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Jüdische Rundschau · 1913-11-21 · Heft 47 (21.11.1913) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 47 (21.11.1913)
Date
1913-11-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 506 j U' E D i S C H E R UNÜSCTH A'IX politisch entrechtet, sondern auch in ihrer ohnehin geschwächten wirtschaftlichen Position aufs ärgste bedroht. In keinem Lande beeinflussen die politischen Machthaber so skrupellos das Wirtschaftsleben, als gerade in Galizien. Die vielen Notstandsgelder und Kredite, welche Oesterreich dem Krönlande Galizien zuwendet, werden von den politischen Stellen aus verteilt. Die finanziellen Landesinstitute, die staatlich subventionierten Genossenschaften, alles befindet sich in Händen von politischen Parteien. Wurden die Juden bisher oft übergangen, so kann man sich leicht vorsteilen, da» sie als politisch Entrechtete in Zukunft überhaupt keine Berücksichtigung finden werden. JUGEND-BEWEGUNG Der ״Berliner Börsen-Courier“ hat am 16. November in erfreulich energischer Weise gegen die antisemitischen Tendenzen im ״Wandervogel" Stellung genommen und eine Reihe von Einsendüngen abgedruckt, denen wir die folgende treffende Aeußerung entnehmen: ״Die Wandervögel haben ihr antisemitisches Herz entdeckt. In der soeben erschienenen Streitschrift ״Deutsch oder national!“ behandeln ihre Führer die Judenfrage allgemein und im besonderen ihre Lk•- acutung für die Wandervögel. Der Anlafi zur Veröffentlichung der Broschüre interessiert nicht. Es genügt zu wissen, da» die ״Führer“ -- also Männer, die einen grollen und nicht den schlechtesten Teil der deutschen Jugend in ihrem Denken und Fühlen beeinflussen — reinliche Scheidung zwischen Jude und Arier verlangen. Der Wandervogel hat es aber bei dieser objektiven Fest- Stellung nicht bewenden lassen, sondern in unglauhliebster Weise die jüdische Ehre in den Kot gezerrt. Der Herausgeber erhofft von dem Pamphlet, dal! cs zur Stunde des Erwachens seinen Teil beitrageil werde. Wir teilen diese Hoffnung. In Zukunft wird man nicht mehr die Notwendigkeit jüdischer Turn-, Sport- und Wanderbünde bestreiten können. Ein Jude, der sich jetzt noch im Wandervogel anzubiedern sucht, der diesen ״lebenstrotzenden*‘ Körper ״vergiften" will, ist verächtlich. Wir wollen die Beschimpfungen nicht mit gleicher Münze erwidern; die Antwort aut sie wird sein, die jüdische Turn- und Sportbewegung immer intensiver auszugcstalten. Die grollen Erfolge, die hier erreicht sind, werden zwar von den Antisemiten weislich totgeschwiegen, denn zu ihrer Konstruktion des servilen Hebräers paflt der Jude nicht, der seines Leibes froh ist und sich nach frischer Luft sehnt; aber nicht um die Anerkennung dieser Leute buhlen wir. Wenn die Lektüre der Schrift den Erfolg hat, die Halben und Leisetreter aufzurüttebi, dann können auch wir sagen; ״Heil dem Wandervogel, der so unverhofft gute Frucht bringt.“ Dr. FritzSchwab e“. * Berlin. Am Montag, den 17. d. M. fand im Saal des ,,Logenhauses" ein Vortrags- und Elternabend des Jüdischen Wanderbundes ״Blau-Weiß" statt, der von etwa zweihundert Personen besucht war. Der erste Redner, Herr Referendar Marcus, Breslau, schilderte eingehend die einzelnen Gruppen in der deutschen Jugendbewegung־ und begründete die Stellung der jüdischen Waiuierbündc. l)ie jüdischen Wanderbünde leimen im Gegensatz zu den ״Jugendwehren“ alles Militärische ab; sie führen nicht wie diese die Jugend zu Marsch- und Kriegsspicl, sondern gleich dem Wandervogel zu Wanderung und Naturgenull. Als zweiter Redner schilderte Herr cand. jur. Karl Glas c r - Berlin die Entwicklung des Wandervogels, die naturgemäß zum Ausschluß der Juden aus «fieser Organisation führen mußte. Gerade