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Jüdische Rundschau · 1913-10-31 · Heft 44 (31.10.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 44 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 458 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 44 י Liberalen und bezichtigte seine Parteigenossen, insbesondere seinen persönlichen Gegner und Koiiknrrenten, des Stiinmcukaufs. Die Untersuchung ergib sogleich die vollkommene Grundlosigkeit diese' Vor- Wurfs. Das Strafverfahren wurde, ohne dal! der löchtei* irgendeinen Entlastungszeugen vernommen halle, sofort eingestellt, und der Staatsanwalt gab seiner Verwunderung darüber Ausdruck, clafi Juden in solcher Weise gegen Juden Vorgehen konnten. Der Wahl- Protest wurde durch folgenden Bescheid /uriiekgewiesen; Der Regierungspräsident. I Ca B W Düsseldorf, den 21. Februar ID 1X Auf den von Ihnen an erster Stelle imtcrzcich- ■ neten Protest vom Id. Dezember v. Js. gegen die am 10. IXvernber v. Js. vollzogene Wahl von Repräsentaiiten der dortigen Synagogengenieimle eroffne ich Ihnen, da ff nach den Ermittelungen, insbesondere auch nach dem Ergebnisse des auf meine Veranlassung von dem dortigen Herrn Ersten Staatsanwalt eingeleiteten, aber bereits wieder eingestellten Strafverfahrens vor oder wiihrend der vorbczeichneten Wahl keine strafbare VV.1I1 Ibeemflussimg und auch kein Stimmcnkaiif vorgckonimcn ist. Zu einer Beanstandung der Wahl liegt hiernach für mich kein Anlali vor. Den erhobenen!,rötest weise ich daher als unbegründet zurück. Ich ersuche Sie, den Mitiiiiter/eidmcrii des Protestes von diesem Bescheide Kenntnis zu geben. Die Liberalen begnügten sieh mit der Ende Januar d, Js. erfolgten Einstellung des Strafverfnhrens, die sogleich allenthalben bekannt geworden war, und mit dem Entscheide des Regierungspräsident.־» nicht. Das Treiben gegen die andere Richtung, insbesondere auch gegen die Ausländer, dauerte fort. In einer Ende Februar statfgehabten Versammlung des Rheinischwestfälischen Komitees zur Abwehr der Richtlinien, in welcher die Wublangelegciilieit und alles, was damit zusarnmenhing, überhaupt nicht zur Sprache kam, fanden die Liberalen, die ihre Anhänger zum Besuche dieser Veranstaltung beordert hatten, Gelegenheit, mit den während des Wahlkampfes und nach her in reichem Malice geübten Verunglimpfungen fort zufahren. Ein ihnen verhallter Redner wurde mit einer Fülle lärmender beleidigender Zurufe überschüttet, und als ihm am Schluß seiner Worte von anderer Seite Beifall gespendet wurde, rief ein liberaler Wortführer die Dissentierenclen durch Zurufe wie: ,,Haltet den Mund, Ihr (ializier, Ihr Funfmarkmäinier!4' in ihre Schranken zurück. So erneuerte man in einer starkbesuchten öffentlichen Versammlung den auch durch die Behörden längst widerlegten Vorwurf der Wahllu■- slechung. Allmählich erschien es nun an der Zeit, dafür zu sorgen, daf) *die liberalen Juden Duisburgs die Ehre anderer respektierten. Da die Verleimtdüngen nicht zurückgeiiommen wurden, mußte Privatklage erhoben werden, Audi während des Verfahrens hielt der Beleidiger dm Vorwurf der Wahl- Bestechung aufrecht und War nicht zur Zurücknahme seiner Verdächtigungen zu bewegen, dehnte sic vielmehr noch auf weitere Personen aus und ließ durch «eine Verteidiger einen umfangreichen Zeiigcnappurat zur Erbringung des Wahrheitsbeweises aufbiete». Der orthodoxe Zuträger, der sich schon bei einem froheren Termin mit Krankheit entschuldigt hatte, erschien auch zum I׳laiipttermin wieder nicht, obwohl er an dem Tage der Verhandlung, wie stets, seiner Be- Jüdische Memoirenliteratur Besprochen von ,l)r. Bruno Kirschner. Eindringlicher als dickbäuchige Historien