Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 469 •der jüdischen Gemeinschaft zum Zweck hat. Und! diese Sache erführt von der offiziellen Vertretung der deutschen Juden Schaft die heftigste Befehdung. Da müssen doch allen die Augen nufgehen darüber, wo denn die Leute sind, die das Judentum schiidigen und gefährden. Dies war der sehr imtiirlichc und sehr klar ausgesprochene Sinn unseres Artikels in der vorletzten Nummer; wir konnten keinen Wahlpakt mit den Lehrern beabsichtigen, sondern wir glaubten hoffen zu dürfen, dal! die Lehrer aus den Erfahrungen dieser Kampfzeit lernen würden, jiidischc Dinge riehtiger zu betrachten. Diese unsere unverhüllte Meinung zu verdrehen, wendet das Hamburger Familienblatt alle seine Beredtsamkeit und sogar sein Latein auf. ״Timco Danaos et dona fereiltes." Diesen alten ״Erfahrungssatz" ruft es den Lehrern zu. Wenn man die krampfhaften Bemühungen des Fainilienblattes siebt, riehtige Urteile über jüdische Dinge zu verhindern und aus Weiß Schwarz, zu machen, sicht, wie es zu diesem edlen Zweck alle niögliehcn Ungereimtheiten in fieberhafter Geschäftigkeit zusainmenbraiit, könnte man versucht sein, aus demselben Buche zu zitieren, aber kürzer und gröber: Quos ego! H, H. Sir Rufus Isaacs, Lordoberrichter von England Der König von England hat an Stelle des Lord Alvcrstone, der seine Demission gab, den bisherigen Attorney-General, Sir Ruins Isaacs, zum Lord Chief Justice (Oberrichter) von England ernannt, Sir Rufus Isaacs war der erste Jude, der Attorncy-General (Oberstaatsanwalt) wurde, er war der erste Attorney-General, dem der König für seine Person einen Sitz, im Kabinett gab, und er ist auch der erste jüdische Lord Chief Justice, An seine Stelle als Attorney General kommt jetzt wieder ein Jude, Sir John Simons, Sir Rufus Isaacs, der nun der oberste Richter von England ist, hat eine ganz außergewöhnliche Laufbahn hinter sich; er ist erst 53 Jahre alt. Er ist der Sohn von Joseph Isaacs, einem Kaufmann und ein Neffe des gewesenen Lord Mayor von London, Sir Henry Isaacs. 111 seiner Jugend war er von romantischen, ja etwas abenteuerlichen Neigungen; er verließ das Haus seines Vaters und ging zur See. Nach einiger Zeit hatte er davon genug und wollte Kaufmann werden; doch zog er der ruhigen Laufbahn eines gewöhnlichen Handelsmannes das aufregende Leben au der Börse vor. Aber cs gefiel ihm auch liier nicht auf die Dauer, auch hatte er kein Glück; er wollte nach Amerika gehen, überlegte cs sich aber dann doch anders und wurde Jurist. 1887 wurde er Anwalt, und seine außerordentliche Kenntnis des Lebens, insbesondere der City, brachte ihn rasch vorwärts. Von aufsehenerregenden Prozessen, in denen er eine Rolle spielte, sei nur der des Dr, Grippen genannt, im Jahre 1000 kandidierte er ohne Erfolg für das Unterhaus, 1004 wurde er als liberaler Abgeordneter von Reading gewählt. 