Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 46 j U L: DI :׳; c II K r; 1111![>$c IIA U Seite 493 in angesehenen Stellungen allerlei Liiizcläußcnmgeii, die Zionisten irgendwo oder irgendwann getan hatten Skurrilitäten aller Art, proplietischc Worte zwaimgl jähriger Studenten, die noch nicht einmal von ihren Kaineraden für ausgereift gehalten werden, in Massen mit vielem Fleiß Zusammentragen oder durch ergebene diensteifrige Seelen Zusammentragen liehen mul dann, gestützt auf solch ein erschütterndes Material, im Lande herutnreisten, um eine Bewegung wie den Zionismus zu diskreditieren. Und man »miß sich fragen: haben denn diese so liberale״ jüdischen Kreise, die sich auf ihre geistige Hochkultur so viel zugute tun, keine anderen Mittel, um sich gegen eine geistige Bewegung, die ihnen nicht paßt, zu wehren? Ist ihre Hilflosigkeit einem neue» starken Gedanken gegenüber so vollständig, daß sie schließlieh sogar nach solchen Mitteln greifen, denen eine ehrenvolle Stelle im Kladderadatsch sicher wäre, wenn einer sich beikommen ließe, sie im ernsten politischen Kampfe anzuwenden? Euch aber, unsere Freunde, fordere ich dringend auf, Euch in Zukunft durch keine Provokation, mag sie Euch auch aufs tiefste verwunden, mag Euch die gewissen Herren eigene, eiskalte, glatte, bered!• ncte Art auch bis aufs Blut reizen, zu lärmenden Protesten verleiten zu lassen. Ich habe in der genannten Königshcrgcr ZentralvcreinsversammUing in Gegenwart unserer Herren Gegner die zahlreich erscliiencncn Zionisten unter Hinweis auf die Ausnutzung solcher Szenen in gleicher Weise gewarnt, und der willkommene Stoff für gewisse Zeitungen blieb damals auch glücklicherweise aus. Sorgt dafür, daß in allen Versammlungen dieses Winters das gleiche der Fall ist. Wie sieh unsere Herren Gegner dann benehmen werden, das wollen wir abwarten. Das Urteil von Kiew Die ״rechtgläubigen“ Russen im Kiew er Cierichtssaal und in der russischen Presse haben eifrig an der Vorbereitung des Urteils gearbeitet. Dabei fanden sie an ihren ebenso rechtgläubigen Brüdern im Westen freundliche bereite Hilfe. Vor wenigen Tagen noch entdeckte eine Berliner Zeitung ein schweres Verdachtsmoment gegen Bcilis. Sic schrieb ■ ״Der Kicwer Ritualmordprozeß hat dank der jüdischen Presse die Aufmerksamkeit der weitesten ()Öffentlichkeit gefunden. Freilich hat sich dabei wieder ein mal die weltumspannende Macht des Ju• dentums gezeigt, da» keine Mittel gescheut hat, die öffentliche Meinung zu verwirren und irre zu führen. Ein gewisser S. J. B rasul- B r u s c h k o w s k i hat e:1 übernommen, in einer Flugschrift, betitelt ״Die Wahrheit über den Mord Jusclitschinski und den Prozeß lleilis“, die ״Ergehnisse“ seiner langwierigen und kostspieligen Untersucliungen darzulegcn. Das legt jedenfalls die Frage nahe, woher Herr Brasul-ßntsclikowski den Auftrag und das Geld hatte, diese Untersuchungen durchzuführen. Die Erklärung liegt darin, daß er im Solde der Alliance Israelite steht. Erwiesen ist diese Behauptung dadurch, daß der genannte Herr Korrespondent des Wiener H a u p t o r g a 11 s der Alliance Israelite, der ״Neuen Freien Presse“ ist. Man wird daher verstehen, wie man diesen Macher der öffentlichen Meinung, soweit sie dein Judentum zugänglich ist, in seiner Wahrheitsliebe cinzuseliät/en hat." Wie man diese Macher der öffentlichen Meinung einzuschätzen hat, kann freilich auch nicht zweitelhaft sein. Aber man muH sic ernst nehm eit. Denn sie und ihre russischen Brüder hatten auf die Stintmutig in Kiew vor dem Wahrspruehe den größten Einfluß, Ein Berichterstatter schildert