Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1913)
- Date
- 1913-11-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite *02 JUEDISCH - RUNDSCHAU Nr, 47 ׳ ' Dcg TecfüiUcum lau j*clcf»cntlieher Mitarbeiter stellt uns den Text eines (1 e s p r ii c 11 e s /ur Verfügung, das er nach der Sitzung des Kuratoriums, die iibt-r die Unterrichts■ spräche entschied, mit Herrn l)r. Schmarjn Lev in hatte, Lr stellte Herrn l)r. Levili folgende Frage: ״Warum bestellen Sie für die Institute mtf dem 1 let)rätselten als ausschließlicher Unterrichtssprache?" Herr l)r, Levili antwortete: Schon aus der Formulierung Ihrer Frage sehe ich, daß Sie falsch unterrichtet sind. Sie ist Ihnen von den Gegnern des IIchriiischcii suggeriert, die durch einen geschickten Sdiacli/ug unsere l־'<>rdcrungcii absichtlich radikaler darstcllcn, als cs der Wahrheit entspricht, um sie leichter widerlegen zu können. Wir stellten in Wahrheit zwei Anträge, getrennt und verschieden, dem Charakter der beiden zu errichtenden Schulen entsprechend. Es handelt sich zuerst um eine vorbereitende netmklassiRe Mittelschule (sieben Klassen mit zwei anschließenden Real• sclmlklasscn) und um ein technisches Institut. Für das eigentliche technische Institut beantragten wir, da wir auf diesem Gebiete noch keine Erfahrung Italien und da auch wir es nicht den Zufälligkeiten des Experiments ausset/en wollten: ״Die d e ti t ■ sehe■ Sprache wird als Unterrichtssprache cingefiliert. Ein Eaelt oder einige obligatorische und allgciiiein-wisseiisdiaftliche Fächer aber werden in hebräischer Sprache unterrichtet." Sie selten also, wie seltr Sie irregefiihrt worden sind, und wie ganzheit unbegründet die Behauptung ist, daß wir uns tun den Anschluß an die europäische Kultur gar nicht kümmerten. An der Mittelschule stehen die Sachen ganz anders. Gerade, weil wir nicht auf Vereins- oder Parleipolitik angewiesen sind, weil wir Palästina als ein lebendiges Ganzes überblicken, sind wir vorurteilsfreier und ziehen ohne Angst die Konsequenzen aus dein, was in dem letzten Jahrzehnte im Lande geschaffen wurde und sieh behauptet. Die beiden hebräischen Gymnasien mit einem Lehrplan, der den der Mittelschule, der uns Vorgelegen hat, in vielen Beziehungen iiberlrifft, und das Leltrerinneiiseminar in Jaffa haben tiir jeden objektiv Urteilenden den schlagenden Beweis geliefert, daß die hebräische Sprache in ihrem gegenwärtigen Entwicklungszu- Stande - obgleich die Lehrbücher erst im Werden’ sind und nur allmählich erscheinen — doch schon vollkommen geeignet ist, als Unterrichtssprache für die Mittelschulbildung zu dienen. Wer das Schulwesen in Palästina nicht bloß vom grünen Tische aus oder nur von kurzen Reisen her oberflächlich und fliiehtig kennen gelernt hat, weiß, daß der Unterricht in den palästinensischen Schulen auch in den europäischen Sprachen große Schwierigkeiten bereitet. Ein europäisches Lehrbuch der Arithmetik, der Gcographic, der Geschichte, der Botanik, ein Lesebuch riiit Naturbeschreibungen, das sieh für eine preußische Provinz oder für ein russisches Gouvernement eignet, kann vom palästinensischen Kinde■ als Lehrstoff nicht immer leicht verarbeitet werden. Die unmittelbare Umgehung ist eine so ganz andere, die Natur, das Mtiiiz- und Gewichts wesen, kurz alle Verhältnisse, die, scheinbar unwichtig, doch die ganze Grundlage des Unterrichtes und damit der europäischen Lehrhüelter bilden, sind völlig verändert. Die Fach- Icute klagen auch immer