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Jüdische Rundschau · 1913-11-07 · Heft 45 (7.11.1913) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 45 (7.11.1913)
Date
1913-11-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 482 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 45 Eine Duma, die sich in ein Meeting verwandle, könnte und müßte aufgelöst werden. Die Interpellation wurde mit 149 Stimmen der Linken und der Oktrobisten gegen 106 der Rechten und der Nationalisten a n g e n o in m c ti Die Zionistische Ortsgruppe Heuthen O.-Schl. hielt am 29. Oktober im große» Saale des Hotel Kaiserhof eine van weit über tausend Personen besuchte Protcstvcrsa m 1111 u n g gegen die Blutlüge ab. Nach einigen einleitenden Worten des Vorsitzenden, Herrn Dr. Dobr/ynski, ergriff Herr Nahtmi Sok'olow das Wort. In ansführlic'icr Weise schilderte er den Boden, auf dem ■dieser Prozeß entstand, der ein Akt der Rache seitens! der russischen Regierung für die Teilnnhme der Juden an der Freiheitsbewegung sei. Aber selbst in Rußland sei die Empörung über diese Anschuldigung eine große und sogar die besseren Kreise der russisehen Antisemiten schämten sieh dieser Affäre. Aber nicht nur in Rußland sei ein solcher Wahn möglieh, man dürfe nicht vergessen, daß auch in Ländern mit hoher Kultur dieses Märchen von Zeit zu Zeit immer wieder auftauchc. Herr Sokolmv richtete an die Versa in inhing die Mahnung, die Kinder in jüdischem Wissen zu unterrichten, damit nicht dereinst die Kinder den Fremden die Lüge nachspräclicn und sich der Eltern schämten. Vor allen Dingen aber sei es notwendig, sich zu organisieren, denn nur eine geschlossene Einheit sei imstande, sich wirksam zu verteidigen. In der Diskussion sprach noch I lerr Rabbiner Dr. Kappstein. Er hob hervor, selbst in der russischen Bibelübersetzung stehe, daß den Juden der Blufgcnuß verboten sei, er verwies auf die Bullen der Päpste, einen Erlaß des päpstlichen Staats- Sekretärs und des Fürstbischofs Kopp in Breslau. Nach einem Schlußwort des Referenten nahm die Versammlung einstimmig folgende Resolution an: ״Aus Anlaß des Kiewer Bcilis-Prozcsscs «heben wir feierlich Protest gegen die ungeheuerliche Beschuldignng, daß es Juden gäbe, die zu Rcligionszvvecken Menschenbild verwenden. Wir brandmarken es als einen Schandfleck unserer Zeit, daß man cs wagen kann, einen solchen wahnwitzigen Verdacht zu erheben gegen unser Volk, das drei Jahrtausende mcnsehheitlicher Hochkultur durchlebt und das die Menschheit Nächstenliebe und Humanität gelehrt hat. Im Namen der Solidarität der gesitteten Menschheit fordern wir die ganze Kulturwelt auf, gemeinsam mit uns den Kampf zu führen gegen die finstere Barbarei und uns zu helfen, unsere geschändete Menschenwürde und verletzte Volksehre zu verteidigen und zu schützen.“ K. Berichterstattung!! In Nr. 43 des Hamburger Israelitischen Familienblattes findet sich ein Aufsatz, der die Lehrer vor ihren ״Bundesgenossen“ warnt. Wir sind auf diesen Aufsatz schon ««gegangen. Es ist unter unserer Würde, uns gegen den Vorwurf zu verteidigen, daß wir zu irgendwelchen parteipolitischen Zwecken in der Frage der Volksschule für die Lehrer und ihre Forderungen Partei ergreifen. Die wichtigste Voraussetzung des Zionismus ist die Erhaltung des Judentums. Dali also ein Zioni;t für die jüdische Volksschule ist, ist selbstverständlich. Trotzdem müssen wir noch einmal auf den Aufsatz zurückkommen. Er enthält in tatsächlicher Be- Ziehung eine glatte Irreführung der öffentlichen Meinung. D.is Hamburger Familicublatt schreibt nämlich über die Berliner (icincindewahlen folgendes: ״Dali für