Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 492 JUEDISCH 7. RUNDSCHAU Nr. 46 Der Erfolg dieser Methode, die in der Presse, in Broschüren, in Versammlungen und von Mund zu Mund geübt wird, ist nicht zu bestreiten. Wiederholt sagten mir Herren, die wirklich nicht unsere Gegner sind: Ja, die Zionisten benehmen sieh doch wirklich schlecht; in solchen fallen stellte sich /unächst schnell heraus, dal! sic Zionisten von ״anderswo“ meinten, nicht diejenigen an ihrem iiciinatsorie, die selbstverständlich alle höchst achtbare Leute wären. Und dann konnte ich Schritt für Schrill weiter festst eiten, daß sie keinen einzigen unanständigen Zionisten oder ,,Führer“ kannten, daß ihnen keine häßliche Handlung eines solchcu aus eigener Wahrnchmung bekannt sei, und schließlich konnte ich das Geständnis entgegennehnien, daß sic vielleicht wirklieh mir durch Lektüre entsprechender Notizen im Hamburger Familicnblattc, im üebweiler Blatte, in der Zeitschrift im ,,!Kutschen Reich“ und an anderen Stellen sieh dieses Vorurteil hatten suggerieren lassen. Gellt mar! nun jenen Notizen einmal etwas genauer nach, so stellt sich heraus, daß sie in den meisten Fallen auf sehr gleichartige Ursachen zurückzufiihreu sind: In einer Versammlung tritt ein Herr auf und erklärt entweder direkt oder läßt in zwar vorsichtiger, aber deshalb nicht weniger wirkungsvoller Weise durchblickcn, da ft auch gefaulte Juden Zionisten sein könnten. Oder einer der Herren Gegner tut dasjenige, was bis jetzt noch immer in liberalen Kreisen, jüdischen und christlichen, — na, sagen wir einmal sehr milde, als nicht zulässig im anständigen politischen Kampfe gilt, er zweifelt zu politischem Zwecke, unter zartem Hinweis auf seine eigene treudeutsche Gesinnung, die vaterländische Zuverlässigkeit der Zionisten an. Natürlich geben die anwesenden Zionisten in erklärlicher Erregung ihrer Empörung lauten Ausdruck, es entstehen Unruhen, wohl mich hier und da tumultuarischc Szenen, und der Stoff für einen Hctzarlikel ist gegeben Bedenkt man, durch welche Provokationen in den meisten Fällen diese Zusammenstöße Zusammenkommen, und daß es sich hie״ stets um Kämpfe von Juden gegen Juden handelte, so berührt es im höchsten Grade widerwaldig und abstoßend, mit welch einer geradezu verblüffenden Geschwindigkeit regelmäßig die gehässigen und entstellenden Berichte über diese Vorgange in der gegnerischen Presse, oft gleichzeitig in allen in Frage kommenden Blättern erschienen sind. Üb die gemeinsame Anwendung dieses Systems auf Direktiven einer Zentralstelle zurückzuführen sei, ist natürlich nicht festzustellcn; eine solche direkte Paroieausgabe ist nicht einmal wahrscheinlich, übrigens auch gar nicht nötig. Zweifellos ist jedenfalls, daß in der vorigen Winterkampagm• die ganze gegnerische Phalanx sieh wie auf Verabredung in einer durchaus gleichartigen Weise dieser Methode bediente und dadurch den Eindruck erweckte, daß hier planmäßig das persönliche Ansehen der Zionisten bei den deutschen Juden untergraben werden solle. Als im vorigen Jahre, kurz nach der bekannten Zentralvereinstagung, der Zentralverein in Königsberg als Antwort auf eine zionistische Protcstvcrsammluug ebenfalls eine große Versammlung mit Herrn Justizrat Horwitz als Redner veranstaltete, kündigten die Zcitungen als Thema dieses Vortrages an: ״Zentralverein und Zionisten". ״Zionisten", fragten sich erstaunt die Niehteingcwcihten; ״was ist das fiir ein Thema?" Wir etwas besser Informiertet! indessen sagten uns sofort: ״Das ist Direktive von Berlin, die neue Methode!" Dann bestand der Vortrag darin, daß Herr Justizrat Horwitz eineinviertel Stunden laug — »ach meiner Ulir - ausschließlich Schlechtigkeiten von Zionisten auf/iihlte, und dann, sage und schreibe, fünfzehn Minuten bei den positiven Leistungen des Zentralvereins verweilte. Für