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Jüdische Rundschau · 1913-11-07 · Heft 45 (7.11.1913) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 45 (7.11.1913)
Date
1913-11-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 45 JULDlSCIiL Seite 483 zehnte lang in Deutschland bestanden hat, der Idee des Liberalismus widersprechen! Wir wollen es der Wcltfrcmdhcit des Herrn Professors zugute halten, daß er seit Jahrzehnten he- Stehende Tatsachen als ״zionistische Utopie“ hezeichnet, Daß aber die Idee der Gleichberechtigung dem Liberalismus widerspricht, ist eine so absurde Behauptung, daß eigentlich nur ein Argument sie begreiflich erscheinen laßt, ein Argument, das wir jener Sorte Liberaler ja oft genug entgegen gehalten haben. Daß nämlich ihr ״Liberalismus“ nur der Deckmantel ist für reaktionäre, nur auf die eigene Macht- Stellung gerichtete Wünsche, So betrübend solche Auffassungen sein mögen, es ist gut, wenn hin und wieder einmal der Leiter des grünen Blattes mit der ihm eigenen diplomatischen Geschicklichkeit die letzten Absichten seiner Parteifreunde enthüllt. Wir wollen es uns merken. Wahlreclitsraub, Bedrückung der Ausländer, Denunziation verängstigter ״Glaubensbrüder“ — das ist der wahre Liberalismus — wie ihn jene verstehen. G. W. Ausländer- und Rassenfragen In Amerika Die ״Frankfurter Zeitung“ erhält einen Brief aus New-York, der im folgenden seinen wesentlichen Teilen nach abgedruckt wird. ״Die Legislatur des Staates New Vork hat cs kürzlich für ein strafbares Vergehen erklärt, wenn der Besitzer eines Hotels oder sonst eines öffentliehen Lokals auch nur ankündigt, er werde Angehörige, gewisser Rassen oder Rcligionsgcscllschaften nicht aufnehmen. Das Verbot selbst, einem Gaste Aufnahme oder Verpflegung auf Grund der ״Rasse, Farbe oder des Zustandes früherer Dienstbarkeit“ zu verweigern, bestellt schon seit dem Bürgerkriege, da, um den ehemaligen Sklaven ihre vollen bürger- Uchcn Rechte zu verschaffen, die sogenannte ״Civil Rights Bill“ angenommen wurde, die den Versuch machte, die Schwarzen auch in sozialer Hinsicht auf dieselbe Stufe mit den Weißen zu stellen. Das ist allerdings mißlungen, denn so oft auch ein Neger in einem Hotel Unterkunft verlangt oder im Theater andere Sitze als auf der Galerie haben will, wird er immer erfahren, daß alle Zimmer oder alle Plütz.e vergeben sind. Die Neger haben nun längst den Kampf um ihre Rechte aufgegeben. Das eingangs erwähnte neue Gesetz wurde durch die Gepflogenheit einiger Sommerhotel-Besitzer veranlaßt, die ankündigten, ihr Hotel sei ״n 11 r für Christo n“ geöffnet. In der letzten Zeit in achte die Ankündigung einer Studentcnvereinigung ziemliches Aufsehen, sic habe infolge des gewaltigen Ueberwicgens des hebräischen Elements im ״College“ der Stadt New York ihren dort bestellenden Zweigverein aufgelöst. Es war eine der ״Qreek Letter Societics“ (eine Spezialität Amerikas), die ״Alpha Delta Phi“, Ihr ״Kapitel“, das an der erwähnten Lehranstalt bestand, ist tatsächlich aufgelöst worden, obgleich die ״alten Herren“ desselben energisch protestierten. Im Sommer beschwerte sich der Sergeant einer hiesigen Milizkoinpagnie bei Gouverneur Sul/er darüber, daß ihm die Beförderung z. ti m Offizier verweigert wurde, weil er Jude sei. Die dann eingelcitcte Untersuchung ergab, daß der Kommandeur des Regiments, zu dem die Kompagnie gehörte, dem Bewerber nahe gelegt hatte, sich nicht zur Wold stellen zu lassen, da das Offizierkorps gegen ihn eingenommen sei. Ob dies der Pall war, hat nicht ermittelt werden können, jedenfalls ist aller der Sergeant inz.wischen aus der Miliz ansgesdikulen. Nach