Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 481 wird von den Verleumdern jeglichen Landes nunmehr als erwiesen behauptet werden. Ist sie doch ge• riehts- und aktenkundig gemacht! Und der Justizrat Hörwitz erklärt, dal! ein Vcrfahren, das die Existenz des Ritualimirdcs voraus• setzt, ein o r d n u n g s g c m ä IS e s , eines K u 1 turstaates würdiges Verfahren sei. Was bedeuteten die Proteste? Wir haben cs ahgelehnt, der Welt gegenüber zu beteuern, daß wir keine Mörder sind. Unser Protest richtete sich da• gegen, dall die Komödie eines Prozesses inszeniert wurde, um ohne Pogrom die schlimmsten Pogrom• Wirkungen hervorzuriiten, um die Kuiturvvelt über das, was wirklich vorging, zu täuschen. Wir glaubten, durch unsere Proteste erreicht zu haben, daI! niemand in der gesitteten Welt den russischen Gimpelfängen! auf den Leim ging. Wir haben es klar und deutlich erwiesen, daß es sich um ein politisches Schwindel• manöver gröbster Art bandelt, um einen Prozeß von der Art der Inquisition«-, der Hexen-, Brunnenvergiftungs- und Hosticn-Prozcssc, nur daß von den Vcr• anstaltcrn dieses Prozesses niemand in Wahrheit an den Aberglauben glaubt. Und wir, die Gesamtheit der Juden, sind die Angeklagten! Und uns, den Angeklagten, soll das Recht genommen werden, uns zu der Anklage zu äußern, den Verbrechern die Larve vom Gesicht zu reißen! Denn cs handelt sich um ein ״scliwc• bendes Verfahre n“, das schwebende Verfahren eines ״K u 11 u r s t a a t es“! Das Urteil wiegt wenig, gemessen an der Tatsache der Anklage überhaupt. Niemals seit den Zeiten jener Hexenprozesse ist ein derartiger Prozeß inszeniert worden. Sic rechneten drüben m Rußland darauf, daß mau jenseits der Grenze sehen würde, den Prozeß nach Möglichkeit zu verschweigen. Sie haben sich verrechnet.!Diesmal waren alle kultivierten Menschen einig in ihrem Entrüstungsschrei. Und diese Entrüstung erregt das Mißfallen des Herrn Justizrat Horwitz, des Leiters des Zentralvcreins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Er mag sich darüber geärgert haben, daß jene imposanten Veranstaltungen in Berlin, zu denen sich tausende Juden aller Richtungen zusammengefunden hatten, nicht von seinem Verein einberufen waren, der die Einberufung hätte vornehmen müssen, wenn er nicht seinen vollkommenen Bankerott erklären wollte! Wenn er noch seinem Aerger anders Ausdruck gegeben hätte, wenn er mir gesagt hätte, die Versamnilungsreden wären schlecht gewesen — aber er hat den Ritualprozeß, die Ritualmordanklagc als־ ein schwebendes und rechtmäßiges Verfahren dargestellt, das wir zu respektieren hätten. U nd er hat zu Ende spree h e 11 können, er ist nicht augenblicklich von dem Zorn der Versammlung von der Tribüne gefegt worden. Sind wir noch lebendige Menschen mit pulsierendem Blut, init klopfenden Herzen, lebt in uns noch etwas von jüdischem Temperament und Gefühl? Oder sind wir ausgetrocknete Paragraphen- und Verordnungsrnenschen geworden? Wenn uns nicht eine Hoffnung blühte es wäre wirklich besser, daß wir zu Grunde gingen und stürben, als daß wir weiter in Schmach versinken. Die Torwächter 'Israels sind dieselben gehlicben seit der Zeit der Schnapper-Elle. Sammv Grnnemann. r Vf ® i. \ * y Prozeß Das erste Stadium des Prozesses ist nun vor• bei. Sämtliche Zeugen sind vernommen worden, und nun ist die Reihe an den Begutachtern, an den Experten. Eigentlich hätte der Prozeß schon jetzt als abgeschlossen betrachtet