darüber und verlangen attcli für den Unterricht in den europäischen Sprachen neue eigene Lehrbücher für Palästina, die bisher meines Wissens noch von niemandem geschaffen worden sind. Nicht nur in den genannten hebräischen Gyinitasien, sondern auch im Lehrerseminar des llilfs- Vereins der deutschen Juden in Jerusalem, wurden bereits vor sechs Jahren auch die meisten allgemein wissenschaftlichen Facher in hebräischer Sprache unterrielifet. Ich wohnte mehrmals dem Itebräiselten Unterrichte in Mathematik und Physik bei; und wenn mir der Lehrer gut vorbereitet war, tu achte ihm der Unterricht keine Schwierigkeiten. Dagegen Italic ich in der letzten Zeit denselben Unter* rieht in de tise Ilten Fächern und an denselben Schulen in deutscher Sprache naher betrachtet und den Eindruck gewonnen, daß es ״Zaar-baaledtajim" sei Tierquälerei. Der Schüler kann ja nicht zwei Muttersprachen halten; und neue Begriffe eignet er sich am leichtesten gerade in seiner Mutterspräche an. Da aber die deutsche oder die französische oder sonst eine fremde Sprache dein palästitiensischcn Schüler nie zur Muttersprache werden kann, weil das jüdische llatts und die jüdische Umgehtiug weder deutsch noch französisch noch englisch sind, so ergeben sieh die großen Schwierigkeiten des neuen Unterriehtssysteins in manchen Schulen, die die umgekehrte Entwicklung vorn hebräischen zum fremdsprachigen Unterricht ungestraft durchmachen zu können glauben. Wir müssen verstehen, daß das Wiederaufleben der hebräischen Sprache doch nicht von •außen ״gemacht" werden kann; sämtliche Lehrstühle für Itchräisehe Sprache und Literatur au allen europäischen Universitäten und orientalischen Seminaren dienen nur retrospektiver lieleuehttuig der .Vergangenheit, sie haben aber gar keine Bedeutung für die Perspektiven der Zukunft. Eine Sprache kann nur mit einem Volksleben erwachen und sich im Einklänge mit ihm weiter entwickeln. Es ist tmpiidagogisch und unwissenschaftlich, die Sprache •anders betrachten zu wollen, denn als etwas Organisches, dem Lehen Entspringendes, Lebendiges. Die• Diaspora hätte das unerhörte und ungeahnte Aufblühen der hebräischen Sprache als Umgangs- und Muttersprache nie erzeugen können, und wenn sie die Zahl der Millionen, die sie für die Erhaltung des Hebräischen verwendet, vervielfacht hätte. Nur mit der Entstehung des jüdischen Bauern, des jüdischen Ackers, des jüdischen Weinberges, des Parties, des jüdischen Arbeiters und einer jungen Generation, die nicht nur in der Vcrgaugenheit hebräisch denkt, sondern in der Gegenwart hebräisch fühlt und sieh auslebt, ist dieser Aufschwung möglich geworden. Wir treiben doch keine kleinliche engherzige Politik. Wir sind auch Realpolitiker und ehren die Regel: Leiten und leben lassen. Wir wollen nicht etwas in seiner Entwicklung verhindern; wir wollen nur, daß inan uns, unser Ich, nicht erdrücke und in der Entwicklung störe. Man spricht von einzelnen Lehrfächern; nicht darauf kommt es an. Wir wollen keine I lerabsetzmig, keine Herabwürdigung. Wer die nacltbiblisclte hebräische Literatur mit ihren versdiicdeiicn Entwicklungsstufen kennt, muß zugeben, daß die jüdische Intelligenz immer und überall bis zu der letzten Epoche der Auflösung bemüht war, die Fahne des I lebraisimis hodi/iihalteii, Auf dem Gebiete der Dichtung und der verschiedenen Wissenschäften, sogar atteli auf dem der Mathematik und der Philosophie, hat sie Großartiges geleistet. Sie hat die Möglichkeiten eines künftigen Auflebens und Aufblühetis vorbereitet, hat einen unschätzbaren Reichtum für die künftigen <ieitcratinnen aufgespeichert. Und da die neuen Repräsentanten bedrohten Sceleuheit der Liberalen. ״Ja, um so größer ist ihre Befürchtung, als sie diese Entscheidung herheigeführt sahen durch Glauhensbrüder (l!