den soeben geschilderten drei Vorgängen würde der Jkobaehter, der den Dingen nicht auf den Grund geht, leicht urteilen, daß liier eine scharf definierte antisemitische Strömung be- Stehe, Diese Auffassung scheint mir aber ganz und gar nicht zuzutreffen. Im politischen!.eben Amcrikas ist bekanntlich die vollständige Gleichstellung aller Religionen von Anbeginn an Grundsatz gewesen. In der Politik herrschen daher keinerlei Vorurteile, ein Jude war unter Rooscvclt Kabinettsminister» einer ist soeben zum Botschafter in Konstantinopcl ernannt worden, zwei oder drei sitzen im Senat der Vereinigten Staaten und eine ganze Reihe im Rcpräscntanterihause; and! in den höheren und niederen Stellen der cinzelstaatlichen Vervvalfangen findet man reichlich Angehörige dieser Konfession. Im Gegensatz m dem sehr demokratischen öffentlichen Leben zeigt aber der private oder sozlale Verkehr mancherlei Differenzierungen, deren Hauptursache in dem schon seit jdicr bestehenden Vorurteil der Alteingesessenen gegen die neu Zugezogenen gefunden werden mag. Die alten holländischen Familien New Yorks, die ״Knickerbodiere*׳, bilden einen ganz exklusiven Kreis für *Ich, der zwar mit den Olücksgütera dieser. Welt weniger reichlich gesegnet ist als die schwerreichen UNDSCHAU Aliliiardärc der Fünften Avenue, der aber keine Ver- Bindungen mit dienen sucht oder znläht. Die ״alle“ Celdari:;toi;r..tie, also die Astorr., Vamlerbilts, üoekts, Schir ffclii)..!!rav. rrltii :!k-.i sich wiederum gegen die ״Nouveaux Rickes“ ab, deren Mammon noch der Duft der Schlachthäuser und der Düngcrfabnken * *,ft* hängt. Audi der amerikanische Mittelstand ist exklusiv; in ihn ein/iulringcn ist für den Einwanderer sehr schwer, häufig un.r.öglieh. Die Einwanderer verkehren mir wenig i» den Kreisen der ״Ur-Ainerikruier“, zu denen inan alle die rechnen kamt, deren Großvater schon hier geboren wurde. Am leichtesten finden noch die De 11!selten Eingang in diese Kreise, sie werden sogar in Etngcnwolmungeti zugelassen, deren Eigentümer eigentlich nur Amerikaner als Mieter schätzen. Die in großer Zahl hier ankommenden Italiener, die sich allerdings zum größten Teil aus Analphabeten zusamtnensetzen, werden hier mit größter Geringschätzung behandelt; allein die Tatsache, daß der Volksmund ihnen gleich drei Spitznamen (,,Dago“, ״Ginni“ und ״Wop“) zugeeignet iiat, deutet auf das Maß der Achtung hin, dessen sich dieses neue Element in der amerikanischen Bevölkerung erfreut. Zu bemerken Ist auch, daß im Süden die Italiener beinahe mit den Negern auf gleiche Stufe gestellt werden, jedenfalls haben sic vor allen Weißen den zweifelhaften Vorzug, bei schweren Verbrochen ebenfalls dem Richter Lynch zum Opfer zu fallen, genau wie die Schwarzen, die, w ie die Südländer glauben, nur durch summarische Volksjustiz in Schranken zu halten sind, ln den meisten ״Apartment“ - Häusern New Yorks, wo Deutsche und Amerikaner als Mieter gesucht werden, finden die Italiener die Tür verschlossen. Aehnlich wie die italienische Einwanderung wird das russischjüdische Element, das seit zwanzig Jahren in den Vereinigten Staaten, bc&onders in der Stadt so außerordentlich stark geworden ist, betrachtet. Nicht weil sie Juden sind, finden sie sich deklassiert, denn vor ihrem Eintreffen gab cs auch schon zahlreiche Juden hier, aber niemals war eine Spur von Antisemitismus zu entdecken. Die Juden frülicrer Zeiten waren eben zum großen Teil gebildete Deutsche; die jetzige Einwanderung rckrutiert sich aber aus ungebildeten Elementen, deren einziger großer Vorzug, ihre ungeheure Energie und ihr Vorwärtsstrcbcn, gerade noch dazu angetan ist, das