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Jüdische Rundschau · 1913-11-07 · Heft 45 (7.11.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 45 (7.11.1913)
Date
1913-11-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 480 Nr. 45 J UED1SCHE RUNDSCHAU das Jaffaer Oyinuasiutn, man muß dem Deutschen einen größeren Platz einräumen. Aber wer hiilte vermuten können, daß man diese Mittelschule zu einer Art deutscher höherer Schule nach Berliner «der Potsdamer Muster gestalten würde? Dies kam selbst denjenigen von uns ganz unerwartet, die sonst immer pessimistisch sind. Darum blieb Aelutd Haam, i)r. Tschlenmv, Dr, Lev in kein anderer Ausweg, als aus dem Kuratorium »iisziisdicidcn. Es war dies kein übereilter Schritt, Niemand verlaßt leichten Herzens eine Sache, für die er mit Umgehung gearbeitet hat, Und unter den drei aus dem Kuratorium ausgeschiedenen Mitgliedern ist ein Mann, der mit diesem Institut wirklich verwachsen ist, der ihm eine außergewöhnliche;Summe v«n Arbeit gewidmet hat und dem cs gelungen ist, für die Schule eine große Schar von Anhängern und ein reiches Maß materieller Mittel zu beschaffen. Ein zweiter von ihnen ist bekannt als klar, nüchtern und gründlich denkender Mann, der in keiner Sache extrem ist und der die Fähigkeit besitzt, jedes Ding von allen Seiten zu betrachten. Schließlich ist unter ihiien einer, auf dein die große Verantwortung lastet, daß er der Vertreter unseres Nntiunallonds ist, der bekanntlich für dieses Institut eine große Stiftung gemacht hat; dieser Mann ist zugleich wegen seiner Stellung im E. A. C, für unsere Organisation vcrantwörtlich. Diese drei Männer sind ausgetreten, weil der nationale (jrunds.itz, zu dem wir uns bekennen, durch de« Beschluß verletzt wurde, so daß eine weitere Teilnahme nationaler Juden unmöglich geworden ist Dieser Austritt fällt uns schwer, denn wir wo Den mit anderen Organisationen zusammen;1rbeiten. Aus nationalem Solidaritiitsgvfiihl verabscheuen wir unnötige Kämpfe innerhalb uuscics Volkes. •Dieser gute Wille erzeugte in uns die Vor- Stellung, daß die angesehenen und einflußreichen Personen, die ün Hilfsverein der deutschen Juden tätig sind, uns näher stehen, als andere Kreise. Diese Vorstellung war nicht ohne (irund, Wir haben das Wirken dieses Vereins gerühmt und werden nicht aufhöre«, es zu rühme». Wir mußten ,anerkennen, dal! diese Männer den guten Willen haben, nach Möglichkeil objektiv zu sein und die verschiedenen Arten von Ostrazismus, die andere gegen uns üben, nicht mit zumachen. Es ist möglich, daß wir die Sachlage zu rosig gesehen haben, aher der Grund dieser Autfassung lag in dem Willen, mit all denen zu arbeiten, mit denen ein Zusammengehen möglich ist; und wir hegen auch noch weher die Hoffnung, daß sei,)lief!־ lieh alle jüdischen Organisationen zur Anerkennung des nationnlcn (irundsatzes gelangen werden. Es gibt aher entscheidende Augenblicke, wo Leute von Grundsätzen sich fragen müssen: wohin führt der Weg? Augenblicke, wo Friedensliebe gleichbedeutend ist mit Aufgabe der Persönlichkeit, jede Konzession mit dem Verkauf der Erstgeburt um ein Linsengericht, wo jede Nachgiebigkeit Treubruch ist, jede Art von Gleichgültigkeit Heuchelei. Wer in solchen Augenblicken Frietlensschalineien bläst, erkennt nicht, was nottut, Wir sind keine eingeschworcnen Radikalen um jeden Preis, die jede unbedeutende Sache gewaltsam zu einer Lebensfrage aufbauschen; aber diese Frage unserer nationalen Sprache in unserem nationalen Lande Ist die Frage von Sein oder Nichtsein. Wir