Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1913)
- Date
- 1913-11-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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t JUEDiSCHE RUNDSCHAU Nr. 4 7־ Seit«504 ״׳ Jenes .Schlagwort. ln der folgenden Zeit kam ich jedoch y.u der Ueber/eugung, daß darin etwas Wahres steckte. Die Juden des flachen Landes haben eigentlieh fast nur rein Vitale Interessen. Viele pflegen dabei wohl nach in beharrlicher Pietät eine gewisse Tradition, manche besitzen auch noch ein jüdisches Gefühlsleben, das aber nicht sehr gelautert ist. Und vor allem, trotzdem viele sich /.uin Zcniralvereln bekennen,' stecken sie antisemitische Anpöbeleieu!4cmachlich ein. Ein aufrechter Stolz fehlt ihnen, lind ebensowenig kennen die meisten von ihnen ein Sireben nieli Höherem und ein /ic!bewußtes Rollen außer der Erfüllung der Berufspflichteu. Alle Erziehungsarbeit hat hier ci11/11sct/cn. Es heißt vorläufig keinen Barteigeist zu /üchten, sondern Mensrhen mit guten :Qualitäten heran/uhihlen. .Man miilS sie zunächst für den Zionismus er/ieheu, che man sie i in Zionismus er/iehen kann. Und deshalb wäre es meiner Ansicht nach das Verkehrteste, das zu tun, was Herr G. St. vorschlägt. Wir müsse» 1ms hüten, mit Organisationen verwechselt /u «erden, die rein philanthropischen Zwecken dienen. Ich Ihn der Ansicht, die Leute werden schon Gehl geben, wenn sie erst begeisterte Anhänger unserer Idee geworden sind. Der Zionismus ist eine Lebensanschauung, der Ausdruck des Stechens nach IVrsönliehkeitswerten für den ein/elncn von uns. Das mulS die Grundlage allen Werben# sein. Und *las wird nicht erreicht durch Anfstcllen von Nationalfomls-Büeliseii. Es handelt sieh vielmehr um eine gan/e innere Umwandlung der Menschen. So traurig es ist, die ist bei der älteren Generation nicht mehr zu erzielen. Alle Arbeit bat daher bei den Jung e n einzusetzen. Wir müssen zunächst mit allen Kräften auf eine Besserung des Unterrichtes in,den Schule!» auf einer bewußt jüdischen Grundlage hitiarbeitcii, die Kinder mil einem frischen lebendigen Judentum erfüllen, das ihnen als Selbstverständlichkeit erscheint J und nicht wie ein Prunkstück, das man mir bei feierlichen Gelegenheiten enthüllt, so wie sie heute etwa am Simdias - Thorah eine schwär/. ־ weiß - rote Eulme in der Synagoge flattern lassen, um nachher die redlich verdienten Süßigkeiten eiii/uheiiuscii. Ls ergibt »ich für uns noch mehr als bis jetzt *las Lostulat des bedingungslosen Eintretens für die j ü d i s c li e Volksschule. Und nach der Entlassung aus der Schule darf nicht wie bisher wieder alles stagnieren. Eine konsv1|uentv Fortsetzung des in der Schule Begonnenen muß folgen, Die Lehr• und Wamlerjahre müssen aiisgciuit/t werden. Wir müssen die Einrichtung von obligatorischen L o r t b i l - d 1111 g s k u r s e n anstreben. Und auch hier er- J wachst dein jüdischen Lehrer, der es ernst nimmt• , mit der Erziehung der Jugend, eine große, schöne Aufgabe. Immer das eine Ziel muß er im Auge haben: Persönlichkeiten, jüdische Persönlichkeiten heran/ubilden. Die Form muß wohl eine andere sein, als in der Schule. Leute von Fach werden da schon einen geeigneten Weg finden. Einen wesen», liehen Vorteil wird man /. B. stiften können, indem man die Gelegenheit ergreift, in diesen Kursen der ■ Landflucht׳ zu steuern, indem man Liebe zum jiidisehen Gcincindclcbcu erweckt. Die Ausbildung darf keine einseitige sein, sondern eine möglichst ailgemeine. Vor allem Wert zu legen ist auf eine gesurnle moralische Erziehung, daneben ist profane Wissenschaft zu