Freunde eines fröhlichen Humors sei hinzugefügt, daß der Vortragende bei dieser Gelegenheit, wenige Wochen nach der Berliner Versammlung, wörtlich mit Pathos erklärte: ״Wir sollen den Zionismus bekämpft h a b c n? Ist uns in c h t eingefallen!" Lo nleiah al libi ist der schöne biblische Ausdruck für diesen Zustand reinster Schuld- und Harmlosigkeit, die hier von der Bühne der Bürger-Ressource herab sechs• hundert Zuhörern zu ihrer größten Ueberrasrlumg vermeldet wurde. Lo alctah al libi, nein gewiß, es ist den Herren nie in ihrem Herzen aufgestiegen. Im letzten Heit von ״Ost und West" ist mm ein Artikel erschienen, mit dem verglichen, alle bisher aul diesem Gebiete geleistete Konkurrenzarbeit als armselige Stüpiperci erscheint. Daß wir gelegentlich gerade in ״Ost und West" von wirklich ehrlichen Palästinafreunden auch mal eins abbekommen, aus sehr verschiedenen, meist sofort ersichtlichen Gründen, wollen wir nicht weiter tragisch nehmen. Wenn zum Beispiel Dr. Rosen sieh in einem sonst durchaus würdig gehaltenen Artikel bitter über die Zionisten beklagt, so hat man sofort den Eindruck, daß hier eilt Opfer der skrupellosen Verhetzungskampagne spricht. Wer wird sich, wie gesagt, denn auch die Mühe nehmen, alle jene Hetz.berichte auf ihre Wahrheit zu prüfen oder den Ursachen des Berichteten einmal planmäßig nachzugehen. Und wenn in dem* selben Blatte inaiiriiiiial auch wirkliche Freunde des Zionismus einen Seilenhieh auf di•׳ Zionisten tun, um sich für das soeben Gesagte . bttcll wieder 1’ach einer gewissen Seite hin heraus11׳ pauken — nun, auch Paliistinafmmde können etwas!(!;׳sichtig vuanlagt sein, und cs soll ihnen das um ihrer wirk• liehen Palästinalichc willen selbst von denjenigen Zionisten nicht übel genommen werden, die ״in :1" ח׳ Versammlungen Palästina auf der Zunge tragen . Daß es übrigens ohne solche Verbeugungen nach rückwärts geht, zeigt die Arbeit von l )r. Grunwald in demselben Blatte. Solche Aufsätze haben dann allerdings wohl auch zur Folge, daß inan dann wieder einmal ein ganz besonders präpariertes (iiftgeschoß von derselben Stelle aus zu dirigieren für an der ׳ Zeit hält. Daß man gerade ein bisher neutrales Blatt wie ״Ost und West“ dazu bevorzugt, wird nach dem Vorhergcsagten verständlich sein. Das Pamphlet in der Oktobernumincr ist anonym; die. edle Autorenhescheideiiheit, die die eigenen Ocistcsproduktc ohne Namensnennung der Mitwelt kundgiht, ist löblich. Dieser Autor indessen schreibt sonst unter voller Namensnennung, hier jedoch, wo er unter Behauptung geradezu ungeheuerlicher Un- Wahrheiten die Ehre zahlreicher Männer von unantastbarem Charakter öffentlich in den Schmutz zerrt, da schreibt er .anonym und verstoßt gegen die elementarste Anstandspflicht eines öffentlichen Angreifers, sieh auch öffentlich durch Nennung seines Namens zu dem, was er tut, zu bekennen. Wenn der anonyme Schreiber zu den vielen Märchen, die nach erfolgreichen Kongressen von der neidischen Angst unserer Gegner geboren werden, das hinzufügt, der Zionismus sei unter Aufgabe seines politischen Inhaltes ״zur alten Bewegung der Chowewe Zion“ zurückgekehrt, so brauchen wir uns bei dieser Feststellung, deren Zweck sehr durchsichtig ist, nicht weiter atifztihalten, denn nach einer so machtvollen nationalen Willenskundgebung, wie der XI. Kongreß es war, wird selbst der Dümmste Bedenken tragen, ihm für diese Behauptung den guten Glauben zuzubilligen. Ebenso sind einige andere Unwahrheiten, die auf die Irrefiihrting des nicht informierten Lesers berechnet sind, w ie z. B. die so nenenher gemachte Bemerkung von dem ״steuertos gewordenen Schiffe“, einer weiteren Beachtung nicht wert. An einigem anderen jedoch, was der Anonymus hier einer anständigen und gebildet eit Leserschaft zu bieten wagt, kann man nicht so ohne weiteres vorübergehen. . Die