werke, als Tabellen und Zalilenkrain fühlen uns Memoiren, persönliche Aufzeichnungen der Kinder der Zeit, die unserin Geist sieh offenbaren will, ( h׳m hicliic zu Ciemüfe. In wie glücklicher Enning vermahlen sie nicht der wissenschaftlichen Belehrung ästhetischen Genuß! Wir Juden sind, leider, an solchen Nieder- Schriften persönlicher Erlebnisse aus älterer Zeit nicht allzu reich; freuten 1ms drum jüngst doppelt, als der würdigen Matrone Glücke! färbeusatte Denkwürdigkeifen zu neuem Leben geweckt wurden. Nun hat es ein eigener Zufall getilgt, «lall kurz danach die Memoiren eines Verwandten der Glucke), Ascher, Sohnes des Eliezer ha-Lcvi, aus Reichshofe 11, der Oclfentliclikeit gegeben werden. Herr Dr M. Ci insbürg er, der Rabbiner von (iebweiler, der ',als Herausgeber des hehriiischen Textes, als Uche/sct/er und als ,Verfasser der sehr nützlichen Anmerkungen zeichnet, hat das Werk dem Geschichtsschreiber der clsässischen Juden, Elie Scheid in Paris, gewitimet, der das Manuskript vor einigen Jahren bei einem Bouquinisten am 0u.11 erstanden und cs der (icsellschaff für die Geschichte der Israeliten in Elsaß- Lothringen geschenkt hm. Der Verlag Louis L;1111111 in Berlin hat es »I» ersten Band einer ״Jüdischen Mcmoircn-Bibliothck“ in rühmlichster Ausstattung verlegt (Preis: '1,50 M.). Für den jüdisch luteressdiäftigmig nachgiiig. Das Gericht brach nach Vernehimmg eines geringen Teiles der geladenen Zeugen die Beweisaufnahme ab. Einer der Vcrleidiger, ein bekannter Führer des Zeittralvereiiis deutscher Staatshürger jüdischen Glaubens, machte ab Mildcnmgsgriuitl geltend, daß die Bezeidiiiiuif! ,,Fünfmark• mäimcr" in liberalen Kreisen der Duisburger jüdischen Gemeinde gang und gäbe gewesen sei. Das Gericht verurteilte den liberalen Beleidiger in einem Falle zu hundert Mark, in einem anderen Falle zu dreißig Mark Geldstrafe. Der Vorsitzende stellte bei der Urleilshegiiftuhmg fest, daß auch in dieser Verhnndhing wieder ״der Vorwurf des Stimmciikaufs sich als null und nichtig“ erwiesen habe. Aber man w׳ill immer noch nicht Ruhe geben. Gegen das Urteil wurde Berufung eingelegt. So endete vorläufig der zweite Akt des traurigen Schauspiels. Wir konnten liier nur kurz den Gang der Ereignisse darstellcn und wollen unser» Lesern die Schilderung der liberalen Kanipfeswcisc im einzelnen, als da sind persönliche Herabwürdigung der ein- /einen Gegner, die ״Enthüllung“ von Familien verhültnisscii, ununterbrochene unwürdige Hetze gegen die Ausländer u. ä. ersparen. ״Um die Würde der Synagogengeineinde zu wahren'‘, bezichtigten Juden Juden in leichtfertigster Weise schwerer Delikte, die, wenn an der Besdiuldigung ein wahres Wort gewesen wäre, einen großen Teil der Gemeinde ins Gefängnis gebracht, die unseren ausländischen Brüdern außerdem Ausweisung und Ver- Inst ihrer bürgerlichen ,Existenz gekostet hätten. Juden, die maßgeblichsten Kreise der Gemeinde, denunzierten Juden derselben Regierung, der die Entscheidung über Wohnrecht und Ausweisung׳ zu freier Willkür in die l l.iml gegeben ist, einer Regierung, der man es nicht wird verübeln können, wenn sie in ihrer Aus- Weisungspraxis nicht besser über die ausländischen Juden denkt, als die doch noch sachverständigeren, ihren Brüdern näherstcliciiden offiziellen Kreise des deutschen Judentums. In den Tagen des Beilis- Prozesses berichten Juden, gebildete, aufgeklärte, liiierale Juden, schreibt ein Mann, der nach seiner Abstammung und Erziehung die östlichen Juden kennen müßte, der Regierung, daß unter den Ostjiulen eine׳ von den rechtgläubigen Israeliten als ketzerisch angesehene Sekte existiere, der sclbstverstündlich sie, die deutelten Juden, vollkommen fernständen. Das