treiben, vor allem aber auch jüdische Geschichte und Literatur und hebräische Sprache. Und die körperliche E r t ü c b t i g u n g ist keineswegs zu vernachlässigen; Wandern, Sport und Turnen müssen auch hier zu ihren! Re eilte kommen. Ich möchte in diesem Zusammenhang einen Vorschlag des Herrn G. St. variieren. Er betrifft die Betätigung der jüdischen Studenten. Viele von ihnen stammen vom Lande oder von der Kleinstadt und verbringen ihre Ferien, die im Sommer ein Vierteljahr währen, zu Hause. Diese Zeit sollet! sie benützen, um sich diesen Aufgaben zu widmen, dem Lehrer mit Rat und Tat an die Fl and zu gehen und dem Geist der Organisation, den sie in der Universitätsstadt kennen lernten, auch hier eine Stätte zu schaffen. So werden sie ihr Teil dazu beitragen, daß die nächste Generation der jungen Juden draußen auf dem Lande eine aufrechte werde, die dann gern, so wie heute in der Stadt viele ihrer Altersgenossen, zu den größten Opfern materieller und ideeller Art für ihr Judentum bereit ist. Nur zielbewußte, systematische Erziehungsarbeit kann das erreichen, nicht ein einmaliger Propagandavurtrag, bei dem man wohl einige Groschen ein- ׳ heimsen kann, dessen Wirkung aber *erklingt, sobald der Redner verschwunden ist. Die zionistische Organisation als solche kann hierzu sein׳ viel tun, ihre Aufgabe wird es sein, Mittel und Wege zu finden und Direktiven zu geben, um die jüdische Jugend auf dem Lande für den Willen zum Judentum zu erziehen. j, p. Von. der Sitnultanschule Fine Korrespondenz, aus N e u nt a r k in Westpreußen besagt: ״Bei der kürzlich hier statigefundenen Revision der städtischen Volksschulen durch den Königlichen Regierungs- Inul Schulrat aus Marietnverder wurde dem an der hiesigen evangelischen Volksschule!111gestellten jüdischen Lehrer Asch von dem Herrn Schulrat, nachdem er sich über dessen Unterricht sehr lobend ausgesprochen hatte, eröffnet, daß er einer ministeriellen Anweisung zufolge, den Unterrieht in Geschichte und Deutsch nicht mehr erteilen dürfe. Herr Lehrer Asch wirkte hier seit 27 Jahren als jüdischer Lehrer;111 der evangelischen Volksschule, ist ebensolange als Religioiislenrer am Königlichen Gymnasium und an den höheren Miidchenseliiilcii tätig; er erfreut sieb der höchsten Achtung bei seiner Behörde, Kollegen und Mit• bürgern und großer Beliebtheit bei *len Schülern, die mit wahrer Verehrung an ihm Ilängen. Außerdem ist er langjähriger Vorsitzender des Turn ver- *■ins, langjähriger Schriftführer des Kriegervereins und vivier anderer p'driote,eilen Vereine, aller den Unterricht in Geschichte und Deiilsch darf er aut Anordnung des Ministers nicht mehr erteilen!" Nicht wahr, ein Ideal, diese ״Siuuiltauseiuilv“? Ware es nicht doeli besser gewesen, die Lehrer hätten dem D. I. G. H. gegenüber standgehalten! Man möchte fast wünschen, der schien« ig-holsteiiiische (ieineiinleiivci'luiiul zöge seinen Antrag auch /uniik, *lall die jüdisch*׳ Sclndfragc auf dein Ge• meimletag besprochen werde. Da die Lehrer seihst ihre Sache im Stich lassen, kann sie ein anderer nicht gut weiter führen. * Man berichtet uns aus Königsberg i. Pr.: Der Ausschuß des <) s t p r e 11 ß i s e 11 e 11 Synagogen- Verbandes hat in seiner Sitzung am 10. d, Mts. zur Angelegenheit der jüdischen Volksschulen nach einem Referat des Herrn Waisvnhaiisdirektor Leritz folgenden Be sch Dili gefallt: ,,Der Ausschuß des Verbandes der Synagogen-Gemeimlen Ostpreußens erklärt sieh mit der Absetzung der Frage der jiidisc) .11 Volksschule von der Tagesordnung des LI. Deutschisraelitischen Gciucimletagcs im Interesse