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Jüdische Rundschau · 1913-11-14 · Heft 46 (14.11.1913) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 46 (14.11.1913)
Date
1913-11-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Vms mm« H r\ *ר 1*41 wj Nummer 46 ־ * rs j. ׳ f§־״* ״ €y I is i.sJ1 3״/ י י ) ' / L.j> v j> jjyj ksi XVIII. Jahrgang Beilis freig esprochen I Beilis frei gesprochen, das Judentum verurteilt. Das ist das Ergebnis des Kicwer Prozesses, der durch fünf Wochen das Intehcsse der ganzen Welt gefangen hielt. Die Anklage hat trotz der hartnäckigsten Bemühungen und trotz einer beispiellosen Zeugenbeeinflussung und Einschüchterung nicht so viel Material zu schaffen vermocht, daß selbst dieser Gerichtshof den Angeklagten Beilis hatte verurteilen können, iva formulierte man noch eine Frage, vorsichtig, schlau, ohne das Wort ״Ri• tuahnord“, die aber die Behauptung des Ritual• mordes deutlich aufstellt, und diese Frage haben die Kicwcr Geschworenen bejaht. Dieser Prozeß hat eine größere Bedeutung als irgendeine (ierichtsverhandlung über einen gewöhnlichen Mord, Man redet so gern vom Fortschritt, von dem immer heller leuchtenden, Licht der Kultur. Wenn es sich um das Verhältnis zum Judentum handelt, gibt cs keinen Fortschritt. Man könnte von Rückschritt reden; aber das würde höchstens die Außenseite treffen. In den Formen ist man jetzt, da man es für politische Zwecke ganz anderer Art gebrauchen kann, gegen die Juden noch etwas rücksichtsloser als sonst. Das eigentliche Verhältnis der weiten Bevölkcrungskreise zu den Juden ist aber damit nicht unmittelbar bezeichnet, Es ist nicht arger als es früher war - weil es ärger gar nicht mehr sein könnte. Die christlichen Völker hassen uns, und dieser Haß flammt überall empor, im dunkelsten Rußland wie im freien Frankreich, in den verräucherten Lasterhöhlen der Kiewcr Verbrechervorstadt wie in der frisch wehenden Luft der jungdeutschen Wanderbcwcgung. Man haßt uns und man darf diesem Haß, sofern man nicht andere Interessen verletzt, ungestraft die Zügel schießen lassen. Denn wir sind zerteilt und schwach, hingeworfen den Völkern zum Spott. . . . Die Geschworenen erhielten folgende zwei Fragen vorgelegt: 1״. Ist es bewiesen, daß in der Ziegelfa'brik des jüdischen Kranken!raus es Andrei Juschtschinski, indem ihm der Mund zu gedrückt wurde, mit einem Stechinstument an den Schläfen, am Nacken und Halse verwundet wurde, wobei die Hirnvenen, die Arterien der linken Schläfe und die Halsvenen verletzt wurden, was einen starken Blutausguß zur Folge hatte? Ist cs ferner bewiesen, daß, als Juschtschinski bis fünf Glas Blut verloren hatte, ihm abermals mit dem gleichen Instru* ment am Körper, an den Lungen, der Leber, der rechten Niere und dem Herzen Wunden beigebracht wurden, wobei die letzten Stiche gegen das Herz gerichtet waren? Ist es endlich bcwiesen, daß alle Wunden, insgesamt 47, Qualen Juschtschinskis hervorgerufen und eine fast völlige Blutleere des Körpers und seinen Tod veranlaßt haben? 2. Wenn der in der ersten Frage beschricbene Vorgang bewiesen ist, ist dann der Angeklagte BcilD schuldig, im vorangegangctien Einvernehmen mit nicht aufgedeckten Personen aus religiösem Fanatismus, um dem Knaben Juschtschinski das Leben zu rauben, am 25. März 1911 in Kiew in der Ziegäfabrik des jüdischen chirurgischen Krankenhauses, welches ־von dem Kaufmann Saizew verwaltet wurde, zur!,Der ״,.v-trebt f2r das Jutü:c!ia Wtl't CI 3üzhvSSül'ijeiner«״»©at» Eeli-re :MHzh £־c:־I;I.׳::rle1a üclia&tüt&a in C׳׳״ r;J.