geschieht zur selben Zeit, zu der man sieh mit allen Mitteln der Wissenschaft bemüht, der Welt clarziitiin, daß es unter den Juden Sekten nicht gebe, Unter dem Protest stellen Führer der für Freiheit und Gleichheit kämpfenden deutschen Fortschrittspartei, die Ortsgruppcnvorsitzendcii des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, die zu desavouieren die Berliner Zentralleitung mit der eigentümlichen Begründung nblclmtc: ,,Ein Verein wie der tmsrige muß die Juden einen und stets bciniilit sein, alles Trennende innerhalb des Judentums zu beseitigen, um nach außen hin energisch dazustellenstehen die Namen des Ortskortiitees der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland, das für Liberalismus und Gewissensfreiheit eintritt mul durch Richtlinien das deutsche Judentum vercdcln will, die Brüder des Ordens Bne llrith, die die goldenen Worte ״Bruderliebe und Eintracht“ auf ihre Fahnen geschrieben haben, die Männer der Alliance Brachte l Iniverselle, deren herrlicher Wappenspruch ist: ״Alle Juden bürgen für einander." sierten gibt es kaum einen Betraelitungspunkt, von dem aus die so naiven wie gut beobachtetet! Aufzeichnimgen Aseliers nicht sehr beachtenswert wären: dem Historiker mul dem Folkloristen, dem Volkswirtschattier,j und dem Soziologen, dem Phliobgen und dein Geographen bietet jede Seite des Anregenden eine Fülle. In Inmter, doch gewählter Abwechslung erzählt der Autohiogi apli. von seinen und seiner Familie Lcbensschieksaleii sowie von den Gcschehuissen der großen Zeit des dreißigjährigen Krieges, dessen erste Hälfte den bösen politischen Hinter- ״rund der Memoiren bildet. Freundlich grüßen aus dem Kranz der Erinnerungen sclbstgcreinitc, vielfach akrostieliisilte Gelegenheitsgedichte, mit denen Ascher, in Anlehnung an größere Meister, Geburt und Tod seiner Nächsten begleitet, Alles in allem: eine licbenswürdige (iahe, die nur ein Bedauern weckt, daß nämlieh ein vielfach im Texf erwähnter zweiter, offenbar rein geschichtlicher Teil des Werkes nicht mehr vorhaiideu ist. Die Ucbcrsctzung klebt, besonders auch in der Wortfolge, unnötig oft zu sklavisch am Original; der des Hehriiischen nicht Kundige wird sie daher Leider mitunter ungenießbar finden. Vielleicht läßt sich der?cliaden später einmal reparieren. * י *) Ascher hat für das Jahrzehnt 1(122 -1632 recht getreulich die Preise für Getreide, Wein und Fleisch notiert. Der ״Lockruf“ an die Lehrer Das I lamlnirgcr Israelitische■ i ämilienbl.dt ist hesorgt um die Seelen der jüdischen Lehrer. Wie Odvs* scus seinen Ruderern, möchte es den Lehrern die Ohren mit Wadis verstopfen, damit sie die betörenden und einschmeichelnden Lieder der Sirenen nicht hören, die von de« zionistischen Inseln her ertönen. Wenn wir ganz einfach die Interessengemeinschaft /wischen den Lehrern und uns festgestellt haben, glaubt das Hamhurger Familienblatt die Lehrer warnen zu müssen; es schlägt den besorgten Ton des weisen Vormundes an und malmt die Lehrer mit aufgehobenem Finger, ihre Selbständigkeit zu wahren, klug und gewissenhaft genug zu $cin, um sieb an dem ihnen von den Zionisten augcboterien ״Kuhhandel für die tiemeindewahlen nicht die Finger zu verbrennen“. Das Hamburger Familicnblatt — ja, es ist klug und weise und inan betrügt es nicht! macht die epochale Entdeckung, daß wir für unser Eintreten für die jüdische Volksschule die Gegenleistung fordern, daß die Lehrer den zionistischen Rcpräscntantcnkamlidaten in den Grollgemeinden, speziell zunächst in Berlin, bei den nächsten Wahlen ächlcppcrdicnstc leisten sollen; sie sollen helfen, die Berliner jüdischen Gemeindewiihlcr unter das kaudinisclie Joch zu treiben, das ihnen Herr