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Jüdische Rundschau · 1913-10-31 · Heft 44 (31.10.1913) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 44 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 470 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 44 Von Tür zu Tür Wir ,ha^cn bereits c|ie Maßregeln mitgetcilt, die ,die Ünterrichtsrawhltung in Preußen und Sachsen getroffen hat, tun den ihr unerwünschten Zuzug mssisclicr Juden cinzudämmen. Wahrend nun ein fjundesstnat, B ä y c.rn , die bestehenden Einschnitt- ,kuiigcn für Ausländer aufgehohyit hqt und so uii- ,scrii Dank verdient — wir berichten an anderer Stelle dieser Nuntmcr hierüber —, hat Baden «las Beispiel Preußens und Sachsens befolgt. Das badisdie Untcrriclitsminiütcriutn hat die Lpiidcsuniver- ,sitiiten in Heidelberg und Freiburg: auf die Not- Wendigkeit ,einer H a n d l> ab u n g (1er Vorschriften zur Aufnahme der Ausländer aufmerksam gemacht, da die an der Mehrzahl der ,außerbad isclien Universitäten getroffenen Maßregeln einen erheblich gesteigerteil Zudrang von Ausländern erwarten lassen. Man köpntc mm sagen, daß die russischen Juden, wenn ihnen außer den russischen auch die rcichsdeutschen Universitäten verschlossen seien, hierin doch nur einen quantitativen Unterschied sehen müllten und sich nicht auf Deutschland zu versteifen Brauchten; noch habe Oesterreich und die Schweiz ׳Platz genug für sic. Nun denn: An der Prager deutschen Universität hat das Professorenkollegium beschlossen, einerseits in diesem Semester Nach- Inskriptionen von nichtdeutschen Ausländern unter keinen Umständen mehr zu gestatten, andererseits eine Kommission einzusetzen, die weitere Vprschlage in dieser schwierigen Angelegenheit aus• zuarbeiten und namentlich die Frage des Numerus clausus der nichtdeutschen Ausländer zu prüfen hat, Und der Prager ״Gas" meldet, daß der Dekan der medizinischen Fakultät der Prager r z e c h i s c 11 e!1 Universität hundert russischen, ״meist“ jüdischen Slu• den teil die Inskription unter dem lächerlichen Vorwände verweigert hat, weil in ihren Zeugnissen keine Rcligionsnotc enthalten gewesen sei. ■ Und um den Kreis zu schließen, meldet der Züricher Korrespoudent desß. T., daß der Andrang der in Deutsch• land abgewiesenen russischen Studenten dort so groß ist, daß das Rektorat der Züricher Universität beschlossen hat, in der medizinischen und philosophisch-naturwissensdiaftlichcn Fakultät in diesem Semester keine russischen Studenten mehr zu immatrikulicren. Daß sich die Antisemiten in Deutschland freuen, ist nicht verwunderlich. Die Roheit und Barbarei dieser Gesellschaft ist so groß, daß ihre Freude im Verhältnis zu den Leiden und Qualen der Unglückliehen russisdien Juden wächst. Sic begrüßen die Maßnahmen der deutschen Unterrichtsvcrwaltungen und sind stolz darauf, sich sie als ihre Erfolge zu buchen. Sie sorgen auch dafür, daß niemand die ״russischen“ Studenten für russische überhaupt nehme, sondern jeder wisse, cs handle sich nur um die Juden. Sie verschreiben sich zu diesem Zwecke sogar Artikel von christlichen Russen. Demgegenüber bringt die deutsche ״liberale" Presse die Selbstverleugnung nicht auf, für die Verfolgten einzutreten. Vielleicht aber werden diese Hüter der deutschen Kultur doch ein wenig bcschämt sein, wenn sie lesen, was das Ausl a 11 d von diesen Maßnahmen denkt. Das Pariser Blatt ״Siüclc" brachte vor einigen Tagen einen sachlichen und klaren Artikel von Lippo Memmi, der die Aus- Schließung der russischen Juden von den preußischeu Universitäten behandelt und auf das entschicdenstc verurteilt. 