Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1913)
- Date
- 1913-11-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 47 Seite 505׳ rcktotiuhi kennt' wohl’dt•״ Schaden, den unsere geschäftlichen Beziehungen in der Levante dadurch gelitten haben, daß man dorthin die übertriebenen Auffassung«n übertrug, die mehrmals unter uns die Freiheit in Gefahr gebracht haben. Wie alle anderen Grundsätze, ist auch der der Duldsamkeit ver* * letzt .worden, uud. das hat mit am. meisten z.u dein Mißkredit und der Unbeliebtheit beigetrage״, warüber wir uns einige Zeit zu beklagen hatten. Wir müssen alle gelockerten Beziehungen wieder fester knüpfen...“ . So schrieb das Direktorium im Jahre 1795. Und die heutige französische Regierung versteht ihr Metier ebensogut. Sic hat der Türkei eben jetzt ein Darlehen von 28 Millionen verschafft. .Aber sie tut nichts umsonst. Sie hat Bahnbaurechte erworben, und die französische Gesellschaft, der die Bahn Jerusaiem - Jaffa gehört, hat auch die Konzession zum Hafenbau in Jaffa erhalten. Die Jerusalemer Zeitung ״Hacheruth“ will sogar erfahren haben, daß mit d<;ru Hafenbau, der 25 Millionen Francs kosten wird, schon im Anfänge des nächsten Jahres hegönnen werden soll. .Da das größte Hindernis für eine grolle Entwicklung des südlichen Palästina (mit Jerusalem, Jaffa und den jüdischen Kolonien) eben das Fehlen eines guten Hafens in Jaffa ist, kann man sich vorstellen, von welcher Bedeutung der neue Hafen (er soll dreimal’ so groll werden, wie der von Beirut) sein wird. Wenn cs den Franzosen auch noch gelingt, die geplante Bahn vom syrischen Tripolis nach Bagdad (mit Anschluß nach Persien) zu bauen, wird Palästina wirklich ein erster Weltverkeilrspunkt sein. Jedenfalls hat es für uns, die wir in Palästina arbeiten, etwas Beruhigendes, zu sehen, daß so vorsichtige Kapitalisten, wie die Frauzosett, soviel Geld in unser Land stecken. Vielleicht wird das Beispiel auch ein paar jüdische Unter* nehmer veranlassen, ihre Kapitalien in Palästina anzulegen. Damit könnte ihnen und dem Lande gchülfen sein. Zur Kulturfrage In dem in Lemberg in jüdischer Sprache er■ scheinenden ״Tagblatt" schreibt M, Klein• mann über den ״Kulturkampf in derrussi. sehen Landsmannschaft“: Die Kultur, die Kultur, ach, wann wird es ciul. lieh mit dieser Kultur ein Ende nehmen! So seufzten einst die Kongreßdelcgiertcn, welche von den ewige« Kämpfen um die Kultur bei den Landsmannschaft• und Kongrc()Sitzungen ganz betäubt waren. Endlich k;tnt die Zeit, wo dieser heiße Wunsch in Erfüllung ging. Die Kultur ist von der Tagesordnung verschwunden. Nicht etwa, daß man sich ganz von ihr losgesagt hätte, im Gegenteil, sie wurde noch erhöht und gekrönt. Man setzte den Grundsatz fest (den man längst hätte festsetzen sollen), wonach man Kultur machen muß, nicht aber über sic reden darf, Und wirklich, die Kultur nimmt in der Tages- Ordnung der Kongresse und Konferenzen keinen Platz mehr ein, aber welchen riesigen Erfolg hatte sie im Leben! Wenn man bloß einen Vergleich zwischen früheren Kongressen und russischen Vorkonferenzen und den jetzigen anstellt, insbesondere in bezug auf das Maß hebräischer Reden, muß man diesen Etfolg zugeben. Und doch ist die Kulturdcbattc hei den russischen Zionisten wieder aufgetaucht und wird beim nächsten oder übernächsten Kongreß auch die übrigen Landsmannschaften ergreifen und endlich den Kongreß selber. Aber die neue Kulturdcbattc unterscheidet sich wesentlich von der früheren, Sic steht in ihrem zweiten Stadium, wo die Frage der jüdischen Kultur