Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1913)
- Date
- 1913-11-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 514 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr, 48 3. Palästina-Sektion. Diese Sektion hat die Aufgabe, die Fragen zu klären, die hinsichtlich der Universität in engerer Beziehung zu Palästina stehen, in erster Linie die Frage des Ankauis von Grund und Boden für die Universität. Die Vorbereitung dieser Sektion wird Herrn Ussischkin übertragen. I. Juridische Sektion. Diese Sektion hat die Aulgnbc der Klärung der rechtlichen Fragen, die mit der Gründung und Legalisierung der Universität im Zusammenhang stehen. Die Arbeit dieser Sektion wird dem t, A.L. übertragen. Die Sektionen werden aus den Mitgliedern des vorbereitenden Komitees und hinzugezogcneii Per• sonen gebildet; sie werden aus ihrer Mitte ihre Vorsitzenden selbst wählen. Es wird ein A r b c i t s a u s s ch u IS, bestellend aus dein Engeren Actions-Comitc und drei hinzugewählten Mitgliedern, ernannt. Das vorbereitende Komitee hat das Recht, den Arbcitsausschub zu vergröbern. Es wird beschlossen, einen Generalsekret iir des vorbereitenden Komitees zu wählen. Zum Generalsekretär wird I>r. Schmarja L e v i n gewählt. Eine allgemeine Sammlung grollen Stils wird vor der Hand nicht cingclcitet. Der Zeitpunkt liierfür wird vom vorbereitenden Komitee bestimmt werden. Bis dahin werden nur Ein/elspendcn 1111 Mindest!‘et rage von 1000 M. angenommen.” Es w trdc auch für die laufende Kongreß■• periode wieder eine Kulturkommission gewählt, die wie früher in kulturellen Fragen dein E. A. C. als beratende Körperschaft zur Seite stellen wird. Zu Mitgliedern dieser Kommission wurden gewählt: Oberlehrer Moses Calvary, Bibliothekar Dr. Heinrich Loewc, Leo Motzkin, Redakteur M. Berlin, Dr. Wilhelm Lew־{־, Dr. H. Pick. Das Große Actions-Comitc beschloß ferner, gemäß den früher zur Frage der Zweck revision bereits gefaßten Beschlüssen, im Laufe dieses Winters die Zweckrevision von vcrscliiedenen Gruppen vornehmen zu lassen. Eine Reihe von Mitgliedern des Actions-Comiles haben sich bereit erklärt, an den einzelnen Teilen der Re- Vision mitzuwirken. Die Festsetzung des Zeitpunktes für die einzelnen Revisionen wurde dem E. A. C. überlassen, das sich mit den in Betracht kommenden Herren in Verbindung setzen wird. Das Technikum Der Hilfsverein der deutschen Juden versendet folg ende Mitteilungen an die 11 ichtziouistisciic Pre1.se: ״Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat die telegraphische Nadiriclit ■erhalten, dali Schüler seiner Knabenschule in Jaffa und seiner Lehrerbildungsunstalt in Jerusalem unter Einfluß von Agitationen streiken, weil sie aussclilkil* lieh Hebräisch ais Unterrichtssprache verlangen. Auch ein Teil der Eltern der Zöglinge der Knabenschule in Jaffa unterstützt diese Agitation. Andererseits sind «lein Hilfsverein aus weiten Kreisen der einheimischen Bevölkerung in l'alästina Kundgebungen übermittelt worden, in denen die Sympathien für die Leiter und das Werk des I lilfsvereins im heiligen Lande aufs wärmste zum Ausdruck gebracht werden. Das Schulwcrk des Hilfsvereins in Palästina, von dem Vertrauen der dortigen jüdischen Bevülkerung wie der deutschen Judcnlieit getragen, konnte innerhalb eines Jahrzehnts zu erfreu!,eher Hölic emporgeführt werden. Der Hilfsverein der deutschen Juden wird daher an seinem bewährteil Programm i e s t ha 11 e 11: mit Hilfe der deutschen Judenhaß und im Vertrauen auf ihre fortdauernde Unterstützung ein vielseitiges Kulturwerk für die Juden des Orients zu schaffen, das