111״ allen europäischen Ländern," sagt er, ״wird die Anwesenheit von Fremden an den Universitäten als ein Vorteil angesehen, Frankreich öffnet die Türen seiner Hochschulen weit für alle Nationen, es macht keine religiösen Unterschiede. Frankreich glaubte niemals seine Bürger auf diesem Gebiete schützen zu müssen. Es hat seinen Vorrang, dank der Fähigkeit und der Methode seiner Gelehrten und Professoren, gewahrt und hat sidi gefreut, wenn die, die von ihnen erzogen waren, die guten französischen Ucberlieferangen im Auslande weiter gepflegt und den Fortschritt der Wissenschaft gefördert haben. Und doch hat Frankreich nie Ursache gehabt, sich über die Ausländer zu beklagen, die an französischen Schulen ausgebildet waren und französische Methoden anwendeten. Sollten etwa die preußischen Studenten außerstande sein, auf wissenschaftlichem Gebiete gegen die Konkurrenz airzukämpfen? Man könnte es fast glauben. Wir wollen aber lieber annelunen, daß e« sich hier um einen neuen Sieg des exklu- *iven Geiste! der preußischen und deutschen Studenten handle, um einen Sieg des Kasten- und Korporationsgeistes. Wie weif aber werden die rcaktjonaren Forderungen dieser Herfen gelten? Alks ist möglich in einem Lande, wo cs der Wissenschaft noch nicht gelungen ist, die Sitten &a weit zu sänf-• tigen, wie es nötig wäre.“! Solche Gedankengänge legt man dem Auslande nahe. Wir, die wir wissen, welcher hohe wissen- *chaftliche Geist, welche Strenge und gediegene Ausbildung den deutschen Universitäten das S egel auf- *früAt, bedauern es, daß man Deutschland nach den Handlungen einer Handvoll Hohlköpfc und Flegel beurteilt. Aber, wenn die Regierungen in das Horn dieser Leute stoßen, darf man sieh wohl über die Auffassung der Fernerstehenden nicht wundern. Die russischen Studenten aber müssen wir vertrösten auf die Zeit, wo wir der Wissenschaft einen eigenen Tempel erbaut haben, wo sogar Juden die Bildung freistchen wird. Je tiefer das Elend ist, desto sicherer werden wir uns zu der großen heroischen Anstrengung ztispmmenfindeii, die uns ,Freiheit und Volkstum sichern wird, Die jüdische Hochschule ist auf dem Wege! Vorn Technikum In Haifa Ucbcr die au leitender Stelle dieser Nummer he» sprochcne Sitzung erhalten wir vom Kuratorium des Jüdischen Instituts für technische Erziehung in Palästinn (gez. Dr,P. Nathan)folgendes Commuttiqud: ״Am Sonntag, dem 26. Oktober, fand in Berlin unter dem Vorsitz des Herrn Dr. James Simon eine Sitzung des Kuratoriums des ״Jüdischen Institutes für technische Erziehung iu Palästina“ statt. In der Sitzung wurde beschlossen, am 26. April 1<}H das Institut zu eröffnen. Bis dahin werden die Bauten fcrtiggestcllt sein, so daß der Unterricht in den folgenden Klassen beginnen kann: 1. in den fünf untersten Klassen der Mittelschule, 2. in der untersten Klasse der Realschule, 3. in der untersten Klasse der Werkstätten, 4. in der untersten Bauklasse, Auch die erforderlichen Lehrkräfte sind bereits engagiert. Das Kuratorium genehmigte hei einer Vertretung von 1(» Stimmen mit allen gegen 3 Stimmen das vorgelegte Programm, das in bezug auf den jüdischen Charakter der Anstalt das folgende besagt: Im Lehrplan nimmt der hebräische Unterricht ge- 1״äß der Entwicklung und der Bedeutung der hebräischen Sprache in Palästina