Darstellung, als ob die Männer in leitender Stellung in Deutschland, adelt wenn sie die Mittel dazu haben, seihst bisher nichts! für das Ansied- Inngswerk in Palästina hcrgcgcbcn halten, Ist unwahr. Die Behauptung, die bisherige Palästinaarbeit des ״Kongrcß/ionisnius“ bestehe lediglich in der Errieht 11 ng von zwei bis drei Farmet!, ist unwahr. Wenn der anscheineiul gut versierte anonyme Schreiher in den letzten Jahren keinen Bericht der N a t i o n a I f o n d s v 1׳ r w a 11 u!1 g, keinen B e - rieht des P a I ä s t i 11 a a m t e s , keinen Berieht der A n g i 0 I* a I e s t i n e C ■0 m p a n y oder der Pa lest ine Land Development Comp a 1! y gelesen hat, nur dann allein ist diese unwahre Behauptung nicht wider besseres Wissen aufgestellt. Und nun kommt ein Stücklein, das alles, was wir bisher auf diesem Gebiete erlebt haben, in den Schatten stellt. Wie bekannt, werden bei jedem Kongresse erlogene Notizen über Tumults/enen in die Blätter lan/iert und von den gegnerischen Zeitungen aller Schattierungen mit Behagen abgedruckt. Wie zu erwarten, blieb das auch beim Wiener Kongresse nicht aus, und zwar hieß es diesmal, nach einer Rede Wolffsohus wäre ein solcher Tumult entstanden, daß der Präsident die Sitzung schließen mußte. In der Vormittagssitzung am 5, September erklärte der Prä!;iilcnt Dr. Bodcnheimer unter vielfacher Heiterkeit des Kongresses, daß jene Notiz natürlich unwahr sei und der Leiter des Pressebureaus, Dr. Becker, stellte fest, daß eine Zeitimgskorrespimdenz dafür verant. wörtlich sei: zu lesen in der Koiigrcßausgabe der ״Welt“ Nr. IV, Seite 06. Und nun leistet sich der brave Anonymus das schier Unglaubliche: Er hat die Stirn, in ״Ost und West“ zu schreiben, jene Notiz, sei von der ״offiziellen zionistischen Preßleitung" in die Welt gesetzt, ״um den Mann, der in ihre Rechnung nicht hineinpaßt, nach außen hin herab• zuwürdigen!“ Wie muß cs unserem David Wolffsohn zu Mute gewesen sein, als er las, von welcher Seite er hier in Schutz genommen wird! Notabene ist die Notiz nicht im mindesten dazu angetan, dein ge• liebten und verehrten Führer zu schaden, und kein Mensch war bis jetzt auf den Gedanken gekommen, daß sic zu diesem Zwecke fabriziert sei.!Diese Ent• deckt! ng war dem Herrn — ohne Namen Vorbehalten. Man «lenke nur, die Leitung, die das höchste Interesse daran hat, daß die Verhandlungen würdig verlaufen und alle Welt dies wisse, verbreitet selbst eine Tumult• notiz.; und die Männer der Leitung, die oben neben dem Präsidenten sitzen und am besten wissen, wann | und aus welchem Grunde eine Sitzung geschlossen wird, sie verbreiten lu-itn lieh die Mar von einem Sitzungsscliliissc, von dein 1000 Anwesende sofort bezeugen können, daß er nie erfolgt ist, Außerdem hätte natürlich eine solche Notiz mit dem so niederträchtig supponierten Motiv gar keinen Sinn gehabt, da sie ja schon am nächsten Tage wieder von derselben Leitung dementiert werden mußte und selbstverständlich auch dementiert worden ist. Man sollte!Iso meinen, die ganze Sache wäre so dumm, so maß. >s duiniii, (laß ein auch nur halbwegs brauchbares •liirii auf so etwas nicht verfallen könnte. Mit!״!er Annahme aber täte man, wie ich das vorher schon fiir seine Kollegen int < reiste dargetan habe, dem Namenlosen bitter unrecht. Der weiß ganz genau, wa* er tut Er weiß, daß dreiviertel seiner Leser eben alles glauben, was ihnen schwarz auf weiß vorgesetzt wird, selbst eine solche glatte Lüge; und wenn daun auch nur die Hälfte bei ihnen hängen bleibt, so ist der edle Zweck mal wieder für einige Zeit erreicht. Schließlich versucht der Anonymus noch gewisse in jedem Falle recht befremdliche Aeußeruugen, die ein früheres Aiissehußinitglied der hebräischen Sprachorgaiusation über die Taufe gemacht haben soll, der zionistischen Leitung anzuhängen und dadurch