haben nicht den Kampf gesucht, wir sind für den Frieden. Aher wir werden das, was uns wert und heilig ist, zu verteidigen wissen: unsere nationale Sprache in Erez Israel. Wer für das Hebräische ist, der komme zu uns! Ein Buberheft Die ״Neuen Blätter“ (Verlag Erich Baron, Hellerau) haben als erstes und zweites Heft der dritten Folg* ein ״Biiberheft*‘ hcratisgegcben, das eine Auswähl aus den Werken Martin B u b er s in sehr schöner äußerer Ausstattung vorlegt*). Die Auswahl kann dem Zweck entsprechend als sehr gelungen bezeichnet werden; sie enthält außer kleinen Abschnitten aus ßubers Büchern (״Ekstatische Konfessionen", ״Reden und Gleichnisse des Tschuang Tse“ usw.) auch die ganze zweite Rede ״Das Judentum und die Menschheit“, eine« Auszug aus der der ״Legende des Itanlschem“ vorangeschickten Darstellung der chassidischcn Lehre und drei Legenden, Von besonderen! Interesse ist für uns ein Aufsatz ״Kultur und Religiosität“, der im 4. Sammelband ,,Heathid“ hebraisch und in Nr. 37 (1<}12) der Prager ״Selbstwehr“ deutsch erschienen ist (unter dem Titel ״Athid misdinch“, ״Zweifache Zukunft“) und Bubcrs Anschauttng über den Zukunftswcg des Judentums enthält: Aus der großen Erschütterung, die das Galuth* judentum ergreifen wird, werden die glühenden Lebenskräfte erstehen, die dann von dem Geiste des gesichert im eigenen Lande lebenden jungen Volkes -- _1 ״> Preis 1,50 M, Das 1 lamburger Israelitische Familicnbkitt bringt folgende Notiz: “Infolge des von uns in voriger Woche mitgeteilten Beschlusses des Kuratoriums des jüdischen Technikums in Haifa, wonach neben dem Hebriiisehen auch das Deutsche als Unterrichtssprache in der neuen Anstalt an.ywendet werden soll, haben die zionistischen Mitglieder des Kuratomims, die Herren (iin/berg, ,Schmarja Levin und Tsclilenow ihren Austritt aus demselben erklärt.“ Wir wissen nicht, inwieweit diese Notiz redaktionell oder inspiriert ist. Jedenfalls zeigt sie, daß ihr Urheber irregefülirt ist oder irreführ eil will. Die Herren Ginzberg (Ach,ad Haam), Levin und Tschlc* now sind, wie wir in vier letzten Nummer ausführ• lieh berichteten, nicht etwa ausgetreten, weil neben dem Hebräischen auch das Deutsche au* gewendet werden soll, sondern weil das Hebräische aus der Mittelschule fast ganz, aus dem Technikum gänzlich ausgeschlossen wurde, so daß die Anstalten geeignet erscheinen, die Arbeit der Neuhelebung des Hebräischen in Palästina zu durchkreuzen und schwär zu gefährden. Gegen die Einfiihrung des Heut selten hatten die drei Herren nichts *inziiwenden, ihr Protest richtete sich aus- ,schließlich gegen die Verdrängung des Hebräische n. Diesen Tatbestand sollen journalistisclie Kniffe nicht verdrehen. Rußland ein Kulturstaat!! Der BeiHs-Prozeß ein schwebendes Verfahren!! Die ,Frankfurter Zeitung“ berichtete über eine vom ZentralvcrcinJcutschcrStaatsbürger jüdischen Glaubens einbenifene Ver- Sammlung, die in Berlin am 30. Oktober stattfand und iu der Rabbiner Dr, Werner (München) über ״Talmud und Schulchan Aruch" sprach. Der Vorsitzende, Justizrat Dr. Maximilian Hör* wiiz, dankte (nach dem erwähnten Berichte) dem Vortragenden und bemerkte dann: ״Dem Vorstande des Zentralvereins ist der Vorwurf gemacht worden, dal! er keine Protestversammhing gegen den augenblicklich in Kiew geführten k1i!1almord|11׳üzeß eitihentfeti habe. Wir haben die Einberufung einer Proteslversainmlung unterlassen, weil Vernünftige und ((duldete auch ohne Protestvcr- Sammlung wissen, daß der Prozeß in Kiew an die finstersten Zeiten des Mittelalters