1910 wurde er Solicitor General und bald darauf Attorney General. Die öffentliche Meinung Englands begrüßt die Ernennung von Sir Rufus Isaacs zum Lord Chief Justice mit warmer Sympathie. Die aufrichtigsten Glückwünsche sprechen ihm natürlich die jüdischen Zeitungen aus; denn Sir Rufus ist ein ״guter Jude", er bei.!eklet eine ganze Anzahl jüdischer Ehren* iimier, und Ist!.tnlz, ,,einer der ältesten und vornehmsieii Rassen der Welt" aruugehören, wie er selbst einmal gesagt hat. r* יי I י *,Iia 1 i Der schündlidic Prozeß vpn Kiew׳ geht seinen Gang weiter. Alle Aussprüche und Schreiben von Kardinalen, Erzbischöfen und Königen, alle Bctcuc* rtingen von Juden, alle Proteste jüdischer Versammlungen können die Mächte der Finsternis nicht aufhalten. Der Staatsanwalt blamiert sich weiter, die von ihm geführten Belastungszeugen entlasten Beilis. Tagelang wird der Angeklagte nicht erwähnt und cs scheint, als ob ganz andere Leute, vor allem die tanmsc Wcra Tschcbcrjak, die I fnuptstütze der Anklage, selbst unter der Last der gegen sie sprechenden Momente versinken müßten. Aber der bezahlte Apparat zur ״Bestrafung“ der bösen Juden schnurrt weiter und es ist kein Ende der Schamlosigkeit ab- Zusehen. «. Wir brauchen den Gang der Verhandlungen Wer nicht wicdcrzugcbcn; sie bieten kein sehr abwcchslungsreiches Bild, Eine Szene, die den ganzen Prozeß charakterisiert, sei hier angeführt. In einem der Prozeßberichte hieß cs; ״In den Protokollen der Voruntersuchung taucht zu wiederholten Malen eine gewisse Sncharowa auf, mit dem Spitznamen Wolkiwna, von der die Schachowskaja gehört haben will, daß sie selbst gesellen habe, wie Mendel Bcills am Mordtage den Justschiriski zum Z i e g c I c i o f c n geschleppt habe, und diese Kronzeugin ist natürlich eine Hauptstütze der Anklage. Lange mußte man sie suchen, denn in der Nacht befindet sie sieh in irgend einem Haus für Obdachlose, am Tage aber trinkt sie, wie gerichtHinälilg festgcstcilt ist und liegt Irgendwo 1111 Graben. Auch die Vorladung wurde ihr auf der Straße übermittelt. Acrmlich gekleidet und weincriicli sprechend erzählt sie heute selbst, daß sie oft bettelt und wo c s 8 i c h trifft, übernachtet, niemals habe sie von einem Manne mit schwarzem Barte gesprochen, sie erklärt, daß sie überhaupt nichts wisse, daß sie der Schachowskaja . . . nichts gesagt habe. Die Schachowskaja habe alles selbst erdacht. Eine Konfrontation der beiden Frauen fördert gleichfalls nichts zutage. Die Versuche des Staatsanwalts und des Präsidenten, irgend etwas aus ihr herauszubringen, sind ergebnislos, und beide Parteien verzichten auf das wei* terc Verhör. Erleichtert bekreuzigt sich die Wolkiwna und verschwindet.“ Die Kläglichkeit solcher Verhandlungen wird nur durch die des Staatsanwalts übertroffen, der wie ein eigensinniges Kind die Wahrheit nicht hören will. Es ist die schlimmste Schmach für das jüdische Volk,׳ daß solchen Leuten die Ehre einer Nation ausgcliefcrt werden soll. Hoffentlich kommt bald die Zeit, vzo ein solcher Hohn auf Recht und Gerechtigkeit ins Reich der Unmöglichkeit gehörtI Der ״Reichsvcrcin deutscher Jude n“ hatte für Montag, den 20. Oktober in Kattowitz eine Protesteersa tn m 1 u n g gegen den Blutprozeft von Kiew einberufen. Der Saal war überfüllt und viele fanden keinen Einlaß. Der Leiter der Aushebung seines Bruders berichtet und was der erste jüdische Schlosserincistcr Oesterreichs, Rafael König, von seinen und seines Vaters Erfahrungen mit den Franzosen und mit schikanösen Behörden nicdcrgcschrieben hat, das alles fesselt uns, so viel Uebcrfiüssigcs, nicht zur Napoleonsache Gehöriges, auch im einzelnen den schreibfrohen Federn mit unterlaufen