> unter 32ü), die, einer ganz audem Umgehung entstammend, kein Urteil mul kein Verständnis haben können für die Probleme und Aufgaben, an deren Lösung unsre Gemeinde zu arbeiten hat . . Man muß die ganze Kruft des zionistischen Ideals in sich spüren, um sieh durch diesen Wust liimlurchzukämpfcn. Unser Freund Epstein hatte den Mut, den Kampf allein .ntfztiiK'hntert und überließ es andern', den ״Centralverein (lettischer Staatsbürger jüdischen Glaubens“, der ihnen als die zuständige Instanz, galt, um seine Meinung zu befragen. Diesen aber erteilte der Vorsitzende Justizrat Horwitz am 4. Januar 1913 einen ablehnenden Bescheid mit folgender Begründüng: ״Ein Verein wie der unsrige muß die Juden eine 11 und stets bemüht sein, alles T r e n 11 e tt d e innerhalb des Judentums zu beseitigen, ttnt nach außen hin energisch dazustehen.“ Das schrieb Herr Justizrat l lonvitz zu derselben Zeit, als er die anti/.ionistischc Kesolution des Ccntralvereins vorbereitete. Er weigert sich, ein halbes Dutzend von Leuten ab/nsciiüttcln, die das Judentum aufs Höchste gefährden und kompromittieren; im N a m e 11 d es Einh e 11 s g e d a 11 k e n s lehnt er es ab, die Itcdrängten zu beschützen, während er gleichzeitig zehntausend deutschen Juden in breitester Oeffentlichkcit den Vorwurf mangelnder Vaterlandsliebe cntgegenschlcudert. Offenbar fehlte ihm das Augenmaß für die Vorgänge des jiklisehen Lehens. (Es fehlt ihm sicher in diesen Tagen, da er die Protestaktion des ״Roiclisvereins deutscher Juden" gegen den Beilispro/eli öffentlich ziirückwcisen zu müssen glaubte). Von dem Centralvercin, dessen Vorsitzender Justizrat Horwitz ist, hat das in Duisburg beleidigte Judentum nichts zu erwarten. Bleibt also noch die ״Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland." Was gedenkt sie in dieser Angelegenheit zu tun? Ich erwarte natürlich von der ״Allgemeinen Zeitung des Judentums“ und ihrem Leiter, dem Geheimen Rat Geiger, keine Tat. Er hat noch vor kurzem die Glcichbcrechtigung der Ausländer in den Gemeinden — eine zionistische Utopie genannt. Es soll ihm nicht sein Gewohnheitsrecht verkümmert werden, den jüdischen Dingen etwas —- sagen wir -- weltfremd gegenüber zu stehen. Aber es gibt noch ein offizielles Blatt, ,,Das liberale Judentum". Dort wird gewöhnlich sehr viel Schönes von der Ethik des Judentumes erzählt. Herr Rabbiner Dr. Caesar Seligmann ist der Herausgeber. Wie sagte doch sein Kollege in Duisbürg? ״Zu einer sittlichen Gemeinschaft edelster Art ist die jüdische Gemeinschaft geworden." Herr Rabbiner Selignnann und seine Freunde von der sittlichen Gemeinschaft haben jetzt das Wort. W i r haben unsere Pflicht getan. Theodor Herzl Von Felix Salten*). In Ed lach, wo di« reine* Luft, die vom Schneeborg und von der Raxalpc niedenveht, sein müdgearbeitetes, wunügekranktes Herz nicht mehr erfrischen und nicht mehr heilen konnte, ist Theodor Herzl gestorben. Er war noch jung, -- erst vierundvierzig -- er war berühmt, war seiner Arbeit noch mit freudiger, blühender Kraft dahingegeben, war von hodifliegenden Plänen ganz erfüllt. Im Jahre 1895 hat Theodor Herzl, bis dahin als ein geistreicher, eleganter