einen breiten Raum ein. Das Hebräische wird so eingehend gelehrt, daß die Schüler imstande sei« werden, die hebräische Literatur im Urtexte zu studiere« und sicli der Sprache als Umgangssprache zu bedienen. Auch für die reli- {?löse Unterweisung wird in ausgiebiger Weise gesorgt werden. ln bezug auf die Sprachenfrage wurde mit allen gegen drei Stimmen ein Antrag Dr. Levins abgelehnt, der lautete: 1. In der Mittelschule soll die hebräische Sprache als Unterrichtssprache auch für die allgemcin-wisscn• schaftlichcn Fächer eingeführt werden. Die. deutsche Sprache erhält damit den Platz der Hauptfremdspräche. 2. Im Technikum ist die deutsche Sprache einstweilen die Unterrichtssprache, eine oder einige allgemein-wissenschaftliche und obligatorische Disziplmeti aber sollen in der hebräischen Sprache gelehrt werden. Dagegen wurde nach lebhafter Dcbattlcrung eines vermittelnden Vorschlages Professor Philippsolls, der nicht zur Annahme gelangte, folgende von Herrn Dr. Nathan vorgcschlagenc Resolution angenommen: Resolution. Als Richtlinie in beztig auf die Lösung der überaus schwierigen Sprachcnfrage wird beschlossen: 1. Eine offizielle Unterrichtssprache, die für alle Fächer der Institute bleibend obligatorisch ist, wird nicht eingeführt. 2. Dem Hebräischen wird die eingehendste Wiege zuteil, entsprechend dem jüdischen Charakter des Technikums. 3. Arabisch und Türkisch wird so intensiv getrieben, daß die Schüler mit der eingesessenen Bevölkcrung des Orients und den ottomanischcn Beiiörden in enge bürgerliche und geschäftliche Bc- Ziehungen zu treten vermögen. 4. Die naturwissen schädlich •technischen Unterrichtsgcgenstände werden in deutscher Sprache gelehrt, um den Schülern so den Anschluß durch eine der großen Kultursprachcn an die wissenschaftliche Entwicklung der modernen Zeit zu vermitteln. 5. Englisch und Französisch werden in den höhereu Klassen in einem Umfange betrieben, der den Schülern es ermöglicht, ihr späteres Fortkommen auch in Gebieten leicht zu finden, in denen Englisch und Französisch die herrschende europäische Sprache ist.“ Folgender Brief wurde unterm 26. Oktober 1913 •an das Kuratorium des Jüdisch«! Instituts für tech- ׳mische Erziehung in Palästina abgesendet: ״Wir Endesunterzeichnete beehren uns, hiermit lolgendcs zu Ihrer Kenntnis zu bringen: Da wir in dem Aufkbcn des jüdischen Volkes, seiner Kultur und seiner nationalen Sprache in P^־ läa.jna un.er höchstes Ideal zu erb l:kcn, müssen wir fordern, daß alle jüdischen Lehranstalten in Palästina diesem Ideal zustreben. Wir sind zugleich überzeugt,' daß dies ohne Schaden auch für die praktischen Ziele der Schulen geschehen könnte. Die heute gefaßten Beschlüsse über die Unterrichtsspraclie in den vom Kuratorium in Haifa erbauten Schulen sind mit diesen unseren Anschauungen unvereinbar. Wir selun uns daher zu unserm größten Bedauern genötigt, hierdurch unseren Austritt aus dem Kuratorium zu erklären. Mit vorzüglicher Hochachtung gez. U. Ci i n z b e r g. gez. Schmarja Levin. gez. E. W. Tschlenow,“ Ein Jubiläum Die Anglo-Palcstinc Company (A. P. C.) gibt aus Anlaß ihres zehnjährigen Bestehens einen schön ausgestatteten und mit Illustrationen reich geschmückten Tätigkeitsbericht heraus, der überaus interessant und lehrreich ist. Die A. P. C. ist eine Tochterinstitution des ״Jcwish Colonial Trust“ (J. C. T., jüdische Kolonialbank), welcher im Jahre 1899 unter der Leitung Theodor Herzls gegründet wurde, um als Finanzjjistrument für die Durchführung der praktischen Aufgaben des Zionismus zu dienen. Irn Jahre 1902 beschloß der J.C. T., mit seiner Arbeit m Palästina zu beginnen, und zu diesem Zwecke wurde die A. P. C. gegründet. 