nach bewährter Methode indirekt wiederum die Zionisten überhaupt verdächtig zu machen. Nun, bereits die Grundlage dieses Versuches ist hinfällig. Die Behauptung nämlich, d a ß d i e H i s t a - d r u 111 eine zionistische Organisation ist, ist wieder unwahr; sie hat sich selbst als außerhalb der zionistischen Partei stehend erklärt, und an ihrer Gründung haben Nicht/ionistcn eifrig mitgearbeitet. Ob die* dem betreffenden Herrn von dem Anonymus /!!geschriebenen Aeulkrungc« zutreffen, bedarf nach den initgcteiltcn Proben zumindest sehr der Nachprüfung, besonders daraufhin, ob sie dem Sinne nach richtig wiedergegtben und o Ir nicht w e s c n 11 i e I! e Satz e verschwie. gen sin d. Jedenfalls gehen diese Aeußerungen uns nichts an und wir können die Klarstellung der Angelegenheit der Histadruth selbst überlassen. Nur soviel sei gesagt, daß durch die geschickt berechnete Darstellung bei dem unaufmerksamen Leser der Eindruck erweckt wird, als wenn die heute maßgebenden Zionisten mit Taufaposteln sympathisierten. Wäre die zionistische Leitung wirklich fiir die Aeußerungen jenes Herrn verantwortlich, und wären diese wirklieh so unerhört, wie hier anonym behauptet wird, was würde ein;inständiger und vernünftiger Mensch, der den Zionismus kennt, sich sagen, wenn er von der Sache hört? (ranz einfach: ״Da sind die Zionisten mal mit einem Manne gründlich rcingcfalkn", und im schlimmsten Falk׳, wenn er unser .Gegner ist, würde er etwas Schadenfreude über den Fall empfin* den; das wäre aber auch alles. Denn nur ein Geseile, in dessen Seele die Stimme des Gewissens für immer aufgehört hat zu sprechen, (Hier ein Wahnwitziger kann behaupten, daß unsere führenden Männer die Aufforderung zur Taufe billigen. Und nach all diesem sehe man sich den Schlußpasstis an: als ich ihn gelesen hatte, hatte ich das Gefühl, daß ich einen Kognak trinken müßte. Die verbreitete Anwendung einer derartigen Kampfesmetliode wie die geschilderte, innerhalb einer anständigen Gemeinschaft, wie es das deutsch;• Judentum ist, ist eine so ungewöhnliche Erscheinung, daß sie auch eine ungewöhnliche Ursache haben muß. Und da scheint es, als wenn die plötzliche Erkenntnis, daß die Tolscltweigetaktik der vergangenen Jahre vollkommen erfolglos gewesen ist, ja, wir unterdessen zu einer nie von iliticn fiir möglich gehaltenen Kraft und Macht herangewachsen sind, unsere Gegner vollkommen aus der Fassung gebracht und aller Ucberlegung beraubt habe. Nur durch einen solchen geradezu lähmenden Schreck kann man es erklären, daß Männer in exponierter Stellung, die doch sonst 'gewiß ein tadelloses Verhalten auch dem Gegner gegenüber für selbstverständlich halten, wenn sic auch meist persönlich von einer solchen Kampfesweise sieh {enthalten mögen, doch ihre Anwendung von anderen Seiten, auf die sie leicht Einfluß hätten, zulassen, und, wie es scheint, nicht ungern sehen. Man wird da unwillkürlich an unsere preußischen Konservative!! erinnert, die sich /war selbst mit antisemitischen Hetzereien nicht kompromittieren mögen, solche aber nur zu gern von arideren, die siel! nicht für zu schlecht dazu halten, verüben sehen, da sie ihnen politisch gelegen kommen. Daß übrigens manche der Herren, selbst nur verhetzt, ja direkt geflissentlich irregeführt sind, ist wohl zweifellos. Ich erinnere da an den Klageruf von Justizrat Breslauer in der grünen Zeitung, Daß gelegentlich im politischen Kample - - auf jeder Seite - der eine oder andere sich zu einer Schroffheit hinreißen läßt, oder auch mal dem Gegner unrecht tut, ist selbstverständlich und nicht zu .vermeiden; ein getanes Unrecht wird ein anständiger Kerl immer gern bereit sein, wieder gut zu machen. Und nur ein Narr oder ein Böswilliger kann daraus Kapital gegen die Sache schlagen. Was soll man aber dazu sagen, daß im vorigen Winter gereifte Männer