viel aktueller, tiefer, radikaler und viel mehr ins Leben greifend gestellt wird als früher: ״Wenn Ihr den Zionismus bejaht, so müßt Ihr auch die nationale Kultur bejahen. Wenn Ihr die Kulturarheit als einen wichtigen Teil des Zionismus ancrkennt, und wenn das keine Phrase sein soll, so müßt Ihr mit der jüdischen Kultur für Euch selber ernst mache n." Dies war der eigentliche Sinn von Jahotinskis prächtiger Rede auf der russischen Vorkonferenz in Wien, welche sicherlich die Bedeutung eines großen Ereignisses in unserem Partei leben hat, Jabotinski gab jetzt allen früheren Reden über Kultur erst den richtigen Sinn, Jetzt endlich wissen wir, was damit gemeint ist, wenn man von Kulturarbeit im Zionismus oder richtiger von zionistischer Kulturarbeit spricht. Es bedeutet: daß wir danach streben, die nationale Sprache zu der Sprache unserer Kultur zw machen. Bislang machte man Propaganda für Hebräisch in dem Sinne, daß das Hebräische ein heiliges Requisit *ei, das wir in ein Behältnis tun und gelegentlich wie ein Schmuckstück tragen. Gegen die alte assimilatorische Auffassung war da« _J U;׳ל•.־': C:: ., £ U I’ DSC1 .'׳ •\ '■ J__ ' i ‘ , ‘ gewiß ei« groCcr Fortt:cl::׳;U, Ü־.er de« snzn um von Herzen fiaii.t r1׳/::.; .V r 1 ILf(׳ ז und feiner empfind ■•.,de;1:;dui!:־,ic (1ו;י! 1 ' ‘..׳ i:jtc eine gewisse Beleidigung darin, daß sein IL.'dg.'.tcs bloß eine Zugäbe zu den: .״':’׳::.־;ii, zu al::;11 i,'o;\v־.,.״!:;;c» sein sollte, daß das rklsriiisc'nc im besten rstie bei der fremder» Kuliur zu Gr׳te sein und von deren GnmleR leben sollte. Eine hebräische Zeitung hielt man neben der allgenicinen, denn mit der hebräischen allein ge- 'wann man bloß den Zusammenhang mit der jüdischen Welt, nicht mit der 1:!!::cnuincn. Hebräisch Fernen hielt, die heiligen ßehritfeii und die Oraminatik, jiidischc Literatur und Wi. .,cnschi.'t lernen. Wer aber mit der Weltliteratur bekannt werden wollte, um fite sich an eine fremde Sprache halten. Mit einem Wort: Hebräisch ist noch, immer die Sprache eines be• grenzten Kreises jüdischer Interessen, die Sprache der jüdischen Kultur, aber nicht die K u I - t Ursprache der Juden. Und eben das ist es, was jetzt die neuen Kulturkämpfer, verlangen: Hebräisch soll die Kultursprache des Juden werden, die Sprache, in der er sich alle Kulturwerte aneignet, die Sprache, in der er die Weltliteratur, das allgemein menschliche Wissen und alles, ־was ein moderner Kulturmensch wissen muß. kennen lernt. Und um das zu erreichen, muß He bräisch die Sprache der jüdischen Schule werden. Um diese Frage wurde in der russischen Landsmannscliaft ein heißer Kampf geführt, Jabotinski hat mutig und klar die Frage formuliert - und die anderen sind eben über die Offenheit und die Klar* heit erschrocken. Jahotinski hat in Wien die kühne Forderung aufgestellt, alle Furcht und alles Zogen abzutun und dreist die Forderung nach einer nationalen hebräischen Schule mit OeffcntÜchkeitsreeht aufzustellen. Diese Forderung wird bald ein Progranunpunkt der russisehen Zionisten werden und sie werden bestrebt sein, sie zu erfüllen, Und darin liegt die Bedeutung der jetzt geführten Diskussion: sie ist der Beginn einer neuen Epoche der Kulturarbeit, die man tiefer, ernster, radikaler zu verstehen beginnt und welche, wenn sic reales Leben gewinnt, geeignet ist, auf unsere geistige Existenz eine tief eingreifende Wirkung zu üben. AUS ALLER V7ELT Tilvlcct In der Reihe der provisorischen Erlässe des Sultans, die die Bodenverfassung der Türkei in modernem Sinne umgestalten sollen, ist das ״'G