die Betonung deutschen Empfindens, die Pflege deutscher Volkslieder und oft verschollener Bräuche mußten ehrlich Empfindende auf beiden Seiten darüber belehren, daß die Kluft zwischen Christen und Juden im Wandervogel am wenigsten übcrbrückbar ist. Das letzte Heft der Wandervogel- Führerzeitung hat bewiesen, welche Tendenzen heute im Wandervogel am Werk sind. Für den Anständigen gibt cs nur «ine Lösung: reinliche Scheidung. Die Lücke, die entsteht wollen die jüdischen Wand erbündc ausfüllcn. Wie die Wandervögel stark im Deutschtum, so sollen die jüdischen Wanderer stark im Judentum werden. Nachdem einige Anfragen der Eltern beantwortet worden waren, ging Herr Refr. Marcus kurz aut die Frage des Mäachcnwandcrns ein. Eine ganze Anzahl von filtern meldeten schließlich ihre Kinder für den Jüdischen Wanderbund ״Blau-Weiß“ an 11 ml stellten ihren Beitritt als Mitglieder des Vereins in Aussicht. Halberstadt. In einer überaus stark besuchten außerordentlichen Gcneralvcrsamm- 111 n g beschäftigte sich der hiesige J u g e 11 d v e r c i 11 (Bercnd-Lclimann-Vercin), der etwa 170 Mitglieder zählt, mit dem Anträge auf Austritt des Vereins aus dem Verbände der jüdischen Jugendvereine [knitschlands. In den Kreisen der Mitglieder herrscht seit langer Zeit infolge der wiederholten Ncutralitäts-Vcrletzungen (Richtlinienfrage, Turnartikel etc.), eine starke Mißstimmung gegen den Verband, die sich durch den bekannten Beschluß der letzten Delegierten- Versammlung in der 'Zentralvcrcins-Angelegenheit noch bedeutend gesteigert hatte. Nach anderthalbstündiger Diskussion beschloß die ,;General-Versammlung , mit allen gegen zwei Stimmen den Austritt aus dem Verband. pyrltz. Im ״jüdischen jugendbund" sprach Herr Dr. Baer-Sieitiii über ״Eine Frühjahrsrcise nach Palästina“. Der Vortrag und die vom Vortragenden gezeigten Lichtbilder haben manches Mißverständnis über den Zionismus beseitigt; für die Jemeniten wurde gesammelt. ׳ . TORI und SPORT ln der letzten Nummer der ״Deutschen Turnzeitung", des offiziellen Organs der ״Deutschen Turner* schaft“, finden wir eine spaltenlange, durchaus sachliehe und instruktive Besprechung des gegenwärtigen Standes der Jüdischen Turnerschaft. Der Verfasser entnimmt sein Material der Kongreßnurnnier der ״Jüdischen Monatshefte für Turnen und Sport“, die einem jeden, dem es um eine Information über Wesen, Wege und Ziele der Turnerschaft zu tun ist, empfohlen sei. Das Heft ist zum Preise von 35 PI. durch die Expedition der ״Monatshefte“, Charlottenbürg, Bleibtreustr. 25, zu beziehen, Der jüdische Turnverein Bar Kochba eröffnet am 1. Dezember seine neue Abteilung für Damen, ■die an jedem Montag Nachmittag in (der Tumhalle am Schlcsvviger Ufer 1*1 turnen wird. Es findet zu diesem Zwecke ein Propaganda-Schauturnen der Dainenabtcilungcn am 2*1. November am Schleswigcr Ufer H statt, zu welchem Giiste willkommen sind. Adressen für die neue Abteilung sind dem Bureau, Bleibtreustr. 25, zu melden. * Breslau. Im ״Jüdischen Turnverein" sprach Herr Dr, H a c r-Stettin über ״Der Wert des jüdischcn Turnens". Der Vortragende zeigte, wie sich das jüdische Turnen und Wandern in die Strömungen unserer Zeit einstellt. Königsberg i, Pr, Das am Sonntag, dem 16. November, abgelialtcnc Turnfest des Turn- und Sportvereins Königsberg i. Pr.