ist, weil, wie Grunwald zutreffend im Vorwort sagt, gerade die Niederschriften persönlicher Erfahrungen die Phantasie zu intensivstem Mitarbeiten und Mitcrkbcn zwingen. Als sehr wertvoll, besonders für den Leser, dem die jüdischen Dinge um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts nicht vertraut sind, darf die Einleitung gelobt werden, in der Grunwald die Epoche der sogenannten Aufklärung kurz beleuchtet, des Standorts der Juden bei den neuen Orientierungsversuchen der Menschen gedenkt und von den zeittrifugalcn Kräften (und Personen) spricht, die ja dem Judentum so unendlich gefährlich geworden sind. Insonderheit wendet sich Grunwald dann zu dem Thema: die Juden als Soldaten in der Napoleonszeit; ein matcrialrcicher Abschnitt, dem jedoch die Ausmerzung apologetischer Atavismen nichts geschadet hätte. Mit einer schnellen Skizze der geschiehtliehen Vorgänge der Tage, denen die Memoiren gcwidmet sind, schließt Grunwald die frisch gesehriebene Vorrede zu einem Sammclwcrkclun, dein man nur, namentlich auch im Kreise der Napoleonidcn, viele verständige Leser wünschen kann. Ausgrabungen In Palästina O •kJ Die Ausgrabungen, die der Palcstinc Exploration- Fund in Ain Slicins ausgeführt hat, haben im Jahre 1912 zu solchen Erfolgen geführt, daß man in dieser Ausgrabungsstätte, wie ein Bericht der Kunstchronik bemerkt, ein zweites ״Gezcr“ scheu darf. Die Ausgrabungen haben sich hauptsächlich auf jenen Teil bezogen, wo das israelitische Beth-Schcmcsch stand. Die Funde ergaben drei große Perioden, die cingcboren-kananitische, eine philistiriische und eine israelitische. — Die größte und wichtigste Entdeckung, die in der letzten Kampagne gemacht worden ist, war die Aufdeckung eines Hochplatzcs in der Art des berühmten Heiligtums von Geier. Aber die fünf großen Stelen, die den Charakter des Hochplatzcs bedingen, stehen nicht mehr auf ihren Basen, sondern sie liegen in einem gewissen Alignement auf dem Boden. Im allgemeinen gleichem sie den Mazzebas von Oczer; aber ihr oberes Ende hat doch eine gewisse Regelrmftigkcit, durch die sie den Grabsiclen ähnlicher sind. Die Fundamente, auf denen die Stelen von Ain Shctns aufgcpflan/t sind, gehen herunter unter die Philintcrsducht. Von da aus gelangt man au die Mün- (hing einer doppelten Höhle, die vollständig der In Geier gefundenen gleicht, Man hat das Adytum dieser Höhle noch kurz untersuchen können. Die beiden 1 fohlen sind voll von noch unberührten Gräbern mit reichem Mobiliar, das bis in die ältesten liistorischeu /.eiten dieser Gegend zurückgellt. Versammlung, Herr Rechtsanwalt Dr. Wcißmann, er-. läuterte in seiner Eröffnungsansprache kurz das Pro gramrn des Reichsvercius deutscher Juden, der mit dieser Veranstaltung in Oberschlcsien zum ersten Male, vor die Oeffentlichkcit trete. Der Referent de» Abends, Herr Rechtsanwalt Lichten stein aus Zabrze, gab darauf einen ausführlichen historischen Ueberblick über die Entstehung der Riinalmordlcgende und kczcichnctc cs als Pflicht der gesamten gesitteten Menschheit gegen die Beleidigung des Judentums, wie sic der Kiewcr Prozeß und die Erhebung der RituahnordbeschuUligiing überhaupt darstclle, auf» schärfste zu protestieren. Zum Schluli legte er nach« stehende Resolution vor, die unter stürmischen Kundgebungen