e s e t z über das Grundbesitzrecht juristischer Personen“ von entscheidender Bedeutung, weil die Sicherheit des ausländischen Kapitals, welches der wirtschaftlichen Hebung der Türkei dienen soll, von den Bestimmungen dieses Gesetzes abhängt. Die türkische Regierung schafft aber durch das neue Gesetz nicht eine feste, für alle in Betracht kommenden Gesellschaften gültige Basis, sondert! behält sich die Ausdehnung oder Einschränkung der Rechte der einzelnen Gesellschaften vor und legt insbesonde re das' Bestreben an den Tag, Agrarbanken in ihrer Tätigkeit zu kontrollieren und gegebenenfalls zu beeinflussen. Das Gesetz erteilt das Recht des Grundbesitzes im Prinzip nur osmanisehen Gesellschaften und unter diesen nur den Handels-undlndustrie- Gesellschaften uneingeschränkt. Ausländische Gesellschaften können nur kraft eines speziellen, Gesetzes das Recht Bo.dcn zu besitzen erlangen. Aktien-Gcscllschaften, die den ausgesprochenen Charakter von Landbanken haben, hängen in ihrer ganzen Geschäftsgebarung die sich naturgemäß auf das Recht des Bodenbesitzes stützt, von den Beschlüssen der Regierung ab. Durch die vorläufigen Normen sollen die türkischen Bauern vor gewissenloser Ausbeutung durch Finanzinstitute geschützt werden. Wo durch die Statuten und die Zusammensetzung des Aufsichtsratca der Regierung genügende Garantien gegeben werden, daß ein Kreditinstitut in erster Linie gemeinnützige Zwecke verfolgt, wird die Regierung keinen Anlaß haben, Schwierigkeiten zu machen. Trotzdem aber ergeben sich aus dem gegenwärtigen Stand der Gesetzgebung für Kreditinstitute, die durch Auslüiider für die Türkei gegründet werden, nachstehende •Fingerzeige: 1. Die Form einer osmanischen Gesell• schuft bietet (.•Tafle Vorteile. 2, Die Gesellschaft soll nicht den ausgesprochenen Charakter einer Agrarbank au!״,׳eisen, sondern eher den Typus einer Handelsgesellschaft. 3. Es empfiehlt, «ich, die osmanische Gesellschaft als Tnchtcrinstitut einer ausländischen Gesellschaft zu gründen, da in diesem Falle die osmanischc Gesellschaft, in Fällen, wo sic spezieller Autorisation seitens der Regierung bedari, auf Unterstützung des Botschafters jenes Staates, in dem dns Miittcrinstitul seinen Sitz hat, rechnen dar(, Serbien Der Co «Tabbin er da• Belgrader asdikcuasisclwa, Gemeind»•' Tit. Schlang hat in. einer Unterredung, weiclie der Berichterstatter des Budapestcr jiklisehen Blattes, ״Egyenlöszcg“ mit ihm hatte, äußerst ■wichtige Mitteilungen über die jetzige Lage der Jude», in Serbien und ihre künftige Gestaltung gemacht. Wir entnehmen diesen Aeuikrunge« die folgenden Stellen: ״Wir Juden Serbiens können mit unterer gegenwärtigen Lage zufrieden sein. Während der: beiden letzten. Kriege hat sich unsere Situation gefestigt und jetzt gibt cs bei'uns auch nicht einen Schatten von Antisemitismus. Als der Krieg ausbrach, bckündeten die Juden einen fast beispiellosen Opfer-, mut. Nach den vollständigen Siegen der Serben bat die Regierung auch unser nicht vergessen. Dankbar erinnere ich mich dessen, üi welch auszeiöhnender Weise seine Majestät und der Kronprinz mit mir und dem scplinrdischen Oberrabbincr Dr. Alkaly gesprechen, hatten, König Peter verwies unter anderem darauf, daß die Juden die Feuerprobe bestanden und daß jetzt selbst befangene Menschen sehen können, daß die Juden ein wichtiges Kulturclement und einen hohen Wert für Serbien darstellen. Es ist nur selbst-; .verständlich, daß der Krieg auch aus dem Reihen der Juden seine Opfer gefordert hat. Wir haben selbst ein Hospital erhalten, in