w׳erde 11 können. Denn die 1 iauptsnehe ist doch der Nachweis, ob lieiiis Schuld am Mord hat oder nicht. Und diesen Nachweis hat der Prozeß bereits erbracht. Es war nämlich im Laufe der Verhandlungen von Bcilis überlinupt keine Rede. Salle nicht die tragische Eigur des armen, bleichen Mannes mit dem vergrämten Gesicht und den leidenden, fragenden Augen auf der Anklagebank, hätte er nicht hier und da durch _ ein plötzliches . Aufstöhnen, durch ein Aufschluchzen an seine Existenz erinnert, man hätte ihn längst vergessen. Und das ist eben das Monströse, das Unerhörte an diesem Prozeß. Es gibt ja genug Prozesse, wo Menschen z.u Unrecht angeklagt, ja verurteilt werden. Es gibt Justizfehler und Justizmorde. Aber immer und über* all gibt cs in solchen Fällen irgendeinen Anhaltspunkt für die Anklage. Irgendeine leise Andeutung, ein Schimmer von einem Beweise. Der Angeklagte kann sich rechtfertigen, die Beschuldigung widerlegen, sich verteidigen. Im Beilis-Prozeß fehlt sogar dieser Schein von Verdacht, die Beschuldigung. Man bedenke: die ganze, fürchterliche Anklage stützt sich auf die angeblichen Worte eines zehnjährigen Kindes, das inzwischen unter verdächtigen Umstünden gestorben ist. Dieses Kind, die Tochter der Diebin und Prostituierten, der Hehlerin und ״Königin der Verbrecher“ Wjcra Tschebcrjak, soll gesellen haben, wie ein Mann mit einem schwarzen Bart den Knaben Justschinski nach dem Ziegeleibrennofen verschleppt hat. Nun traten die Zeugen auf, alle ״echte Russen“, alle Nachbarn der Tschcberjak, und erklärten übereinstimmend, von lieiiis nichts zu wissen, Dafür aber wußten sie alle von der Tschebcrjak zu erzählen. Sie berichteten, cs sei die allgemeine Ueberz.eugung der Nachbarn, die Tschebcrjak und ihre Bande hätten den ihnen unbequem gewordenen Knaben Justschinski ermordet. Einige Zeugen, und zwar die wichtigsten, die Schwestern Djakonowa, die bei der Tschebcrjak vcrkehrten, die Frau Malickaja, die in demselben Hause wohnte, wie die Tseheberjak, sagten so belastend für diese aus, daß cs keinen Augenblick mehr zweifelhaft sein konnte, daß sic eben die Mörderin war. ln jedem anderen Prozesse wäre das Grund genug, um die Tschebcrjak zu verhaften und eine neue Untersuchung cin/uleiten. Aber dies fällt dem Staatsanwalt' gar nicht ein. Iru Gegenteil, er läßt auf Wera nichts sitzen. Er 11:1t ihre Sache zur sein!• gen, zur Sache des russischen Staates gemacht. Es ist ein neues Dogma der russischen Regierung geworden: Credo — ich glaub« an alles, was die Prostituierte und Diebin Wera Tschebcrjak und ihr Bruder Singajewski, ein Zuchthäusler und ״schwerer Junge“, sagen, Alles andere ist vom Uebel, Nur Wera kann den russischen Staat und die russische Nation,׳ilidee retten. Die Kiewcr Diebin ist eine Art Schutzpatron!!! der ״echten Russen“ geworden. Eine Staatsautorität und ein — Symbol! . . . Und es bestellt wirklich die Gefahr, daß Bcilis verurteilt werden wird, Warum sollten die zwölf Bauern, von denen alles abhängt, humaner, gerechter, kultureller sein, als die ,Nowojc Wremja“? Uehrigens, so oder so, die Regierung wird ihr Ziel erreichen — Pogrome werden schon jetzt unter der Hand vorbereitet . . . Nur! sind wir bei den Gutachten angelangt. Pawlow, der berühmte russische Chirurg, der Leibarzt des Zaren und einer der größten Gelehrten Rußlands, tritt als Expert gegen die Gutachten der Anklage auf. Schritt auf Schritt schlägt er seine Gegner, Kossorotow und