die im November bevorstehenden Ikrlincr Repräsentanten wählen den dortigen Zionisten eine Lehrerhilfstruppe sehr willkommen sein würde, ist begreiflich. Neulich hat im Berliner Neuen Jüdischen Qcincindcvcrcin eine Versammlung stattgefanden, in welcher der bekannte zionistische Agitator Dr, Klee ״als Auftakt zu der bevorstehenden Repräsenta!, tenwahlbewegung“, wie er sagte, die Bedingungeti kundtat, unter denen seine Freunde mul Bundesgenossen den Wahlkampf gegen die Majorität cinstcllen wollten. Nach den veröffentlichten Ver- Sammlung *berichten trug Herr Dr. Klee Krieg und Frieden m sdner Toga, Frieden, wenn die Majorität sein angebotcncs Kompromiß annehmc, sonst — Krieg. Dieses Kompromiß war zunächst ein persönliebes: Uebernahme der Kandidaturen Dr. Klee und Locb auf die Wahlliste der Majorität. Erst in zweiter Linie natürlich wollte man sich bei Ablehnung dieser Forderung auch mit einem sachlichen Kompromiß zufrieden geben: Verpflichtung der Majorität zur Erfüllung einzelner gemeindepolitischer Forderungen. Beide Verlangen scheint man aber zurückgewiesen zu haben. Die Majorität der Berliner jüdischen Oemeindewähler will nicht unter das kaudinischc .Joch, das ihr Herr Dr. Klee errichten wollte, gehen. Deshalb sollen jetzt die Lehrer für Herrn Dr. Klee und Oenosten die verfahrene Situation retten.“ Es war für uns von vornherein klar, daß diese Darstellung falsch sei. Wir haben uns trotzdem noch an die Herren des Neuen jüdischen (iemeimlcvereins gewandt, um von ihnen über de» Stand der Verbundhingen etwas zu erfahren. Wir wissen ja, daß, wenn von Zionisten die Rede ist, das I Inmhiirger Familienblatt den Neuen Jüdischen Ücmcindeverein meint, obwohl, was in Berlin jedes Kind weiß, der Neue Jüdische (icineiudcvcrciii unter 1200 Mitgliedern höchstens 100 zionistische zählt. Von den Herren des Neuen Jüdischen (ieiueindevereins ist uns die 1kstätigung geworden, daß die Notiz des Hamburger Blattes von A bis Z falsch ist; das gerade (iegenteil von dem, was dort geschrieben ist, ist richtig, Es haben sich der ״Neue Jüdische Cicmeindcverein“, der ״Verein zur Erhaltung des überlieferten Juden• tuuis", der ״Verband der Synagogenvereine von Herliu und Vororten", die ״Freie Jüdische Vereinigung“ (MitteIpartei) und der ״Zentralvcrein für die Augelcgcuhcitcu der Berliner jüdischen (ieineinde“ zu einem Wall!Karte 11 zusamniengeschlosscn. Die Verhandlungen mit den Liberalen führt die munerisch stärkste der genannten Vereinigungen, nämlich der Synagogcuvcrhaud. Die Basis der Verhandlungen war folgende: 111 erster Linie ist den Liberalen, und zwar auf ausdrücklichen Wunsch des. Neuen Jüdischen üememdevereins, ein Walilkoinproiniß auf Basis s a ch l i c 11 c r Forderungen angeboten worden. Diese sachlichen Forderungen waren in erster Linie die Einführung des Proportionalwalilrechts, eventuell der Bczirkswahl. Gerade im Gegensatz zu dem, was das Hamburger Blatt meldet, ist diese Forderung akzeptiert worden. Der liberale Verein hat das Praportionalwahlrecht in sein Programm aufgenommen und sieh verpflichtet, für die Einführung desselben Sorge zu tragen. Nur für den Fall, daß von liberaler Seite ein Kompromiß auf sachlicher Basis abgelchnf worden wäre, war als Eventual Vorschlag ein persönliches Kompromiß In Aussicht genommen, bei dem dann allerdings die beiden Vereine, der ״Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums“ und der ״Neue Jüdische Gcmeindeverein“ die Forderung ausgesprochen hatten, daß ihre führenden Persönlichkeiten gewählt würden. Es genügt, diese Darstellung der Dinge mit dein, was das Hamburger Familicnblatt schreibt, zu vergleichen, um