erinnert und mit den I lexenpro/.essen eine frappante Aehnlichkeit bat. Diejenigen, die aus Bosheit und Niederträchtigkeit die Juden des Ritualmordes bezichtigen, werden wir niclit belehren. Eine Protest Versammlung wäre aber auch schädlich, Ich habe die Ucberzeugung, daß durch Protestversaiuniliiiigeu dem Angeklagten Ikilis nur geschadet wird. Wir müssen uns hüten, in ein s c h wehendes 1* r o z c ß v e r f a h r e 11 eingreifen zu wollen. Kein Gerichtshof der Welt würde sich durch Protestversanimliiiigeii in seinem Urteil irgendwie beeinflussen lassen. Im Gerichtssaale der ganzen Kulturwelt — und R u IH a n d rechnet sich doch 110 c 11 t u r K u 11 u r w c 11 — haben m i t R echt n u r tl i c P r o z e )!beteilig I e 11 das Wort, Eine )5rotcstvcrsnminhing, noch dazu im Auslande, di« gegen ein schwebendes Prozeßverfahren Einspruch erhebt, kann nur schädlich wirken. (Rufe: Die ganze Weit müßte Protest erheben!) Auch wenn zu einer neuen Kultur geformt werden. Eine Er- Iterierung des Judentums kann nur durch das Zusunimenwirken beider kommen. Das Wertvollste in dem Heft, schon weil das einzige Neue, ist ein Aufsatz: von Gustav Landauer über Martin Btibcr, In dieser wundervollen Würdigung ist vielleicht nur eines zu wenig stark betont: Daß Huber den Juden nicht nur das Wesen und den Sinn des Judentums offenbart hat, sondern daß er sie auch mit der ganzen herrlichen Leidenschaft seiner Rede zur Bereitschaft und zur Tat aufruft, zu einem neuen Leben, das diesen Sinn verwirklichen soll. Es sollte doch gesagt sein, daß Martin Buber Zionist ist, nicht etwa nur durch parteimäßige Zugehörigkeit, sondern im tiefsten und letzten Sinne; damit keine Unklarheit darüber besteht, was Zionismus ist. Und nun mag noch eine Stelle aus Landauers Charakteristik der Bedeutung Bubcrs für die Juden folgen: ״ln seinen Büchern vom Basischem, vom Rabbi Nachman und vor allem in seinen ״Drei Reden über das Judentum“ ist er, um seine eigenen, leicht vari- «erten Worte auf ihn selbst anzuwenden, der Apostel des Judentums vor der Menschheit. Er hat keinen Appell losgelassen, hat nicht zur Scham und zur Einsicht oder zur Duldung und Menschlichkeit aufgerufen; er hat nur öffentlich zu den Juden gedie ganze Welt Protest erheben wollte, so würde das nicht mir nichts nützen, sondern nur schaden. Seihst wenn der Prozeß von einer Kabinettjustiz geführt würde, könnten Protestver־Sammlungen nur scliad! n. Böswillige und niederträchtige Menschen sind eben nicht zu belehren. Wir vertrauen auf die Unparteilichkeit und Gerechtigkeit der Richter in Kiew und geben uns de! sichere» Hoffnung hin, daß das Urteil des Kiewer Gerichtshofes niefit von Aberglaube um.! Religioiishaf! diktiert werden, sondern dem Recht und der Gerechtigkeit entsprechen wird'“ ,(Lebhafter Be i f a 11.) Wenn diese Aeußcruiig nicht von offiziellster Stelle des Vereins in größter Oeffentliclikcit gefallen wäre, würden wir unserer Gemeinschaft die Iwschäinung ersparen, daß weitere Kreise sie erfahren. So ist sie in die Welt gegangen und uns liegt die traurige Pflicht ob, sie festzunageln. Allüberall in der Welt sind flammende Proteste gegen die neueste und schlimmste Gewalttat iu Rußland erhoben; die Juden aller Länder und aller Anschauungen, aller Richtungen, aller Parteien habt! sich liier, da das Schrecklichste wahr zu werden droht, einig ziisammcngcfuiideii und mit ihnen einten sich Geistliche aller Bekenntnisse, Staatsmänner, Würdenträger, Männer der Wissenschaft, alle Kulturträger der zivilisierten Welt. In Oesterreich hat