ihren Bedürfnissen und den Forderungen der Zeit gerecht wird. Die großen Ziele der Erziehung und Bildung lassen sich auf verschiedenen Wegen erreichen. Der Hilfsverein wird sich seine Freiheit, sein Sclnd- System in bisherigem Geiste fortzuführen, nicht antasten lassen und sich am allerwenigsten durch demagogische Umtriebe und t e r r«- ris tische Methoden, durch die ein unmittelbarer Zwang zur Aufgabe seiner Prinzipien ausgeübt werden soll, beirren lassen. Es muß natürlich allen, die sich dazu gedrängt fühlen, überlassen bleiben, durch Austritt aus den Anstalten des I lilfsvereins die Konsequenz ihrer Uebcrzeugung zu ziehen. Aber keine Schulleitung kann «8 dulden, daß durch revolutionäre Sitten jeder geordnete Betrieb, alle Disziplinuntergraben wird. Es ist im Interesse der bildungsbedürftigen Jugend zu hoben und zu wünschen, «laß die Beninruhigung bald ihr Ende findet und der Unterricht wie bisher wieder in geordneter und fruchtbringender Weise fortgeführt werden kann.“ Es ist das erstemal, daß statt des K u r a t o - riums der Hilfsverein auftritt. Was von dem Inhalt seines Schreiben■ zu halten ist, erhellt aus den Berichten über die Bewegung in Palästina. Wenn der Verband, der alle Lehrer Palästinas umfaßt, vorangeht, ist wohl von ״Untergrabung der Disziplin“ nicht die Rede. Wenn Organisationen, wie die Dr. Paul Nathan-Loge des IJ. O. B. B. und das Haifacr Komitee der Mittelschule des Hilfsvereins selber den Protest mitunterzeiclineii, kann man wohl nicht von demagogischen Umtrieben und •terroristischen Methoden sprechen. Aus Haifa erhalten wir folgenden Bericht: ״Die Erregung der jüdischen Bevölkerung in Haifa über die Verdrängung des Hebräischen aus dem Technikum und der Mittelschule ist außeronlcntlieh groll. Es wird kaum über etwas anderes gesprochen. Sofort nach dem Bekaniitwerdcn der Kuratoriimis-Beschfüssc 11:1t sieh ein ״Komitee zur Förderung der hebräischen Erziehung in Haifa“ gebildet, das den Kampf gegen diese Beschlüsse leitet. Am Sonnabend, 15. November, nachmittags, fand ein Protcstmccting unter freiem Himmel statt, zu dem fast die gesamte jüdische• Bc - völke rung Haifas erschien. Als ürt der Ver- Sammlung war ein jüdisches Terrain neben dem Technikums-Platz gewählt worden. Die sehr eindrucksvolle Versammlung, in der natürlich nur Hebräisch gesprochen wurde, wurde von Dr. Auerb :1 c 11 eröffnet und geleitet. Als erster Redner sprach 111g. Pc ws 11 er, der treffend und zündend die hohe nationale Bedeutung des gegenwärtigen uns aufgedruiigcnen Kampfes beleuchtete. Sodann betonte von seph;irdischer Seite Pensa bat 11. daß gerade die Sepliardini, deren anfangs in so schönen und grollen Worten bei den Kundgebungen des Kuratoriums gedacht worden war, die jetzigen Beschlüsse direkt als ihre Ausschließung empfinden, Als Dritter erörterte Ing. Kliniker die kulturelle Rolle der hebräischen Einheitssprachc für Palästina. Als Letzter schloß sieh namens der beim Teclmikuinsbau bcschäftigten Arbeiter Z. Sega 11 dem Protost an und sprach insbesondere Dr. Sch. Levin den Dank der Arbeiter für seine Tätigkeit aus. Seine Ansprache schloß mit einem begeistert aufgenommenen Iledad auf Dr. Lev in. --- Endlich wurde einstimmig die folgende P r o t e s t - R c so I u t i o 11 zur Ahsendüng an das Kuratorium angenommen: Die am Sonnabend, 15. November P)13, nachm. 