Schriftsteller ge-, schützt, den ״Judenstaat“ geschrieben, eine Itroschüre, die den Anstoß, zur neuert zionistischen Bewegung gab■ Die ungeheure Agitation, die sofort sich regte, zog Herzl mit in ihre Strömung, und er berauschte sich an dem größten Erlebnis, das einem Dichter ' beadiicdcn sein kann: die eigenen Oedanken *ich zur Wirklichkeit erheben sehen. Wir müssen es, wenn wir die sonderbare Doppclstdlung, die Herzl seit damals einnahm, begreifen wollen, ' ) Md freundlicher Bewilligung des Verlags S, rischer, Berlin, aut •dem neuesten Buche von S«J,tcn ,״Gestalten und Erscheinungen" entnemimen. nur von der künstlerischen Seile betrachten; Ein Schriftsteller, begabt mit einer des Aufschwungs fälligen Phantasie, mit eigem reichen, den Tragödien des Lehens zugewemteten Gemüt, ein Mann, dem die Zeitungsschreibern den Ehrgeiz nicht und nicht den holten Trieb der Seele zu stillen vermag, sinnt dem Schicksal des Judenvolkes nach, dem er seihst entstammt ist, dessen Leiden ihn gelegentlich ergreifen, dessen Fehler ihn empören, dessen Stellung ihn beschämt. Und nun mit dem Künstlerdrall״, jedem Geschehnis den tiefsten Sinn abzuliorcheit, fragt er sich eines Tages, zu welch einem Endzweck dies Volk wohl aufgespart sein mag, das, über den Erdball hin versprengt, uralten Fluch auf allen Wegen mit sieh zu schleppen scheint, dies Volk, das in Rußland vertiert, in Galizien verkommt, im westliclten Europa wirtschaftliche und geistige Wettkämpfe mit fabelhafter Kraft und mangelnder Besonnenheit ausführt, dies Volk, das auf ollen Schollen nach einer Heimat strebt und ringt, das überall den Feinden so viele Blößen bietet, und das mit all seinem Werben und Anschmiegen, mit all seinen Mühen und Mage« nur Verfolgung erntet. Und ihm werden tausendjährig« Verheißungen lebendig, Dtot Wort von dem Lande, das da verheißen wird, wacht aut mit dem gewaltigen vom Echo der Jahrtausende dröhnenden Donncrhall, Et ist nur erst ein Atelierträum, ein fünfter Akt, den ein Dichter zum ewigen Judendrama findet, eine künstlerische Wirkung, die sich ein Künstler aussümt: wie dieses Volk, gesammelt aus den fernsten Erden winkeln, herbeipilgert, wie die Nachfahren derer, die einst ihre Harfen hingen nn die Weiden zu Babylon, den Heimatboden betreten, um! wie der Jubel unermeßlich ist, wenn sie von den Höhen die Stadt vor sieh liegen selten: Gegrüßt seist du, Jerusalem! Dann aber kaut der Sturm, der sielt erhob, als der Künstler sein Märchen erzählt hatte. Dann kam, ungeahnt wahrscheinlich und tingehofft, die Be* geisterting. Sie brach wie Feuer aus, in England, in Deutschland, im dunkelsten Rußland, überall wo Juden lebten. Und was er in seinem Arbeitszhnmer geträumt, gesponnen, das kam jetzt als wirkliches, aufgewecktes!.eben an seine Tür. Wir dürfen nicht vergessen, daß es von ungezählten Dichtern nur den wenigsten, den auserlesensten begegnet, so tief, so aufwühlend, mit solcher Explosivgewalt im Leben zu wirken. Und hier vollzog sich der große Umschwung im Dasein Herzl*: Daß er die Literatur verließ, daß er dieses ganze papierne Ge-, tue, diese Sdireibtischexistcnz von sich abtat, und hinaustrat, um eine volle Wirklichkeit aus seinen Ge- danken zu Schmieden. Zur Literatur kehrt er nur wie zu einem alten, vormals geliebten Handwerk zurück, von dem er doch nicht völlig lassen möchte. Wohl auch au» Dankbarkeit, denn hier sprang ja der Quell, der ihr» mit einem solchen Strom glÜhender Pflichten überflutet hatte. Der Judenstaat, #