*v S*r©׳prausau -)1חןךי*ןד»^^ - IT-,Iß Ausführung seiner Absicht den dort befindlichen Juschtschinski ergriffen 1u!d in die Fabrik geschleppt zu haben, wo mit dem Angeklagten im Einvernehmen befindliche, nicht entdeckte Personen die geschilderte Tat begingen?" Die erste!־rage wurde bejaht, die zweite aber verneint und damit Beilis freigesprochen. Beilis freigesprochen. Wir atmeten auf bei der Nachricht; Gott sei Dank, man hat den letzten Gipfel der Schamlosigkeit nicht erklomrnen. Aber fühlten wir uns wirklich befreit? Wir hörten nicht auf, tief beklommen zu sein. Nicht weil die erste Frage von den Geschworenen bejaht war; vielleicht hatten wir sie noch gar nicht gelesen. Aber die Frage kam auf unsere Lippen: Was wird jetzt kommen? Welcher Sturin wird׳ sich jetzt entladen? Beilis ist frei; aber, mit oder ohne weitere Frage, das Judentum ist verurteilt. Wir sind verurteilt, uns dem Hasse zu beugen -- so lange wir wollen, daß wir /.erteilt sind und schwach, hingeworfen den Völkern zum Spott. Zionismus, Zionisten . und neue ״»ethode Von iDr. Walter Stein, Königsberg i. Pr. Seit längerer Zeit, es mag etwa seit zwei Jahren sein, erfolgt die Bekämplung des Zionismus in Deutschland nach einer neuen Methode, die wohl wert ist, daß die Aufmerksamkeit weitester Kreise auf sie hingelcnkt wird. Die drei Perioden, die wir he. züglich der Stellungnahme der jüdischen Odfeutliehkeit dem Zionismus gegenüber zu verzeichnen haben, sind bekannt; Die erste, die Periode der Verständnislosen Beschimpfung und politischen Denunziation; die zweite Periode, die des Totschweigens und die dritte, die letzte — vorläufig — in der wir jetzt leben, die der sachlichen Diskussion. Seitdem wir in diese Periode cingctretcn sind, die für den Zionismus erfretilich, unseren Gegnern aber zum mindesten nicht bequem ist, hat die neueste Methode der Zionismusbekämpfung in Deutschland eingesetzt. Diese Methode, in deren Anwendung sich die verschiedenartig■ sten Elemente die Hand reichen, geht von einer sehr einfachen und keineswegs dummen Uebcrlcgung aus. Wer heute den Zionismus einfach beschimpft, der setzt sielt der Unannehmlichkeit aus, gerade von den besten und ernsthaftesten Köpfen, auch wenn sie nicht in unserem Lager stehen, und auch von prominenten und nachdenklichen Christen •mit Unwillen abgelehnt zu werden. Das weiß man und man weiß insbesondere, daß man bei der Jugend, die noch fähig und gewillt ist, das Hohe und Reine von den Erwägungen der Angst und des unmittelbaren Vorteils zu unterscheiden,• damit keinen günstigen Eindruck macht, auch wenn sie nicht zionistisch ist. Und da hat matt einen sehr einfachen Ausweg gefunden: Man ist auf einmal nicht mehr antizionistisch; matt beachte, daß seit längerer Zeit in der gesaivitcn nicMziooisfisdicn jüdischen Presse Deutschlands mH Ausnahme des unentwegten grünen Blättchens kein Angriff gegen den Zionismus als solchen mehr orfo'gt; und wir wissen ja, daß diese Presse ausnahmslos amizioitistisch ist,, bczugs- ־weise aus Rüd.dcht auf cir.ilu!!reiche anii/iomsiischc Kreise ־in Bali.: sein muß. Man billigt also durchaus die I>ali1.»tina-I5e 1״di1!;!;u, man lat plüiziicit ein liebevolles Verständnis für die Wiederbelebung des Hebritischen; damit kompromittiert man sich ja nicht weiter, da ja unzweifelhaft fcstgcsfcllt ist, daß auch Christen die hebräische Sprache hochscliätzcn. (J*1 es ist sogar Mode geworden — wenn Christen nicht dabei sind — von ״unserem Volke“ zu sprechen.) Und nachdem man so zweifelsfrei dargetan hat, wie objektiv und mH dem Willen redlicher Prüfung man dem Zionismus gegen iibersteht, wird nun auf der ganzen Linie unaufhörlich eine systematische Verunglimpfung und Verdächtigung der — Zionisten betrieben. So