zu sehen, wie mangelhaft die Berichterstattung des Blattes ist, oder wenn man weniger gutgläubig ist, wie weit der Haß gegen den Zionis- 11111s geht, der im vorliegenden Falle dazu geführt hat, Tatsachen einfach auf den Kopf zu stellen. Die Herren des Neuen Jüdischen Gcfncindcvcreins erklärten uns, daß sie in diesem Augenblick weitere Mitteilungen mit Rücksicht auf die nach schwebenden Verhandlungen zu machen nicht in der Lage wären, daß sie aber selbstverständlich den Gang der Dinge der Oeffentlichkcit zur richtigen Zeit zugänglich machen werden. Ueber Bescheidenheit Seit einiger Zeit macht es dem Hamburger Israelitischen Familicnblatt Vergnügen, die Tätigkeit der zionistischen Organisation in einer mehr scharfen als gründlichen Weise zu kritisieren. In seiner letzten Nummer vergleicht es die Palästina-Tätigkeit unserer Organisation mit der der l.C, A. und der der Allgemeinen jüdischen Kolonisations-Organisation (A. j. K. ü.). Zunächst ist wohl die Nebencinanderstelluitg dieser beiden Organisationen ein wenig abgeschmackt. Die I. €. A., begründet von Baron Edmund Rothscliikl, dessen großartiges Palästinawcrk sie fortführt, ist wohl die stärkste jüdische Organisation, deren Leistung in Palästina — zusammen mit der vorangegangenen Leistung des Barons — über jede Kritik erhaben ist. Wenn wir auch manchmal manche einzelne Methoden, die von der 1, C. A. zeitweilig verfolgt wurden, kritisiert haben, so waren wir doch nie so verblendet, ,die Einzigartigkeit ihres Werkes zu leugnen. Auf philanthropisch-kolonisatorischem Gebiete arbeitend, hat sie so manche der Vorbcdiiigungcn für die nationale Erneuerung in Palästina geschaffen, deren erste Zeichen wir jetzt erkennen. Die A. J. K. O,, vor wenigen Jahren und mit mäßigen Mitteln begründet,, hat kaum einige kleine Proben ihrer Leistungsfähigkeit gegeben und arbeitet bis auf weiteres noch mehr in Deutschland als in Palästina. Wenn ihre Führer auf Versammlungen in den verschicdcnen Städten Deutschlands und Oesterreichs von der unvergleichlichen Großzügigkeit ihrer Pläne sprachen und sprechen, so wollen wir ihnen dieses Vergnügen nicht rauben und nur hoffen, daß ihre Tätigkeit ihren Voraussagungen entsprechen wird. Großzügige Arbeit in Palästina muß uns willkommen sein. Bis dahin wollen wir unsere Tätigkeit für wichtiger halten als die ihre. Das Hamburger Familicnblatt findet es riehtig, auf Grund einer ״objektiven“ Darstellung im Organe der A, J. K. O. unsere Leistungen für v e r schwindend klein und gering zu erklären, gemessen an dem, was von uichtzionistischcr jüdischer Seite für die jüdische Besiedelung Palästinas geschehen ist und noch weiter geschehen wird (liier spricht der prophetische (!eist des Familienblattes). ״Rechtfertigen diese Leistungen,“ fragt das Blatt, ״die Uebcrhcbuns:, mit welcher die Zionisten den kolonisatorischen Vorrang vor den ungleich größeren und erfolgreicheren Leistungen anderer jüdischer Organisationen in . Anspruch nehmen?“ Wir wissen, daß die zionistische Organ!- sation einen kolonisatorischen Vorrang vor der l.C. A. durchaus nicht beansprucht, allerdings aber vor der A.j.K. O., trotz ihren Notabein Versammlungen in Berlin, Wien,!,rag, München usw. Das Hamburger Familicnblatt meint: ״Die Prätentioneu des lärmenden Teiles der zionistischen Wortführer kann inan doch nicht auf Vorschuß•!,(,!. beeren begründen, die man sich für noch nicht vollbrachte Held e n t a t e n bei der Kolonisation Palästinas /!!erkennt. Mögen diese Herren Zionisten doch warten, bis solche Lorbeeren von ihnen wirklich verdient sind und bis daltin etwas bescheidener in ihrem Auftreten sein. Mögen sie sich an der l.C A., an der A. J. K. O., am Esra ein Beispiel nehmen!