weiterer Klärung und ruhiger Ik'liaiulhing der Angelegenheit einverstanden. Der Ausschuß erwartet aber, daß der I). J. U. B. etwaige Antra;;*׳ von Verluiudsgemeimlen auf Unterstützung hei Errichtung jüdischer Volksschulen an ihren Orten berücksichtigen wird." -׳- Kriminalität und Konfession Um über die Beziehungen zwischen Religions- Bekenntnis mul Kriminalität rein zahlenmäßig ein Bild zu gewinnen, hat das Preußische Statistische Landes-;um zum erstenmal eine A »1 s z ä 1111111 g d e r s t r a f - 111 ii n *I i g e n 15 e Völker 1111 g Pr e 11 ß cns, also der Personen, die das zwölfte Lebensjahr vollendet haben, nach dem Religionsbekenntnis vorgenommen, und zwar nach dem Stande der Volkszählung vom 1. Dezember BMO. Das Statistische Laiidesamt ver- Gf feilt Ficht darüber in seiner statistischen Korresponden/ eine Reihe interessanter Einzelheiten, denen wir folgendes entnehmen: Ls wurden im Jahre 1*110 wegen Verbrechen und Vergehen gegen die Reichsgesetze rechtskräftig verurteilt; von je 100000 ttr»lmß1>di(;»n Zlvilpeoonen christlichen iickenninltiei und iwir jüdl• ״ן,. Proviri Aber. haupi «vangetisch«« ksiho• llschen 10n»llg. Christliehen »eben BekenntnHsts ins- K« samt Ostpreußen . I486 1 518 1371 220 1 1536 1 491 Westprtußen 1 445 1 243 1 061 253 1 021 1451 Stadtkr.Berlin 1 007 1 049 1970 700 1 308 1 053 Brandenburg 1077 1 035 600 נ 512 72« 1072 Pommern , . 1 110 1098 1754 370 1*214 1 119 Posen .... 1848 972 1531 146 880 1348 Schlesien . . 2־147 998 1841 1808 1402 1 474 \ Sachsen . , . Schleswig- 933 916 1 171 604 1 170 934 Holstein 1082 1025 2 838 421 1 409 1084 Hannover , . 952 010 1200 413 167 נ 956 Westfalen , . 1 125 1 095 1161 ־633 1412 1127 Hess.-Nassau 935 861 1161 600 781 931 Rhein provinz Hohenzoll. 1235 1 129 1288 654 1881 1237 Lande 480 1 122 445 — — 477 m Staate 1214 1094 1443 501 1 128 1 215 Nach dieser Statistik weisen im Gesamtstaat Preußen die Katholiken die ungünstigste Kriminalität auf; ihnen folgen die Juden mit niedrigerer Knminalitätsziffer als die Gesamtheit der Christen, aber, etwas höherer als die evangelischen. Nächst den ,,sonstigen" Christen tritt die geringste Krimi- 1 nalität hervor in Berlin sowie in den Provinzen Ost- und Westpreußen, Brandenburg, Posen und Hessen-Nassau bei den J u d e u , dagegen in Pommeru, Sachsen, Schleswig-Holstein, Hannover, Westfaleu und Rheinland, also hei den meisten westlichen Provinzen, bei den Evangelischen. Die׳ höchste Kriminalität finden wir in Ostpreußen und' Hohenzollern bei den Evangelischen, in Sachsen, j Westfalen mul Rheinland hei den Juden, in den übri- 1 gen Laink'stcilcn hei den Katholiken. Im großen und ganzen sind die Abweichungen in der Kriminalität der Evangelischen und Katholiken des gleichen Landesteiles nicht sehr beträchtlich. Vergleicht man auch noch die jüdische Kriminalität mit der christlichen überhaupt, so überwiegen die Ziffern *ier Juden, abgesehen von Pommern, im Westen der Monarchie, während im Osten das umgckehrte Verhältnis sich zeigt. Innerhalb der Rcligionsgruppcu finden wir die höchste Kriminalität bei den E v a n g e l i - sehen wie auch hei den Christen überhaupt und bei den S t r a f tu ü n d i g e n insgesamt in Berlin, bei den Katholiken mit der überhaupt höchsten Straf/if.er in Schleswig-Holstein, wo bereits auf '15 katholische Strafmündige eine Verurteilung entfiel, bei den Juden gleichfalls in Schleswig- I lotstein. I >ie niedrigste n Ziffern dagegen zeigen sieh bei den Evangelischen in Hessen-Nassau, bei *Jen Katholiken in Hohenzollern und Hessen-Nassau und bei den Juden, von I