provinzialrahhincr für Cassel, den übrigen drei Provinzialrabbinern und einem Mitgliedc des Vorstchcrnmtcs Cassel, als Deputierten sämtlicher Vorstclierämter, zusammensetzt. Die Synagogenprovinz zerfallt in Synagogenkreise, an deren Spitze ein Kreisvorsteher geset/t ist. Die Synagogengemcimien werden von Gemeindeältesten geleitet. Und nun das Eigenartigste. Alle diese Organe, das Landrabbinat, die Vorsteherfiniter, die Provinzialrabbiner, die Kreisvorstchcr und die Gemeindeältesten werden nicht von der jüdischen Bevölkerung gewählt, sondern vom Könige bz.sv. von der Regierung ernannt, die ihrerseits durch den landesherrlichen Kommissar, einen christlichen Regicrungsbeamten, ein umfangreiches Aufsichtsrecht über diese Organe ausübt. Nur die Rechtshandlungen der OcinciiHleähesten für die Synagogeiigeineinde bedürfen in vielen Fällen zu ihrer Wirksamkeit der Genehmigung der Gemeindeversammlung, die auch die Vorsänger und Steueiscliätzcr zu erwählen hat. Hier erhält das autokratische Kirchenregiment plötzlieh und unvermittelt einen stark demokratischen Einschlag. Die Darstellung dieses komplizierten Behördeuapparates und die Behandlung der zahlreichen Streitfragen ist eine Mustcrk'istung Engelberts. Daß der Verfasser auch die Ausländer 'zu den wahlbchebung ist, wenn man glaubt, daß die Ideen, die ihnen vom Fiichsmajor in» letzten Semester beigebracht worden sind, allein die Kraft hätten, da* jüdische Problem zu lösen. Ich wende mich gegen diese Kliqiien mit aller Schärfe. (Stürmischer Bei* fall.) Diese Leute lassen wir in unsere Jugcndver- Sammlungen nicht mehr herein. (Stürmischer Beifall.)“ Es hieße Herrn Dr. Apfel eine unnötige Beachtuiig schenken, wenn wir die zionistische Studentenschalt gegen ihn verteidigen wollten. Nur einige wenige Worte seien ihm erwidert. Selbst wenn es richtig wäre, daß unsere Jugend ein bestimmte» Maß an Abgeklärtheit und Kenntnissen und Wissen besitzen müßte, bevor sie in Generalvcrsammhingen Apfelscher Jugendvereine mitreden darf, so ist es leider eine traurige Tatsache, daß unsere zionistisehen Korporationsstudenten schon in den ersten vier Semestern ihrer Aktivität mehr Bücher jüdischen ln- Halts studiert haben, als manche liberalen Leiter großer liberaler mul neutraler Organisationen in ihrem ganzen Leben. Aber kommt es denn wirklich darauf an? Unsere zionistischen Studenten haben einmal in einem entscheidenden Augenblick die innere Lüge des deutschen Judentums intuitiv erkannt, und in diesem Augenblick ist ihr Wissen und Verstehen reicher geworden, als das ihrer ältesten Gegner, Sie sollen mit ihrem Wissen und mit ihrer Begeisterung in das Philistertum der jüdischen Philister und ihrer Generalversammlungen hincinfahren, und Feuer hinter ihre faule, passive Neutralität machen. Wenn Herr Dr. Apfel fürchtet, dall die zionistischen Studeuten mit ihrem ״Brimbnmbnrium und Tamtam“ — wie er ihre Begeisterung nennt — die von ihm ge* hütete Jugend bei dem ״objektiven Verstehen jiidischer Probleme“ aus der erforderlichen ״Ruhe“ schrecken könnten, — nun, so werden ihn die zio* nistischcn Studenten nicht mehr lange stören. Der Verband der deutschen Juden Der Verband der deutschen Juden, die offizielle Vertretung der deutschen Judenheit, versendet jetzt nach Abhaltung des Hamburger Judentagcs den Bcrieht über seine Tätigkeit für die Zeit vom 1. April 1912 bis zum 3t. März. 1913, das ist für!2 Monate. Dieser Bericht belehrt uns darüber, daß der Ausschuß des Verbandes aus 80 Personen bestellt, von denen der Geschäftslührcnde Ausschuß 19 umfaßt. Dieser Gescliäftsführende Ausschuß hat während der Berichtsperiode 7 Sitzungen abgehaltcri, von denen allerdings kein Verhandlungsbericlit, sondern bloß die Angabe der Punkte der Tagesordnung gegeben wird. Außer dem (icscliäftsfiihrcndcn Ausschuß gibt cs noch 7 Kommissionen, die insgesamt 7 Sitzungen abhicltcn. Außerdem erschienen im Berichtsjahre zwei Korrespondcnzhlättcr, eines mit apologetischen Veröffentlichungen, das zweite mit einer Widerlegung der in einem Buche des Provinzial-Rabbincrs Dr. Cahn in Fulda enthaltenen Angriffe gegen den Verband. Das Bureau des Verbandes hat außer der laufenden Korrespondenz 5 größere Umfragen bearbeitet. Der Kasscnabsehluß zeigt einen Etat von Mark 31 609,82. rechtigtcn Gerneindemitgliedeni rechnet, wird Herrn Michaelis, der bekanntlich auch für Kurhessen das Gegenteil vertritt, besonders schmerzlich sein. Sehr dankenswert ist auch die ausführliche Darstellung des jüdischen Volksschulwesens und des Finanzrechts der Gemeinden. Das Werk Engelberts wird weit über Kurhessen hinaus Interesse erwecken und darf in keiner Gemeindebibliothek fehlen. Dr. Victor. Eine Grabrede Stefan Groß mann hat in zwei Nummern der Wochenschrift ״M ä r z“ eine ״G r a b r c d c a u f den Zionismus“ veröffentlicht. Unser Freund Julius Simon hat ihm ebenfalls im ״März“ erwidert. Es ist unvorsichtig, eine Grabrede zu halten, ohne sich vorher zu überzeugen, ob einen der ״Tote“ nicht desavouieren kann, indem er aufsteht und antwertet, IX*r Geistliche, der eine Leichenrede zu halten hat, informiert sieb gewöhnlich bei einem nahen Vcrwandten über die Lebcnsumstäiule des Verstorbenen, Großmann legt seiner ״Grabrede“ das Snmtnclbuch ״Vom Judentum“ zugrunde; und als seine Krönzeugen, als die repräsentativen Zionisten, die er begräbt, ■erwählt er — Gustav Landauer, der dem Zionismus ganz fernsteht, und Nathan Birnbaum, den entschiedensten Gegner des Zionismus, Beide sind in das Sammclbuch in der Abteilung ״Prob lerne“ aufgenommen worden, wo Nichtzionisten von sonstiger persönlicher Bedeutung ihre privaten Meinungen aussprechen. Großmann hat Pech. I