“ (im Vcrbandc der Jüdischen Turnerschaft) legte wiederum beredtestes Zeugnis ab für die ständig wachsende Beliebtheit, deren sich der junge Verein in der hiesigen jüdischen Bürgerschaft erfreut. Die Festräumc waren von einer dicht gedrängten Menge erfüllt. Weit über •100 Eintrittskarten wurden verausgabt, und dennoch vvar die Zahl derer nicht gering, die keinen Einlaß mehr finden konnten, Mit turnerischer Pünktlichkeit wurde das Fest durch eine Anspräche des Vorsitzenden cand, mcd. Rosenbaum eröffnet. Ein kurzes Lied leitete zu den turnerischen Vorführungen über, die ein überzeugendes, ttnpoliierendes Bild der Vereinsarbeit boten. — Einen Gruß aus dem Lande, dem alle unsere Arbeit liier letzten Endes ausschließlich gilt, bedeuteten die glänzenden Lichtbilder nach Aufnahmen von der I. Palästina Wanderfahrt, die im vergangenen Frühjalir eine Schar junger Studenten und Turner mit dem Rucksack auf dem Rücken unternommen hat. Die ganze Schönheit unseres Heimatlandes wurde vor uns erschlossen. Und dann zum Schluß, ein Symho! des *ncuerwachten nationalen jüdischen Lebens in Palästina, erschien ein Bild vom Turnfest in Rechoboth. Hier gewann es vollkommensten Ausdruck, was uns den ganzen Abend bewegte: Wohl gibt es auch hier jüdisches Turnen und jüdisches Leben; doch vollkommen ist es erst dort, wo sich über unserem eigenen Boden der palästinensische Himmel wölbt. Und als wäre in allen das gleiche Gefühl ausgelöst worden, erklang spontan das Hoffnungslied, das Lied der Hcimaissehnsucht die Hatikwah. — Von einem unterhaltenden Kabarett unterbrochen, hielt der Tanz Turner, Turnerinnen und Gäste noch lange zusammen. Die Zionistische Ortsgruppe Hamburg-Altona veranstaltet am Sonnabend, 29. November 9 Uhr, im großen Saale des Logenheims, Hartungstraße, ihren ersten Vortragsabend in diesem Winter. Herr Dr. Theodor Zlocisti wird über die von ihm ins Leben gerufene Palästina-Wanderfahrt der zionistischeu Studenten unter Vorführung von Lichtbildern berichten. — Am Dienstag, dem 25, November bcginnt unter Leitung der Herren Dr. Brünn und Assessor Dr. Zadik ein Kursus über ,,Die Grund lagen des Zionismus“. Für die zweite Hälfte des Winters ist ein Palästina-Kursus angekündigt, zu dem Anmeldungen schon jetzt angenommen werden. Gcschichtskursus. Am Dienstag, 1$, November, beginnt unter Leitung des Herrn Dr. phil. Max Sehlössinger ein von der Zionistischen Ortsgruppe I lamburg-Altona, dem jüdischen Turnverein Bar Kochba, der Frauoii-Vercinigung der Zionistischen Ortsgruppe Hamburg-Altona und dem Herzl-Club Hamburg gemeinschaftlich veranstalteter Geschichtekursus, der sich mit der Besprechung historisch wichtiger Teile der Bibel beschäftigen wird, Die Misrachi-Gruppe der Zionistischen Ortsgruppe Hamburg-Altona hielt im Logenheim ihre diesjährige ordentliche Generalversammlung ab. Bei den vorgenommenen Neuwahlen wurde der Vor- Nr. 41 sitzende TR. S. Möllereinstimmig per Akklamation wicdergesvählt,'1 ebensd die übrigen .drei Vorstandsmitglieder, die 'Herren Emil t f.' Lippstadt, Hermann Warixdt' und ' Jacob Hertz, während füi* die infolge Verheiratung aus dem Vorstand ausgeschiedene Frau Lrlanger-Wolff ■tri. M..• Bing neugewählt , wurde. Jüdischer Turnverein Bar k chba. Am 4. November fand im Logcuhcim eine außerordentlich gut besuchte Mitglieder Versammlung statt. .Zugunsten des weiteren Aushaues der sportlichen Betätigung wurde eine'' Erhöhung des Mitgliederbcitrages 'iast einstimmig angenommen und besonders mit Rucksicht aut die jüngsten . aitiisemitischen ,Manjfcstatioiicn der deutschen Wandervogel-Organisationen' die Gründung einer selbständigen’ jüdischen Wändcrabtcilting nach dem Beispiel des Wiener und tf.