fohenzöllern abgesehen, in Braudenburg uml demnächst mit fast gleicher Ziffer in Hessen-Nassau. »* Zur Ergänzung und richtigen Beurteil.mg dieser Zahlen schreibt uns da- ,,Bureau für Statistik der Juden" in Berlin: Die Ziffern *Ier gesamten Kriminalität können ein richtiges Bild von dein Anteil der Konfessionen am Verbreche 11 nicht geben. Hierzu wäre es vielmehr notig, die Zahlen für die einzelnen Delikte zu berücksichtigen. Aus ihnen ergibt sich z. B. ohne weiteres, aus welchem Grunde die Gesaintkriminalitäts/iffer der Juden höher ist als die der Evangelischen. Ls wurden nämlich wegen der verschiedenen Vergehen gegen die Gcvv e r b e o r d n 1t 11 g von je ,100000 straf mündigen Zivilpersonen bestraft: Evangelische 00 Katholiken 02 Sonstige Christen 62 Julien 288 Bringt man diese Zahlen von den Gesamtzahlen in Abzug, so ändert sieh das Bild vollständig und die Kriminalität der Juden weist die niedrigste Ziffer auf (mit Ausnahme der ,,Sonstigen Christen"). - Daß die Juden aber an jenen Gcwerbevergchcn so unverhältnismäßig stark beteiligt sind, ist die notwendige Folge ihrer Berufsgliederung, die von derjenigen der christlichen Bevölkerung insbesondere darin abweicht, *laß die Juden im Handelsstande viel zahlreicher vertreten sind als die Christen, Line eingehendere I)arstcliung *Ier Kriminalität der Juden in Preußen für das Jahr PBO findet sich bereits in der ״Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden" (Juni H)Ki) Das französische ״Protektorat“ im nahen Osten Lin Rundschreiben des französischen Marineinuiisters über die Frage der Aufreehterhaltung des französischen Einflusses in der Levante gibt einem großen Pariser Blatte Anlaß zu einer historischen Betrachtung, die auch für uns des Interesses nicht entbehrt. Der Einfluß Lrnnkrcidis in der Levante war im eisten Drittel des 18. Jahrhunderts am größten. Katholiken, Orthodoxe und Armenier, Italiener, Spanier, Deutsche, Slawen stellten sh 11 unter fr.in/ösiscaeii Schutz. Und dieses Protektorat erstreikte sich nun Athos bis ziiiii Sinai, über Kleiuasien, Georgien, Kaukasien, Persien, Serien, Drusien, Tripolis, Tunis mul!Marokko. Auch die Juden standen unter fr.m/osi- Sehern Schutz; mau verw andte sie in politischen und Handelsgeschäften. Bei öffentlichen Aufzugen waren sie befugt, sich den französischen Staatsangehörigen anzuschließen, allerdings als letzte im Zuge. In den Zeiten schwacher Regierungen im 18. Jahr- IHindert schwand dann diese Bedeutung Frankreichs, und in der Jakobinerzeit versagten mehrere Iranzösisehe Konsuln katholischen Hilfesuchenden ihren Schutz. So nahmen Spanien, Oesterreich und Neapel allmählich den Platz Frankreichs ein. Aber auch die republikanische Regierung sah bald die Bedeutung solcher ,,ScluitzgeWährung" ein, und als der König von Spanien die formelle lieberlassung dieser französischen Vorrechte wünschte, gab ihm das Direktorium eine deutliche Absage. ״Die angeführten Gründe für diese Ueberiassung sind nur Vorwände. Der wahre, aber nicht ausgesprochene Grund ist, daß Spanien all die politischen und kominerziellen Vorteile cinlieimscn will, 'die notwendigerweise aus dem Schutz und der Hille folgen, welche die Christen der Levante zu allen Zeiten und unter allen Umstanden von der französischen Regierung durch den unmittelbaren Einfluß ihrer Vertreter itt Konstantinopel empfangen ... Oer Schutz, den Frank* reich den kirchlichen Niederlassungen in der Levantc angedeihen läßt, ist durch unzählige Fäden I mit unserem Handel und sogar mit unserer Diplo-! m.-itic im türkischen ,fehlte verknöpft,.. Da* Pi-