Dr. Klee errichten will. Wem! man blind sein will, helfen einem gesuruie Augen nichts. Wir haben laut und deutlich erklärt, daß wir für die jüdische Volksschule sind, ohne Vorbehalt und Bedingung. Wir machen 1ms keine Illusionen über die politische Stellung der jüdischen Lehrer; und eben, weil wir wissen, wie sich die Lehrer zu den Ideen des jüdischen Nationalismus verhalten, sind wir uns darüber völlig klar, daß die jüdische Schule, wie die Lehrer sie wollen und wie sie würde, wenn der Kampf der Lehrerschaff Erfolg haben sollte, keineswegs unser Ideal verwirklichen würde. Aber sie wäre ein Mittel zur Erhaltung unserer (iemeinschaft wenngleich kein Mittel zur Realisierung des Zionismus und des nationalen Gedankens; und als solches, als Mittel zur Erhaltung der jüdischen Gemeinschaft, würden wir die jüdische Volksschule freudig begrüßen und darum werden wir vorbehaltlos und ohne Hintergedanken an Gegenleistungen für sic kämpfen. Wir sind weit davon entfernt, den Kampf um die Gemeinden mit geheimen Seelen Verschreibungen und mit lächerlichem Kuhhandel zu führen; wir sind weit entfernt davon — wessen uns das Hamburger Familienblatt leichtfertig beschuldigt - , persönliche Gesiclitspunkte den sachlichen voranzustellen. Und so werden wir für die jüdische Volksschule als für eine gute jüdische Sache eintreten, olme zu fragen, was es uns auf der anderen Seite einträgt. Freilich glauben wir, daß die gesamte Judenheit und mit ihr die Lehrerschaft eiuschcn sollte, was schuld ist an dein den Lehrern aufgezwungenen Kampfe einem sehr schweren und sehr bitteren Kampfe - , und was schuld sein wird, wenn der Kampf der Lehrer nicht so bald von Sieg gekrönt sein sollte. Hieran ist schuld der ״Liberalismus“ unserer Notabein, wofür man midi sagen kann; 1111״- jüdische Gesinnung“. Es ist klar, daß die jüdische Volksschule, wie sie von den Lehrern gefordert wird, keineswegs eine nationale, sondern eine bloß konfcssionelle Institution, nicht die Stärkung der */!onistischcii Bewegung, sondern bloß die Erhaltung Fast zwei Jahrhunderte weiter, in die Epoche der ״F e I d / u g e N a pole o 11 s“, fuhrt uns eine Menioirensaiunihing, die der unermüdlich im jüdischen Mittelalter schürfende Dr. Max (irunwald nach Aufzeichnungen jüdischer Teilnehmer und Augenzeugen in des k. und k. Hof- und Univcrsitätslmeh- Händlers Wilhelm llrnumüllcr Verlag (Wien und Berlin) soeben herausgegeben hat (Preis bröselt. I. Mark). Was der nachmalig«' Dransfelder Bürger- Vorsteher Jacob Meyer, ehemaliger westfälischer, Artillcricvvachtmcistcr, in Spanien (!70$) und Ruß- 5u11*l (IS 12), alleweil zwischen Biwak und Grabes* r;111d, erlebt und, in schlichter, oft witziger Erzähliing, seinen Waflcrtgciiosscn zur Lektüre clircrbietigst gewidmet hat; was Isidor« Lehmann, der ja nicht gerade aus den allerkricgcrischstcn Motiven die russische Kampagne niitinachte, in (zuweilen leicht moralisierender) breiter Geschwätzigkeit der Nachweit von seinen Kriegslcideti als französischer Armee* lieferant, aber auch von guten Beobachtungen über des Landes Sitten überliefert hat; was der drollig« Elsüsser Gabriel Schramek vom Tage der Geburt in Isenlicim, im Jahre 17<)j, bis zu seiner Niederlassung in Straßburg, ISIS, von seiner Stiefmutter und bei den Straßburger 57 ern, in russischer Gefangenschaft und später, heiß bemüht, sich eine.Existenz zu gründen, gelitten hat und in gebrochenstem, holprigem Deutsch zwnr, doch mit den Zeichen ungebrochenen Lebens* mute» ansplandcrt; was Zacharias Zandy, Freiwilliger bei den prcußisch-lwrgisclitn Truppen, in aus dem Jüdisch-Deuticfien übersetzten Briefen über die 1 /

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