diese Stirnmung an einem der letzten Tage folgendermaßen: ״Die seit dreiunddreißig Tagen in ganz Rußland herrschende Aufregung über den Prozeß Bcilis hat in den letzten Tagen in Kiew selbst Dirnen• sionen angenommen, die man sich in der Ferne gar nicht vorzustcllcn vermag. Das Gcscltäftslcbcn ist teilweise in Stockung geraten. Verschiedene Bankfilialen haben Anweisung erhalten, keine größeren Kredite zu gewähren. Die gesamte Bevölkerung, luden wie Christen, ist in gleicher Weise vom fieberhaften Interesse für das Resultat des Prozesscs gepackt. Vor dem Gerichtsgebäude sammeln sielt fortwährend neue Scharen, die jedoch von der Polizei ohne weiteres weg gejagt werden. In den Korridoren und verschiedenen Ncncnräumcn des Gcriditsgc^äudes befinden sich zu jeder Zeit 11 u 11 - derte von Menschen, die gedrängt zusammenstehen und auf jede Kleinigkeit lauern, die aus dem Gerichtssaal zu ihnen dringt, Die unniliige Stimmung wird noch genährt durch die grenzenlose Pogrom Propaganda des ,Doppeladlers“ und seiner Leute. Das jetzt tiiglicn erscheinende Blatt ist von der ersten bis zur letzten ׳ Zeile nur der Jiitualmordhctze gewidmet, und um auf den Gerichtshof einen Druck atiszuüben, haben diese Leute zu morgen nachmittag eine Messe für den toten Andrjusctia angokündigt. Diese Messe wirdvon einem Erzpriester in der u n mittelbar beim Gerichtsgebäude gelegenen Sofienkathedrale abgelialten werden und soll die herbe!.,:!' •.•;t e i -,r,!r-.״n in die reihte Slitnir.tm:: uii /.!!,,1 ן eil 1״n<׳ sie bereit!» Vorliandcu •in, d ,1.1;1 ri'!';eile des Staats- .111 w a I f!1 t ׳.ii i-.b i* ־ : i';• :;•:tirnuiB alles Bi:;* lurige iil»׳ ilrorii!;. Lr imitciinlicli ver* hetzende Tier, 1!,! .ln,,1ea m wirkeil. Wie t׳r d';• :;:nl die Atu:,dune eines Ritualnmrdes vci1r.1t, wie er von :.,,raclt, daß die Juden Rußland' zttgn;;׳•!e :'•(׳;ludet hälfen' und die Gescltworcncn!״;:i.ntc, Uns Andenken des ״heil igen Märtyrers A tt d r j u r, e h a“ zu räch er., so daß ihr Verdikt wie Glou.e.!;׳ci.;sute durch das Lind ertönen solie, das v0,״ vieihwi.t süsse Wirkung auf die unwissenden *.lrer.cn nicht verfehlen.“ Nun, ziun Glücke haben sich die Geschworenen so viel Selbständigkeit bewahrt, daß sie den Argeklagten Bcilis, eien auch nicht der leiseste Schatten eines Verdachtes bestand, freisprachen. Die erste ihnen vorgclegtc Frage haben sie hejnlit und damit, trotz allen gegenteiligen offiziellen und offiziösen Kommentaren, ausgesprochen, daß Justschinski einem Ritualmord zum Opfer gcfallen sei. Der erbärmliche hetzerische Staatsanwalt, der käufliche Experte Sikorski und der stumpfsinnige klägliche Pranaitis haben über Wahrheit und Wissenscliaft, über Kultur und Menschlichkeit gesiegt. Der künftige Geschichtsschreiber dieser Tage wird seinen Blick mit Ekel wegwenden von dieser Zeit, da Schamlosigkeit und Lüge auf allen Straßen protzt. * Eine von der Zionistischen Ortsgruppe in Köln für den 2, November in den großen Saal der Rheinland-Loge cinberufene Protestvcrsamm• hin״ gegen den Kicwer Ritualmordnrozcli war so stark besucht, daß noch eine Parallelversammlung abgelialten werden mußte. Die Leitung der Ver• Sammlungen lag in den Händen der Herren Justizrat Dr. Bodcnltcimer und Rechtsanwalt Jonas. Es sprachen Dr. Grünebcrg-Elberfelcl, Dr. Klatzkin-Köln, Rechtsanwalt Dr. Gottlieb-Diisscldorf, Dr. Scheltelowitz, Rabbiner Dr. Rosenthal und Rabbiner Dr, Carlebadt. In beiden Versammlungen wurde einstimmig die bekannte Protestresolution gefaßt. » Nun hat auch Breslau seine Protcs tver- Sammlung gehabt, und sie hatte einen so gevvalligen Zustrom, daß sich der 5000 Menschen fassende Konzerthaus-Saal als zu klein erwies. In der im Cafcrcstaurant veranstalteten Parallclvcrsamntlting sprachen die gleichen Redner wie in der Hauptver- Sammlung. Herr Justizrat Heilberg las ein Gutachten Professor R o 111 s t c i n s , des Dekans der evangelisch-theologischen Fakultät, vor, in dein die Haltlosigkeit der Behauptungen über den Ritualmord erklärt wird, und dem sieh auch der Dekan der katholisch-theologischen Fakultät ansehloß. 