hat man sich vor dein anständigen Publikum den Rücken gedeckt und erreicht seinen Zweck, wenn auch auf Umwegen, mindestens nicht schlechter; denn wer wird noch von einer Bewegung etwas wissen wollen, die durchweg und ausnahms• los von Leuten geleitet wird, die durch Ruhestörungen, unehrliche Demagogie und Eigennutz dauernd die Presse beschäftigen müssen. Wer diese Taktik zum Objekt seines Studiums machen will, dem empfehle ich, das Hamburger Israelitische Faniilienhlatt, insbesonder»• die Nummern vom vorigen Jahre und von den ersten Monaten dieses Jahre» daraufhin durch, /ubliittern. Schaut mau nach links, so liest man etwa: ״Vom Zionismus", ״Aus ־ Palästina", ״Vom Heiligen Lande“ oder dcrgl., kurze, aber sachliche (in der letzten Zeit übrigens nicht ganz wahrheitsgemäße) Bericht»׳, die den Anschein erwecken, daß man ein Blatt in der Hand hat, das dem Zionismus wirklich neutral gegeniiberstehc. Schaut man aber nach rechts, so fällt der Blick auf fettgedruckte Ueberschriften, etwa wie ״Zionistischer Terrorismus“, ״Störung einer Versammlung durch Zionisten“, ״Zioiiistisehe Kainpfcswcise“. Da das Blatt nun aber doch neutral ist, das wird von ihm nämlich sehr beweglich versichert ־-■ so beginnt man m blättern und zu suchen, was es nun von gute« Handlungen und Taten der Zionisten zu berichtat wisse, denn Derartiges muß es doch auch geben, oder, was cs denn an der Arbeitsmethode und Kampfcswcise unsercr Gegner auszusetzen habe, und da findet man nichts. Nun ist natürlich niemand so blöde, daB er glauben könnte, gerade die Zionisten, die ein so hohes Ideal, einen so heiligen Gedanken, wie die Erneuerung unseres Volkes zu ihrem Lebensinhalte gemacht haben, wären so miserable Leute, daß man sie allwöchentlich und oft gleich an mehreren Stellen vor aller Welt mit Druckerschwärze brandmarken müsse; und die Schreiber, bezugsweise die geschäftliehen Urheber solcher Berichte wissen auch ganz genau, daß im allgemeinen nur eine durch und durch anständige Gesinnung zu der Ueberzcugung führen kann, deren Vertreter sie hier systematisch in der öffentlichen Meinung herabsetzen; und man sollte demnach glauben, daß diese Bemühungen dumm, weil ganz aussichtslos seien. Nun, diese Herren sind nichts weniger als dumm; sie rechnen eben ganz einfach und sehr klug mit der Unkenntnis, Gedankenlosigkeit und Eile des Zeitungslcscrs, der zwar mm Nachdenken über das Gelesene weder Zeit noch Lust hat, bei dem aber das regelmäßige, Leitmotiv des ihm in unaufhörlicher Wiederholung Vorgesetzten schließlich als dwas wirklich Vorhandenes in der Erinnerung haften bleibt. Daß der Wortlaut stets so gewählt wird, daß den Verfassern hinterher immer die Ausrede bleibt, sie hätten ja keineswegs alle Zionisten gemeint, ändert natürlich an der Sache gar nichts. Das eine Mal werden die ״Führer, die in den Versammlungen sprechen“, das andere Mal die Vertreter einer bestimmten Richtung verhaßt gemacht, ein drittes Mal wieder die Leiter der Bewegung. Der Leser aber liest aus all dem nur heraus, daß die Zionisten eine höchst üble Gesellschaft seien, und daß er daher gut daran tue, sich mit dem Zionism u s nicht ein/ulassen. Die emphatische Versieherung der Neutralität gegenüber dem Zionismus, die von dieser Seite aus geradezu empörend ist, läßt dann die Beschuldigungen noch ganz besonder* schwerwiegend erscheinen, denn was für eine schlimme , Gesellschaft müssen wir doch sein, wenn nicht nur Gegner, sondern Leute, die ja nach ihrer eigenen Versicherung gar nichts gegen den Zionismus alt solchen haben, bereits so mit uns ins Gericht gehen müssen.

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