3 Uhr, linier freiem I limuiei gegenüber dem Platz iles Technikums abgehnltenc, von allen Schichten der jüdischen Bevölkerung Haifas überaus zahlreich besuchte Volksversammlung hat nach Beraiiuig über die Beschlüsse des Tcchnikum-Kurnloriiims in der Spnielienfrage einstimmig tojgeiuics beschlossen: I. Wir Bewohner Palästinas fipden, (lall sowohl von nationalen;11׳׳. auch praktischen Gesichtspiiiikien im heutigen Palästina nur eine solche jüdische Schule Existenzberechtigung hat, in der die hebräische die 11 e r r s c 11 e 11 d c S n ra c 11 c ist. I )ein! nur die hebräische Sprache kann die verschiedenen Teile der Judenhaß Palästinas vereinigen. 2. Jede europäische Sprache als Sehtiisprache in einer jüdischen Schule muß hier dieser Schule einen einseitigen politischen C h a r a kter aufprägen, was der Judenhcit Palästinas schweren Schaden bringen kann, 3. Der einmütige Widerstand der Juden Palästitm gegen die Beschlüsse des Kuratoriums ist geeignet, den Bestand und die Entwicklung der gepinnten Schulen zu gefährden. 1. Die Versammlung spricht den drei ausgeschieden e 11 Mitgliedern des Kuratoritiius ihr volles Vertrauen aus und dankt ihnen für die Vertretung der Interessen der palästinciisischcu Judenhcit, 5. Nach alledem protestieren wir einstimmig und nachdrücklich gegen die Beschlüsse des Kuratoriums und sind entschlossen, mit allen Kräften gegen sie atmikämpfen. Wir hoffen, daß die Mehrheit des Kuratoriums ihre Beschlüsse einer Revision unterziehen wird. Dieser Resolution haben sich ausdrücklich angeschlossen; Der Vorstand der asclikeuasischcn Gemeinde Haifa. Der Vorstand der seph,irdischen Gemeinde, Haifa. Die Dr. Paul Nathan-Loge des U. ü. B. B., Haifa. Die Karmel-Loge des Order of Aucient Maccabcans, Haifa. Das Komitee der Mittelschule des Hilfsvcrcins der Deutschen Juden. Die Haifacr Ortsgruppe der Allgemeinen Palästina- Organisation. Der Haifacr Arbeiter-Klub. Die Haifacr Ortsgruppen der Arbeiter-Organisationen ,,Poale-Zion“ und ״Hapocf-Hazair“. Das Komitee begnügt sich jedoch nicht mit Protesten; es betreibt vor allem nachdrücklich die Gründung einer hebräischen Mittelschule in Haifa als wirksamste Gegenaktion gegen die Germanisierung des Technikums. Eine Sa mmhing in der kleinen und armen Haifacr Gemeinde ergab für diesen Zweck bereits in zwei Tagen mehr als 2000 Frcs. Größere Geldmittel sind uns bereits von anderer Seite in Aussicht gestellt. Wir glauben zuversichtlich, gegen das Technikum die Parole durchführen zu können: Dieser Schule keine SchülerI“ * Die gewaltige Erregung, die der Beschluß des Kuratoriums in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung Palästinas hervorgerufen hat, spiegelt «Ich in sehr charakteristischer Weise auch in einem Artikel der Jerusalemer Tageszeitung ״Hacheruth", der die iiationalgcsimiten Lehrer an den palästinischen Hilft• vereins-Schulcn aufkmlcrt, ihr Lehramt ungesäumt niedcr/ulegcn. Es heißt da u. a.: ״Kann inan auch nur einen Augenblick zugeben, daß die hebräische Erziehung in Palästina, unsere erste und letzte Hoffnung, zum Gegenstand eine» diplomatischen Spiels lierabgcwürdigt werde? . , . Wollen wir cs dulden, daß westeuropäische Assiinilanten die Axt über unsere zarten Pflanzungen schwingen? Legt eure Ae 111 ter nieder! Alle Proteste und öffentlichen Erklärungen werden nichts nüt/eii. Jene I ferren haben deutlich genug bekündet, daß sic tum nicht gelten lassen und daß es ihnen ein leichtes ist, mit unseicn Gefühlen und heiligsten Grundsätzen ein frevles •spiel zu treiben; aber laten werden ihnen imponieren — die Niederfegting eurer Acmter! . . . Wir wissen, daß cs ein großes Opfer ist, das wir von euch fordern, aber ihr werdet cs bringen. Ihr werdet euer Lehramt nicht schnöde entweihen. Die Stunde ist gekommen, da das Gebot gilt: Mari ziehe den Tod der Uebertrctung des