Tufanow, weist ihre mangdhafte, sträflich nachlässige Untersuchung, ihre Unter- Stellungen pnd Verdrehungen nach. Einmal ist es Prof. Pawlow bereits gelungen, seine Wissenschaft gegen die Boshaftigkeit und die Ignoranz in di« Wagschale zu werfen und zu siegen, — das war vor II Jahren im Wilnaer ״Ritualmordprozeß" Blondes. Aber damals war die Sachlage günstiger. Die Regierung war neutral. Der Staatsanwalt war objektiv. Heute aber ist cs ein Kampf zwischen Regierung und Wissenschaft, Regierung und Recht.' Wer wird siegen? Es ist, als ob die russische Regierung fühlte, daß sic vor einem Abgrund steht. Die gesamte russische Intelligenz hat sich wie ein Mann erhoben und irn Proteste gegen den Prozeß Bcilis geeinigt und gefunden. Sogar die anständigeil ,,Rechten“, die Konservativen, halten mit ihrem Tadel und ihrer Entrüstung nicht zurück. Den Beweis dafür erbrachte die erste Sitzung in der Duma. Die ganze Duma, mit Ausnahme der Tscheberjak-Fanatiker, der Abgeordneten der ״Schwarzen Hundert“, haben den dringlichen Antrag über den Beilis-Prozeß, der von der Kadettcn-Partci eingebracht wurde, angenommen. Was die Vertreter der Regierung antworten werden, ist irrelevant. Sie werden mit eherner Stirn nichtssagende und höhnende Erklärungen abgeben. Aber der Stein ist ins Rollen gebracht. Und das ist — bisher — der moralische Erfolg des Beilis-Prozessel. * Der Prozeß in der Duma. In der Reichsduma hat die Kadettenpartei eine dringende Interpellation wegen allgemeiner Bedrückung der Presse, besondere anläßlich des Bcilis• Prozesses cingebracht. Der Führer der Kadetten, Miljukow , äußerte in seiner Begründung der Interpellation, die Bedrückung der Presse hätte in diesem Jahre einen Rekord erreicht, insbesondere sei versucht worden, den Beilis-Prozeß durch Repressivmallregeln gegen die Presse der Oeffentlichkeit zu entziehen. Miljukow fuhr fort, die enge Verbindung zwischen Dieben, Einbrechern und dem Dumaabgeordneten Zamyslowsky errege allgemeines Erstaunen. (Großer Lärm und Widerspruch rechts.) Der Präsident rief den Redner zur Ordnung. Dieser schloß, cs sei die höchste Zeit, zu erklären, daß seine Partei keine Verantwortung für den Beilis- Prozeß tragen wolle. (Beifall links.) Punsch« k c w i t s c h (Aeußerstc Rechte) erklärte, die dressierten Stare der Judenschaft könnten dem ehrlichen Namen Zamyslowsky* nichts anhaben. (Stürmischer Beifall rechts.) Die Interpellation sei ein verdeckter Versuch, in die Rechte des Gerichts einzugreifen; der erste Arbeitstag der Duma dürfe aber nicht ein Sympathie-Meeting für die Juden darstellen, welche in Kiew die Spuren eines Verbrechens zu verwischen suchten, das die Aufmerksamkeit von Ruffland und ganz Europa erregt habe. Die Juden hätten alle Mittel zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung angewandt, auch zu Bestechung und sogar zum Gift gegriffen. Der Präsident bat, Einzelheiten eines schwebenden Verfahrens nicht zu erwähnen. Purischkewitsch erklärte, trotz, der Versuche, die Rechte zu Ausschreitungen he rauszufordern, werde sie den Oerichtsspruch schweigend erwarten. Rußland sei nicht Frankrcich.cs werde also nicht gelingen, die Dumatribüne aiiszunutzen, wie seinerzeit die Deputiertenkammer für Dreyfus ausgenutzt worden sei. mischten Gestalten wie Börne oder Heine ein Volk gemacht hätte. Da ist itun vielleicht noch wichtiger als der Inhalt von itubers Eröffnungen, wesentlicher als all das Erweckende, Mitteilcude, Offenbarende