die Wiener Kultusgemcinile die Initiative ergriffen — in London einten sich linier dem Vorsitz Sir Francis Montefiores die prominentesten Vertreter englischer Kultur. Europa ist aufgcrüttclt, — die öffentliche Meinung ist endlich aufgeklärt über das Schamlwerk, das in RtifSlaiid begangen wird. Da erscheint der Leiter eines Abwehrvereins der deutschen Juden auf dem Plan, um all denen, die :■ich in Zorn und Empörung geeint haben, die alle Parteirücksirhten, allen Hader beiseite ließen, tim sicli zu einem großen Schrei nach Gerechtigkeit zu verbinden da erscheint er, um allen jenen in den Rücken zu fallen, da weist er, vielleicht als der einzige Verteidiger Rußlands in der Kulturwelt, darauf hin, es handle sich um ein schwebendes Verfahren von Rechts wegen. Konservative, reaktionäre Blatter, selbst Ruß- Innds, erklären offen das Verfahren in Kiew für *ine Komödie. -- Der bedeutendste Staatsmann, den Rußland seit Generationen gehabt hat, schließt sieh dem an. Der Zentrnlverein durch seinen Vorsitzenden deckt seine schützende Hand über «las ״Rechlsverfalucn“. Weiß der Zentralverein, weiß Herr justizrat Hörvvitz niclit, was drüben geschieht? Alle Pogrome, alle Ausnahmegesetze, alle administrativen Quälereien sind überhoten. Es handelt sich nicht um die Person des Beilis. Auf der Anklagebank sitzt das jüdische Volk, Die Anklage wirft nicht dem Handlungsgeliilfcn Beilis vor, daß er, aus welchem Grunde auch immer, einen Mord begangen habe, sondern die An- Klageschrift behauptet, daß das jüdische Volk dauern! Morde begehe■ und das Blut der Ermordete 11 zu Ritualzweckeri gebraucht, Beilis sei. nur einer der Funktionäre des Judentums. Also die Grundlage der Anklage ist die Voraus- Setzung, daß die Juden Mörder und Kannibalen seien. Bejahen die Geschworenen die Schuldfrage, so ist für die Urheber des Prozesses die S c h 111 d der J 11 «I e n insgesamt erwiesen; verneinen sie die Schuldfrage, so wird man darauf hinweisen, wie gerecht russische Richter auch einem Juden gegenüber verfahren, aher die Tatsache des Ritualmordes als solche sprachen und ihnen an einem groß zusammcngefailten, verklärten,, fast zum Mythus gestalteten Bild der Vergangenheit und aus den Tiefen seiner eigenen Seele heraus gesagt, was sic damit sind, dal! sie Juden sind. Cr ist kein Streitlustiger und hat nicht geeifert; er 11,1t Seiendes, Verschüttetes, Unterirdisches heranfbcscli waren und hat Dürstenden Schatten, den 'Trank des Lebens, der Schönheit und der Verwirklichung gereicht, der ihnen wieder zu einem Leibe verholten hat. Und für Juden und Nichtjuden ist das Bild jüdischen Wesens anders geworden. Das Vcrstandcsrnäßige, das Scharfe, Spitze, Stechende, das Witzige, Kritische, Zersetzende, das Gewandte und in alle Formen sich Schmiegende hatte man für jüdisch gehalten, so daß, da das alles nur Reaktion und Negation war, wie sie jedes Volk und jeder Teil eines Volkes anninimt, wenn sie in Unterdrückung und Empörung gedrängt werden, das jüdische Volk das einzige zu sein schien, das Züge des. Positiven nicht aufwics. Und so sehr und so laut viele drängten, dem Judentum eine äußere Volks- oder gar Staatsgewalt zu schaffen, cs schien außer dem physiologischphysiognomischcn und dem geschichtlichen Band keine Einheit da zu sein, die aus dem östlichen orthodoxen Wiederholer unverstandener und sinnlos gewordener Rcligiansübungen, dem Berliner Bankier, dem süddeutschen Viehhändler und solchen aus Schwermut, Aufruhr, Zersetzung und Imitation ge-

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