Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Postscheckkonto t Berlin Nr. 1739.׳ roiiKXiccaseDw > ויין מוחזם• Nummer 44 Thlcchri 5674 I XVIII. Jahrgang benin. ccn ji.uiic.*. Das jüdische Tecsinüca;:; Eine der größten jüdischen Errungenschaften!'י der letzten Jahre ist das ״Jüdische Institut fiir technische Erziehung in Palästina“. Eine An- MV.alil hervorragender Persönlichkeiten, vor allein aus Deutschland, Rußland und Amerika, bildet das Kuratorium der Anstalt, die eine Mittelschule, eine Realschule und ein Polytechnikum umfassen wird und die erste derartige Gründung im Orient darstellt. Das Gebäude wird in Haifa errichtet und ist der Vollendung nahe; im April 1914 wird der Unterricht eröffnet werden. Es ist klar, daß eine solche Schule für die Entwicklung Palästinas und der nationalen Wiedergeburt eine gar nicht ab/usehciide llcdctitung hat. Ist sie in dem Geiste geführt, der in dein neuen Palästina weht, das heibt im hebräischen Geiste, dann wird sie diesem Geist wieder unermüdliche Kräfte zuführen. Leider ist nicht das ganze Kuratorium von der Wichtigkeit dieser Wirkung so durchdrungen, wie es nötig wäre; leider scheinen in ihm noch andere Rücksichten zu walten, als die auf die Netiwerdung unseres Volkstums auf dem Boden’ von Erez-Israel. Am letzten Sonntag hat in Berlin eine Sitzung des Kuratoriums stattgefimdeu, die sieh über die Unterrichtssprache endgültig schlüssig zu werden hatte. Es scheint, dad man die Erörterung dieser wichtigen, ja wichtigsten Frage überlang hinausgeschoben hatte, da man sie erst jetzt, ein halbes Jahr vor Eröffnung der Schule, auf die Tagesordnung stellte. Die Ergebnisse der Beratung sind in einem offiziellen Cotnmunique des Kuratoriums niedergelegt, das an anderer Steile dieses Blattes abgedruckt ist; das Resultat ist ein für uns durchaus u 11 be friedigendes. Die sehr bescheidenen Forderungei», die Dr. Schmarja Levin stellte, wurden ab״e leimt. Er verlangte die hebräische Unterrichts• spreche b‘,oß für die Mittelschule und für eine oder einige obligatorische Disziplinen am Technikum. Dali eine mittlere Schule mit hebrä isolier Unterrichtssprache wohl möglich ist, he weisen die hebräischen Gymnasien, deren Ab solventen an den europäischen Universitäten an standstos Aufnahme finden, die Schulen des Hilfsvereins der deutschen Juden und das Lei rerinnenseminar in Jaffa. Hebräisch für ein Hauptdisziplin des Technikums war eine mini male Forderung, die gerade hinreichte, um den jüdischen Charakter der Schule klarzustellen. Die Anträge Dr. Lcvins richteten sich keines• Wegs gegen das Deutsche. Nach ihm sollte Deutsch einstweilen die Unterrichtssprache am Technikum, in der Mittelschule* die Hauptfremd• spräche sein. Es kann ja nicht die Rede sein von einer Zurückdrängung der deutschen gegenüber einer andere 1) europäischen Sprache; soudern die einfache pädagogische Notwendigkeit erfordert die Einführung der unter den palästinensisehen Juden lebenden Umgangssprache, des Hebräischen, und lallt die Durchsetzung des Deutschen, als eine den meisten präsumtiven Schülern doch fremden Sprache, an der Mittelschule als unvorteilhaft erscheinen. Nrcht genug daran, daß diese Anträge vorworfen wurden, wurde auch ein vermittelnder Vorschlag Professor Philippsons abgelelmt., der, wenn schon für kein eigentliches Hauptfach, so