Ucbclwolleii des amerikanischen Mittel- und Arbeiterstandes zu erregen. Die armen Verfolgten, die kaum genug zusammenraffen konnten, um die Schiffsrcisc nach der neuen Heimat zu erschwingen, bildeten sofort nach ihrer Ankunft eine gefährliche Belastung für den Arbeitsmarkt» denn sie mußten Beschäftigung und Verdienst hüben, ganz gleich zu welcher Entlohnung. Im Kleingewerbe konnte die amerikanische Betriebsamkeit, die doch auch nicht gering ist, nicht gegen die aullcrordcntliche Rührigkeit und die Gcschäftstüchtigkcit der neuen Ankömmlinge aufkommen. Ihre Kinder sitzen in den Schulen obenan und auf der städtischen Universitüt und im Columbia College tragen sie die ersten Preise davon. Der somit von diesem Element, das in der Zahl von einer Million wie von Zyklopenhaud im Zeitraum von zwei Jalirz.elmten in die Bevülkerung der Stadt hincmgcschlcudcrt wurde, ausgeübte ungeheure Druck mußte Gegendruck erzeugen. Das wirtschaftliche Leben eines Gemeinwesens kann nicht ein Material von solchem Umfange verdauen, ohne daß cs Zuckungen gibt. Und nicht allein auf wirtschaftlichem Gebiete liegen die Gründe für die vielfach zu fiiulcflde ungünstige Be* urteilung Der russische Jude hat wenig Gelegenheit geha!)t, sich gesellschaftliche Manieren a nzucigncn oder gewisse Unarten ab/.ustreifen, die so ziemlich den Ungebildeten aller Nationen eigentiimlich sind. Die feinere Lebensart und der Geschmack lernt sich nicht im Handumdrehen. Kommt der russische Jude zu etwas — was infolge seiner Euergie ziemlich häufig der Fall ist — so sieht man ihn und seine weiblichen Angehörigen mit von Schmuck überladener Kleidung einherstolzieren, sich auf vulgäre Art breitmachen und sich in recht gcräuschvoller Weise geben, genau wie auch andere Emporkömmlingc. Wenn man in Sommerfrischen sieht, daß Frauen noch zur Mittagszeit im Kimono, aber mit riesigen Brillanten auf der Veranda sitzen, $0 mag man cs erklärlich finden, daß dieser oder jener Hotelbesitzer ־auf solche Gäste gern verzichtet. Und wenn, wie beim City College, neun Zehntel des Schüler-Elements sieh aus (liegen russisch-jüdischen Kreisen rekrutieren, die vielfach sogar beim Essen den Gesichts- und Gehörsinn des Mittelstands- Amerikaners verletzen, so muß man eg auch nicht für eine unerklärliche Erscheinung halten, wenn die Studcntcnvcrcinignng ״Alpha Delta Phi“ nicht glaubt, ans diesen Kreisen wehere Mitglieder rekrutieren zu sollen. Des deutet nicht notwendigerweise auf Antiscmitisinus hin. denn auch die beiden größten jüdischcn Klubs h New York, die sonst bei allen Maß« nahmen, welche die IcibliJie und geistige Wohlfahrt ihrer Glaubensgenossen betrifft, gerne hilfreiche Hand leisten, vermeiden es, in diesen russisch-jüdischen Kreisen Mitglieder zu suchen. Und die spanisch-jüdische Gemeinde, die hier seit zweihundert Jahren besteht, ist recht exklusiv» denn in ihre geheiligten Kreise cinzudringcn haben weder deutsche noch andere Juden noch Christen (?) irgendwelche Aussicht, Es kommen natürlich vereinzelte Fälle von Antisemitismus auch in Amerika vor. Aber den großen Massen des Volkes liegt nichts ferner als ein spezifisches Vorurteil gegen die Juden. Alle von Europa aus gemachten Versuche, liier einen solchen Haß zu säen — Herr Alilwardt machte sich sogar die Mühe einer Reise durch Amerika — haben ein klägliches Fiasko erlitten.