'Der erste Redner, Rabbiner Professor Dr. Quttmanu, gab eine geschichtliche Entwicklung des Ritunlmordmärdiens und legte int Namen der jüdischen Wissenschaft Protest gegen diese ungeheuerliche, unmenschliche Beschuldigung ein. Herr Reichstagsabgcordiieter Gotlicin, verwahrte sich vom Christliciien Standpunkt aus gegen das Vorgehen der russischeu Justiz, das er richtig als Machination dunkler Politiker brandmarkte, die im Trüben fischen wollen. Der letzte Redner, Herr Professor Woltlauer, der jede passende und unpassende Gelegenheit benützt, dem Zionismus einen Seitenhieb zu versetzen, leistete sich folgenden Satz: Ls gäbe immer noch Bestrebungen im Judentum, die in der Absonderung das Heil suchen; diese Juden bedenken aber nicht, daß gemeinsame Sprache und gemeinsame Kultur sie ihr deutsches Vaterland nie vergessen lassen wird. Diu technisch vollendete Ansprache war ein Meisterstück der Dialektik, brachte aber im wesentlichen nichts Neues. Alle, die unter die schöne Oberfläche sehen konnten, •hatten das Gefühl der Ueberfltisslgkeit solcher Reden und protestierten innerlich gegen die Geschmacklosigkeit, in einer Versammlung, In der sich einträchtig alle Richtungen zusammengefunden hatten, künstlich eine Spaltung Hervorrufen zu wollen, ׳ M. S. | #*y f* Wir erhalten folgende Zuschrift: Dem geehrten Herrn G. St.-Hohcnsalza diene zur Antwort, daß sowohl unsere Zentrale als auch die einzelnen Distrikt-Bureaus unablässig bemüht sind, die Kleinstädte mit Anregungen fti•־ zionistische Arbeit zu versorgen. Als altes Mitglied de» Distrikt-Komitees Poscn-W. Pr, weiß ich aber auch, daß die Tätigkeit in den Provinzstädten fast ausnahmslos eine Sisyphus* arbeit ist. Vas nützen die besten Propagandavorträge von Parteisekretären und anderen tüchtigen Rednern, was die schönsten Anregungen für praktische Arbeit, wenn seihst :;esdu!i'.e Zionisten in den Provinzstädteii nicht das kleinste Opfer an Zeit, Kraft, Geld für die Bewegung bringen wollen und oft geradezu ängstlich bemüht!irr, ün.'.cre Vorteile, ihrer Stellung wegen den Ztoniftmi:; in die ׳Tasche zu stecken? Ich dächte, gerade in der Beschaulichkeit und Ruhe des KleihstadtlebetiR hätte man Zeit zum Nachdenken über zionistische Fragen, Wie anregend müßte ein zionistischer Stammtisch, Lesezirkel, vielleicht von einem Akademiker (deren es «loch wohl am kleinsten Orte genug gibt) geleitet, sein, in welchem man gemeinschaftlich Partciblätt'cr, Broschüren 1«w, liest; selbst Kaffeekränzchen der Damen, wo man anstatt über den lieben Nächsten über praktische N.-F.-Arbcit spricht, sind nicht zu verachten. R. L. in P. Der Judentag in Hamburg Die fünfte Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden hat am Sonntag, dem 9. November, in Hamburg stattgefunden. Am Vorabend wurde eine Vorvcrsammlutig abgehaltcn, in der Herr Justizrat Dr. Boden heim er, der Präsident des Jüdischen Nationallonds, eine Protesterklärung gegen den Kicwer Ritualmordprozeß anregte, womit sich der Ausschuß einverstanden erklärte. Am Sonntag hielt dann schon um 9 Uhr morgen* das ״AntizionistUchc Komitee“ eine längere Beratung