doch'für den Unterricht in Geographie und Ge• cirsisrebfc tür da* f *aa״ einer ölXeat• *ica Helmstütto im r ProjjraEtia» schichte an der Mittelschule die hebräische Lehrspräche wünschte. Die angenommenen Resolutionen Paul Nathans reden sehr viel von! Hebräischen. Aber ihr Wortlaut verdeckt in geschickter Weise den wahren Sachverhalt; die das Hebräisehe rühmenden und seine Pflege betonenden Sätze sollen die Tatsache verschleiern, daß das Hebräische am Technikum völlig in den Hintergrund geschoben werden soll. Zunächst: für kein Hauptfach ist an irgend einem Teile der Anstalt die hebräische Unterrichtssprache vorgesehen, wohl aber die deutsche für die ״natnrwissenschaftlich-technischen“ Fächer, wozu wohl auch die mathematischen Disziplinen gezählt werden sollen; also für alle Haupt-Unterrichtsgegenstände. Soll etwa gemeint sein, daII dem Hebräischen die Zeichen-, Sing- oder Turnstunden als Domäne zugewiesen werden? Das Hebräische soll an dem jüdischen Technikum nicht das Medium, nicht die alles tragende Form des Unterrichts sein, sondern ein Untcrrichts gegenständ unter audeien Linierrichtsgegenständen. Es soll ״so eingehend gelehrt werden, dall die Schüler imstande sind, die hebräische Literatur im Urtext zu studieren und sich der Sprache als Umgangssprache zu bedienen.“ ״Urtext“ sagt inan vom Sanskrit, vom Griechischen oder Lateinischen, aber — Gott sei Dank - nicht mehr vom Hebräischen. Das Hebräische wird in Palästina nicht mehr gelernt, um Urtexte zu studieren, sondern die Kinder lernen es vom Munde der Mutter und lernen i n ihm, was sic sonst lernen wollen. Nach den angenommenen Resolutionen kann ja selbst das Vorgesetzte Lehrziel im Hebräisehen nicht erreicht werden. Deutsch zum ,,Anschluß an die moderne Entwicklung“, Ärabisch und Türkisch zur Ermöglichung enger Beziehungen zur eingesessenen Bevölkerung und zu den ottouiaiiisclien Behörden, Englisch und Französisch zum leichten Fortkommen in den hetreüeiielen Gebieten: Hebräisch wird die sechste Sprache sein, die in Haifa nebenbei gelehrt werden wird. Es ist sehr begreiflich, dall diejenigen Mitglieder des Kuratoriums, die auf dem Standpunkte des I lebräisehen stehen, nach der Annähme dieser Resolutionen keine Möglichkeit für ein w'citercs •ersprießliches Arbeiten in dieser Körpersehaft sahen. Und so haben denn die drei Männer, gegen deren Stimmen die Beschlüsse der Sonntagssitzung gefallt wurden, ihre Mantlale niedcrgUegt. U. Ginzberg (Aeltad Haam), Dr. Schmarja Leviu und Dr. E. W. Tscldenow haben dem Kuratorium noch am seihen Tage j mitgctcilt, ihifl die gefaßten Beschlüsse mit ihren Anschauungen unvereinbar sind und sie sieh genötigt sehen, ihren Austritt aus dem Kuratoritim zu erklären. .Wir hoffen, daß die Resolution Nathan nicht das letzte Wort in der Entwicklungsgeschichte des Haifaer Technikums sein wird. Das lebendige Palästina und all die grollen Kräfte im Galuthjudeniiun, die votu zionistischen Gednnken in Bewegung gesetzt und für das Werk des jüdisehen Tcelmikums gew'ouuen worden sind, wer* den ihren Einfluß auf die ncuerrichtete Anstalt ausüben und sic zu einer wahrhaft jüdischen machen. Geschichtliche Notwendigkeiten kann man ver/ü>geru, aber nicht verhindern/ Die drei Männer — und ihre Namen haben im Judentum hellen Klang —, die aus dem Kuratorium ausgetreten