“ Nun, wir können die Haltung der freien Arnerikaner gegen die russischen Juden nicht so überaus ״natürlich“ finden. Daß schließlich die anderen Völkcrclemente ihnen nicht mit allzu viel Liebe entgegenkotnmen, überrascht ja wohl niemanden. Aber die Juden sollten doch wissen, dal) diese Einwanderer nicht gern kommen und daß es nicht ihre Schuld ist, wenn sie aus keinem übcrkvltivierten Milieu kommen. Aber cs ist ja leider die Sitte der Juden, die eben erst die Schrecken des Vertriebenscins ׳ vergessen haben, ihren Brüdern, die später kommen, besonders hart und rücksichtslos entgegenzutreten. Um Beispiele für dieses unjüdische Verhalten gegenüber zuwandernden Juden zu finden, müssen wir ja nicht erst bis nach Amerika reisen.... 1Zionismus in den Kleinstädten Eine Anregung von G. St.-Hohensalza.*) ln den Kleinstädten des Ostens — im Westen wird es kaum anders sein — ist es mit der Verbreitung des Zionismus geradezu jämmerlich bestellt Der größere Teil der Klcinstadtjuden hat von der zionistischen Bewegung, so wunderbar das auch klingen mag, noch nie etwas gehört; die übrigen haben eine vollkommen verworrene Vorstellung davon. Wohl hört man ab und zu, daß ein Zionist, der aus der Großstadt in sein Heimatstädtchen zurückkehrt, einen Redner veranlaßt, hier einen Propaganda vortrag zu halten. Von einer wirklichen Kleinstadtpropaganda aber hört man nichts. Und doch ist gerade die Oewinnung der Kleinstadtjuden für den Zionismus in ideeller und materieller Hinsicht von großer Bedcutung. Gerade die jüdischen Familien der Kleinstadt bilden ja, wie bekannt, ein durchaus jüdisches Mi« lieu. Hier hat man, wenn auch unbewußt, ein starkes jüdisches Nationalgcfühl. Sollte der Zionismus hier nicht festeren Fuß fassen können? Es ist unbedingt nötig, in unseren Kleinstädten viel mehr als bisher Propaganda zu machen. Unsere Finanzinstitute hätten sicherlich nicht geringe Vorteile davon. Vor allem würden die Nationalfondsbüchscn hier guten Absatz finden. ln vielen Kleinstädten wer* den es die Verhältnisse zwar nicht gestatten, Ortsgruppen zu gründen, man wird auch häufig hier aut ein geringes Erfassen unserer Idee stoßen, aber die Nationnlfondsbüchse würde hier gewiß in jedem jüdisehen I lasue einen Platz finden. Es brauchten gar nicht einmal Redner von der Berliner Zentrale hierher geschickt zu werden. Zionistische Kaufleute, die aut ihren Geschäftsreisen Kleinstädte besuchen, Stu* deuten, Akademiker der größeren Nachbarstidte könnten während der Mußcstiuulcn in den Klein- Städten segensreich für «len Zionismus wirken. Propngandavorträge, von Zeit zu Zeit gehalten, würden dem Zionismus hier viele neue Anhänger zuführen, nicht zum Schaden unserer nationalen Fonds, Hier winkt Gewinn! Also ans Wcrkl Die Kleinstadt- Propaganda nicht vernachlässigt! ’) Wir veröffentlichen gern diese Anregung und glauben, dal) sie auf ein wirkliches Bedürfnis un* screr Propaganda hinweist. Vielleicht äußern sich unsere Freunde noch zur konkreten Ausführung der gemachten Vorschläge. D. Red. AUS ALLER WELT Palästina Die neue Eisenbahnlinie Haifa — Akka, die sich seit Ende 1011 im Bau befindet, ist soeben dem Verkehr übergeben worden. Die Bahn ist 20 km Jang und stellt unter rein türkischer Ver* walttniß. Sic bildet eine Zweiglinie der großen Hed* schashalin. Durch die Eröffnung der neuen Strecke ist die wirtschaftliche Bedeutung Haifas wieder erheblich gestiegen. Bekanntlich int Haifa auch Aua* gangspunkt der über 100 km langen, ebenfalls reht türkischen Eisenbahnlinie Haifa—Beisan—Samach— Der*at, die seit 1001 b/w. 1906 in Betrieb ist. Mil einer Konzession für Erdölbohrungen bildete sich im November 1912, unter hauptsächlicher Beteiligung englischer Finanzkreise, die Syrian Exploration Company, Limited, mit dem Sitz In London und Haifa. Die Gesellschaft nahm im April d, J, mit Hilft englischer und amerikanischer Fachleute

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