“ Das würde unseren I Icrren C iegnern passen, wenn wir uns an der A. J K. O. ein Beispiel nähmen. Aber das wird nicht geschehen, das können wir ihnen versprechen. Zur Ausländerfrage*) Nach den Ereignissen der letzten Zeit sieht es so aus, als ob in den jüdischen Gemeinden Deutschlands das Ausländerprobltm allmählich eine Neu- Orientierung des jüdischen Einheitsgedankens herbeiführen sollte. Wenigstens kann es nicht geleugnet werden, daß hier das Problem so scharf gestellt ist, daß cs in dieser Frage nur ein Entweder — Oder gibt, daß eine reinliche Scheidung der Geister mit Naturnotwendigkeit kommen muß. Solange die eingewanderten Juden nicht als ein zu berücksichtigender Faktor im Gemeindlichen galten, kümmerte man sich nicht um sie. Wenn sic unter der Rcgicrungspraxis litten, so ließ man sich sogar herbei, für sie, wo es ging, ein gutes Wort einzulegen. Nim aber haben sie angefangen, unter dem Einfluß des neucrwachten Gcmemdclcbcns ihren Einfluß geltend zu machen, mit ihrer Stimmenzahl den Ausfall der üeineindcwahlen hie und da im Sinne des Erhaltungsgcdankeiis zu bestimmen, die Machtstellung der Liberalen in einzelnen Gemeinden zu gefährden. In dem Augenblick gab es plötzlich eine Ausländerfrage innerhalb der Gemeinden. Flugs fand sich der Jurist, der haarscharf bewies, daß die Ausländer in den jüdischen Gemeinden eigentlich nichts zu sagen hätten, obwohl bekanntlich die deutsche Judengesetz• gebung einen Unterschied zwischen in- und ausländischen Juden nicht kennt. Die neueste Entdeckung in dieser Frage und ihre tiefgründigste Betrachtung aber verdanken wir dem Präzeptor unserer jüdischen Germanen, Herrn Geh. Rat G c i g e r. Er hat gefunden, daß die Gleichbcrechtiguug der Ausländer in der Gemeinde ״eine zionistische Utopie“ sei und eigentlich dem liberalen Ideale widerspreche. Diese wunderliche Behauptung findet sich in einer Besprcchung des von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland heratisgegebencn Gemeinde* j a h r b u c It c s. Dort hat V i c t o-r in einem vortreff• liehen Aufsatz, dessen Lektüre unseren Freunden nicht warm genug empfohlen werden kann, aus* einander gesetzt, daß, wenn sieh unsere ״liberalen“ ücincindeführcr nur an den klaren Wortlaut des Ge* setzes zu halten bereit wären, cs eine Ausländerfrage gar nicht gäbe, und daß nur die Furcht, es könnte ihre Macht gefährdet werden, sic ein Problem herauf* beschwören läßt, dessen Bedeutung für das gesamte jüdische Leben Deutschlands noch gar nicht abzusehen ist. Es sei hier nur an die schmachvolle Denunziation der Duisburger Gemciuclcgrößcn erinnert» von der in der letzten Nummer dieses Blattes berichtet wor* den ist. Und nun diese Umkehrung aller Begriffe I Jetzt soll die Gleichberechtigung der Ausländer, die Jahr- *) Die nachstehenden Ausführungen, sowie die mannigfachen anderen aktuellen Probleme, wie da» der jüdischen Volksschulen usw. beweisen, daß eines der wichtigsten Erfordernisse für jeden jüdisch Interessierten, vor allem für jeden Zionisten, eine genaue und gründliche Information über die Gemeindefragen ist. Diese Information gibt das von der Zionistischen Vereinigung für Deutsch* land herausgegebene Jüdische Gemeinde- 1 a h r b u c h“. wir empfehlen es allen unseren Freunden zur Anschaffung und Lektüre und bitten sie, für seine größtmögliche Verbreitung Sorge zu tragen. Dies wird unsere Gcmeindcarbcit wesentlich erleichtern. (Das ״Gemeindejahrbuch“ ist durch die Z. V, f. D. zu beziehen und kostet inki. Porto M. 1.20.)

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