Gesetzes vor! Und bei euch handelt es sich doch lediglich uin materiellen Schaden. Ihr habt es ja immer verschmäht, in den Dienst der Alliance... zu treten, heute aber sehet ihr euch Amnion und Moab gegenüber: wie die Alliance, so der Hilf*- verein, wie Bigart, so Paul Nathan, Wie Antdbi, so Ephraim Colin. Ein fluchwürdiger Geist beseelt sie alle, der Geist der heuchlerischen Assimi lat ion! Legt eure Acmter nieder! Sollte David J c 11 i n, der Vorsitzende des hebräisehen Kulturkongresscs, der Leiter der hebräischen Sprachkom mission in Jerusalem, der Voraussichtliehe Kandidat für den Lehrstuhl der hebräischen Sprache an der künftigen Jerusalemer Universität, nicht der erste sein, der das Banner des Hebräischen kraftvoll liochhält? Wir können auch nicht annchmcn, daß E. M. Lipscbitz und Dr. Jcluula Marschak, diese wackeren, gesinmingstüchtigcn Männer, — daß €11. L. Suta und Dr. Braver, die von nationaljüilischem Empfinden erfüllt sind, jetzt niclal die erforderliche Tatkraft finden sollten, gegen ihre Vorgesetzten offen den Kampf aufzuiulimen I Endlich all die jungen Lehrkräfte, die in den palästinischen Schulen des I lilfsvereins zerstreut sind, jene jungen Juden .Mm dem lierzerfrcuenden Typus eines Abieser Jellin 11ml J. Burla in Jerusalem, eines Reichard und Neiiniann in Haifa unsere Söhne, in denen wir beglückt die Erfüllung unserer Sehnsucht sehen -, sie werden unsere Zuversicht nicht zuschanden machen I Voll jugendkraft und unerschülteriichein Glauben an die ewige Jugend Israels, werden sic vereint ilire Acmter niederlegen. Wie könnten wir euch denn, Genossen, tagtäglich sehen mit einem brennenden Mal an eurer Stirne, dem Kainsmal der Unterwerfung unter den Willen von Assiniilantcn? Geht nicht den Weg der Kompromisse, denn euer ist der Sieg, wenn ihr diesen Weg nicht geht! Geht in den Fufttaplen des Lehrers in Israel, in den Fullfapfen Aehad-I laanis und seiner Genossen! Legt eure Aemter nieder! Heiligt euch, heiligt eure Zukunft, heiligt die Sprache Israels! Und wenn ihr, die Zierde des I lilfsvereins und sein Ruhm, euch von ihm abwenden werdet, wer wird daun noch in seinem Lager bleiben? Verräter werden die Niclitsuünligcn seih, die es wagen sollten, eure Plätze einzuneliinen! Mögen die Schulen geschlossen werden, mag der Hilfsverein alles Ansehen verlieren, mögen jüdische Knaben und Mädchen ohne jeden Unterricht bleiheil und in den Straßen umiierirrcn . . . wir wanken nicht: Die neue j üd i s c I» e Lehranstalt in Palästina muß v o n A 11 f a n g b i s z u E 11 d c 11 e b r ä i s c 11 8 e i n!“ Dr. Hirsch Aschkenasy Am 23. November wurde auf dem Friedhof der Adaß Isroel-t iemeiude zu Weißensei• der am letzten Vcrsöhnuiigstage in Argentinien verstorbene Rabbiner Dr, Hirsch Aschkenasy beerdigt. Sein reiches jüdisches Wissen stellte er in Berlin in den Dienst der Histadrutli, zu deren Begründer er gehörte. Trotzdem er nur ein Alter von 31 Jahren erreichte, war sein Name in der philosophischen Welt nicht unbekannt. Von 190b bis zu seinem Tode veröffentlichte er in der ״Zeitschrift für Philosophie und philosophisch« Kritik“ eine Anzahl scharfsinniger Rezensionen und gediegener Abhandlungen, Hierher gehören: ״Zur Kritik des Relativismus in der Erkenntnistheorie“, sodann ״Vuluntarisiische Versuche in der Religion*- Psychologie“, ferner ״Grundlinien zu einer Ptiünomenologie der Mystik׳״ und schließlich ״Hegels Ein- Butt auf die Religionsphilosophic in Deutschland“. Ein Manuskript über die Psychologie der Kabbala ist in Argentinien vorhanden und soll demnächit von Freunden veröffentlicht werden. M. J.