welchem jüdische Frauen,, ja sogar jüdische Kinder mit rührender Bereitwillig* keit Samariterdienste geleistet haben. Jetzt nach Ab- Schluß des Krieges konnten wir endgültig konstatieren, daß die Serben aus voller Ucberzeugung Judenfretmde geworden sind. Sowohl die offizielle Staatsgewalt, als auch die öffentliche Meinung haben'"uns nicht nur emanzipiert, sondern Lassen uns auch volte Würdigung zuteil wötxlen. Die Zahl der serbischem .Juden ist mit Beendigung des Krieges um das Doppelte größer geworden, so daß Serbien jetzt eine ganze anschmliehe Anzahl jüdischer Staatsbürger besitzt. Mit welcher Sympathie Serbien jetzt den Juden begegnet, wird durch das folgende Angebot charakterisiert, welches die serbische Regierung uns vor kurzer Zeit gemacht hat: ״Das von Serbien eroberte neue Gebiet 1 ist trotz seiner Ausdehnung nicht reich an Bevölkcrung. Die Bevölkerung ist nicht imstande, das außer״' ordentlich fruchtbare Land zu bearbeiten, dazu ist sic einerseits zu gering an Zahl, andererseits ist ihr kulturclles Niveau hierzu noch zu niedrig. Wir würden cs gerne sehen, wenn wir das neue eroberte Gebiet mit Juden in größerer Zahl besiedefn könnten. Wir nehmen «inen diesbezüglichen Antrag und nähere Vorschläge mit Freuden entgegen.“ Wir waren natür* lieh noch nicht in der Lage, über diesen Antrag eml* gültig schlüssig zu werden. Er hat aber, wie leicht begreiflich, auf die jüdische öffentliche Meinung den besten Eindruck geübt‘״ Galioien Während einer Verhandlung vor dem Landesgerächt in Lemberg erklärte ein jüdischer Advokat, Dr. Alexander Klaften, als Vertreter angcblich beschädigter Bauern gegen Juden, die des Meineides angeklagt waren, daß di« jüdische Religion und die jüdische Solidarität den Meineid gestatten, wenn es sich um die Rettung eines Juden handelt. Um gegen diese schändliehe Verleumdung Stellung zu nehmen, fand im Sitzungssaale der Lembcrger Advokatenkammer am 23. November eine Versammlung jüdischer Advokaten statt, die eine sehr starke Beteiligung aufwies. Der beschuldigte Dr. Klaften versuchte seine Worte ״umzudeuten“. Der Referent Dr. Reich stellte jedoch den Sachverhalt klar, ln einer Resolution wurde das unverantwortliche Vorgehen Dr. Klafters« auf das. schärfste verurteil*. Dr. Klaften konnte sieh aber bisher nur zu einer sehr gewundenen Erklärung im. Lembcrger ״Tagblatt‘' aufschwingen ln Galizien wird eine Aktion zum Abschluß ßebracht, welche für die österreichischen Juden Verhäng* nisvoll werden kann, der polnisch-ruthcnischc Ausgleich. Er soll in einer L a n d t a g s w a h 1 r c f o r in seinen Ausdruck finden. Die Anzahl der ruthcnisclicu Mandate soll vermehrt w erden und für jedes Mandat, welches die Polen widerwillig eien Ruthcncn über• lassen, suchen sie sich an der! Juden schadlos zu halten; es ist ganz charakteristisch, daß jeder neue Entwurf w c n i g e r j ü d i 8 c h e Mandate Vorsicht, als der frühere. Zum Schlüsse ist man soweit ge• gangen, den Juden lediglich zwei bis drei Handel«, kainmcrmandate zu lassen. Nach ihrer Zahl gebühre« aber den Juden gegen 30 Mandate im galizisclte« Landtage. Diese Zahlen allein zeigen, welch gewalt* tätigen Raub die polnischen Machthaber verüben, z Um die zwölf Prozent Juden aus/uschalten, bedient man sich einer ganz primitiven Wahlgeometrie. Die städtischen Wahlkreise, in welchen die Juden kort»• pakte Gruppen bilden, werden zerrissen und die «in• zclnen Teile mit IXirlgcmeiitden zusammengespaunt, die mitunter mehr als «ine Tagcsrcisc entfernt «Inei, Durch diese Umtriebe werden die Juden nicht nur