einstimmig angenommen wurde. ״Die heute im ״Kaiserhof“ zu Kattowitz tagende Versammlung erhebt aus Anlaß des Kicwer Beil«* Prozesses gegen die ungeheuerliche Beschuldigung Protest, dal! es Juden gäbe, die zu Religionszwecken Menschen Mut verwenden; sie brandmarkt es als einen Schandfleck der Zeit, daß man es wagen kann, einen solchen wahnwitzigen Verdacht erheben gegen das jüdf» sehe Volk, das drei J ah!lausende tnenschhcitlichef Hochkultur durchlebt und das die Menschheit Nächstenliebe und Humanität gelehrt hat. Im Namen der Soli« darität der gesitteten Menschheit fordern die Ver* sammelten die gesamte Kulturwclt zum gemeinsamen Kampfe gegen die finstere Barbarei, zur Verteidigung der geschändeten Menschenwürde und verletzten Ehre des jüdischen Volkes.“ Ludwig Max Goldberger fn der vorigen Woche verstarb hier der Gc« heirnc Kommerzienrat Ludwig Max Goldberger, lieber seine hervorragende Persönlichkeit haben die Zeitungen aller Schattierungen ausführliche Berichte und Nachrufe gebracht, war er doch einer der mar* kantesten Männer in der deutschen Kaufmannschaft und der Kaiser hatte mit seinem Telegramm an die Witwe Goldbergers, in welchem er hervorhob, daß! der deutsche Handel in Goldberger einen großen Vers lust erlitten habe, zweifellos recht. — Der Dahingeschiedene hatte sjcli schon früh von seinem Berufe zurückgezogen, um sich ganz gemeinnützigen Arbeiten; die in der Hauptsache der Kaufmannswelt galten, zu widmen. Auch wir Juden haben alle Ur- Sache, dem Verstorbenen ehrende Worte nach zusagen, Er stammte aus guter jüdischer Familie und hat sich Zeit seines Lebens als religiöser Jude be» tätigt. Goldberger hat sieh immer als Gegner der Judentaufen gezeigt, obwohl vielleicht gerade ihm der Taufakt die Leiter für ein hohes Staatsamt gewesen wäre. Er hat sich als zweiter Vorsitzender im Kuratorium für die Lehranstalt der Wissenschaft des Judentums unvergängliche Verdienste erworben, er war der Begründer der deutschen Konferenzgemeinschaft der ״Alliance Isradlite Universelle" und war als solcher zweifellos bestrebt, den Alliancegedanken in Deutschland zu verbreiten. Auch war er Mitglied des Ordens B'nc-B’rith. — So bedauern auch wir den frühen Heimgang dieses ausgezeichncten Mannes, der dem Judentum zur Ehre gereicht hat. Neue Bücher (Besprechung Vorbehalten.) Brand eis, Illustr. isr. Volkskalender 5674 (1913 —1914). Prag, Jakob B. Brandei». Walter 11 a m m e r, Nietzsche als Erzieher. Leipzig, Dr. Hugo Vollrath. M. 2,—. M. Pulvcrmann, Die Söhne des Bundes. Erz. f. d. reifere Jugend. Leipzig, Gustav Engel M. 2,—. Hans R o h d e, Meine Erlebnisse im Balkankrieg. Charlottenburg, Paul Baumann. Dr. M, P i n c s, Die Geschichte der jüdisch-deutscheu Literatur. Leipzig, Gustav Engel. M. 4,50. Dr. 11. Bergmann, *Worte Mosia. Minden(Weitf.), J. C. C, Bruns. M. 2,50. Inscl-Almanach auf das Jahr 1914. Leipzig, Insel-Verlag. Derdc zionistisch Studentenjaarboek (holländ.). Arnhem, Nederl. Zionistenbond. Dr. M, Weden, Die gegenw. Phase in der Entwicklg. des landwirisch, Genossenschaftswesen*. ' Prag, Zentral-Verband der dtsch. landw. Genosscnschaften Böhmens. Kurt R i c z l c r, Die Erforderlichkeit des Unmögliehen. Prolegomcna zu einer Theorie der Politik und zu anderen Theorien. München, Oeorg Müller.