1901 wurde die erste Filiale in Jaffa eröffnet, zugleich die I lauptnicdcrlassuiig der A, P. C, und Zen• trale der in der Folge noch gegründeten sechs Fi- Halen. (Diese Filialen sind: Jerusalem, Beirut, Hebron, llaifa, Safed und Liberias.) Das Ziel der A. P. C. war, die bestellende jüdische Kolonisation in Palästina mit allen Mitteln, welche einer Bank zu Gebote stellen, zu fördern und den Weg für eine weit umfassendere Siedlung zu ebnen. Sie betrachtete cs daher als ihre erste Aufgabe, das Kreditwesen im Lande zu organisieren und dabei in erster Reihe auf die ökonomische Stärkung des jüdischen Bevölkerungsdementes in Stadt und Land bedacht zu sein. Dabei fand die A, P. C. eine große Schwierigkeit vor: die philanthropischen Gönner des jüdischen Siedlungswerkcs, deren Verdienste keineswegs geschmälert werden sollen, hatten cs unterlassen, das Gefühl der Selbstverantwortung und Selbsthilfe in den Kolonisten zu entwickeln. Ja, die oft an unrichtiger Stelle angcwendetc Philanthropie hat manche Versuche der Siedler, sich aus eigenen Kräften und mit Einsatz ihrer selbst zu entwickeln, im Keime erstickt. Hier versuchte die A. P. C, Wandel zu schaffen, und es ist ihr auch gelungen. Dabei kam ihr ein Umstand zu Hilfe, der zugleich ihre hohe Bedeutung für den Jiscliub bewies: Gerade als ihre Tätigkeit einsetzte, begannen die bis dahin so reich* lieh fließenden Geldquellen zu versiegen. Dadurch wurden die Kolonisten auf andere Kreditqucllen an* gewiesen und hätten den arabischen Wucherern, deren Skrupellosigkeit genügend bekannt ist, in die Hände fallen müssen, wenn ihnen nicht die A. P. C. zu Hilfe gekommen vvürc. Der Saldo der kurzfristigen Vorschüsse an Ko-!«nisten, Kaufleute und Industrielle stieg von 238090 Francs im Jahre 1933 auf 6י/! Millionen im Jahre 1912. Da nun die Kundschaft der A. P. C. nahezu« identisch ist mit der Gesamtheit der im Erwerbsleben stehenden Juden des Landes, so illustriert dieser Aufstieg nicht nur die Entwicklung der A.P.C. und ihre wachsende Betätigung smöglidikeit, sondern zugleich die Entwicklung der jüdischen Siedlung überhaupt. Dabei ist bemerkenswert, daß selbst in den letzten krisenhaften Jahren, wo sämtliche iin Orient arbeitenden Banken ihre Geschäfte verkleinerten, die Kredite abschniiten oder auf ein Minimum einschränkten, die A. P. C. im Interesse des jüdischen Siedlungswerkes stamlgchalteii und ihre Tätigkeit in unverminderter Stärke fortgesetzt Bat, Seit Eröffnung der A. P. C. ist der jüdische Besitz an Pflanzungen von 12000 auf 43 000 Dunam gestiegen. Beim Jahresabschluß hatten 91 jüdische Großkaufleutc und etwa 1100 kleinere Kaufleute und Ladenbesitzer (abgesehen von den nach Tausenden zählenden Mit* gliedern der augeschUmetien Leihg enusacnschaftcn) hei der A, P. C. einen Gesamtkredit von etwa 2*/! Millionen Francs. Erwähnt mag noch werden, daß die A. P. C. vom Beginn ihrer Tätigkeit an die hebräischc Sprache zur ausschließlichen Verkehrssprache für den inneren Dienst sowie für die Korrespondenz zwischen den Filialen und mit der jüdischen Kundschaft gemacht und so Erhebliches für die Verbreituag des Hebräischen in Palästina geleistet hat, f I **

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