-rliuer Blaii-Weiß-Waiulcrbuudcs angesetvt. Die Gesellschaft zur Verbreitung jüdischer Literaturwerke hielt am <i. November Ihre General- Versammlung ab. Die Herren Dr. Chwolles, Lej>- pokl Landau, Zahnarzt Alfred Unna und H, Minden wurden zu Vorstandsmitgliedern gewählt. Altana. Emanzipationsfeier, Zur Erinnerung an die irn Jahre ISO! erfolgte Emanzipation der Juden Schleswig-Holsteins wurde am Mittwoch, IQ. November eine Feier von der Gemeinde Alton» und dem Verbände der jüdischen Gemeinden Schleswig- Holsteins veranstaltet. Abends 6 Uhr sprach Herr Rechtsanwalt und Notar Dr. Victor-Wandsbek im .,Kaiserhof“ über ״Die Emanzipation der Juden Holsteins“. Wandsbek. Jüdischer Gemeindeverein. Im Frühjahr ist ein jüdischer Gcmcindcvcrcin für Wandshek und Umgegend gegründet worden, der den Zweck hat, die jüdische Wissenschaft und Literatur unter seinen ,Mitgliedern zu verbreiten und die Geselligkeit zu pflegen. Der Verein, der bereits über 120 Mitglieder zählt, hat im Sommer einen interessanten Vortragsabend und einen sehr gelungenen Ausflug veranstaltet. Am 25. Oktober fand ein Simchath-Torah-Vergmigcn statt, das äußerst zahlreich besucht war. Satztingsgemäß hat im Winterhalbjahr allmonatlich eine Zusammenkunft der Mitglieder stattzufiiiden. Geplant sind Vorträge bekannter Personliclikeiten, ein Chanuka- und ein Purim-Fest. Dem Vorstande gehören an; Rechtsanwalt Dr. Victor, als Vorsitzender, Rabbiner Bamberger, als Stellvertretern der Vorsitzender, die Herren A. de Haas, W. Haller und H. Haller, sowie die Damen Frau Levison- Barmbeck und Fräulein H. Seligmann-Wandsbek. AUS DEN GEMEINDEN Berlin. Der ״Jüdische Verein Nordost“ veranstaltct am 25. November in den llnionfestsälen, Greifswaldcr Str. 222, eine Versammlung; in der I >ir. Lichtenstein, Dr. Klee u. a. über ״Die bevorstehenden Repräsentant en wählen“ spredien wird. ■ , Berlin. Der auf der Hamburger Tagung am 0. November gewählte Ausschuß des Verbandes der d e u t s c 11 c n, J 11 d c n hat unsern Gesinnung!*- genossen, Herrn Rechtsanwalt Dr. Klee, Berlin, kooptiert. Berlin. Für den 17. November hatte der Neue jüdische G e m e in d e v e re i n eine Vcrsammiung einberufen, die zu den bevorstehenden Wahlen in der Berliner Gemeinde Stellung nehmen sollte. Vor einem überaus zahlreichen Publikum sprachen, mit lautem, manchmal enthusiastischem Beifall begrüßt, Dr. Zwirn, Dr. Witkowsky, Dr. Klee und Direktor Lichten stein. Die Redner wiesen auf das unerhörte Vorgehen der IXiisburgcr Liberalen gegen die Ausländer hin; die Berliner Liberalen und ihre großen Organisationen hätten noch keine Hand gerührt, 11 tn die Urheber der Duisburger Vorfälle abzuschüttcln. Wer aber zu solchen Dingen schweige, der mache sich mitschuldig. Und da das kein Zufall sei, sondern die notwendige historische Lnt- Wicklung des ״liberalen“ Gedankens, so helfe hier kein halbes Mittel: reinliche Scheidung und selbständiges Vorgehen müsse unser Programm sein. Viel sei bereits aucli in Berlin erreicht: der Arbeit der Redner und ihrer Freunde sei cs zu verdanken, daß die Liberalen sich verpflichtet hätten, in der nachsten Session das Verhältniswahlrecht durchzuführen. Unter diesen Umständen habe die bevorstenende Wahl für uns kein Interesse. Unter der Herrschaft des bisher bestehenden eienden Wahlrechts könne die Stimme des Volkes doch nicht dtirchdringen gegen die Stimmen der Klique; da das neue, gute Waldrecht vor der Tür sei, könne es für diese letzten Wahlen nach dem alten System nur die Parole geben: Wahlenthaltung! Kein Mann gehe an die Urne! Wenn aber unsere Stunde da sein wird, werden wir auf dem Platze sein. — Die Vcrsammlung nahm diese Losung mit großem Beifall auf; die bewußt jüdischen Berliner Wähler werden eine Probe ihrer IRsziplin und politischen Reife ablegcn, und sic werden diese Probe bestellen. Hannover. Am 23, November begeht das jüdische Töchterpensionat von Fräulein Jenny Leitmann, Hannover, Rumanstraße 3, den Tag seines 25 jährigen Bestehens. Das Institut, dem gleichzeitig eine staatlich konzessionierte Höhere Töchterschule!״gegliedert ist, hat sieh in der langen Zeit seine* Wirkens überall viele Freunde erworben.

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