sind, haben eine grolle Verantwortung auf sich genommen. Sic werden sic ruhig tragen, in dem Bewußtsein, daß ihre Handlungsweise von der unauslöschlichen Liebe zu unserem Volk und zu unserer Sprache eingegeben war, in der Zuversicht, daß der Genius der Nation alle Widrigkeiten überwinden wird. Die schwerere Verantwortung tragen jene, die sich zeitweise unser Programm zu eigen machen können, aber, da sie die Idee, die es trägt, nicht im Herzen haben, erschrecken über die Grolle dessen, was sie unversehens geplant. Sie müssen verkleinern, was sie begreifen sollen; und da nun werden auch sie an der Versintwortung nicht zu schwer tragen; sic erkennen ihre Größe nicht. H. H. Liberales Judentum In Nr. 52, 1912, berichteten wir, daß die Liberalen nacli ihrer Niederlage beim Gemeindewahlkämpf in Duisburg sechs Tage vor dem Ablauf ihrer Amtszeit als Repräsentanten unseren ausländischen Brüdern das Wahlrecht gerauht haben mit der ausgesprochenen Absicht, für die Zukunft einen Sieg der Gegner unmöglich zu machen. Um aber auch die im Dezember 1912 neugewählteii gegnerischen Re- Präsentanten zu beseitigen, legten die Liberalen gegen die Wahl bei der Regierung zu Düsseldorf Protest ein mit der Begründung, das Wahlergebnis sei durch einen in umfangreichem Maße betriebenen Stimmenkauf zustande gekommen; der Führer der in Duisburg wohnhaften g a I i z i a 11 i s c h c n Juden, die nach Sitte 11 a 11 Weltanschauung den d e u t - sehen Juden gänzlich fern ständen und der von den rechtgläubigen Israeliten als ketzerisch angesehenen Sekte der Chassidäer a 11 gehörte n, habe die Stimmen seiner Sektenbrüder zum Preise von je fünf Mark zugunsten der Gegner der Liberalen gekauft und die Verkäufer angewiesen, die ihnen zustehenden Beträge nach der Wahl bei einem namentlich bezcichneten (inländischen) Mitglied des Repräsentanten* kolleginin* aus einem zu Waltlbcstechungszwcckcn gebildeten Fonds tu Empfang zu nehmen. Die Unter- Zeichner seien gezwungen, diese strafbaren Handhingen aufzudecken, um die Würde der Syna g og e 11 g e in e i 11 d e Duisburg zu wahre n. Der Protest ist von zahlreichen Personen unter schrieben. Er wurde der Regierung cingereicht, obwohl den Verfassern von vertrauenswürdiger und maßgebender, allerdings gci;tierischer Seile «kirgclcgt worden war, dall die Beschuldigungen sämtlich unwahr seien,. Wer in einer öffentlichen Angelegenheit eine Wahlstinuiie kauft oder verkauft, wird mit Gefängnis nicht linier einem Monat und bis zu zwei Jahren bestraft; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehren•• rechte erkannt werden, (# KW des Strafgesetzbuches.) Da somit eme Anzahl von Personen einer strafbaren Handlung bezichtigt worden war, mulltc die Regierung pflichtgemäß 11 as w ar den juristisch gebildeten Ver• fassen! des Protestes bekannt -. den Tatbestand der Staatsanwaltschaft unterbreiten■. Das geschah. Die Staatsanwaltschaft Duisburg gab die Akten dem Gorieht weiter. Die von den Liberalen benannten Beschuldigten und Zeugen wurden vernommen. Es ergab sirii folgendes: Ein Orthodoxer, der im Wahlkampf au den vertraulichen Sitzungen der Gegner der Liberalen teilgenommen hatte, wollte gern von seinen Parteigenossen als Kandidat für einen Repräsentantenposten aufgestellt werde«, Mau erfüllt« seinen Wunsch nicht. Er begab •ich nun zu dem Führer der