ab. (Ja, wer so viel und so schwere Arbeit hat, muß früh aufstehen.) — Der Vorsitzende des Judentags, Herr Justizrat Dr. Horwitz (Vorsitzender des Verbandes und zugleich des Zentral- Vereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens) wies zu Beginn der Verhandlungen darauf hin, daB noch heute in einem Staate, der dodi zum Teil in Europa liege, ein Prozeß geführt werden könne zu dem ausgesprochenen Zweck der Feststellung, daB cs einen Ritualmord gibt. ״Wir müssen es ablehnen,“ sagte Herr Justizrat Horwitz, ״etwa einen Protest in die Welt zu senden; das hat unsere Religion nicht nötig.“ Nach der Ansprache des Vorsitzenden wurde die Versammlung im Namen des Hamburgischen Senates von Herrn Senator Dr. v. Melle, und im Aufträge der Hamburger Deutsch- Israelitischen Gemeinde yon Rechtsanwalt Dr. Cohen begrüßt. Nach Erstattung des Rechenschaftsbericht» hielt Herr Rabbiner Dr. Goldschmidt, Königshütte, einen Vortrag über ״Die soziale Fürsorge in der jüdischen Religion“, Herr Dr. Haas, Karlsruhe, einen solchen über ״Die Juden im öffentlichen Leben Deutschlands“. Seine energischen Ausführungen über die Unmoral der Judentaufen fanden lebhaften Beifall. Endlich wurden einstimmig folgende Thesen angenommen: ״Wir erstreben Verbreitung der Kenntnis der jttdischen Religion und dadurch die gerechte Würdigung ihrer grundlegenden Lehren. Wir bekämpfen alle Darstellungen vorn Judentum, durch die der Anschein erweckt wird, als entsprächen seine Lehren nicht den höchsten Forderungen der Sittlichkeit. Wir er• streben uneingeschränkte Durchführung der Verfassungs- und Gesetzesbestimmungen über die Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne Rücksicht auf ihre Religion. Wir bekämpfen jeden Versuch, durch Vorwände die Verletzung jener Bestimmungen zu beschöiiigcn. Wir bekämpfen amtliche Befragungen und Aufzeichnungen über die Religion der Staatsange• hörigen, auch der Hccrcsangehörigen und Beamten, soweit nicht Rechte «der Pflichten gesetzlich von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgcmein• schaft abh,äugen. Wir erstreben gleichmäßige Zu• Weisung von Staatsmitteln zu kirchlichen Zwecken att alle Religionsgemeinschaften, solange der Staat an einzelne von ihnen Zuschüsse leistet? Wir bekämpfen Heranziehung von Vermögen der Juden zugunsten der christlichen Kirchen durch Bcitragslcistung aus den auch von Juden aufgebrachten Staatssteuem allein für kirchliche Kultuszwecke. Wir erstreben tatkräftig* Stellungnahme der deutschen Behörden gegen di« Zurücksetzung deutscher Juden bei Reisen nach Ruft• land und grundsätzliche Ablehnung jeder Mitwirkung an Rcligionsunterschcidungcn bei Paßerteilung. Wir bekämpfen alle Maßnahmen, durch welche bei Au»■ Weisung und Einbürgerung Juden anders behandelt werden als Christen.“ Die Teilnehmer am Judentage wurden in Hambürg mit außerordentlicher Gastfreundschaft aufgenommen, ihnen zu Ehren wurde eine Fest Vorstellung im Deutschen Schauspielhaus, einige Vorträge und eine ganze Reihe von Festmählern veranstaltet. Es ist schön, daß Herr Justizrat Horwitz sich jetzt doch hcrbcigclasscn hat, ein kräftiges Wort in der Beilis-Sache zu sprechen. Auch unsere Pro• teste meinten nicht, daß die jüdische Religion <■ nötig habe, sich gegen derartige Beschuldigungen zu verwahren, aber wir Juden haben «s leider noch immer, trotz des apologetischen Wirkens unserer grollen Organisationen, nötig, uns* gegen ungeheuerliebste Beschuldigungen zu verwahren; und daß diese Situation durch Tagungen wie die Hamburger go■ ändert werden kann, das glauben wohl nur ganz unverbesscrliche Optimisten.