und die Gewissen und das tiefste Wesen Erschütternde der bezwingende, unvergeßliche, nicht umzustoßende Eindruck der Wahrheit, den Martin Hubers Rede auf alle macht, die sie hören. Daß, was er jüdisches Wesen nennt, im Laufe von Jahrtausenden immer nur an wenigen in Fülle hervorgetreten ist und durch sic auf Volk und Menschheit gewirkt bat, ist gewiß kein Einwand gegen den Blick, den er in die Zeiten tut, und gegen die Erneuerung, die er kündet: denn so stehen alle Völker in der Geschichte da und schreiten ihren neuen Geschicken zu. Aber möchten selbst, was schwer zu glauben ist, die Züge wieder ausgelöscht werden, in denen Buber jüdisches Wesen gezeichnet hat, möchte gar ein völlig anderes Judentum für Vergangenheit und Zukunft fcstgcstcllt werden, eines wird bleiben, eines, das Buber nicht geschaffen, das er geschaut und in sich gefunden und mit dem Zwange und der Stärke der Wirklichkeit gestaltet hat: daß dieses Volk vor sich selbst und den andern in Reinheit steht, und dall die Menschheit in diesem ,wie in jedem echten und lebendigen Volke sich selbst und ein Abbild ihres Wesens gespiegelt findet.“ Prag. Robert Welt sch. Rumänien In Bukarest kündigte das Nationaltheater für den 24, v, M, die Aufführung des Dramas ״M a - nasse“ an. Da aber dieses Drama von einem Juden geschrieben und der Held de» Stückes auch ein Jude ist, so schickten die rumänischen Studenten Bukarests eine Abordnung zum Theaterdirektor, um denselben zu veranlassen, das Drama nicht zur Aufführung zu bringen. Dieser aber wollte seine Ankündigung nicht widerrufen. Die Studenten wandten sich!herauf an den Minister des Unterrichts und erwirkten bei ihm die Streichung des Stückes vom Tagesprogramm. , Der Minister begründete seinen Vorgang mit der Befürchtung einer Manifestation seitens der studierenden Jugend. Das Le!borg an der liberalen, recte antisemitischen Partei, die ״Independance rotimaitie“, vom 25, v. M, bemerkt zu diesem Vorfälle wie folgt: ״Es’ ist wirklich zu bcdauern, daß das Bukarester Publikum vom Schicksal verhindert ist, eines der besten Werke unserer dramatischen Literatur zu hören“. Also, die Studenten können es nicht ertragen, daß ein Drama, und sei cs eines der beste,־! ihrer Literatur, wenn cs nur von einem Juden geschrieben ist, im Bukarester Theater aufgeführt werde; der!Minister befürchtet eine feindliehe Kundgebung und ordnet die Aufhebung der Aufführung ah. Die rumänische Presse bedauert nur, daß das Publikum vorn Schicksal verhindert ist, ein so gutes Drama zu hören. Neue Bücher (Besprechung Vorbehalten.) Dr. Max (irunwald, Samuel Oppenheimer und , sein Kreis. Wien u. Leipzig, Wilh. Braumüller. S. J. Brasul-B rusch ko wski, ״Die Wahrheit über den Mord Juschtschinski und den Bcilis- Prozeß“. Berlin, Fcucrreitcr-Verlag. —,80 Mk. Aage Madelung, ״Die Gezeichneten“. Roman, Berlin, S. Fisclicr. 4,50 (5,50) Mk. Dr. Adolph Köhut, ״Ritualmordprozesse. Bedeutsame Vorfälle aus der Vergangenheit“. Berlin, 1). Basch ft Co., G. m. b. H. -,80 Mk. Eberhard B ü c h n er ״Das Neueste von gestern“, 2. -5. Band. Mdin, Albert Langen. Dr. Adolph K o h u t, ״Gekrönte und ungekrönte Judenfreunde“. Berlin, D. Basch ft Co., O. m, b, H. 3, ~ (4,-) Mk. Vom Jüdischen Verlag ln dem Inseratenteil der heutigen Nummer zeigt der ״Jüdische Verlag“ eine Reihe interessanter N c tt c r s c h e i tu» n g e n an, auf die wir unsere Leser auch an dieser Stelle aufmerksam machen wollen. ׳